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20 Juli 2019

Daniel Daeniker: «Man muss nicht alles Neue gleich regulieren».

Seine Kanzlei spielt im Konzert der Grossen mit: Daniel Daeniker ist als Wirtschaftsanwalt bei Firmenfusionen und Übernahmen hautnah dabei. Der Managing Partner der Anwaltskanzlei Homburger über neue Gesetze, spannende Technologien und die Faszination seines Berufs.

Daniel Daeniker, weshalb sind Sie Anwalt geworden?

Als ich studierte, betrachtete ich die Juristerei als trockene Materie. Mit der Zeit habe ich aber zwei Vorzüge unseres Berufs entdeckt, die mich nach wie vor faszinieren. Einerseits ist der Beruf sehr analytisch: Man muss die Regeln kennen und wissen, was diese Regeln für eine konkrete Fragestellung bedeuten. Andererseits erlaubt der Beruf viele persönliche Kontakte, denn die Probleme, die eine Anwältin oder ein Anwalt löst, kommen immer aus dem richtigen Leben.

Sie gelten als Spezialist im M&A-Bereich, beschäftigen sich also mit Unternehmensfusionen, Übernahmen und Kooperationen. Was ist der spannendste Aspekt Ihrer Arbeit?

Im M&A-Geschäft stehen wir auf der Schnittstelle zwischen Recht und Wirtschaft. Man muss täglich abwägen: Was ist für den Klienten wirtschaftlich wünschenswert, und wie setzt man das rechtlich um? Im Rahmen der Vorbereitung einer Transaktion und der Verhandlung von Verträgen lernt man Firmen aus ganz verschiedenen Branchen kennen, schweizerische ebenso wie ausländische.

Wie viele Leute sind denn bei einer solchen Transaktion dabei?

An grossen Transaktionen können gut und gerne zehn Anwältinnen und Anwälte aus unserem Hause gleichzeitig arbeiten. Sie decken die unterschiedlichsten Bereiche ab. Da gilt es beispielsweise die Anliegen der Steuerrechtler mit denjenigen der Patentspezialisten in Einklang zu bringen. Darüber hinaus arbeiten wir mit dem Klienten und Spezialisten wie Bankiers, Revisoren und Kommunikationsexperten zusammen, von denen jede und jeder einen Teil zum Resultat beisteuert. Als Wirtschaftsanwalt ist man oft Schaltstelle zwischen all diesen verschiedenen Beratern und dem Klienten.

Welche Aufgaben haben Sie als Managing Partner in Ihrer Firma?

Wir sind eine Firma mit rund dreihundert Mitarbeitenden, davon knapp die Hälfte Anwälte und 33 Partner. Als Managing Partner koordiniere ich die Strategie unserer Kanzlei und die Entscheide der Partnerschaft. Allerdings bin ich kein typischer CEO, meine Rolle ist eher vergleichbar mit dem Dirigenten eines Orchesters. In einer Anwaltskanzlei arbeiten Leute, die ihr eigener Meister sein wollen, mit direktiver Führung erreicht man da gar nichts. Aber wenn man erst einmal für ein Projekt die Unterstützung der Partner hat, dann läuft die Umsetzung häufig fast von selber.

Im Rahmen der Vorbereitung einer Transaktion und der Verhandlung von Verträgen lernt man Firmen aus ganz verschiedenen Branchen kennen, schweizerische ebenso wie ausländische.

Was ist die wichtigste Neuerung im Schweizer Recht in jüngster Zeit?

Als Erstes kommen mir die neuen Regeln im Bereich Banken und Finanzdienstleistungen in den Sinn. Besonders wichtig ist auch, die Reform der Unternehmenssteuern zu einem raschen Abschluss zu bringen. Beide haben auf den Alltag der breiten Bevölkerung keine unmittelbaren Auswirkungen, sind aber wichtig, weil sie die Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandortes Schweiz erhalten.

Gibt es denn andere neue Gesetze oder Verordnungen, die Sie für die breite Bevölkerung als direkt relevant erachten?

Die breite Bevölkerung wird direkt betroffen durch die Gesetzgebung zum Arbeitsmarkt, durch das Mietrecht oder das Familienrecht. Im Arbeitsrecht hat in letzter Zeit wenig geändert, denn alles in allem haben sich die bestehenden Regeln – etwa zu Arbeitszeit oder Kündigungsschutz – bewährt. Im Familienrecht gibt es natürlich einige offene Fragen, etwa zur gleichgeschlechtlichen Partnerschaft, zur Adoptionsfrage bei gleichgeschlechtlichen Partnern oder auch zur Revision der Pflichtteile im Erbrecht.

Welche neuen Regelungen stehen an?

Denkt man etwas in die Zukunft, dann braucht die Schweiz Gesetze, die eine rasche Entwicklung neuer Technologien ermöglichen, etwa im Bereich 5G. Und es braucht gute Regeln für die Gesundheits- und Altersvorsorge, damit beide auch für die nächste Generation tragbar und finanzierbar bleiben.

Allerdings bin ich kein typischer CEO, meine Rolle ist eher vergleichbar mit dem Dirigenten eines Orchesters.

US-Präsident Trump wirbt intensiv darum, dass sich Firmen in den USA ansiedeln. Begleiten Sie auch solche Standortwechsel oder Neugründungen?

Vor Trumps Steuerreform haben wir eine ganze Reihe von Ansiedlungen US-amerikanischer Unternehmen in der Schweiz erlebt. Bis jetzt spüren wir noch keinen gegenläufigen Trend.

Einige grosse internationale Kanzleien haben das Back-Office und weniger wichtige Abteilungen an Billigstandorte ausgelagert. Ist das auch für Schweizer Kanzleien ein Thema?

Es gibt bei uns keine weniger wichtigen Abteilungen! Wir erachten es als grossen Vorteil, dass unsere dreihundert Mitarbeitenden alle unter demselben Dach arbeiten. Die Möglichkeit der direkten Kommunikation erlaubt uns, unsere Klienten effizienter und schneller bedienen zu können – das gilt für die Anwältinnen und Anwälte genauso wie für Buchhaltung, Personal und EDV. Der Vorteil der Nähe ist aus unserer Sicht wichtiger als das Kostenargument.

Hat der Konkurrenzkampf in Ihrer Branche zugenommen?

Konkurrenz hält uns alle wach und agil. Einen Kampf kann ich darin nicht erkennen.

Stichwort «LegalTech»: Welche Chancen bringt die Digitalisierung für Ihre Branche mit sich?

Wie schön, dass diese Frage für einmal positiv formuliert ist. Häufig hört man ja immer Unkenrufe, die Digitalisierung sei eine Gefahr für viele Berufe. Dabei vergisst man die enormen Chancen, die Technologie mit sich bringt. Im juristischen Bereich können wir beispielsweise mit digitalen Lösungen viele Arbeiten im Bereich Datensammlung und Datenverarbeitung für unsere Klienten schneller und effizienter erbringen. Zu denken ist etwa an die Analyse grosser Dokumentenmengen oder das automatische Erstellen von Standardverträgen.

Ist es denkbar, dass auch Nicht-Juristen ihre rechtlichen Angelegenheiten in Zukunft dank spezieller Software selber erledigen?

In England gibt es bereits heute standardisierte Software für Belange wie Ehescheidungen oder einfache Verträge. Ich denke, dass das bald auch in der Schweiz kommen wird. Aber für die komplexen Fragen, die grossen Transaktionen und die anspruchsvollen Prozesse wird der Rat des Juristen ebenso wichtig bleiben wie der persönliche Kontakt.

Wir erachten es als grossen Vorteil, dass unsere dreihundert Mitarbeitenden alle unter demselben Dach arbeiten.

Welches Potenzial haben Blockchain- Anwendungen im juristischen Bereich?

Wir sehen einige Bereiche des «contract management », die durch Blockchain praktisch vollständig automatisiert werden können, etwa die Prüfung, ob ein Kreditnehmer nach wie vor finanziell solide ist. Der grosse Durchbruch steht aber noch bevor. Und wir sind gespannt, was auf uns zukommt.

Apropos Blockchain, braucht es Ihrer Meinung nach neue rechtliche Leitlinien, um den Boom in Kryptowährungen zu regeln?

Nicht alles, was neu ist, muss gleich reguliert werden! Man darf da ruhig auch einige Experimente zulassen, bis klar ist, wohin die Reise geht. Und bis es so weit ist, sind Kryptowährungen nur Anlegern zu empfehlen, die gerne grosse Risiken eingehen.

Ein anderer Boom betrifft juristische Weiterbildungen für Manager. Weshalb werden rechtliche Fragen auch für Nicht-Juristen immer wichtiger?

Die ganze Welt wird immer komplexer, und der Komplexität wird gerne mit neuen Regeln begegnet. Damit wird auch die Kenntnis dieser Regeln immer wichtiger, nicht nur für Juristen. Umgekehrt ist es aber für unsere Anwältinnen und Anwälte auch immer wichtiger, dass sie Management-Fähigkeiten aufbauen können – gerade bei der Koordination von grossen Transaktionsteams.

Stellen Sie bei Ihrer täglichen Arbeit denn tatsächlich fest, dass das Verständnis und Bewusstsein für juristische Aspekte bei Ihren Kunden aus der Wirtschaft gestiegen ist?

Ja. Bei den grossen Unternehmen ist heute ein geschärftes Verständnis für unternehmerische Risiken gewachsen. Dazu gehören rechtliche Risiken. Man sieht das daran, dass in den meisten Unternehmen die Anzahl interner Juristen stetig ansteigt. Oder auch daran, dass der Chefjurist heute öfter als vor zehn oder zwanzig Jahren Teil der Konzernleitung ist.

Haben Sie sich je überlegt, als Manager in die Wirtschaft zu wechseln?

Bei Ihrer Zusammenarbeit mit Klienten haben Sie ja bestimmt viele wertvolle Einblicke erhalten… Nein. I love my job.

Ihre Prognose: Wie arbeiten Anwälte im Jahr 2030?

Die Automatisierung wird weiter voranschreiten. Der persönliche Austausch wird aber nach wie vor wichtig sein, Computer können das nie ersetzen. Und es wird mehr Anwältinnen in Führungspositionen geben.

Interview mit Daniel Daeniker: Remo Bürgi

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