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Zürich
4 April 2020

Stehen wir vor dem Untergang der Krawattenära?.

In den oberen Manageretagen wird mittlerweile vielfach auf den Schlips verzichtet. Anzug und Krawatte stellen bei vielen Unternehmen keine Unerlässlichkeit mehr dar und ebenso gelten offene Kragen nicht länger als Tabu. Dennoch greifen manche Männer selbstbewusst zur Krawatte.

Die Krawatte blickt auf eine 400-jährige Geschichte zurück. Während die Krawatte für die einen das Spiessbürgertum symbolisiert, betrachten sie die anderen als ein modisches Accessoire, welches als i-Tüpfelchen und als Ergänzung des Outfits dient. Der Begriff entstammt dem Französischen «à la cravate» (nach Kroatischer Art) und bezieht sich auf die aus Kroatien herkommenden Kavalleristen in der französischen Armee. Die Popularität verdankt die Halsbinde dem französischen Sonnenkönig Louis XIV, der dieses Halstuch einer Legende nach mit der Schleife in den Adel aufnahm und sogar einen «Cravatier» zur Pflege seiner Schleifensammlung anheuerte.

Seit der Jahrtausendwende und besonders nach der Finanzkrise 2008, als Banker mit ihrem Statussymbol Krawatte stets stärker unter Beschuss kamen, trägt man die Krawatte auch im Berufsleben kontinuierlich seltener. Manager ohne Krawatte blühen zur Salonfähigkeit auf. Im Bürojob galt sie früher als unverzichtbar, während sie mittlerweile nur noch in wenigen Branchen Pflicht ist. ABB, Roche und Siemens verzichten bereits seit einiger Zeit auf die Krawattenpflicht, um bewusst ein modernes Image zu signalisieren. Das offene Hemd soll zudem Jugendlichkeit in der Geschäftswelt ausstrahlen. Selbst in eher konservativen Bankenkreisen scheint ein Umbruch in der Kleiderordnung stattzufinden. Ebenso hat die Urner Kantonalbank zum Jahreswechsel die Krawattenpflicht abgeschafft (wie die Luzerner Zeitung berichtete). Ihr Ziel sei es, «nicht ganz so förmlich bei Kundenterminen aufzutreten und die förmliche Distanz zum Kunden zu verkürzen.» Doch kommt die Krawatte nun ganz aus der Mode?

Die Krawatte ist nicht mehr ein Muss, sondern wird mehr und mehr zum eleganten Stil-AccessoireRALPH WIDMER, «A GENTLEMAN’S WORLD»

Männermode-Trends von der «Pitti»

Ralph Widmer, Unternehmer und Gründer des Onlinemagazins «A Gentleman’s World», war kürzlich an der grössten Männermodemesse «Pitti Immagine Uomo» in Florenz. Sie gilt gemäss seiner Aussage als «Stil-Barometer für den modernen, gut angezogenen Mann von Welt» gilt. Seit 1972 werden hier zweimal jährlich die Trends für die kommende Saison vorgestellt. An der diesjährigen Pitti, gab es einige toll angezogene Männer die den Nadelstreifenanzug wiederaufleben liessen. Auch die Vintage-Mode hält in allen möglichen Branchen Einzug. Piloten- und Lammfelljacken sind wieder voll im Trend und der ideale Hingucker. Die Pitti – wie man sie liebevoll in Kennerkreisen nennt – ist ein Mix zwischen Messe und Fashionshow. Sie zieht als B2B-Plattform rund 30 000 modeaffine Besucher aus aller Welt an: Einkäufer, Designer, Models und Medienschaffende.

Während den Messetagen in Florenz machen vor allem die «Peacocks of Pitti», die jungen Herren mit ihren adretten Massanzügen, farblich abgestimmten Krawatten und eleganten Schuhen – bevorzugt Loafers aus italienischem Echtleder – von sich zu reden. Mit ihrem individuellen «Streetstyle» verkörpern sie die Ideale des sich-inszenierenden Dandys. Und ziehen vor allem Fotografen und mit ihnen auch das Interesse der Online-Communities mit sich. Unter Ihnen sind auch auffallend viele Krawattenenthusiasten. Die Krawatte sei nicht mehr ein Muss, sondern wird mehr und mehr zum eleganten Stil-Accessoire, betont Widmer. Er selbst greife auch gerne bei besonderen Anlässen zum Dreiteiler mit passender Krawatte.

Bye Bye Dresscode

Die Herrenmode hat schon längst auf den Lebenswandel der Menschen reagiert. Die Krawatte löst sich vermehrt von ihrer gesellschaftlich geprägten Bedeutung vom lästigen Halsabschneider hin zum modischen Statement und Ausdruck des eigenen Geschmacks. Unabhängig vom Kleidungsstil wird die eigene Identität und Individualität immer mehr ausgelebt. In einer Zeit, in welcher Multimilliardäre aus der Start-up-Branche nicht einmal einen Zweiteiler für ihre Keynote bei einer Aktionärsvollversammlung anziehen, gewinnt der «Casual Chic» immer mehr an Beliebtheit. Strikte Dresscodes sind (ausser bei zeremoniellen Veranstaltungen) passé. Vielmehr verwischen die Grenzen von zeitgenössischen Bewegungen und modischen Regelwerken, die damals streng eingehalten werden mussten.

Text: Juan Paulo Zenz

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