8.6 C
Zürich
11 April 2021

Digital Detox: Ausschalten und Neustarten.

Weisse Strände, himmelblaues Meer und – das klingelnde Handy. Was kann man machen, wenn die Ruhe in den Ferien gestört wird und wie wichtig ist es, dass wir ohne das Handy abschalten können?

Auf der Suche nach einem erholsamen Urlaub reisen viele bis ans Ende der Welt. Immer dabei? Das Smartphone… Die ständige Kontaktpflege und Erreichbarkeit über Instant-Messaging-Dienste wie WhatsApp können schnell das Urlaubsgefühl trüben. Das Handy zu Hause zu lassen, ist aber auch keine Option, da es im heutigen Leben einfach dazugehört. Doch warum legt man das Mobiltelefon nicht einfach weg und geniesst die Ferien? Laut Prof. Dr. Ulrike Ehlert, Dozentin am Psychologischen Institut der Universität Zürich, lässt sich dies anhand der menschlichen Neugierde erklären, die normal und an sich nichts Negatives ist. Man interessiert sich für die Geschehnisse zu Hause und möchte nichts verpassen. Doch gibt es auch eine Möglichkeit, unerreichbar zu sein?

Nun ist Familienzeit

Fährt die Familie in den Urlaub, ist die Vorfreude auf die bevorstehende gemeinsame Zeit gross. In den Ferien hat man endlich genügend Zeit für ausgiebige Gespräche – wäre da nicht das Handy. So sitzen viele beim Abendessen und starren auf ihr Mobilgerät. Die Kinder schreiben mit ihren Freunden oder sind auf Social Media aktiv, die Eltern lesen ihre Mails. Damit der Urlaub dennoch aus wertvollen Gesprächen und Erlebnissen besteht, empfiehlt es sich, im Voraus handyfreie Zeiten zu vereinbaren. Erwachsene müssen als gutes Beispiel vorangehen, da Kinder schnell genervt sind, wenn die Eltern ständig mit dem Handy beschäftigt sind. Gerade bei Kindern ist es wichtig, dass sie neue Eindrücke sammeln können und sich nicht ständig von der neusten Technik ablenken lassen.

3 kleine Kinder spielen am Tisch

Doch auch für berufstätige Erwachsene ist es ratsam, dass sie im Urlaub ihren Arbeitsalltag zu Hause lassen. Sollten Reisende das Handy im Urlaub also komplett weglassen? «Meiner Meinung nach kann man dies nicht pauschal beantworten, da es von der Gemütsverfassung der Menschen abhängig ist. Jemand, der sehr belastet und nervös ist, wird stark vom Handy beeinträchtigt. Wenn er dabei ständig auf geschäftliche E-Mails und Anrufe reagiert, kann er nicht abschalten und die Ferien auch nicht zur Entspannung nutzen, was notwendig wäre. Bei Selbstständigen muss man zudem beachten, dass der Erfolg von ihnen abhängt. Dadurch müssen sie öfters zum Handy greifen, um kein Geschäft zu verpassen oder um zu kontrollieren, ob alles rundläuft. Doch genau dies lässt ihnen keine Ruhe und erlaubt keine Entspannung. Für jemanden, der sich jedoch ausgeglichen und gelassen fühlt, stellt das Handy keine Belastung dar», erklärt Prof. Dr. Ehlert.

Jemand, der sehr belastet und nervös ist, wird stark vom Handy beeinträchtigt

Prof. Dr. Ulrike Ehlert, Dozentin am Psychologischen Institut der Universität Zürich
Hier gibt es kein Erreichen

Viele können bei Empfang der Versuchung nicht widerstehen, wenigsten einen schnellen Blick auf das Handy zu werfen. Hat der Drang, ständig erreichbar zu sein, einen Einfluss auf uns? «Permanent verfügbar zu sein ist ein ziemlicher Stress», sagt Prof. Dr. Ehlert.

Aus diesem Grund gründeten Levi Felix und Brooke Dean im Jahre 2012 die Bewegung «Digital Detox», indem sie sich und andere in Erholungscamps von der Online-Sucht heilen wollten. Der Fokus der Teilnahme lag dabei auf den eigenen Bedürfnissen. Für alle, die in den Ferien nicht erreichbar sein wollen oder der Versuchung nicht widerstehen können, nicht auf das Handy zu sehen, eignen sich Unterkünfte in Funklöchern. Die sogenannten «Black Hole Hotels» bieten keinen Empfang an, damit Besucher nicht ins Hotelzimmer zurückkehren und gleich der Versuchung verfallen, den Laptop oder das Handy einzuschalten.

Ebenfalls steigt die Popularität von Berghütten, Klosteraufenthalten und Unterkünften in abgelegen Regionen. In unserem Nachbarland Österreich widmen sich diverse Unterkünfte dem Thema «Urlaub ohne Smartphone und Internet». Die bergige Landschaft des Vorarlbergs mit ihren weiten Tälern animiert die Besucher dazu, das Handy wegzulegen und die erholende Zeit in der Natur zu geniessen. Zudem gibt es in der österreichischen Alpenlandschaft diverse Wellness- und Spa-Hotels, die eine handyfreie Auszeit versprechen. Für Urlauber, die Ferien an fernen Traumstränden bevorzugen, eignen sich die karibischen Inselstaaten. Auf St. Vincent, Grenadine und St. Lucia entzieht man den Strandbesuchern alle digitalen Geräte und ersetzt diese mit einem Handbuch zum Thema «Digital Detox». Somit steht einem «Offline-Urlaub» nichts im Weg.

Permanent verfügbar zu sein ist ein ziemlicher Stress

Prof. Dr. Ulrike Ehlert
Keine Arbeit im Urlaub

Wie Kurt Eberhard, der Chef von Hotelplan Suisse, gegenüber der «NZZ» aussagte, besteht momentan keine starke Nachfrage nach Digital Detox Ferien, jedoch ein gesteigertes Bewusstsein der Menschen, im Urlaub einmal auf Internet und Smartphone zu verzichten. Niemand ist verpflichtet, im Urlaub zu arbeiten. Ansonsten bleibt auch in den Ferien eine innere Anspannung zurück, welche die Erholung erschwert – und genau diese hat die heutige Gesellschaft nötiger denn je. Viele Firmen gehen mit gutem Beispiel voran und sperren die Accounts der Mitarbeiter, die in den Urlaub gefahren sind. Diese haben somit keinen Zugriff auf ihre Geschäftsmails und sind so auch gezwungen, sich eine Auszeit zu nehmen. Denn damit wir funktionieren, müssen wir uns auch erholen können.

Text Sara Culum

Lesen Sie mehr.

Botswana – ursprünglich und nachhaltig

Wer das ursprüngliche Afrika erleben, aber dennoch nicht auf Luxus verzichten möchte, der findet in Botswana sein Urlaubs-Mekka. Nicht nur ist es ein Traum für alle Safariliebhaber, sondern setzt mit der Artenvielfalt und dem nachhaltigen Tourismus Massstäbe für den ganzen Kontinent. «Fokus» zeigt, weshalb Botswana so einzigartig ist.

Blasenentzündung? Es müssen nicht immer Antibiotika sein.

Magen-Darm-Beschwerden wie Durchfall, Bauchschmerzen und Übelkeit mögen zu den offensichtlicheren Nebenwirkungen von Antibiotika gehören. Deutlich weniger bewusst sind sich Patienten jedoch der zunehmenden Resistenz vieler Bakterien, die immer mehr zur ernsten Krise wird. Alternativen treten in den Vordergrund.

Von «Coopetition» & Co.

Spätestens die...

Overtourism: Wohin mit den Menschenmengen?

Hochglanz-Reisekataloge, Reiseblogs und Influencer auf Instagram inszenieren einsame Strände in der Karibik, menschenleere Mooslandschaften auf Island oder romantische Zweisamkeit in der Lagunenstadt Venedig. Die Szene vor Ort sieht jedoch meist anders aus: Menschenmassen, Gedränge und langes Anstehen bei Sehenswürdigkeiten überschatten das Reiseerlebnis.

Archiv.

Mut zur Farbe in der Wohnungseinrichtung

Wir kleiden uns bunt, fahren ein Auto in unserem Lieblingsrot und umgeben uns gerne mit fröhlichen Farben – doch beim Wohnen verlassen...