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28 September 2020

Bis dass der Streit euch scheidet.

Die Scheidungsrate in der Schweiz ist gesunken. Dennoch gehen noch gut 36 Prozent aller Ehen auseinander. Das muss nicht sein.

Die Hochzeit sollte der schönste Tag im Leben einer Person sein. Zwei Menschen wollen die Zukunft miteinander verbringen, Probleme gemeinsam angehen und sich lieben bis ans Lebensende. So verspricht man es zumindest am Traualtar. Doch die Realität sieht anders aus: Schätzungen zufolge werden sich zukünftig zwei von fünf Ehen scheiden lassen. Dies geht aus einem Bericht des Bundesamtes für Statistik hervor. Mit ein paar einfachen Tipps kann dem jedoch entgegengewirkt werden.

Abnehmende Nähe, zunehmende Eskalationen

Anzeichen für eine Krise in der Ehe lassen sich für gewöhnlich relativ rasch erkennen, wenn man nur genau hinsieht. Gemäss Frank Margulies, Fachpsychologe für Psychotherapie FSP und eidg. anerkannter Psychotherapeut, ist ein zunehmender physischer und emotionaler Abstand zueinander ein wichtiger Hinweis für eine kriselnde Beziehung. Einer oder beide zögen sich aus wichtigen Bereichen der Nähe wie etwa Gesprächen und intimen Situationen zurück, ohne den Konflikt, der dem Rückzug zugrunde liegt, offen anzusprechen und  darüber zu diskutieren.

Schaffen es Paare immer wieder von Neuem, Konflikte zu lösen und auf Kurs zu kommen, stärken sie auf lange Sicht die Beziehung.

Als weiteren Punkt nennt Margulies die aus den Verletzlichkeiten entstehende Wut. «Negative Emotionen wie zum Beispiel Unsicherheit, Traurigkeit, Scham, Hilflosigkeit oder Angst werden schlimmstenfalls in Ärger oder Wut umgewandelt. Das führt dann in Gesprächen zur Eskalation», erklärt Margulies. Dabei unterscheidet der Fachpsychologe zwischen kalter, also schweigsamer und distanzierter, und heisser, also lautstarker sowie polemischer, Eskalation. Beides schmerzt. Gemäss fMRI-Untersuchungen werden bei Gefühlen des Ausschlusses und Vermeidung nämlich die gleichen Hirnareale aktiviert wie bei physischem Schmerz.

Schweigen ist Silber, Reden ist Gold

Sollte der eine oder andere, oder bestenfalls beide, diese Anzeichen erkennen, ist Handeln angesagt. Margulies empfiehlt, die Diskussion zu wagen, sich dem Problem anzunähern und wenn nötig mehrmals nachzufragen. «Paare sollen über ihr Gefühlsempfinden sprechen und die verletzlichen Gefühle hinter der Wut oder dem Ärger benennen und verstehen lernen», meint der Fachpsychologe. Die Kunst des Diskurses liegt in der konstruktiven Darlegung der Problematik. Schuldzuweisungen sind ebenso fehl am Platz wie Beschimpfungen oder gar physische Angriffe. Der respektvolle Umgang miteinander soll auch im Konflikt gewahrt werden. Über seine Gefühle, Ängste und Bedürfnisse reden zu können gehört in eine gesunde Beziehung. Ebenso wie die Fähigkeit, über sich selbst lachen zu können – auch, oder besonders, in Krisenzeiten.

Die Kunst des Diskurses liegt in der konstruktiven Darlegung der Problematik.

Gespräch hat Priorität

Manchmal reicht die blosse Konfrontation jedoch nicht. Es gibt verschiedene Anzeichen hierfür. Margulies nennt deren fünf: Wenn Eskalationen nicht von alleine gestoppt und Verletzungen nicht mehr ohne Angriffe und Gegenangriffe besprochen werden können, ist etwa so ein Punkt erreicht. Aber auch Rückzüge aus wichtigen Bereichen der Nähe, Verschweigen positiver Emotionen aus Gründen der Verletzlichkeit und ein ständiges, schmerzhaftes Gefühl der Bindungsunsicherheit, das sich nicht von alleine mehr beruhigen lasse, gehören gemäss Margulies zu solchen Hinweisen. In diesen Fällen rät der Experte, professionelle Hilfe beizuziehen. «Im Gespräch mit den Paaren wird der Fokus zuallererst auf das emotionale Verstandenwerden des anderen gelegt, noch bevor eine sachliche Klärung der Beziehungsthemen vorgenommen wird», erklärt der Psychotherapeut die Methodik der Paartherapie. In den Sitzungen würde eine von Partnerempathie geprägte Kommunikation ermöglicht und gefördert. Dies sei eine zentrale Voraussetzung für das weitere Vorgehen und das Finden einer Lösung.

Wenn alles keinen Sinn mehr macht

Es gibt allerdings auch Beziehungen, bei denen ein Schlusspunkt wichtiger als ein Komma ist. So zum Beispiel, wenn es nicht gelänge, eine emotional sichere Basis der Bindung füreinander herzustellen, führt Margulies aus. Zu einer emotional sicheren Basis gehört unter anderem Vertrauen, Offenheit und – wer hätte es gedacht? – Liebe. Wenn all dies nicht mehr stimmt, droht das Ganze wie ein Kartenhaus einzustürzen.

Ein weiteres Indiz dafür sei laut Margulies die Anhäufung zu vieler Bindungsverletzungen während zu langer Zeit. «Unter diesen Umständen ist es nicht mehr möglich, sich in der Nähe des Partners sicher, wichtig und geliebt zu fühlen – trotz zahlreicher Versuche», fügt der Psychotherapeut hinzu. Als abschliessendes Anzeichen nennt er den Verlust des Glaubens an den Partner als eine Person, mit der man durchs Leben gehen kann. In diesen Fällen ist es für beide Seiten sinnvoller, die Reissleine zu ziehen.

Lösen Sie die Probleme so, wie Sie heiraten: Gemeinsam!

Streitereien lassen sich kaum verhindern. Auch die «beste» Beziehung wird früher oder später damit konfrontiert. Dabei darf man nie vergessen, dass Streit und Konflikte ebenso zur Beziehung dazugehören wie alle positiven Aspekte. Sie zeigen, dass man sich füreinander interessiert und der Verlust der Liebe einem Angst macht. Sprich man hängt an der Beziehung. Ausserdem stärken solche Differenzen die Beziehung. Schaffen es Paare immer wieder von Neuem, Konflikte zu lösen und auf Kurs zu kommen, stärken sie auf lange Sicht die Beziehung. Essenziell ist jedoch, dass sich beide Partner rechtzeitig zum Dialog bereit erklären, die Probleme konstruktiv angehen und versuchen, diese gemeinsam zu lösen.

Text: Sven Hoti

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