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20 Juli 2019

Adoption – kein Wunschkind in Indien, dafür hier.

Als Rebecca W. sechs Monate alt war, wurde sie von einem Schweizer Ehepaar aus einem Heim in Indien adoptiert. Mittlerweile ist sie 25 Jahre alt, studiert Jura und führt ein glückliches, ganz normales Leben. 

Rebecca, wie hast du erfahren, dass du adoptiert bist?
Als meine Tante schwanger war, ging ich mit meiner Puppe zu meiner Mutter und habe gefragt, ob ich auch in ihrem Bauch war. «Nein Rebecca, du warst nicht in meinem Bauch. Eine andere Frau, ebenfalls deine Mutter, hat dich auf die Welt gebracht», erklärte sie mir. Von diesem Moment an, als ich vierjährig war, sind wir offen mit dem Thema Adoption umgegangen.

Hast du als kleines Kind verstanden, dass du nicht ihre leibliche Tochter bist?
Als ich zwei Jahre alt war, haben meine Eltern meine kleine Schwester adoptiert. Wir holten sie am Flughafen ab, wobei ich dazumal nicht verstanden habe, dass das nicht die Norm ist. Mich hat sowieso nur die Tatsache interessiert, dass ich eine kleine Schwester bekomme. Erst als mein Cousin auf die Welt kam, habe ich angefangen zu begreifen.

Weisst du, warum dich deine Mutter weggegeben hat?
In den Dokumenten steht, dass ich ein uneheliches Kind war und die finanziellen Verhältnisse knapp waren. Uneheliche Kinder sind in Indien bis heute sehr problematisch. Manchmal kommt es vor, dass Mutter und Kind zusammen verstossen werden. Eine Adoption bietet somit für beide einen Ausweg.

Hast du das Bedürfnis, deine leiblichen Eltern kennenzulernen?
Nein, überhaupt nicht. Das hat mich nie gross interessiert oder beschäftigt.

Und wenn sich deine Mutter bei dir melden würde?
Es ist schwierig, meine Reaktion abzuschätzen. Ich würde es mir sicher gut überlegen. Ganz ehrlich: Ich kann nicht sagen, wie meine Entscheidung ausfallen würde. Es kann gut sein, dass ich sie nicht kennenlernen wollen würde oder aber das Gegenteil.

Uneheliche Kinder sind in Indien bis heute sehr problematisch.

Und wie sieht es mit dem Bedürfnis aus, dein Herkunftsland kennenzulernen. Warst du schon einmal in Indien?
Ja, für mich war es jedoch eine Reise wie jede andere. Meine Schwester hatte mehr das Bedürfnis zu wissen, wo sie herkommt. Meine Eltern hatten sowieso eine Indienreise geplant und durch den Wunsch meiner Schwester haben sie den Plan einfach früher, als ich zehnjährig war, umgesetzt.

Fragst du dich manchmal, wie dein Leben ohne Adoption verlaufen wäre?
Ja, man sollte nie vergessen, wo man herkommt – egal ob adoptiert oder nicht. Nach allen drei Reisen nach Indien muss ich sagen, dass es mir gefallen hat, aber ich bin froh, dass ich in der Schweiz lebe. Mir ist bewusst, dass mein Leben mit ziemlicher Sicherheit schöner ist, als es in Indien hätte werden können. Ich war kein Wunschkind in Indien, dafür bin ich eines hier.

Wie reagieren Leute, wenn du ihnen sagst, dass du adoptiert bist?
Einige Leute interessiert es, andere hingegen gar nicht. Es gibt Leute, die gar keine Hemmungen haben, Fragen zu stellen, was ich okay finde. Ich kann ja selbst entscheiden, ob ich antworte oder nicht.

Negative Reaktionen hast du nie erfahren?
Nein, aber ich kann auch nicht sicher sein, ob mir jemand seine negative Einstellung dazu ins Gesicht sagen würde. Es gibt immer wieder Menschen, die es speziell finden, dass mich die Adoption nicht so sehr interessiert und ich nicht das Bedürfnis habe, meine leiblichen Eltern kennenzulernen.

Ich war kein Wunschkind in Indien, dafür bin ich eines hier.

Hast du überhaupt das Bedürfnis, von deiner Adoption zu erzählen?
Nicht wirklich, für mich ist es normal. In den Medien aber auch im eigenen Umfeld höre ich immer wieder von Adoptivkindern, die viel mehr das Bedürfnis haben, darüber zu sprechen. Ich hatte dieses Bedürfnis nie gross.

Was sagst du dazu, dass es Leute gibt, die denken, dass Adoptivkinder mehr Probleme bereiten?
Es ist nur schon schön, dass sich diese Leute überhaupt Gedanken zum Thema machen (lacht). Das mit den Vorurteilen finde ich unfair. Ich will nicht bestreiten, dass es keine Probleme geben kann, aber die gibt es auch bei Kern- und Patchwork-Familien.

Gibt es Schwierigkeiten, die typisch bei Adoptivkindern sind?
Jeder Teenager hat einmal eine Identitätskrise und ich kann mir vorstellen, dass diese bei adoptierten Kindern etwas intensiver ist. Bei mir war das zum Glück nicht der Fall. Bei den Problemfällen kenne ich zwei Extreme: Bei den einen ist das Thema Adoption omnipräsent, andere wollen gar nichts mit dem Herkunftsland zu tun habe.

Findest du, dass in der Schweiz mehr Leute adoptieren sollten?
Internationale Adoptionen werden immer schwieriger, was eine Hürde ist. Ansonsten begrüsse ich Adoptionen. Ich finde es aber falsch, wenn Leute sagen, dass es eine gute Tat ist. Adoptiveltern haben vor der Adoption meist einen lang ersehnten Kinderwunsch und schlussendlich haben ja alle etwas davon. Gerade bei Leuten, die auf künstliche Befruchtung setzen, frage ich mich, wieso sie nicht über Adoption nachdenken. Es gibt genug Kinder auf der Welt, die froh wären, wenn sie ein Zuhause hätten. Ich persönlich verstehe die Überlegung auch nicht, warum die meisten Leute eigene Kinder wollen. Aber das ist nur meine Meinung – jeder muss das selber wissen.

Es gibt genug Kinder auf der Welt, die froh wären, wenn sie ein Zuhause hätten.

Würdest du selber ein Kind adoptieren?
Ja, ich kann mir das durchaus vorstellen.

Was sollten Adoptiveltern bei der Erziehung beachten?
Sie sollten fair sein, wenn es um die leiblichen Eltern geht. Also nichts übertrieben schönreden, aber auch keine bösen Geschichten erfinden, die es nicht gibt. Grundsätzlich ist es wichtig, dass offen über die Thematik gesprochen wird. Weiter ist es von Vorteil, wenn die Eltern Interesse an der Kultur des Herkunftslandes haben. Denn die wird früher oder später sowieso ein Thema. Ansonsten haben Adoptiveltern die gleichen Voraussetzungen zu erfüllen wie alle anderen Eltern.

Was ist deine Meinung zu Alleinstehenden, die ein Kind aufnehmen?
Klar ist es schön, wenn beide Elternteile vorhanden sind. Aber sind wir realistisch: Es gibt so viele alleinstehende Mütter und Väter. Und für ein Kind ohne Eltern ist es schön, wenn sie überhaupt jemanden haben. Das ist bereits eine Bereicherung, denn die Kinder in diesen Waisenhäusern haben niemanden. Ich war vor kurzem in dem Waisenhaus in Indien, in welchem ich ohne die Adoption aufgewachsen wäre. Diese Vorstellung hat mich regelrecht schockiert.

Bist du für oder gegen das Adoptionsrecht für homosexuelle Paare?
Die Liebe und Fürsorge, die ein Kind braucht, können auch homosexuelle Paare geben. Das einzige Problem ist, dass es (noch) nicht von der gesamten Gesellschaft akzeptiert wird.

Bedeutet eine Adoption für ein Kind immer Glück?
Es gibt Kinder, die mehr Mühe haben, mit sich ins Reine zu kommen und sich wohlzufühlen. Ich habe sowieso das Gefühl, dass unsere Generation im Allgemeinen stetig auf der Suche nach dem Lebenssinn ist. Ich denke, bei Adoptivkindern wird die Suche nach dem Sinn des Lebens oftmals intensiv mit Fragen nach der eigenen Vergangenheit in Verbindung gebracht. Viele erachten es schliesslich als ihr Schicksal und auch als Glückstreffer. Zu dieser Gruppe gehöre ich. Andere hingegen spüren diese Leere ein Leben lang. Diese Art von Umgang möchte ich überhaupt nicht verurteilen. Schliesslich ist jede Geschichte individuell und jeder geht anders mit seinem Schicksal um.

Bist du glücklich?
Ja, das bin ich.

Interview: Michelle Christen

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