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Zurich
18 August 2019

Verloren in der eigenen Biographie.

Demenzkranke verlernen, Erfahrungen und Handlungen korrekt miteinander zu verknüpfen. Aus diesem Grund verlieren sie immer mehr das Bewusstsein über sich selbst und ihre Umwelt. Diesem Umstand begegnet der Zürcher Psychiater Christoph Held auf eigene Art und Weise.  

«Wer bin ich?» Diese Frage könnte man philosophisch verstehen. Sie steht jedoch auch symbolisch für das veränderte Selbsterleben demenzkranker Menschen. In der Schweiz sind gemäss dem Bundesamt für Statistik rund 148 000 Personen an einer Form der Demenz erkrankt. Denn die Menschen werden immer älter und das Thema omnipräsenter. Der richtige Umgang mit den Betroffenen ist essenziell, aber nicht immer einfach. Mit fortschreitender Schwere der Demenz verlieren die Erkrankten nicht nur die Erinnerung an Vergangenes, sondern auch an sich selbst.

Ein sich ausbreitender degenerativer Prozess

Die Demenz ist ein Oberbegriff und umfasst eine Reihe verschiedener Formen von Hirnleistungsstörungen. Diese unterscheiden sich hinsichtlich Ursache, Verlauf und Erkrankungsalter. Mit einem Anteil von 60 Prozent an allen Demenzarten ist die Alzheimer-Demenz die am häufigsten anzutreffende Art.

Bei Alzheimer-Patienten bilden sich Ablagerungen zwischen den Nervenzellen (Neuronen) im Gehirn. Zurückzuführen ist dies auf den veränderten Abbau zweier natürlich im Körper vorkommender Proteine. Anstatt dass diese gespalten und abgebaut werden, verklumpen sie und bilden unauflösliche Ablagerungen, die die Kommunikation unter den Nervenzellen stören. Über die Jahre sterben immer mehr solche Neurone ab und das Gehirn verliert an Leistungsfähigkeit.

Die Erinnerung an gesammelte Fakten und Emotionen aus einer früheren Handlung erlauben es uns, Zukünftiges zielgerichtet anzugehen und Fehler zu vermeiden.

Dominantestes Symptom ist die nachlassende Gedächtnisleistung. Da das Kurzzeitgedächtnis zuerst betroffen ist, verliert der Patient zuallererst die Erinnerung an neuere Ereignisse. Geschichten aus der Kindheit verschwinden als Teil des Langzeitgedächtnisses erst in den späteren Stadien aus dem Gedächtnis. Unterschieden wird je nach Entwicklungsstand der Krankheit meist zwischen der leichten, mittelschweren und schweren Demenz. Besonders im letzteren Stadium ist die dauerhafte Betreuung des Patienten vonnöten. Grundlegende Fertigkeiten sind verlernt worden und nahestehende Personen und alltägliche Gegenstände werden nicht wiedererkannt. Zusätzlich zum geistigen Abbau entstehen oft auch psychische Probleme. Apathische, depressive oder aggressive Verhaltensmuster kommen zum Vorschein.

Fehlende Verknüpfung, verändertes Selbsterleben

Der portugiesische Neurowissenschaftler António Damásio erklärte die Selbstgewissheit, mit der wir Handlungen ausführen, als vom Gehirn durchgeführte Verknüpfung von aktueller zu bewältigender Situation und einer vergangenen, bereits erlebten. Dabei spielen jedoch nicht nur das faktische Wissen an diese Handlungen eine Rolle, sondern auch die mit der Handlung einhergehende emotionale Bewertung. Demgemäss erinnere man sich also nicht nur an das Ereignis bzw. Resultat einer Handlung selbst, sondern auch an die Emotionen, die sie ausgelöst hat. «Es sind die Emotionen, die es einem erlauben, Dinge als gut, schlecht oder gleichgültig zu bewerten», erklärte der Wissenschaftler einst in einem Interview. Die Erinnerung an gesammelte Fakten und Emotionen aus einer früheren Handlung ermöglichen es uns, Zukünftiges zielgerichtet anzugehen und Fehler zu vermeiden.

Damásio zufolge fehle bei Demenzkranken aufgrund von unterbrochenen Nervenbahnen aber diese Verknüpfung zwischen faktischem und emotionalem Wissen. Inspiriert von dessen Theorie brachte Christoph Held, Arzt und Gerontopsychiater in den Pflegezentren der Stadt Zürich und im Gesundheitszentrum Dielsdorf, diese Erkenntnisse seinen Pflegerinnen und Pflegern vor. «Endlich hatten wir eine Erklärung, wieso sich ein Bewohner beim Anblick eines Kaffees zwar erinnerte, dass er sich früher in der Rekrutenschule einmal den Mund an einem solchen verbrannt hatte, aber trotzdem den gleichen Fehler nochmals beging», erzählt Held. Doch den Erkrankten fehle diese emotionale Erinnerung, weswegen ihre Handlungen oft ziellos würden. Sie würden ihr eigenes Erleben nicht mehr als eigen erkennen und sich immer weniger bewusst über den eigenen Zustand: «In der Gesamtheit wissen Sie nicht mehr, wer sie sind.»

In der Gesamtheit wissen Sie nicht mehr, wer sie sind.Christoph Held, Arzt und Gerontopsychiater

Kommunikation anpassen und Gewissheiten schaffen

So vielversprechend und nachvollziehbar diese Theorie auch klingen mochte – im Umgang mit Patienten half sie bis anhin nur wenig. «Die Herausforderung bestand nun darin, die Erkenntnisse in die Praxis umzusetzen», erklärt Held. Ein veränderter Blickwinkel wurde notwendig. Die Vereinfachung der Sprache sei ein wichtiges Hilfsmittel in der Kommunikation mit Menschen mit einer Demenz, meint Held. Dabei sei es wichtig, die Betroffenen auf einer emotionalen Ebene anzusprechen. Erklären nütze nichts.

Eine weitere Herausforderung war es laut Held, psychiatrische Begriffe zu finden, die das veränderte Selbsterleben beschreiben konnten. «Wenn jemand beispielsweise sagt, er sei nicht mehr er selber, mit ihm stimme etwas nicht mehr, dann ist das festzuhalten und zu würdigen und nicht einfach wegzureden. Es zeigt nämlich eine innere Verlorenheit und Zerrissenheit», sagt Held. Für Pflegekräfte und Angehörige können solche psychiatrischen Modelle hilfreiche Stützen sein, um das Verhalten der Betroffenen zu deuten und den Umständen entsprechend richtig zu reagieren.

Gemäss Held ist es wichtig, bei den Patienten Gewissheiten bezüglich der Fakten, Kenntnisse und letztlich auch des Körpers – etwa durch die basale Stimulation – zu schaffen. Zu diesen Gewissheiten zählen Gesichter und Stimmen, spezifische «biographische Zeichen» wie Kleider oder Schmuck, oder aber bekannte Abläufe, Rituale oder Gewohnheiten. Diese werden dem veränderten Selbsterleben der Betroffenen entgegengesetzt und können ihnen zumindest ansatzweise zurückgeben, was sie verloren haben: Vertrautheit.

Infos.

Die zweite aktualisierte und ergänzte Version von Christoph Helds Praxishandbuch «Was ist ‹gute› Demenzpflege?» liefert eine vertiefende Darstellung von psychopathologischen Prozessen, die dem veränderten Selbsterleben zu Grunde liegen. Sie ist 2018 im Hogrefe Verlag erschienen und frei im Handel erhältlich.

Text: Sven Hoti

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