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Zurich
17 Oktober 2019

Die Jahre im Kinderheim.

Als Leila* neun Jahre alt war, kam sie in ein Kinderheim. Diese Erfahrung hat ihr Leben sehr geprägt. Die heute 24-Jährige über eine Kindheit ausserhalb des Elternhauses.

«Plötzlich stand das Jugendamt vor der Tür!», erinnert sich Leila und ich höre ihr gebannt zu. Wir befinden uns in meiner Einzimmerwohnung in Zürich, in der wir kurz vorher zusammen gekocht haben. Mittlerweile ist es Abend und ich reiche Leila meinen pinken Lieblingsbecher mit der Aufschrift «With me is not good cherry eating». Sie sitzt mit angezogenen Beinen auf meinem Bett und nippt am brühend heissen Tee. Dieser hat einen seltsamen Nachgeschmack und nachdem ich ihr verspreche, diese Geschmacksrichtung nicht mehr nachzukaufen, setzen wir unser Gespräch fort.

Leila lebte damals zusammen mit ihrer Mutter und ihrem zwei Jahre jüngeren Bruder im Kanton Zürich. Die Eltern waren getrennt und hatten ein schwieriges Verhältnis zueinander. Die Mutter war seit der Trennung mit den Kleinkindern auf sich allein gestellt und hatte mit psychischen Problemen zu kämpfen. Sie arbeitete oft bis spät in die Nacht, die Kinder waren dementsprechend alleine zuhause. Leila lernte schon früh, Verantwortung zu übernehmen. Wenn die Mutter aufgrund einer Spätschicht morgens nicht aus dem Bett kam, war es Leila, die ihren kleinen Bruder weckte und in den Kindergarten begleitete.

Mit der Zeit fiel in der Schule auf, dass der kleine Bruder oft müde und die Kleidung nicht besonders sauber war. Daraufhin rief seine Klassenlehrerin immer wieder das Jugendamt an. «Sie hat sich zu sehr eingemischt», meint Leila kopfschüttelnd. «Ich kann mich jedoch gut daran erinnern, dass wir damals in der Schule sehr müde waren.» Und auch der Vater setzte alles daran, das Jugendamt über die Umstände zu informieren. «Er hatte aber dabei nicht unser Wohl im Sinn. Es ging ihm einfach um Machtspiele mit meiner Mutter», fügt Leila hinzu und streicht sich eine schwarze Haarsträhne aus dem Gesicht. Schliesslich stand das Jugendamt vor der Tür und führte Leilas Mutter in Handschellen in eine psychiatrische Klinik ab. Leila und ihr kleiner Bruder wussten von nichts – sie waren an diesem Tag im Hort.

Wenn die Mutter aufgrund einer Spätschicht morgens nicht aus dem Bett kam, war es Leila, die ihren kleinen Bruder weckte.

«Die Hortleiterin hat uns zu sich gerufen. Sie wiederholte ständig, dass alles wieder gut wird, konnte uns dabei aber nicht in die Augen schauen. Da wusste ich, dass etwas nicht stimmt.» Leila und ihr kleiner Bruder wurden später durch einen Hinterausgang aus dem Hort geführt. Dort wartete bereits der damalige Heimleiter in einem Auto und sagte den Kindern, dass sie nun auf einen Bauernhof fahren und viel Spass haben werden. «Uns wurde nicht gesagt, wieso wir dorthin gehen und wie lange wir bleiben werden. Es wurde alles schön geredet und ich getraute mich nicht nachzuhaken, schliesslich wollte ich ein braves Mädchen sein.»

Wie Leila später herausfand, diente der in Bern liegende Bauernhof als sogenanntes Auffangbecken, da das Heim Platzmangel hatte. Die zwei Hofbesitzerinnen, eine Mutter und ihre Tochter, haben sich herzlich um Leila und ihren Bruder gekümmert. Leila half damals auf dem Hof mit und ging in der Nähe des Bauernhofs zur Schule. Sie hat diese Zeit schön in Erinnerung. Vor dem Schlafengehen gab es von den Hofbesitzerinnen immer ein Küsschen auf die Wange. Ein halbes Jahr später ging es ins Kinderheim.

Ein neues Leben im Heim

Ich frage Leila, ob sie sich an den ersten Tag im Heim erinnern kann. Sie überlegt kurz und beschreibt dann ausführlich: «Nach einer langen Fahrt sind wir schlussendlich im Heim angekommen. Ein Junge hat uns begrüsst und uns alle Räumlichkeiten gezeigt. Er und zwei andere haben das Heim verlassen, da sie das Mindestalter von 16 Jahren erreicht hatten. Somit war nun Platz für uns.» Leila hatte ein Zimmer für sich, ihr Bruder teilte sich, ein Stockwerk über ihr, ein Zimmer mit einem anderen Jungen. Leila war damals neun- und ihr kleiner Bruder sieben Jahre alt.

Ich denke kurz über meine eigene behütete Kindheit nach. Wie hätte ich mich gefühlt, wenn ich in diesem Alter in ein neues Umfeld gekommen wäre, ganz ohne Eltern? Ich hätte mich vermutlich verloren und einsam gefühlt.

Vor dem Schlafengehen gab es von den Hofbesitzerinnen immer ein Küsschen auf die Wange.

Die meisten Betreuer im Heim machten laut Leila ihre Arbeit nach Lehrplan. Es gab jedoch ein paar wenige, die mit Herz und Seele dabei waren und sich ernsthaft für die Kinder interessierten. So hatte Leila zum Beispiel ein gutes Verhältnis zu der Köchin, welche ihr sogar einmal eine Puppe schenkte. Der Tagesablauf im Heim sah folgendermassen aus: Jeden Morgen frühstückten alle Kinder und Betreuer gemeinsam.

Nach der Schule ging es wieder zurück ins Heim, wo nach Menüplan das Mittagessen aufgetischt wurde und die Kinder später nach Ämtliplan abräumten. Nach der obligatorischen Ruhestunde, ging es je nachdem wieder in die Schule oder man machte sich an die Hausaufgaben. Die Betreuer halfen, wenn nötig, dabei. Erst danach hatten die Kinder die Erlaubnis zu spielen. Alle zwei Wochen durfte man am Wochenende wieder zu den Eltern. So auch Leila und ihr Bruder. Das Verhältnis der Geschwister war sehr eng; Leila hatte es sich zur Aufgabe gemacht, ihn zu beschützen. Das Verhältnis zu den anderen Heimkindern war ähnlich.

Traurige Nächte

«Wir alle haben einander geholfen und uns getröstet. Klar haben wir uns auch gestritten, aber wir sassen alle im gleichen Boot und waren deshalb wie eine Familie.» Auch in der Schule war Leila beliebt. Aufgrund ihrer serbischen Herkunft war sie eine von wenigen Ausländerinnen in der Klasse. Das Mädchen mit den dunklen Haaren weckte die Neugier der Mitschüler. In der Schule lernte Leila ihre damalige beste Freundin kennen. «Wir haben viel zusammen erlebt und gelacht. Ich kann mich heute noch an ihr Lachen erinnern», erzählt mir Leila mit strahlenden Augen. Das änderte leider nichts an der Tatsache, dass nachts im Bett die Tränen flossen. «Tagsüber ist man abgelenkt, in der Nacht merkt man jedoch, dass etwas fehlt.» Als Trost hatte Leila ein Foto ihrer Grossmutter unter dem Kopfkissen.

Drei Jahre nach Leilas Ankunft im Heim, durfte sie es wieder verlassen. Die mittlerweile 12-Jährige zog wieder zu ihrer Mutter, während ihr kleiner Bruder noch ein Jahr im Heim blieb. Leilas Mutter hatte während der drei Jahre alle Hebel in Bewegung gesetzt, um ihre Kinder wieder für sich zu gewinnen. Nichtsdestotrotz war das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter schwierig. Leila war nun ein Teenager und wollte die Zeit mit Freunden verbringen. Dies sorgte immer wieder für heftige Auseinandersetzungen, insbesondere da die Mutter immer noch psychisch angeschlagen war. Leila fühlte sich gestresst und unter Druck gesetzt und fing an, permanent zu stottern. Die Sprechstörung konnte sie erst im Laufe der Zeit ablegen.

Als Leila mit 20 Jahren von zuhause auszog, wurde das Verhältnis zu ihrer Mutter ein wenig besser. «Ich verstehe meine Mutter in vielen Punkten, dennoch hat ihr Verhalten während meiner Kindheit und Jugend bleibende Spuren hinterlassen. Deshalb ist unsere Mutter-Tochter-Beziehung nicht besonders eng.»

Im Heim fehlte es an Liebe und Geborgenheit.

Ich möchte von Leila wissen, inwiefern sie die Zeit im Heim geprägt hat. Sie antwortet: «Das Heim hat mich an einen strukturierten Tagesablauf gewöhnt. Das kannte ich vorher nicht. Ausserdem habe ich schon früh gelernt, was es heisst Verantwortung zu übernehmen und auf eigenen Beinen zu stehen. Ausserdem lernte ich für meine Bedürfnisse einzustehen und mir selbst zu vertrauen. Ich war taff und habe mir von niemandem etwas sagen lassen.» Dies entpuppte sich später als ihre grösste Schwäche. Die junge Frau war so taff, dass ihre verletzliche Seite keinen Platz mehr hatte. Schliesslich war sie ihr ganzes Leben schon alleine klar gekommen.

Später Zugang zu Emotionen

«Im Heim fehlte es an Liebe und Geborgenheit. Du hast niemanden, der abends mit dir kuschelt oder dir sagt, wie sehr er dich schätzt.» Aus diesem Grund war auch sie emotional distanziert. Das Thema Liebe löste in ihr ein Gefühl von Fremdscham aus. Der Prozess, Emotionen zu zeigen, begann erst mit 17 Jahren: Mithilfe von Filmen, in denen es um Familienzusammenhalt, Freundschaft und Liebe ging, konnte Leila ihren Gefühlen freien Lauf lassen. Sie entdeckte eine verletzliche, empathische Seite an sich und begriff: Es ist eine Stärke, Schwäche zeigen zu können.

Wenn Leila eines Tages selber mal Kinder hätte, möchte sie ihnen ein gutes Selbstwertgefühl schenken. An Anerkennung, Wertschätzung und vor allem Liebe soll es nicht fehlen.

Ich schaue auf die Uhr und stelle überrascht fest, dass bereits eine Stunde vergangen ist. Der nicht ausgetrunkene Tee ist mittlerweile kalt geworden. Zu guter Letzt möchte ich von Leila wissen, was sie sich für die Zukunft wünscht. Sie schaut mich nachdenklich mit ihren braunen Augen an und sagt nach einer kurzen Pause schliesslich: «Ich wünsche mir keine Angst vor dem Erwachsenwerden und dass ich die kindliche Seite an mir nicht verliere. Und ich wünsche mir weiterhin Liebe und Hoffnung und das Glänzen in den Augen.»

*Name von der Redaktion geändert

Text: Sonya Jamil

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