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19 Mai 2019

Bear Grylls – Vom Teddy zum Grizzlybär.

Er ist der Messias aller Outdoor-Fans. Der naturverbundene Survival-Experte, Ex-Soldat und Familienvater «Bear Grylls», gibt im Interview Einblicke in sein abenteuerliches Leben und verrät, wie Roger Federer seine Komfortzone verliess.

Edward Michael Grylls, Ihre Fans kennen Sie bloss unter dem Namen «Bear Grylls» Wie kam es dazu?

Ich wurde Edward getauft aber alle nannten mich Teddy und daraus entstand dann Bear. Als Kind war es mir sehr peinlich, einen solch seltsamen Namen zu haben aber es hätte noch viel schlimmer sein können und heute passt er ja wirklich gut. Nur meine ältere Tante nennt mich heute noch Edward, wenn Sie versucht meine Aufmerksamkeit zu erlangen (lacht).

Die Frage aller Fragen: Was ist Ihr ultimativer Überlebenstipp?

Ganz oben auf der Liste steht die Einstellung, niemals aufzugeben. Es braucht grosse Hartnäckigkeit und verbissene Entschlossenheit, entgegen aller Wahrscheinlichkeiten weiterzumachen. Dieses «Mindset» ist der Schlüssel, um am Leben zu bleiben. Mehr als jede Menge Wissen oder Fähigkeiten. Dieses innere Feuer lodert in jedem von uns und kann alles verändern. Kombiniert mit Einfallsreichtum in den wichtigen Momenten sowie einer grossen Portion Mut ist man für die Wildnis und das Leben gewappnet.

In Ihrer Sendung «Bear Grylls: Stars am Limit» verbringen Sie zwei Tage mit berühmten Persönlichkeiten in der Wildnis. Letztes Jahr war Roger Federer zu Gast. Hat er das Fischauge tatsächlich gegessen oder wie lief das hinter den Kameras ab?

Ja, er tat es. Roger war ein fantastischer Gast, mit dem ich viel Spass hatte. Er konnte auch über sich selbst lachen, überwand seine Ängste und gab niemals auf. Am Ende hat er mich dann noch bei einer Partie Tischtennis besiegt.

Man könnte behaupten, Sie sind der Roger Federer des Survivals. Gibt es einen Ort, von dem selbst Sie nicht mehr zurück in die Zivilisation finden würden?

Diesen Ort gibt es bestimmt. Ein Leben in freier Wildbahn hat mich auch Demut gelehrt und ich weiss, dass ich definitiv nicht unbesiegbar bin! Extreme Temperaturen sind sehr heimtückisch und ohne Schutz oder genügend Wasser ist die Überlebenszeit immer begrenzt. Gleiches gilt für wilde Tiere. Du wirst beispielsweise ein Salzwasserkrokodil nie in seiner natürlichen Umgebung besiegen. Du bist vielleicht klüger, aber es ist stärker.

Sie hatten schon viele berühmte Persönlichkeiten in Ihrer Sendung. Aber in der Wildnis gibt es keinen Promi-Bonus. Wie reagieren Menschen in solch extremen Situationen?

Ich hatte im Lauf der Jahre das grosse Glück, auf meinen Abenteuern unglaubliche Frauen und Männer dabeizuhaben. Julia Roberts, Präsident Obama, Ben Stiller, Kate Winslet, Will Ferrell und viele andere grossartige Namen. Aber ich wurde stets daran erinnert, dass unter all dem Glanz im Grunde jeder so ist, wie du und ich! Egal wie berühmt jemand ist. Er kocht auch nur mit Wasser und hat versteckte Ängste wie wir alle. Dabei zu sein, wenn diese Stars ans Limit gehen und ihre Komfortzone verlassen, hat etwas Demütiges und ihr Engagement ist immer sehr inspirierend. Die Wildnis ist ein sicherer Ort für persönlichen Austausch, weil sie nicht urteilen kann – und ich tue es auch nicht. Inmitten eines Dschungels oder der Abgeschiedenheit auf einem Berg scheinen die Ängste und Sorgen, die wir in unserer regulären Gesellschaft haben, oft so unbedeutend. Es gibt wichtigere Dinge, auf die wir uns konzentrieren sollten und das ist eine gute Erkenntnis.

Die Wildnis ist ein sicherer Ort für persönlichen Austausch, weil sie nicht urteilen kann.

Können Sie sich ein Leben in freier Wildbahn, ganz auf sich allein gestellt vorstellen?

Ich musste viele Male «alleine» überleben und es war immer hart. Ich würde es sicher nicht für lange Zeit wollen – dafür liebe ich den Kontakt zu Menschen zu sehr. Meine Abenteuerfreunde sind ein grosser Teil meines Lebens. Das Beste an einem Abenteuer in der Wildnis ist, dass es Freunde noch enger zusammenschweisst und uns Kraft gibt schwierige Situationen zu bewältigen.

Was bedeutet die Natur für Sie?

Sich mit der Natur verbunden zu fühlen, ist ein Heilmittel für uns alle. Besonders in der heutigen Zeit, in der die Menschen dazu neigen, nur noch auf ihr Handy zu starren. Wir sind nicht achtsam und nehmen uns keine Zeit mehr, den Augenblick zu geniessen. Wenn wir in der Vergangenheit leben oder in Zukunftsängsten gefangen sind, verlieren wir die Freude am Hier und Jetzt. Die Natur erdet und verbindet uns alle.

Wie gut kennen Sie die Schweiz?

Für uns als Familie ist es ein besonderer Ort. Ich habe hier oft gedreht und verbringe nun vier Monate im Jahr hier in den Bergen. Das Wallis ist wie ein zweites Zuhause für uns. Es ist dieser Geist des Bemühens und der Freundschaft, welcher die Region zu einem der führenden Extrem- und Abenteuersportorte der Welt macht. Meine Familie und ich lieben Skifahren und Gleitschirmfliegen im Winter und im Sommer schwimmen wir in den Seen oder erklimmen Klippen und Klettersteige. Die Einheimischen sind immer sehr herzlich zu uns und das bedeutet uns als Familie sehr viel. 

Das Wallis ist wie ein zweites Zuhause für uns.

Seit einigen Jahren ist der Wolf zurück in der Schweiz. Kürzlich wurde sogar ein Bär entdeckt. Wie soll man sich bei der Begegnung mit einem Wildtier verhalten?

Respektiere ihren Raum – bleib ruhig und ziehe dich langsam zurück.

Wie kam es, dass Sie als 20-Jähriger mit Uni-Abschluss der University of London beim SAS, einer der härtesten Spezialeinheiten der Welt, gedient haben?

Schon in jungen Jahren die Auswahl bestanden zu haben und der SAS als Trooper beizutreten, gab mir Selbstvertrauen und einen Glauben an mich, den ich vorher nicht unbedingt hatte. Ich spezialisierte mich zum Ausbildner für Überlebenskampf und trainierte Kletter- und Freifallfähigkeiten. Das hat seither offensichtlich eine Schlüsselrolle in meinem Leben gespielt. Aber viel wichtiger – ich habe dort Freunde fürs Leben kennengelernt und meine positive Einstellung zementiert, dass ich weitermache, auch wenn alle um mich herum bereits aufgegeben haben.

Sie haben mit 23 Jahren als jüngster Brite den Mount Everest bestiegen. Was war Ihre Motivation dahinter?

Während dem Dienst brach ich mir bei einem freien Fall den Rücken und schwor mir, dass ich, wenn ich mich jemals wieder erholen sollte, das Leben mit Dankbarkeit leben und in vollen Zügen auskosten würde. Es war schon immer ein Kindheitstraum, den Everest zu besteigen und ich war fest entschlossen, diesen zu erfüllen. Der Aufstieg wurde nach dem Austritt aus dem Militär zum Mittelpunkt meiner Rehabilitation und öffnete mir schlussendlich die Tür zu meiner Fernsehkarriere. Manchmal folgen die hellsten Tage auf die dunkelsten Nächte. Einfach dranbleiben und immer das Ziel im Auge behalten.

Knapp zehn Jahre später haben Sie als erster Mensch überhaupt den höchsten Berg mithilfe eines Motorschirms überflogen. Wie fühlte sich das an?

Über den Mount Everest aufzusteigen, war ein Moment, den ich nie vergessen werde. Der wahre Held der Expedition war jedoch mein bester Kumpel Gilo Cardozo. Er hat unseren Parajet-Motor entwickelt, der es mir erlaubte, unter einem Gleitschirm in dieser Höhe zu fliegen.

Es war schon immer ein Kindheitstraum, den Everest zu besteigen und ich war fest entschlossen, diesen zu erfüllen.

Sie sind verheiratet und haben drei Söhne im Alter von 15, 12, und 10 Jahren. Was bedeutet für Sie Familie?

Wenn die Wildnis mich eines gelehrt hat, dann die Wichtigkeit der Heimat. Wo auch immer auf der Welt ich mich gerade befinde, egal welches Abenteuer ich gerade erlebe, es ist mein allergrösstes Anliegen, gesund und in einem Stück nach Hause zu meiner Familie zu kommen. Es gibt nichts Wichtigeres!

Gehen Sie auch zusammen auf Survival-Tour?

Wir versuchen als Familie so viel wie möglich zu erleben. Sei es bei einer unterhaltsamen Wanderung oder einem Gleitschirmflug. Wir verbringen auch gerne Zeit in unserem «Versteck» im Norden von Wales. Dort haben wir weder Strom noch fliessend Wasser. Es ist diese magische Mischung aus Abenteuer und Einsamkeit.

Wie kommt man auf die Idee, einen Lastkahn auf der Themse umzubauen und darin zu wohnen? Ich stelle mir das ziemlich cool vor!

Wir haben den Fluss immer geliebt, es war schon immer ein besonderer Ort für uns. Unsere Jungs wuchsen damit auf und lernten durch den Kahn die Liebe zum Hausboot und der Themse kennen. Ich liebe es, sie voller Zuversicht auf dem Boot zu sehen. Shara (seine Ehefrau, Anmerkung d. Redaktion) und ich lebten bereits in dieser Gegend, als wir uns zum ersten Mal begegnet sind.

Vor kurzem kam Ihr neustes Projekt «You vs. Wild» in Zusammenarbeit mit Netflix auf den Markt. Was unterscheidet dieses Format von Ihren bisherigen und worauf dürfen wir uns freuen?

Ein Grossteil des Verdienstes gilt Delbert Shoopmann, dem Co-Producer aller bisherigen TV-Formate und dem Executive Producer von «You vs. Wild». Wir sind gemeinsam viel gereist und haben viel darüber geplaudert, was man noch alles machen könnte. Er kam eines Tages mit der Idee, das bisherige Format «Man vs Wild» mit einer interaktiven Komponente zu ergänzen und den Zuschauer über den Ausgang einer Episode entscheiden zu lassen. Netflix waren die ersten, die technologisch dazu im Stande waren, ein solches Format umzusetzen. Obwohl sie die Idee von Anfang an liebten war es auch für sie ein Experiment mit ungewissem Ausgang, aber es hat wahnsinnig Spass gemacht!

Was können wir in Zukunft noch von Ihnen erwarten?

Noch in diesem Jahr soll für Amazon eine grosse neue Show mit dem Namen «Eco Challenge» gedreht werden. Es wird auch weitere Episoden von «Stars am Limit» geben. Um die Magie des Abenteuers hautnah erleben zu können, eröffnen wir zudem weitere Bear Grylls Abenteuer Parks, wie wir sie in Birmingham haben.

Zum Abschluss: Was ist Ihr grösster Wunsch für die Zukunft?

Mein Hauptziel und mein Wunsch für die Zukunft ist es, denjenigen zu helfen, die nicht die Chance haben, rauszugehen und ihre eigenen Abenteuer zu erleben. Ich will sie ermutigen, das Leben am Schopf zu packen. Deshalb bin ich stolzer Pfadfinderführer in Grossbritannien und Botschafter der Weltpfadfinderorganisation. Die Pfadfinder sind mit ungefähr 50 Millionen Mitgliedern die grösste Jugendbewegung unserer Zeit und somit eine weltweit inspirierende Kraft des Guten. Von den Geschichten über den Mut in syrischen Flüchtlingslagern bis zum innerstädtischen Einsatz von Freiwilligen. Das Engagement und die Werte, für welche Pfadfinder stehen, sind so inspirierend. Es ist meine Aufgabe, diese Einstellung so vielen jungen Menschen wie möglich nahezubringen.

Bear Grylls‘ Show «You vs. Wild» gibt es jetzt auf Netflix zu sehen.

Interview: Adrian Georg Seidl

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