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20 Juli 2019

Mit der Digitalisierung multimodale und nachhaltige Wege fördern.

Neue Technologien eröffnen neue Möglichkeiten. So lassen sich mit der motorisierten Individualisierung des Verkehrs selten gewordene Verkehrsmodalitäten kombinieren und neu entwickeln. Ein Beispiel aus dem Kanton Tessin.

Unabhängig vom Ort und von den individuellen Angebotskenntnissen, wird es in Zukunft für jede Person möglich sein, eine eigene Transportkette für einen Weg von A nach B zu gestalten. Diese Zukunft, die vermutlich auch zu Anpassungen der Definition des Service public beim ÖV im Zusammenhang mit privaten Dienstleistungen und zu neuen Partnerschaften zwischen öffentlichen und privaten Angeboten führen wird, ist teilweise schon da. Die Technologie hat zum Beispiel dazu geführt, dass Bike- und Carsharing Systeme sehr smart geworden sind. Sei es beim Öffnen der Fahrzeuge, bei der Visualisierung der Verfügbarkeit in Echtzeit und sogar bei der Standortunabhängigkeit (free floating). Auch beim ÖV wird es Informationen zur Ankunftszeit an Bahnhöfen und Haltestellen in Echtzeit geben.

In der Schweiz profiliert sich der Swisspass als ganzheitliches Zugangssystem für intermodale Lösungen: Neben ÖV-Abonnementen und -Billetten kann man mit einem Swisspass-Konto auch ein Velo, ein Auto oder ein Parkplatz (P+R und Velostationen) buchen und grundsätzlich alles über Apps für Smartphones verwalten. Dabei ist die Integration unterschiedlicher Angebote jedoch noch mangelhaft.

Multimodale Mobilitätsdienstleistungen

Musste man sich bisher selber organisieren, so geschah dies hauptsächlich monomodal. Das heisst, man musste den Weg mit dem ÖV, mit dem Auto oder bei kurzen Distanzen mit dem Velo oder zu Fuss zurücklegen. Nun ermöglicht die Technologie die Vermittlung von immer mehr Lösungen, die multimodale Wege und die Kombination von mehreren Verkehrsmitteln vorsehen. Somit wird ein Weg in Zukunft zeit- und kosteneffizienter zurückgelegt. Künftig sollen neben den bestehenden privaten und öffentlichen Angeboten wie ÖV, Auto, Velo, Bike-, Car-, Roller- und e-Scooter-Sharing, Taxi oder Carpooling-Plattformen, sogar autonome Fahrzeuge reservierbar sein. Denn der Bund hat das Potenzial erkannt und eine Revision des Personenbeförderungsgesetzes zur Förderung multimodaler Mobilitätsdienstleistungen in die Vernehmlassung geschickt.

In der Schweiz profiliert sich der Swisspass als ganzheitliches Zugangssystem für intermodale Lösungen.

Ein Pilotprojekt im Südtessin

Zwei Hauptgründe führten im Jahr 2014 zur Lancierung eines Pilotprojektes mit sieben Unternehmen aus dem Raum Mendrisio im südlichen Teil des Kantons Tessin. Einerseits das Potenzial der technologischen Entwicklung, anderseits der Bedarf nach Verlagerung vom motorisierten Individualverkehr auf umweltfreundliche Fortbewegungsmittel.

Mit Unterstützung von Energieschweiz, welche durch die Koordinationsstelle für nachhaltige Mobilität den innovativen Charakter des Projekts erkannt hat, des kantonalen Dipartimento del Territorio und der Stadt Mendrisio wurde eine App für die Visualisierung und Buchung der Alternative zum Auto auf dem Arbeitsweg entwickelt. Dazu gehörten der ÖV, Park+Rail, allfällige Shuttles für Arbeitsareale, Mitfahrgelegenheiten, Velo, Trottinett, e-Bike oder e-Scooter (auch in Kombination mit dem ÖV).

Das Pilotprojekt führte dazu, dass neben der neu entstanden App «Mobalt», auch die Potenziale von Mobilitätsplänen für Arbeitsareale erkannt wurden. Dies wiederum führte zur Entstehung von Mobilitätszentralen. Des Weiteren signalisierten die Unternehmen das Interesse, die App mit Funktionen zum internen Mobilitätsmanagement weiterzuentwickeln. So entstand mit Unterstützung des Bundesprogramms «Cleantech» eine ergänzende Plattform, welche den Import von HR-Daten und die Visualisierung zur Herkunft der Mitarbeitenden, Anwender- und Kommunikationsverwaltung, die Verwaltung von Alternativen (u.a. Carpooling), Parkplätzen und Incentives, die Berechnung von Parkplatzzuordnungskriterien, die Übersicht der Reservationen sowie die Evaluation von finanziellen Szenarien und das Monitoring ermöglicht.

Mit dem Schiff über die Grenze

Die Technologie hat im Tessiner Fall erlaubt, einen Integrator des bestehenden Mobilitätsangebots zu entwickeln, der ständig erweitert werden kann. Aus der Sicht der Kunden wird die Wahl zwischen uni- und multimodalen Verkehrsmodi ermöglicht. Für die Unternehmen ist es eine optimale Gelegenheit, den Mitarbeitenden unterschiedliche nachhaltige Mobilitätslösungen mit gezielten Förderaktivitäten anzubieten.

Interessanterweise kann man mit der digitalen Unterstützung auch alte Verkehrsmittel neu entdecken. Im Südkanton gleiste man innerhalb von drei Jahren über 50 Fahrkurse von Shuttle-Services auf. Darunter auch ein Schiff zwischen Italien und der Schweiz. Der Kanton hat gleichzeitig seit 2016 gezielte Aktionen zum Mobilitätsmanagement in Unternehmen entwickelt. Darunter einen Fonds von zwei Millionen Franken für die Unterstützung von Unternehmensmassnahmen und Mobilitätsplänen für Arbeitsareale in den Gemeinden. Daraus hat sich eine interessante Partnerschaft zwischen Öffentlichkeit und Privaten ergeben, indem Unternehmen Lösungen im öffentlichen Interesse zur Reduktion des Strassenverkehrs (Shuttlebusse, Veloinfrastrukturen, Fahrgemeinschaften, usw.) fördern und Kanton und Gemeinden sich finanziell daran beteiligen.

Heute sind es täglich 1 500 Passagiere, die vom Auto auf ShuttleBusse umgestiegen sind.

Der Autokanton steigt um

Und welche Auswirkungen auf das Verkehrsaufkommen hatte die Entwicklung der neuen Technologie? Heute sind es täglich 1 500 Passagiere, die vom Auto auf Shuttle-Busse umgestiegen sind. Einige Hunderte haben die Kombination zwischen ÖV und Shuttle als Alternative zum Auto gewählt. Auch dank der mit der App «Mobalt» durchgeführten Velo- und ÖV-Förderaktivitäten erhöhte man den Anteil dieser Verkehrsmittel am Modal-Split in einigen Unternehmen um zehn Prozent. Die Multimodalität wurde erleichtert. Heute ist es auch im Autokanton Tessin normal geworden, dass man das Velo, e-Bike oder Trottinett mit dem ÖV kombiniert.

2018 sank auch zum ersten Mal der Anteil der Personenwagen pro 1 000 Einwohner. Dies spricht für eine Fortführung und schweizweite Ausweitung der initiierten Aktivitäten.

Text Davide Marconi, Dipl. Geogr. / Massimo Brignoni, Dipl. Phys. ETH

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