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20 September 2019

«Wir müssen uns trauen, einfach mal etwas auszuprobieren».

Der Verkehr auf Schiene und Strasse soll möglichst sicher und effizient ablaufen. Die innovativen Lösungen von Siemens Mobility AG unterstützen dabei. Doch um der öffentlichen Mobilität neue Impulse verleihen zu können, muss das Unternehmen die Chancen der Digitalisierung ergreifen. Warum das so wichtig ist – und weshalb man dafür Sandkästen braucht – erklärt Dirk Bödeker « Head of Digitalization and Innovation» im Interview.

Dirk Bödeker, als «Head of Digitalization and Innovation» sind Sie unter anderem dafür verantwortlich, die Mitarbeitenden von Siemens Mobility fit zu machen für die Digitalisierung. Wie gehen Sie dabei vor?
Dirk Bödeker

Wir haben verschiedene Konzepte erarbeitet und daraus konkrete Massnahmen formuliert. Eine wichtige Rolle spielt die Einführung der «Digital Driver Licence», also des «Digitalen Führerscheins». Um diesen zu erlangen, können unsere 940 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf eine breite Palette an webbasierten Trainingstools und Fachliteratur zurückgreifen. Wir verfolgen damit die Absicht, unsere Teams für die Chancen der digitalen Transformation zu begeistern. Und wir hoffen natürlich, dass sich aus dieser Auseinandersetzung neue, innovative Ideen ergeben. 

Beim Wort «Führerschein» denken die meisten an Theorieprüfung und Fahrstunden. Wie darf man sich den Prozess in Bezug auf die «Digital Driver Licence» vorstellen?

Der grösste Unterschied zum realen Führerschein besteht darin, dass es keine Fahrlehrer gibt: Die Mitarbeitenden erarbeiten sich ihr neues Wissen im Selbststudium. Am Anfang des Prozesses steht eine freiwillige Selbsteinschätzung. In deren Rahmen können die Teilnehmenden angeben, über wie viel Know-how sie in welchen digitalen Feldern verfügen und wo ihre Interessen liegen. Darauf basierend schlägt unser Online-Tool Themen, Kurse und Fachliteratur vor, um allfällige Wissenslücken zu schliessen oder bestehende Expertise zu vertiefen. Konkret geht es zum Beispiel um aktuelle Digitalisierungs-Themen wie Blockchain oder Connectivity. Und natürlich spielt auch die Nutzung von Social Media eine tragende Rolle. Darüber hinaus ermutigen wir unsere Angestellten dazu, ihre Kräfte bei der Vertiefung ihres Digitalisierungs-Wissen zu bündeln.

Wie das?

Wir möchten erreichen, dass sich in unserem Unternehmen bereichsübergreifende Interessengemeinschaften bilden. Ganz simpel nach dem Motto: «Wer interessiert sich wofür?» Konkret haben wir aktuell einen Mitarbeiter, der sich mit grossem Elan mit dem Thema «Blockchain» auseinandersetzt. Diese Initiative, dieses natürliche Interesse nutzen wir und stellen ihm Arbeitszeit zur Verfügung, die er für die Vertiefung seiner Kenntnisse nutzen darf. Bei Bedarf erhält er auch ein Budget, um Ideen und Projekte voranzutreiben. Mit diesen Ressourcen kann er nun Kolleginnen und Kollegen für das Thema motivieren und in seine Blockchain-Gruppe holen. Und da das Ganze bereichsübergreifend abläuft, kommen so verschiedene Perspektiven und Erfahrungen zusammen. Was im Idealfall zu neuen Ideen und Ansätzen führt. 

Wir müssen uns trauen, einfach etwas auszuprobieren.

Welches Potenzial sehen Sie denn in der Blockchain-Technologie für Siemens Mobility?

Wir verfolgen aktuell zwei Projekte zu diesem Thema. Das eine betrifft das «Änderungsmanagement» von Dokumenten. Wenn ein Kunde bei uns etwas erwirbt, sei es eine Anlage oder ein Fahrzeug, erwartet er die entsprechenden Dokumentationen. Kommt es nun zu einer Änderung der Kundenanlage oder des -fahrzeugs, müssen wir sicherstellen, dass sich auch die Dokumentation analog dazu anpasst. Diese Adaption wollen wir mit der Blockchain-Technologie automatisieren. Ein grosser Vorteil: Da die dafür notwendige Technologie bereits existiert, müssen wir das Rad nicht selber neu erfinden, sondern können einfach unsere Prozesse mit den bestehenden Anwendungen kompatibel machen. In etwa sechs Monaten dürften wir soweit sein.

Und wie sieht das zweite Blockchain-Projekt von Siemens Mobility aus?

Die Firma railCare hat bei uns sieben Lokomotiven erworben und uns den Service dieser Fahrzeuge übertragen. Diese Dienstleistungen werden pro zurückgelegtem Kilometer verrechnet. Das ist heute noch mit einem gewissen administrativen Aufwand verbunden: Jemand muss aus dem Online-Überwachungstool der Lok den Kilometerstand auslesen, diese Information dann per Mail an die richtige Stelle senden, worauf die Daten dann in unser SAP eingespeist werden. Daraus generiert SAP anschliessend die Rechnung – und die schicken wir zu Guter Letzt dem Kunden zu. Sie stellen fest: Digitalisierung sieht anders aus. 

Was kann die Blockchain da verbessern?

In einem ersten Schritt geht es darum, die Daten der Lokomotiven direkt mit unserem SAP zu verknüpfen. Dann muss das System in der Lage sein, aus den Informationen automatisch eine Rechnung zu generieren und zu versenden. Diese Konnektivität kann die Blockchain ideal herstellen. Und wir könnten sogar noch einen Schritt weitergehen und bei der Bezahlung ein Lastschriftverfahren einführen. Denn auch die Zahlungsinformationen werden in der Blockchain hinterlegt. Insgesamt werden also Prozesse enorm vereinfacht und gleichzeitig profitieren unsere Kunden von maximaler Transparenz: Da die Blockchain dezentral funktioniert und alle Teilnehmer sozusagen über eine «Echtzeitkopie» sämtlicher Informationen verfügen, können sie jederzeit auf die Daten Einsicht nehmen. 

Fachleute betonen, dass die Digitalisierung nicht nur eine technische Entwicklung darstellt, sondern auch in den Köpfen der Menschen geschehen muss. Wie schaffen Sie diese Veränderungskultur in Ihrem Unternehmen?

Dieser Bereich stellt in der Tat eine Herausforderung für uns dar. Denn bei Siemens Mobility herrscht eine enorm starke Sicherheitskultur. Das hängt natürlich damit zusammen, dass wir primär im ÖV-Bereich tätig sind und mit unseren Produkten letztlich die Verantwortung für die Sicherheit von tausenden Passagieren tragen. Dementsprechend ist die Sicherheit von Menschen Teil unserer DNA. Tatsache ist, dass Zug und Tram heute extrem sichere Verkehrsmittel darstellen und jede Veränderung in diesem System darum zuerst als potenzielle Gefahr wahrgenommen wird. Gleichzeitig kann man von der Digitalisierung aber nur dann profitieren, wenn man Dinge ändert. Aus diesem Grund müssen wir bei Siemens Mobility mehr Sandkästen schaffen.

Wir sind stolz auf unsere Schweizer Marke und wollen ihren guten Ruf pflegen.

Sandkästen?

Ja, Räume, in denen unsere Mitarbeitenden neue Ideen und Konzepte erproben können, ohne dass dies Auswirkungen auf bewährte Systeme hat. Wenn wir beispielsweise für eine Bahnanlage eine neue Software programmieren, vergehen heute rund eineinhalb Jahre, bis der Code entwickelt und alle Prüfungen durchlaufen hat. Wir müssen unseren Expertinnen und Experten aber auch die Möglichkeit geben, parallel dazu Neues zu versuchen. Wir müssen uns trauen, einfach etwas auszuprobieren. Das klappt dann vielleicht, oder es klappt nicht. Doch genau zum Sammeln solcher Erfahrungen dienen die Sandkästen. Und daraus können dann innovative Ideen erwachsen, die wir in unserem bewährten Ablauf den nötigen Feinschliff verpassen können. 

Wir haben jetzt erläutert, wie Sie intern die Digitalisierung vorantreiben. Welche Vorteile ergeben sich daraus für Kunden und Passagiere?

Wir sind vornehmlich im Bereich des öffentlichen Verkehrs tätig. Mit der Digitalisierung ermöglicht Siemens Mobility Mobilitätsbetreibern auf der ganzen Welt, ihre Infrastruktur intelligent zu machen, eine nachhaltige Wertsteigerung über den gesamten Lebenszyklus sicherzustellen, den Fahrgastkomfort zu verbessern sowie Verfügbarkeit zu garantieren. 

Konkret wollen wir für die Menschen, die im ÖV unterwegs sind, die Reise von A nach B möglichst einfach und angenehm gestalten. Das fängt an beim barrierefreien Zugang zu den Fahrzeugen und geht weiter zum einfachen Ticketing und der unkomplizierten Reiseplanung. Wenn es uns gelingt, die Potenziale der Digitalisierung so zu nutzen, dass es unsere Kunden und Passagiere dadurch leichter haben, sind wir auf dem richtigen Weg. Dazu gehört auch, dass wir mit unserem Angebot günstiger werden. Denn damit tragen wir dazu bei, dass Bahn, Bus und Tram im Preiskampf mit dem Auto bestehen können.

Wie meinen Sie das?

Wir sind überzeugt, dass der ÖV das Rückgrat der urbanen Mobilität der Zukunft bildet. Dass diese Art der Mobilität in der Schweiz weiterhin an Effizienz und Effektivität zunimmt, wollen wir sicherstellen. Und dazu können wir einen Beitrag leisten. Eine konkrete Möglichkeit dafür bietet etwa der 3D-Druck, oder «Additive Manufacturing»: Durch diese Technologie können wir selten genutzte Ersatzteile «on demand» produzieren. Damit fallen die hohen Kosten für die Aufarbeitung von Gussformen weg oder der Kunde nutz unseren weltweiten Onlineshop. Wir möchten den ÖV aber nicht nur günstiger machen, sondern auch noch sicherer.

Wie das?

Wie gesagt geniesst die Sicherheit der Menschen oberste Priorität bei uns. Und das gilt nicht nur für Passagiere, sondern auch für die Mitarbeitenden der Mobilitätsanbieter. Wie zum Beispiel Gleisarbeiterinnen und -arbeiter. Deren Sicherheit können etwa wir mit automatischen Warnprozessen erhöhen. Denkbar wäre ein Signal, das Arbeiter nicht nur auf herannahende Züge aufmerksam macht, sondern zusätzlich sogar den Betrieb der Bau-Maschinen herunterfährt. Das wäre dann auch eine konkrete Mobilitätsanwendung des Internets der Dinge. 

Die Zukunft von Siemens Mobility ist also komplett digital.

Nein, nicht ausschliesslich. Natürlich, die Technologie entwickelt sich, was sie auch muss. Aber wir werden auch künftig den persönlichen Kontakt pflegen. Das bedeutet zum Beispiel, dass unsere Kunden nach wie vor ihre Ansprechpartner in der Schweiz haben. Wir sind stolz auf unsere Schweizer Marke und wollen ihren guten Ruf pflegen. Wenn wir uns dabei an Menschen orientieren, dann machen wir es richtig.  

Über Siemens Mobility

Siemens Mobility ist ein eigenständig geführtes Unternehmen der Siemens AG. Siemens Mobility ist seit über 160 Jahren ein führender Anbieter im Bereich Transportlösungen und entwickelt sein Portfolio durch Innovationen ständig weiter. Zum Kerngeschäft gehören Schienenfahrzeuge, Bahnautomatisierungs- und Elektrifizierungslösungen, schlüsselfertige Systeme, intelligente Strassenverkehrstechnik sowie die dazugehörigen Serviceleistungen. Mit der Digitalisierung ermöglicht Siemens Mobility Mobilitätsbetreibern auf der ganzen Welt, ihre Infrastruktur intelligent zu machen, eine nachhaltige Wertsteigerung über den gesamten Lebenszyklus sicherzustellen, den Fahrgastkomfort zu verbessern sowie Verfügbarkeit zu garantieren Im Geschäftsjahr 2018, das am 30. September 2018 endete, hat die ehemalige Siemens-Division Mobility einen Umsatz von 8,8 Milliarden Euro ausgewiesen und rund 34 200 Mitarbeiter weltweit beschäftigt.

Weitere Informationen unter: www.siemens.ch/mobility

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