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20 Juli 2019

Arbeit 4.0 ist in aller Munde.

Unternehmen müssen sich in der modernen Arbeitswelt mit innovativen Zusammenarbeitsformen, neuen Methoden und digitalen Tools auseinandersetzen. Im Fokus steht der Begriff Arbeitswelt 4.0. Aber was steckt wirklich dahinter?

Mittlerweile arbeiten über 75 Prozent der Erwerbstätigen im Dienstleistungssektor. Eine Produktionsweise wie damals im Fabrikzeitalter gibt es kaum mehr. Vielmehr nimmt heutzutage die Bedeutung des Digitalen und des «Virtuellen» stark zu. In einem solchen Umfeld gewinnen Themen wie die Kommunikation zwischen Mitarbeitenden oder mit der Kundschaft, der strukturierte Umgang mit Wissen oder die Corporate Governance stark an Bedeutung. Man spricht auch von Organisationskapital.

Immer häufiger ist auch vom Begriff «Arbeit 4.0» die Rede: «Das sind eben diejenigen Arbeitsformen, die mit dieser Art von Produktion einhergehen», erklärt Marco Salvi vom «unabhängigen, aber nicht neutralen» Think Tank Avenir Suisse gegenüber «Fokus». «Im Fabrikzeitalter waren fixe Arbeitsplätze und -zeiten die Regel. Heute werden diese starren Strukturen zunehmend aufgeweicht, weil unsere Wertschöpfung nicht mehr an die Produktion von physischen Produkten gebunden ist. Flexiblere Arbeitsmodelle, Teilzeitarbeit, Teamarbeit, Erwerbstätige mit mehreren Arbeitgebern bis hin zur – noch sehr seltenen – Plattformarbeit sind Beispiele hierfür.»

Mehr Flexibilität gewünscht

Die Erwartungen der Arbeitnehmenden haben sich verändert: «Klar, das herkömmliche Bild des Vollzeitangestellten, der eine klassische Karriere mit regelmässigen Beförderungen und Lohnerhöhungen verfolgt, ist nach wie vor weit verbreitet», weiss Salvi. Dennoch sei für viele das klassische Vollzeit-Arbeitsmodell weniger erstrebenswert geworden. Die Nachfrage nach flexiblen Arbeitsmodellen, die Hoheit über die eigene Zeitagenda bieten, wird immer grösser: «Ansprüche an die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, aber auch der Wunsch, die eigenen Fähigkeiten in unterschiedlichen Arbeitsbereichen flexibel einzusetzen und vielfältige Erfahrungen zu sammeln, tragen dazu bei. Ein attraktiver Arbeitgeber will seine Attraktivität kontinuierlich steigern.»

Keine digitale Disruption

Für die Zukunft erwartet Salvi eine graduelle Anpassung der Arbeitswelt an den technologischen Fortschritt, aber keine sogenannte digitale Disruption. Darunter versteht man eine Art Störung, wenn etwa ein bereits bestehendes Produkt oder Dienstleistungsangebot durch eine elektronisch-digitale Innovation abgelöst und vom Markt verdrängt wird. Typische Beispiele sind etwa die Plattform Airbnb im Tourismus oder Uber im Taxigeschäft. Für Salvi müsste eine digitale Disruption zwangsläufig mit einer starken Zunahme der Arbeitsproduktivität einhergehen: «Das sehen wir aber nicht. Im Gegenteil: Das Produktivitätswachstum hat sich verlangsamt – sowohl in der Schweiz, aber auch anderswo.» Salvi glaubt jedoch nicht, dass der zukünftige Arbeitsplatz so aussehen wird, wie er in vielen Science-fiction-Spielfilmen gezeigt wird: «Wir werden kaum Excel-Hologramme mit Virtual-Reality-Brillen in der Luft anklicken. Die wichtigsten Veränderungen sind viel subtiler. Sie betreffen die Arbeitsformen und die Art, wie wir miteinander zusammenarbeiten.» In Sachen digitaler Wandel sieht Salvi die Dienstleistungsbranchen am meisten betroffen, weil hier die Bedeutung des physischen Kapitals kleiner sei: «In der Bauwirtschaft ist das weniger der Fall.

Mensch vs. Maschine

Maschinen sind nicht per se etwas Schlechtes. Und sogar die geschätzte Kundschaft interagiert und kooperiert mittlerweile mit Computern. Auch Marco Salvi sieht längst nicht nur Gefahren, sondern auch Chancen: «Schon seit gut 200 Jahren ersetzen Maschinen die menschliche Arbeit, die ja dadurch nicht knapper geworden ist – im Gegenteil. Die Löhne sind stark gestiegen und die Arbeitsbedingungen haben sich stark verbessert. Ich sehe nicht, warum es mit der Digitalisierung anders sein sollte. Klar: Neue Maschinen lassen alte Berufe verschwinden. Im 19. Jahrhundert war fast in jedem Dorf eine Schmiede anzutreffen. Mittlerweile sind sie völlig verschwunden. Dafür sind vom Programmierer bis zum iPad-Zauberer neue Berufe entstanden, die eine komplementäre Beziehung zu den neuen Technologien haben.»

Stellenabbau zulassen

A propos Schmiede: Wie kann man verhindern, dass sich Unternehmen auflösen? Oder brauchen sie einfach neue Strukturen? – Marco Salvi meint dazu bewusst provokativ: «Das Auflösen von alten Unternehmen bildet den zerstörerischen Teil der ‹kreativen Zerstörung›, die den Strukturwandel charakterisiert. Es gibt aber auch den kreativen Teil. In der Tat ist es aber immer eine grosse Herausforderung, Innovation in alten Strukturen einzuführen. Deshalb ist es wichtig, dass wir es als Gesellschaft zulassen, dass Arbeitsplätze auch verschwinden können. In diesem Sinne sind die Automatisierung und die Digitalisierung sogar eine Voraussetzung für die Schaffung von neuen Jobs.»

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