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20 Juli 2019

Zwischen Mensch und Maschine.

Transhumanismus ist die Idee, die Grenzen menschlicher Möglichkeiten zu verschieben. Noch handelt es sich dabei um ein Nischenphänomen. Das Potenzial der transhumanistischen Ansätze ist umso grösser – und könnte bald alle betreffen.

Transhumanisten oder Cyborgs wünschen sich übermenschliche Fähigkeiten. Sie sehen sich selbst zum Fortschritt verpflichtet, weil sie der Ansicht sind, dass er so oder so nicht aufzuhalten sei. Ihrer Weltanschauung folgend lassen sie sich Implantate einpflanzen und träumen von der Unsterblichkeit.

Der erste Cyborg der Welt

Einer von ihnen ist Neil Harbisson. Wo er auch ist, er fällt auf. Es ist nicht seine ausgefallene Frisur, die Blicke auf sich zieht, sondern das, was an seinem Hinterkopf zwischen den Haaren aus dem Schädel zu wachsen scheint. Neil Harbisson trägt eine Antenne, eingepflanzt in seinem Kopf. Er, der von Geburt an nur schwarz und weiss unterscheiden konnte, hat seinen eigenen Weg gefunden, die Welt in Farben wahrzunehmen. Die Antenne, deren Ende vor seiner Stirn baumelt, nimmt Lichtwellen wahr, die von unterschiedlichen Farben in unterschiedlichen Frequenzen ausgehen. Sie übersetzt diese Signale in Vibrationen, die auf Harbissons Schädel treffen. Jede Farbe hat ihre eigene Frequenz – mit seiner Antenne kann Neil Harbisson Farben hören. Die Töne zu unterscheiden, das ist für den gelernten Pianisten kein Problem. Mit seinem neuen «Körperteil» kann er mehr Farben wahrnehmen als der Durchschnittsmensch: Die Antenne erkennt auch Infrarot und Ultraviolett. Die Regierung Grossbritanniens hat die Antenne, die übrigens den Namen «Eyeborg» trägt, als Körperteil von Neil Harbisson anerkannt und ihn somit zum ersten «offiziellen» Cyborg der Welt gemacht.

Es wäre ja völlig abstrus, auf dem Stillstand zu beharren, wenn ich besser sein kann als ich jetzt bin.

Mike Schaffner, Transhumanist
Internationale Bewegung

Genau wie anderen Subkulturen geht es auch Cyborgs darum, offiziell als solche anerkannt zu werden. Was Neil Harbisson gelungen ist, ist noch lange nicht der Standard. Cyborgs sehen sich mit ihren Implantaten nicht mehr als Menschen: Die Definition des Begriffs schliesse weder künstliche Körperteile noch die Wahrnehmung von «übermenschlichen» Sinnen ein, argumentieren sie. Deshalb bezeichnen sie sich selbst als Trans-Spezies. Aus diesem Grund hat Neil Harbisson gemeinsam mit zwei Freunden die internationale Transspecies Society gegründet. Sie bietet Menschen wie ihnen eine Plattform, sich auszutauschen und an neuen Implantaten zu tüfteln. Die Gemeinschaft, bestehend aus Cyborgs, Künstlern und Philosophen, existiert seit 2017. Was alle Mitglieder der Transspecies Society eint: Sie glauben, durch Eingriffe ihrer wahren Identität näherzukommen. Den Cyborgs geht es nicht nur darum, ihre Sinne zu erweitern, sondern das Ganze auch als Kunstbewegung zu etablieren. Die Cyborg-Kunst bricht dabei mit der herkömmlichen: Cyborgs verstehen sich gleichzeitig als Künstler, als Kunstwerk, als Ort der Kunst und als Publikum, das die Kunst konsumiert.

Harsche Kritik

Dass ein neues Sinnesorgan auch Probleme mit sich bringen kann, scheint Cyborgs nicht abzuhalten. Auch durch regelmässige Anfeindungen lassen sie sich nicht von ihrem Weg abbringen. Kritiker betonen, die Medizin sei dazu da, kranke Menschen zu heilen, und nicht, um gesunde zu «optimieren». Gläubige argumentieren mit der Religion: Wer versucht, sich selbst durch Sinneserweiterung zu verändern, sei nicht zufrieden damit, wie Gott die Menschen erschaffen habe. In diesem Sinne wird die Cyborg-Bewegung als eine Art Blasphemie angesehen. Der bekannteste Schweizer Vertreter der Szene heisst Mike Schaffner. Er trägt selbst mehrere Implantate unter der Haut, mit denen er unter anderen seine Wohnungstür entriegeln kann. Kritik steckt er locker weg: «Von dem ganzen Gott-Gedanken halte ich nicht viel. Ich bin nicht zufrieden, so, wie ich geschaffen bin. Deswegen mache ich mich besser. Das hat nichts mit Gott zu tun.» Er findet, man solle die Möglichkeiten, die der aktuelle Stand der Technologie bietet, nutzen: «Ich kann mehr aus mir selbst rausholen, mehr erleben. Es wäre ja völlig abstrus, auf dem Stillstand zu beharren, wenn ich besser sein kann, als ich jetzt bin.»

Es ist definitiv schwieriger, ein Chip zu tracken als ein Handy.

Mike Schaffner, Transhumanist
Angst vor dem «Big Brother»

Was gewisse Leute vor Implantaten abschreckt, ist die Angst vor Überwachung. Mike Schaffner relativiert die Behauptung, mit einem Implantat auf Schritt und Tritt verfolgt zu werden: «Faktisch gesehen ist das falsch. Die Chips sind passiv. Sie sind einfach da und werden nur getrackt in dem Moment, in dem wir sie verwenden.» Für ihn bieten Implantate sogar Vorteile, was die Überwachung anbelangt: «Es ist definitiv schwieriger, einen Chip zu tracken als ein Handy. Das Handy ist das Durchsichtigste, was wir besitzen.» Die Erklärung dafür ist simpel. Ein implantierter Chip funktioniert mittels Near Field Communication (NFC). Wer ihn auslesen will, darf nicht mehr als einige Zentimeter davon entfernt sein. Trägt man den Chip in der Hand, fällt das garantiert auf. Aber selbst der überzeugte Visionär Schaffner sieht Grenzen, beispielsweise bei Implantaten im Gehirn: «Sobald es darum geht, dass ich Erinnerungen und Wissen speichern und erzeugen kann, habe ich das Problem, dass die Erinnerungen falsch sein können.» Gerate die Technik in falsche Hände, könnte das eine grosse Gefahr darstellen, ist Schaffner überzeugt: «Man kann mir dann auch falsche Erinnerungen einpflanzen und das macht Menschen einfach manipulierbar.»

Der nächste Schritt

In Schweden, wo die Technik breiter akzeptiert ist als hierzulande, gibt es bereits Firmen, die auf Implantate setzen. In Stockholm steht ein Bürokomplex, in dem Mitarbeiter mit Chips Türen öffnen, Kopierer bedienen und Daten austauschen. Experten sind davon überzeugt, dass die Entwicklung nicht zu stoppen ist. Mike Schaffner ist sich sicher, dass bald der nächste Meilenstein erreicht wird: «Ich denke, im Verlauf dieses Jahres werden Bezahlimplantate kommen und damit die Möglichkeit, kontaktlos mit der Hand zu bezahlen. Das könnte die erste Art von Implantaten sein, die Potenzial hat, mehrheitsfähig zu werden.» Grundsätzlich sieht er das grösste Zukunftspotenzial in der allgemeinen Leistungsfähigkeit des Individuums. Wichtig sei aber, eine soziale Ungleichheit zu vermeiden: «Die Gesellschaft muss sich komplett verändern, damit alle gleich davon profitieren können. Es darf nicht dazu kommen, dass wir eine herrschende Oberschicht haben, die technologisch auf einem Gott-Level ist, und eine Unterschicht, die sich fügen muss.»

Ich denke, im Verlauf dieses Jahres werden Bezahlimplantate kommen.

Mike Schaffner, Transhumanist
Fernziel Unsterblichkeit

Denkt man die Idee des Transhumanismus konsequent zu Ende, kommt man unweigerlich mit dem ewigen Leben in Kontakt. Vertreter der Denkbewegung sind überzeugt, eines Tages jedes beliebige Organ des Menschen durch Technik ersetzen zu können und vor allem davon, den Verstand zu konservieren. Laut Mike Schaffner gibt es unter Transhumanisten verschiedene Ansätze, wie die Unsterblichkeit erreicht werden kann: «Ist es eine biologische Unsterblichkeit, ist es eine digitale Unsterblichkeit? Das steht alles noch in den Sternen.» Im Falle einer biologischen Unsterblichkeit müssten Menschen auf andere Planeten ausweichen, um den Platzmangel zu umgehen, schlägt Schaffner vor. Eine digitale Unsterblichkeit wäre im Vergleich deutlich ressourcenschonender: «Das Konzept heisst ‹Mind Uploading›. Man lässt eine digitale Kopie unseres Verstandes entweder in einem Roboterkörper oder sonst irgendwo auf einem Server weiterlaufen.» Ob Mike Schaffner das noch erleben wird, ist ungewiss. Was hingegen klar ist: Transhumanisten werden auch in Zukunft von sich reden machen – und vielleicht schon bald kein Nischenphänomen mehr sein.

Text: Stefan Marolf

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