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Zurich
20 September 2019

Grosse Liebe oder bittere Enttäuschung?.

Es ist ein Internetbetrug, der nicht nur die Geldtaschen, sondern auch die Gefühle der Opfer missbraucht. Sogenannte Romance Scammer täuschen auf Dating-Plattformen die grosse Liebe vor, obwohl sie nur das Geld wollen. Weshalb sich immer wieder Personen täuschen lassen und wie sie nach der grossen Ernüchterung damit umgehen? Die in Zürich tätige Psychologin Diane Dvorsky über Liebeskummer, Gutgläubigkeit und Enttäuschung. 

Diane Dvorsky, die Maschen von Romance Scammern, also Liebesbetrügern im Internet, sind bekannt. Weshalb fallen trotzdem immer wieder Personen darauf rein?

Es geht dabei vor allem darum, dass die Leute im Leben danach suchen, was sie sich wünschen. Gerade eine Beziehung ist etwas, das viele Menschen anstreben. Wenn die Betroffenen dann meinen, «endlich» einen tollen Menschen gefunden zu haben, lassen sie sich gerne darauf ein.

Welche persönlichen Eigenschaften weisen solche Opfer oftmals auf?

Grundsätzlich kann jeder und jede betroffen sein. Häufiger sind jedoch Leute betroffen, die einerseits zu wenig Wissen über das Funktionieren der sozialen Medien haben, und andererseits eher dazu tendieren, etwas lieber glauben zu wollen statt dies objektiv zu hinterfragen.

Bei den Opfern, deren Zahl überhaupt bekannt ist, handelt es sich zum grösseren Teil um Frauen. Können Sie einschätzen, weshalb? 

Diese Zahlen sind noch zu wenig erforscht, deshalb kann man dazu noch keine Aussagen machen. Man kann heute noch nicht davon ausgehen, dass tatsächlich mehr Frauen betroffen sind. Es kann durchaus sein, dass Männer ein solches Vorkommnis weniger berichten oder zugeben. 

Grundsätzlich kann jeder und jede betroffen sein.

Weshalb verlieben sich Personen in jemanden, den sie noch nie gesehen haben?

Das gab es schon früher beispielsweise über Brieffreundschaften. Grundsätzlich ist es eine menschliche Fähigkeit, sich sowohl schriftlich als auch gedanklich austauschen zu können, ohne sich zu sehen. Menschen können deshalb rein über Mitteilungen zu jemand anderem eine Verbindung aufbauen und sich dieser Person nahe fühlen. Wenn jemand das Gefühl hat, dass der andere Mensch ihm ähnlich ist, denselben Humor hat oder die gleichen Ideen, dann ist ein Verlieben durchaus möglich.

Mit welchen psychologischen Tricks bringen die Täter die betrogenen Personen dazu, Geld tatsächlich zu überweisen, obwohl das vermeintliche Liebespaar sich noch nie gesehen hat?

Die Täter sind spezifisch geschult und gehen in Stufen vor, welche immer dieselbe Reihenfolge haben. In einem ersten Schritt erzeugen sie bewusst Nähe, Vertrauen und «idealerweise» Verliebtheit indem sie darauf achten, was sich die betroffene Person wünscht. Anschliessend gehen die Täter gekonnt auf diese Bedürfnisse ein. Im nächsten Schritt wird dann Bedürftigkeit vorgegaukelt. Irgendetwas sei «plötzlich» passiert, oder die Täterschaft sei «krank» und benötige dringend Hilfe, natürlich in Form von Geld. Falls das Opfer nicht darauf eingeht, wird es in einem nächsten Schritt deutlich unter Druck gesetzt, indem ihm vorgeschwindelt wird, dass es um Leben und Tod gehe. Dies kann so weit gehen, dass dem Opfer gefälschte Dokumente von vermeintlich juristischen Personen zugesendet werden. Ein weiterer Schritt kann danach Erpressung mit intimen Bildern sein, die man allenfalls in der ersten Verliebtheitsphase ausgetauscht hat.

Hat der Mensch im Internet einen anderen Wirklichkeitsbezug als im realen Leben? Wenn ja, weshalb ist das so?

Hier spielt eher die Medienkompetenz des Opfers eine Rolle. Aber grundsätzlich gilt, je mehr eine Person etwas glauben will, desto eher lässt sie sich auf etwas Gewünschtes ein, auch in der Wirklichkeit. Es gibt auch im echten Leben Liebesbetrüger. Aber im Internet ist es einfacher und vor allem viel effizienter zu bewerkstelligen.

Die Täter sind spezifisch geschult und gehen in Stufen vor.

Wie reagieren betroffene Personen, wenn sie erfahren, dass sie betrogen wurden?

Unterschiedlich, manche nehmen dies nicht so schwer. Viele reagieren jedoch mit Fassungslosigkeit und Scham, dass ihnen das passieren konnte. 

Weshalb gibt es betroffene Personen, die einen solchen Betrug nicht wahrhaben wollen?

Je mehr Gefühle und Geld man bereits investiert hat, desto grösser wiegt der Verlust. Irgendwann setzt bei der Aufklärung jedoch meist die Realität ein.

Welche psychologischen Möglichkeiten gibt es, um sich gegen einen Liebesbetrug zu schützen?

Einen 100-prozentigen Schutz gibt es nicht. Auf jeden Fall darf man den gesunden Menschenverstand nicht verlieren. Zudem ist es wichtig, sich zu hinterfragen, ob dies etwas ist, das man sich unbedingt wünscht und es deshalb so rosarot sieht. Des Weiteren sollte man nach den Nachrichten der Täter und den gesendeten Dokumenten im Internet recherchieren, ob diese bekannt sind. In den allermeisten Fällen findet man Antworten in Foren, welche dann unverkennbar vor «Achtung Scam!» warnen.

Worauf achten Sie bei der Behandlung betroffener Personen?

Es ist wichtig für die Opfer, die Relationen wiederherzustellen. Der betroffenen Person muss das Wissen vermittelt werden, dass die Betrüger unsere menschlichen Schwächen gezielt ausnutzen und dies akribisch planen. Zweitens geht es darum, die Scham zu bewältigen und zu erkennen, dass man nicht die einzige betroffene Person ist. Diese Phase der Erkenntnis dauert am längsten. Drittens bespreche ich vorbeugende Massnahmen, um möglichst eine Wiederholung zu vermeiden. Dies erübrigt sich jedoch meist, da diese Menschen nach einer Erfahrung mit Romance Scammern «geheilt» sind.

Wie kann man nahestehenden Personen helfen, welche in solch eine Betrügermasche gerieten?

Wichtig ist, Verständnis zu zeigen. Mit Worten wie «wie kann man nur so dumm sein» vergrault man das Opfer. Man sollte eher Verständnis zeigen und erklären, dass das vielen passieren kann und auch bereits passiert ist, weil explizit menschliche Wünsche und Bedürfnisse ausgenutzt werden. Und: Wissen vermitteln! Als nahestehende Person kann man im Internet recherchieren und den Betroffenen direkt aufzuzeigen, dass dieselbe Vorgehensweise in Massen verwendet wird.

Romance Scamming

Das Romance Scamming, oder auch Love Scamming genannt, ist eine spezielle Form des Internetbetrugs und eine neue Variante des Heiratsschwindels. Auf kostenlosen Singlebörsen oder Dating-Apps gaukeln meist professionelle Banden aus Nigeria oder Ghana mit einem falschen Profil die grosse Liebe vor. Unter dem falschen Profil stellen sich die Täter meist als gutaussehende Briten oder US-Soldaten vor. Was mit einem Flirt beginnt, steigert sich zu grossen Liebesbekundungen. Das Ziel ist es, auf diesem Weg Geld des Opfers zu erhalten.

Text: Tina Spichtig

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