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Zürich
30 Mai 2020

Für den Rest des Lebens reisen.

Monika Kohler* macht das, wovon viele träumen. Ihr Leben besteht daraus, zu reisen. Sie und ihr Lebenspartner sind mit dem Camper unterwegs und entdecken die Welt. Wo sie ihre Reise noch hinführen wird, weiss sie noch nicht genau, aber es bleibt mit Sicherheit abenteuerlich.

Es ist ein klarer Morgen, Wolken finden sich keine. Die Sonne bringt um 8 Uhr in der Früh schon eine Portion Wärme mit sich. Die morgendliche Aufbruchsstimmung zeigt sich an den Pendlern, welche sich noch kurz bevor der Zug fährt, einen frisch gebrühten Kaffee in der Bäckerei holen. Auf dem Fahrrad kommt sie rasch angefahren und parkiert ihr Velo im Fahrradständer direkt neben der Backstube. Sportlich gekleidet, mit kurzen Hosen und Turnschuhen, betritt Monika den Egli Beck und bestellt einen Café crème. Umgeben vom Duft von frischgebackenem Brot, erzählt sie von den interessantesten, gefährlichsten und lustigsten Momenten ihrer Reise.

Inspirierende Bilder

Alles begann vor rund zwanzig Jahren. Damals wurde Monika zum Reisen inspiriert. Seither hat sie das Reisefieber nicht mehr losgelassen. Der Bruder ihres Lebenspartners hat seine erste grosse Reise nach Japan unternommen. Alle paar Tage schickte er einen Brief mit Dias drin. Diese Bilder durfte Monika anschauen, sie musste die Bildqualität überprüfen und dem Bruder Bescheid geben, falls mit der Kamera etwas nicht in Ordnung war. Monika fand dadurch Inspiration zum Reisen. «Das will ich einmal mit eigenen Augen sehen!», dachte sie. Daraufhin begann sie mit der Planung für ihre erste grosse Reise mit Andreas*, ihrem Lebenspartner. Die beiden haben beschlossen, zuerst Australien und anschliessend die Vereinigten Staaten während zweier Jahre zu bereisen.

Ausgestattet mit einem Auto und einem Dachzelt machten sie sich auf den Weg. Das Auto wurde in einem Container von Hamburg nach Sydney verschifft. Obwohl sie nur wenig Privatsphäre und Platz hatten, genossen sie die Reise in vollen Zügen. Damals trafen sie ein Pärchen aus Zürich, welches einen Camper besass und das Leben mit Reisen verbrachte. Monika war schwer beeindruckt davon. Sie begann sich Gedanken zu machen, wie sie ihr eigenes Fahrzeug in einen Camper verwandeln könnte. Mit dem Dachzelt allein wollte sie nicht nochmals solch eine lange Reise unternehmen.

Als das erste grosse Abenteuer zu Ende war und die Arbeit wieder rief, war Monika etwas überfordert. Für sie war es eine Herausforderung, wieder in den Arbeitsalltag zurückzufinden, wie sie selbst sagt. Sie war als Beraterin tätig und das verlangte ihr viel Aufmerksamkeit und Energie ab. Obwohl ihr der Job sehr gefiel, war es nach so einer langen Zeit ohne regelmässiges Arbeiten nicht leicht, wieder damit anzufangen. Also schmiedete sie zusammen mit Andreas den Plan, von nun an zu sparen, sodass sie sich früher pensionieren lassen können, um so lange wie möglich zu reisen. Deshalb begannen sie bald darauf mit dem Umbau ihres Fahrzeugs in einen Camper.

Zuerst schnitten sie ihr Fahrzeug, einen Toyota Landcruiser, hinter der Führerkabine durch. Anschliessend bauten sie eine Wohnkabine auf das Heck des Landcruisers. Der Innenraum ist zwar nicht sehr gross, hat aber alles, was man zum Wohnen braucht: ein Bett, eine kleine Küche, ein Tisch, Sitzbänke und ein winziges Badzimmer. Auf dem Dach des Campers befinden sich Solarzellen zur Stromproduktion.

Life is a journey not a destination

Der Beginn einer Reise fürs Leben

Vor rund zwei Jahren haben Monika und Andreas das Abenteuer endlich gestartet. Auf einem Frachtschiff überquerten die beiden mit ihrem Gefährt den grossen, weiten Atlantik. Die Überfahrt dauerte etwas mehr als fünf Wochen. Lediglich einige Tage davon verbrachten sie an Land. Trotzdem bestätigt Monika: «Es war ein guter Start in die Reise, schön langsam, wir konnten uns entspannen, Tischtennis spielen und auf Deck ein paar Runden drehen. Ausserdem haben wir sehr lecker gegessen, da das Schiff von einer italienischen Besatzung geführt wurde.» Man sei jedoch schon etwas «ab von der Welt», so ganz ohne Handyempfang und Kontakt zur Aussenwelt.

Irgendwie erinnerte es an das «Reisen von früher», meint Monika. Damals war das Ganze noch abenteuerlicher, man musste richtige Landkarten lesen und konnte nicht einfach auf Google Maps nachschauen, wo man sich befindet. Zudem gab es noch kein Internet und auch Telefonieren war noch immer teuer. Wir benutzten also – wie damals üblich – eine Post-restante-Adresse und teilten unseren Freunden und Familien mit, wann wir etwa wo sein werden. So konnten diese dann Briefe und Pakete an die jeweiligen Destinationen schicken. Dies war die einzige Möglichkeit zur Kontaktaufnahme.

Allerdings ist das Internet natürlich schon praktisch. So ist man näher bei den Menschen zu Hause und erfährt, was alles so geschieht. Mithilfe des Internets ist es einfacher geworden, von Reisen zu erzählen. Monika und Andreas betreiben eine eigene Webseite, auf welcher sie von ihren Reisen berichten und Fotos hochladen. So hat Monika die Möglichkeit, ihre Erlebnisse mit all ihren Freunden von zu Hause zu teilen. Trotzdem sei es nicht immer einfach, den Freunden zu erklären, wie ihr Leben funktioniert. Ab und zu fühle sie sich etwas missverstanden, erklärt Monika. Das kommt vielleicht auch daher, dass sie selbst sehr daran interessiert ist, was andere tun.

Mein grösster Luxus ist, dass ich keinen Wecker mehr benutzen muss.

Leben als Nomaden

Monikas aktueller Lebensstil ist nicht immer nur erholsam – im Gegenteil. Meistens ist er ziemlich anstrengend. Man muss jeden Tag planen, wo man als nächstes hin will, wie man am besten dahin kommt, wann man wieder einkaufen kann und wo man den Wasser- und Gastank füllen kann. Zudem muss man immer bereit sein für Überraschungen, denn man weiss trotz Planung nie, was der nächste Tag noch bringen wird. «Es ist wichtig, dass man flexibel bleibt, wir haben ja schliesslich keinen Zeitdruck und dann ist es auch nicht so schlimm, wenn wir mal nicht so weit kommen wie geplant.»

Ab und zu kommt es auch vor, dass man keine neuen Eindrücke mehr aufnehmen will oder kann. «Das kam gerade erst vor», schildert sie. Nachdem sie einen Monat auf dem Salar Uyuni, dem grössten Salzsee der Welt, auf etwa 4 000 Meter über Meer verbrachte. Anschliessend waren sie und Andreas auf der Lagunenroute unterwegs. «Die Landschaft war unbeschreiblich, eines der eindrücklichsten Erlebnisse meiner Reisen, trotzdem hatte ich plötzlich genug davon und brauchte eine Pause, um die Eindrücke und Erlebnisse zu verarbeiten.» In solchen Fällen geht Monika am liebsten auf einen schönen Campingplatz und erholt sich da einige Tage.

Manchmal sind auch die Wetter- und Klimaverhältnisse ziemlich streng und das kostet viel Energie. Als Monika dieses Jahr das Feuerland im Süden Argentiniens bereiste, überraschte sie der eisige Wind, der dort auch im Sommer herrschte und sie war froh, als es wieder nordwärts ging und die Temperaturen stiegen. Trotzdem war es eine landschaftlich wunderschöne Region. Insgesamt ist Monika begeistert von ihrem «neuen» Leben. «Mein grösster Luxus ist, dass ich keinen Wecker mehr benutzen muss.» Das heisst jedoch nicht, dass sie jeden morgen ausschläft. Ein typischer Reisetag mit Monika beginnt zwischen 7 und 8 Uhr morgens. Dann machen sie und Andreas sich fertig für den Tag, essen ein kleines Frühstück und fahren los. Je nachdem, wo sie sich gerade befinden, wird vorher noch getankt oder eingekauft.

Unerklärliches Verhalten

Gerade in Südamerika muss oft die Grenze überquert werden, da sich verschiedene Länder auf relativ engem Raum befinden. Das ist nicht immer ganz einfach. Die südamerikanischen Grenzübergänge sind nicht umsonst berüchtigt. Viele Szenen aus Filmen und Bücher handeln davon. Monika hat selbst schon einige interessante Situationen miterlebt. Mit dem Schweizer Pass hat man automatisch ein Visum für 90 Tage Aufenthalt pro Land. Man muss also nach spätestens 90 Tagen das Land verlassen, darf aber theoretisch einen Tag später wieder einreisen und wiederum für 90 Tage bleiben.

Wie einfach oder mühsam ein Grenzübergang passiert werden kann, hänge ganz von den Beamten vor Ort ab, meint Monika. In der Regel darf man aber nicht alle Lebensmittel einführen, vor allem Früchte und Gemüse seien problematisch, weil dadurch Keime verteilt würden. Monika hat also gelernt, zu planen, wann und was sie einkaufen geht, damit sie nicht alles an der Grenze wegwerfen muss. Monika ergänzt: «Trotzdem braucht man etwas Reserve, man weiss ja nicht, wann der nächste Supermarkt kommt.»

Verständnislos erzählt mir Monika die Geschichte des skurrilsten Grenzübergangs, den sie bisher erlebte. Der Grenzübergang befindet sich in der Region des Feuerland, Andreas und Monika wollten von Argentinien nach Chile. An der Grenze angekommen trugen die Beamten Trainerhosen, der Computer und das Telefon waren kaputt. Internet gab es keines. «Wir mussten einen Zettel ausfüllen. Plötzlich kam ein weiterer Beamter und wollte das Auto durchsuchen», erklärt Monika. Sie sollten Gewürze und auch sonst alle Lebensmittel, welche man bisher immer behalten durfte, wegschmeissen. Gerade als sie sich bereit machten, alles was möglich war einzukochen, kam ein anderer Beamter, machte die Schranke auf und meinte, dass sie weiterfahren sollten. Sie waren zuerst nicht sicher, ob dies eine Falle sei, aber trotzdem fuhren sie weiter und glücklicherweise folgte ihnen niemand.

Ein Freund von Monika, ein Engländer, erzählte ihr einst, dass er die Grenze nicht passieren durfte, weil er das Lenkrad auf der anderen Seite hatte. Er musste umkehren und sein Glück an einem anderen Grenzübergang versuchen. Solche Entscheide kann Monika mit ihrer schweizerischen Art nicht nachvollziehen.  Ab und zu vermisst sie die Schweiz eben doch ein bisschen. Vor allem, dass man sich einfach frei bewegen kann und dass es überall gekennzeichnete Wanderwege gibt, von denen man weiss, wie lange sie sind und wo diese hinführen. Das ist nämlich nicht selbstverständlich. Gerade in Südamerika sind viele Grundstücke eingezäunt und im Besitz von Grossgrundbesitzern.

Mit Einheimischen hat Monika wenig Kontakt, da ihr Spanisch für eine längere Unterhaltung nicht fliessend genug ist. Andreas spricht leider gar kein Spanisch. Einladungen von zufälligen Bekanntschaften nimmt sie deshalb nur ganz selten an, obwohl sie weiss, dass sie mit dieser Entscheidung sicher auf viele bereichernde Momente verzichtet. Trotzdem ist die Vorsicht die Mutter der Porzellankiste. Dies betrifft auch die Auswahl und die Zubereitung der Lebensmittel, sowie die Qualität des Trinkwassers. Erkrankungen aufgrund von schlechten Lebensmitteln möchte man auf Reisen, vor allem aber auf Reisen mit dem Camper vermeiden.

Es ist nicht alles selbstverständlich

Monika lernt viel auf ihren Reisen, aber hauptsächlich wird sie sich öfters bewusst, dass nicht alles, was wir hier in der Schweiz haben, selbstverständlich ist. Wenn beispielsweise die Regale im Supermarkt halb leer seien oder wenn es keinen Diesel mehr gebe, müsse man damit umgehen können. Solche Dinge seien in Südamerika an der Tagesordnung. Trotzdem liessen die Südamerikaner sich davon nicht verärgern. «Sie haben eine bestimmte Gelassenheit, die wir bei uns nicht kennen.» Monika versucht das immer mehr selbst anzunehmen, aber es fällt ihr nicht leicht. «Was wir zum Beispiel immer noch nicht können, ist langsam gehen. Wenn wir in einer Stadt unterwegs sind, überholen wir alle Leute um uns herum, weil sie viel langsamer gehen.» Auch anstehen können die Südamerikaner viel besser. Sie stehen in der Schlange – während Stunden – und warten, bis sie an der Reihe sind, um Rechnungen zu bezahlen, Geld abzuheben oder eine Briefmarke zu kaufen. 

Reise-Empfehlung

Wenn man reisen gehen will, ist es sicher von Vorteil, wenn man einige Fremdsprachen beherrscht. Man kann nicht davon ausgehen, dass alle Englisch sprechen. «Ich spreche Deutsch, Englisch, Französisch und Spanisch. Nicht alle perfekt, aber es reicht, um mich zu verständigen.»

Monika rät zwar nicht davon ab, alleine zu reisen, sie selbst hat es allerdings noch nie ausprobiert. Aus Erfahrung weiss sie, dass die Minderheit ohne Begleitung reist. Frauen sehe man sehr selten alleine unterwegs. Wenn man alleine reist, trifft man sicherlich noch viel mehr Menschen als zu zweit. Man müsse sehr offen sein und auf andere Leute zugehen. Gefährlich sei es aber nicht, solange man sich an die normalen Vorsichtsmassnahmen halte. Diese beinhalten beispielsweise, nicht nachts zu fahren.

Monika empfiehlt als erstes Australien zu bereisen. «Der Kontinent ist landschaftlich schön und allgemein sehr vielfältig. Es hat Strände, Tiere, Wüsten, Städte und vieles mehr. Man kann auch verschiedene Arten des Reisens ausprobieren. Ob mit dem Zug, Bus, Auto oder Flugzeug, in Australien ist alles möglich. Auch die Sprache und Kultur sind nicht so schwierig, deshalb ist das Land relativ einfach bereisbar. Von der Zeitdauer her lohne es sich, ein halbes Jahr reisen zu gehen, so habe man wirklich Zeit, etwas zu sehen und merke auch, ob einem das Reisen gefalle, erklärt Monika.

Es ist an der Zeit, das nächste Abenteuer zu starten.

Die Reise geht weiter

Mit ihrem Lebensmotto «Life is a journey not a destination», bereist Monika zusammen mit Andreas die Welt. Wohin sie die Reise noch überall führen wird, wissen die beiden nicht genau, aber Monika hat noch viele Reiseziele, soviel ist sicher. Der afrikanische Kontinent fasziniert sie sehr, am meisten interessieren sie die Länder Südafrika, Namibia oder Botswana. Konfliktregionen wie beispielsweise Zentralafrika meidet Monika im Allgemeinen. Vorerst bleiben sie und Andreas allerdings noch eine Weile in Südamerika. Da möchten sie unbedingt noch die Galapagos-Inseln erkunden. Ausserdem möchte Monika unbedingt nochmals nach Australien. In Monikas Augen ist ein Leuchten zu sehen, wenn sie über die zukünftigen Reiseziele nachdenkt. Nach der viermonatigen Reiseauszeit, die sie in der Schweiz verbrachte, freut sie sich, ihre Reise endlich fortsetzen zu dürfen. «Es ist an der Zeit, das nächste Abenteuer zu starten.»

*Namen wurden geändert

Text: Lea Zoss

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