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17 Oktober 2019

Mehr Nägel mit Köpfen statt «Pflästerli-Politik».

Bei Energiefragen nimmt Christoph Rutschmann von Holzenergie Schweiz kein Blatt vor den Mund.

Immer mehr Menschen machen sich Gedanken zu Energie und Umwelt. Für Christoph Rutschmann vom Verein Holzenergie Schweiz ist dies eine gute Entwicklung: «Vieles liegt im Argen», sagt er. «Massgebliche Kräfte der alten und schädlichen Energiequellen halten krampfhaft an ihren Pfründen fest. Wohlwissend, unserer Umwelt damit einen Bärendienst zu erweisen. Die mit der heutigen Energieversorgung verbundenen Probleme werden immer offensichtlicher. Das Bewusstsein, dass es schnelle und tiefgreifende Änderungen braucht, zieht immer weitere Kreise.»

«Enkeltaugliche» Energie

Christoph Rutschmann sieht Holz als eine zukunftsfähige – er braucht hier gerne auch das Wort «enkeltaugliche» – Energieversorgung. Holz könne kurz- und mittelfristig von allen einheimischen und erneuerbaren Energien den grössten Beitrag leisten: «Im Wald wächst viel mehr Holz nach als wir nutzen, nicht nur in der Schweiz. Holzenergie Schweiz fordert deshalb eine nachhaltige Waldbewirtschaftung. Das entlastet nicht nur unser Klima um 1,5 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr, sondern schafft im ländlichen Raum eine hohe Wertschöpfung und sichere Arbeitsplätze.»

Viel Luft nach oben

Für die Zukunft liegt die Lösung in der Nutzung verschiedener Energiequellen wie etwa Holz, Solarenergie (Photovoltaik und thermische Nutzung) oder Umweltwärme (Wärmepumpen): «Alle haben noch sehr viel Luft nach oben, so dass man den gesamten Gebäudebestand in der Schweiz damit ganz locker zu 100 Prozent beheizen könnte. Wenn bis 2050 der Energieverbrauch der Gebäude halbiert wird, dann könnten Holz, Solarenergie und Umweltwärme je etwa einen Drittel der Gebäude mit Wärme versorgen. Heizöl und Erdgas werden in diesem unbedingt zu erreichenden Szenario ‹Dekarbonisierung› als Wärmequellen keine nennenswerte Rolle mehr spielen. Man wird sie für Gescheiteres brauchen als Sie einfach nur zu verbrennen.»

Energieholz mehr nutzen

Gemäss Christoph Rutschmann könnte man mit all dem Holz in der Schweiz bis zu 500 000 EFH beheizen: «Ich staune immer noch, dass das brachliegende Energiepotential von Holz nicht in den politischen Fokus rückt. Es ist die wohl grösste relativ einfach realisierbare klimapolitische Einzelmassnahme der Schweiz für die nächsten fünf bis zehn Jahren. Die Rechnung ist ganz einfach. Ohne den Wald zu übernutzen und qualitativ höherwertige Holzsortimente zu konkurrenzieren, könnte man zusätzlich etwa 2,5 bis 3 Millionen Kubikmeter Energieholz mehr nutzen. Diese Menge ersetzt gut 500 000 Tonnen Heizöl, dessen Verbrennung unsere Atmosphäre mit mehr als 1,5 Millionen Tonnen CO2 belastet.»

Wälder als Kohlenstoffspeicher

Die SRF-Nachrichtensendung «10 vor 10» präsentierte eine ETH-Studie (1), wonach das Potenzial zur Aufforstung von Wäldern als Kohlenstoffspeicher weit grösser ist als bisher gedacht. Christoph Rutschmann plädiert für eine Unterscheidung: «In vielen Weltgegenden wurde und wird der Wald in rasendem Tempo abgeholzt. Brandrodung ohne Holznutzung ist sogar eine CO2-Quelle. Es folgen dann einige Jahre Ackerbau, anschliessend auf den ausgelaugten Böden Viehwirtschaft und schliesslich versteppt die Landschaft, wird karg, heiss und dürr. Es gibt keine Bäume mehr, die der Atmosphäre CO2 entziehen könnten.» Deshalb sind Aufforstungsmassnahmen wichtig.

Ohne den Wald zu übernutzen und qualitativ höherwertige Holzsortimente zu konkurrenzieren, könnte man zusätzlich zu heute etwa 2,5 bis 3 Millionen Kubikmeter Energieholz mehr nutzen.

Der Kreis schliesst sich

Hierzulande stellt sich die Lage aber anders dar: «Als Forstingenieur weiss ich, dass der Wald in einer relativ jungen Phase (je nach Standortgüte und Baumart zwischen 40 und 80 Jahre alt) den grössten Zuwachs hat und damit der Atmosphäre am meisten CO2 entzieht. Lässt man den Wald stehen und überaltern, sinkt die Aufnahme von CO2 und schliesslich – fatal – wird der Wald zur CO2-Quelle, wenn die Altbestände einem Sturm oder dem Borkenkäfer zum Opfer fallen. Wir postulieren deshalb ganz klar einen nachhaltig bewirtschafteten Wald mit grosser Zuwachsleistung. Dem Wald entnehmen wir Holz als Energieträger und ersetzen damit Öl oder Gas. Qualitativ hochwertiges Holz nutzen wir als Bau- und Rohstoff. Wer ein Holzhaus baut, bindet darin langfristig Kohlenstoff. Das Tolle am Holz ist zudem, dass man es am Ende seiner Produktlebensdauer als CO2-neutrale Energiequelle nutzen kann. So schliesst sich der Kreis.»

Schöne Energiezukunft

Im Pariser Klimaabkommen hat sich die Schweiz verpflichtet, bis 2050 die vollständige Dekarbonisierung zu erreichen. Das heisst: CO2-Emissionen netto Null:  «Ich halte das Ziel für ambitiös, aber erreichbar», meint Christoph Rutschmann abschliessend. «Aber nur dann, wenn wir uns nicht mehr in einer Nabelschau suhlen, sondern die Umstellung engagiert in die Hand nehmen. Gefordert ist heute primär die Politik, die endlich Nägel mit Köpfen anstelle der Pflästerlipolitik machen muss. Sämtliche erneuerbaren Energien, Bau- und Rohstoffe sind nachhaltig zu nutzen. Holz, Sonne, Wind, Geothermie und Umweltwärme werden unsere effizienten Häuser heizen und intelligentere Formen der Mobilität antreiben. Das Schöne an der Energiezukunft ist die Tatsache, dass ein würdiges Leben auch 2050 möglich sein wird».

Text: Mohan Mani

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