14.9 C
Zürich
28 September 2020

Thomas Puschmann fördert mit dem Swiss FinTech Innovation Lab Innovationen.

Wenn es um die digitale Weiterentwicklung der gesamten Finanzbranche geht, dann hat Thomas Puschmann seine Finger im Spiel. Er führt das erste Swiss FinTech Innovation Lab in Zürich, welches international bei den grossen Playern mitmischt. Der FinTech-Experte erzählt, weshalb er zurzeit an der Stanford University ist, welche Relevanz das Thema Nachhaltigkeit hat und mit wem er am liebsten einen Lunch verbringen würde. 


Thomas Puschmann
Thomas Puschmann, Sie sorgen in der FinTech-Szene für eine innovative, digitale und neuzeitliche Finanzbranche. Bezahlen Sie im Supermarkt auch mit Ihrem Handy?

Wo immer das geht, mache ich das. Verglichen mit Ländern wie USA, China oder Schweden ist diese Möglichkeit in der Schweiz aber immer noch eher die Ausnahme.

Seit drei Jahren führen Sie das Swiss FinTech Innovation Lab an der Universität Zürich. Wie steinig war der Weg bis zur Eröffnung?

Erstmals mit FinTech-Themen in Berührung gekommen bin ich 2008/2009. Als ich damals versuchte, Banken von diesem Thema zu begeistern, war die Finanzkrise noch das vorherrschende Thema. Diese Krise war Fluch und Segen zugleich, denn sie führte einerseits für die Banken zu einer Vielzahl an neuen regulatorischen Vorgaben, andererseits ebnete sie die Spur für viele FinTech-Start-ups. Daher war auch der Weg bis zum Lab lang und steinig – eben wie bei einem Start-up. Jedoch war uns klar, dass es ein grosses Unterfangen wird, das damals erste FinTech Lab seiner Art in der Schweiz und eines der ersten weltweit aus der Taufe zu heben. 

Wenn Sie vor 20 Jahren in der Finanzbranche von FinTech gesprochen hätten, wie hätten wohl Ihre Kolleginnen und Kollegen reagiert?

1999 waren wir mitten in einer ähnlichen Technologie-Entwicklung wie heute mit FinTech und Blockchain. Damals war das Internet die Grundlage für die enorme Anzahl an Start-ups in diesem Bereich. Die Auslöser des damaligen Booms und in der Folge der Dotcom-Blase waren die Spekulation auf steigende Aktienkurse, die durch neue technologische Entwicklungen entfacht wurden. Letztlich führten diese weltweit zu einem massiven Absturz der Aktienindizes. Denn in den meisten Fällen war der Wert der Unternehmen nur durch die IT-Infrastruktur und die Mitarbeiter, nicht jedoch durch deren Lösungen begründet.

Allerdings wissen wir heute auch, dass erst später Firmen wie Amazon, Google, Facebook, etc. folgten, die heute zu den wertvollsten Unternehmen weltweit zählen. Auch 20 Jahre später sind es mit FinTech, Blockchain & Co. wieder technologische Neuerungen und wie damals werden viele Start-ups hoch bewertet. Es ist davon auszugehen, dass auch dieses Mal wieder neue Unternehmen, die ähnlich wie Google und Facebook, aus dieser Entwicklungsphase hervorgehen werden, deren Namen wir möglicherweise noch nicht einmal kennen.

Der Präsident der Schweizerischen Eidgenossenschaft trifft sich mit den Schweizerischen und Chinesischen Delegationen. (V.l.n.r.: Felix Moesner, CEO und Wissenschaftskonsul von Swissnex China, Dr. David Chang, Vizepräsident der Shanghai Blockchain Association, Peilung Li, Gründer und Vorsitzender von LUN Partners, Dean Charles Chang von der Fanhai International School of Finance, Fudan University, Herr Ueli Maurer, Präsident der Schweizerischen Eidgenossenschaft und Leiter des Eidgenössischen Finanzdepartements (EFD), Dr. Romeo Lacher, Präsident des Verwaltungsrates von SIX, Dr. Daniela Stoffel, Staatssekretärin für internationale Finanzen, Herr Herbert J. Scheidt, Präsident der Schweizerischen Bankiervereinigung (SBVg), Prof. Thomas Puschmann, Direktor des Swiss FinTech Innovation Lab, Universität Zürich)
Heute gehören Singapur, Hong Kong und London zu den grössten Playern in der digitalen Finanzindustrie. Wie würden Sie die Schweiz einordnen?

Die Schweiz verfügt im internationalen Vergleich über eine gewichtige Finanzbranche. Dies trifft vor allem auf die Vermögensverwaltung und (Rück-)Versicherung zu. Während die Schweizer Banken in der Vergangenheit im internationalen Vergleich eher zurückhaltend bei der Digitalisierung ihrer Prozesse und Geschäftsmodelle waren, haben sich in London, Hong Kong und Singapur sehr schnell florierende Ökosysteme herausgebildet. In Hongkong und Singapur beispielsweise wurden dieses Jahr die ersten Digital-Banklizenzen vergeben. Die Empfänger sind ganz neue Banken wie etwa das Start-up «WeLab», das seine Dienste ausschliesslich über digitale Kanäle anbietet. Parallel hat sich jedoch in der Schweiz eine aktive Krypto- und Blockchain-Szene herausgebildet, die einen sehr starken internationalen Fussabdruck hat. Diese bietet der Schweiz eine grosse Chance, sich in diesem Umfeld zu positionieren. 

Was fehlt der Schweiz im Vergleich zur Konkurrenz noch? 

Ich verbringe gerade ein Forschungssemester an der Stanford University in Kalifornien und erlebe daher den direkten Vergleich. Eine der grössten Herausforderungen ist wohl die Finanzierung von Start-ups. Während dies im Silicon Valley kein Problem darstellt, entsteht in der Schweiz eine entsprechende Wagniskapitalindustrie erst langsam. Ebenso ist die Verflechtung von Industrie und Forschung, wie dies beispielsweise an der Stanford University der Fall ist, in der Schweiz nur annähernd so eng verzahnt. Die Akteure der Innovationswertschöpfungskette besser miteinander zu verbinden und einfachere Finanzierungsmöglichkeiten sind die beiden primären Optimierungsbereiche in der Schweiz.

Sie möchten einerseits mit Ihrem Lab, andererseits mit Ihrem Know-how im Bereich FinTech und Blockchain der Schweizer Szene zu mehr internationaler Visibilität verhelfen. Wie machen Sie das konkret?

Unser Lab hat vier Aktivitätsfelder: Erstens bilden wir in der Lehre unsere Studentinnen und Studenten aus und haben hierzu vollkommen neue Lehrformate ins Leben gerufen. Beispielsweise müssen unsere Studierenden in einem der Kurse eigene Konzepte und Prototypen für Start-ups erstellen, von denen einige bereits auf dem Wege der Kommerzialisierung sind. So möchten wir das Unternehmertum an der Universität verstärken und den Studierenden zeigen, dass es durchaus eine attraktive Variante sein kann, ein eigenes Unternehmen zu gründen. Zweitens forschen wir in neuen Feldern wie etwa dem Bereich Green & Sustainable FinTech. Hierbei sollen die Potenziale der Technologie genutzt werden, um das Finanzsystem insgesamt nachhaltiger zu gestalten. Drittens arbeiten wir eng mit Start-ups und Finanzdienstleistern zusammen, um die Innovationswertschöpfungskette besser zu integrieren. Und viertens bringen wir uns in den politischen Prozess ein, um die Rahmenbedingungen in der Schweiz weiter zu verbessern sowie die Schweiz international gut zu positionieren.  

Was beschäftigt die Forscher im Innovation Lab momentan? 

Neben dem bereits genannten Thema Green & Sustainable FinTech beschäftigen wir uns mit der Digitalisierung von Vermögenswerten über Blockchains im Rahmen digitaler Börsen. Auch im Bereich InsurTech, also digitaler Versicherungslösungen, sind wir aktiv. Zudem etablieren wir gerade eine Kooperation mit der Stanford University im Silicon Valley.

Viele sehen das Aufkommen der FinTech-Unternehmen als eine Revolution im Finanzsektor. Was meinen Sie dazu? 

Von einer Revolution können wir wohl erst in einigen Jahren sprechen, wenn sich die vielen neuen Modelle etabliert haben. Der Prozess auf dem Weg dorthin ist vielmehr eine Evolution. Das bedeutet, dass wir noch viel Geduld brauchen. Wie die Beispiele früherer technologischer Zyklen lehren, benötigen diese Umwälzungen länger als wir annehmen, allerdings sind häufig auch die Implikationen grösser als zu Beginn gedacht. 

Was sind die aktuellen Marktansprüche der Schweizerinnen und Schweizer im digitalen Finanzsektor?

Erstens sind es die «Digital Natives», die alles digital wollen und demnach scheinbar FinTech-Start-ups gegenüber Banken bevorzugen. Befragt man die Kunden aber direkt, wollen die meisten (immer noch) ihr Geld trotzdem bei den Banken deponieren. Das hat teilweise immer noch mit Vertrauen zu tun, das über die Zeit wachsen muss. Zweitens teilen die «Digital Natives» zwar gerne ihre Daten, wenn es ihnen einen Vorteil verschafft, allerdings haben viele von ihnen grosse Vorbehalte bezüglich der Datensicherheit. Dies könnte wiederum eine Chance für Banken zur sicheren Datenverwahrung sein. Und drittens ist trotz aller Digitalisierung die Verwendung von Bargeld in der Schweiz so hoch wie in fast keinem anderen Land der Welt, obwohl die Verbreitung von Karten und anderen bargeldlosen Bezahlsystemen vorhanden wäre.

Welche Innovationen gibt es auf dem digitalen Finanzmarkt, die bislang noch unentdeckt sind?

Wenn ich die wüsste, würde ich sie nicht verraten (lacht). Nein im Ernst: Stellen Sie sich die Dampfmaschine im 18. Jahrhundert vor. Nachdem diese zunächst in der Textilindustrie zum Einsatz kam und dort zur Rationalisierung von Arbeitsabläufen beitrug, wurde die Technologie später auch in Dampfschiffen und -lokomotiven genutzt und veränderte so die Mobilität der Menschen. Später war sie der Auslöser der Industrialisierung ganzer Volkswirtschaften und hat vollkommen neue Wertschöpfungsketten entstehen lassen. Aktuell stehen wir mit FinTech noch ganz am Anfang und beobachten mit mobilen Bezahllösungen und Robo-Advisory erste Anwendungsbereiche. Ein vollständig digitalisiertes Finanzsystem entsteht erst noch. Beispielsweise arbeitet die Schweizer Börse an der Entwicklung einer neuen Plattform, auf der zukünftig alle Arten von digitalen Vermögenswerten gehandelt werden können. Stellen Sie sich vor, Sie gründen eine Firma und können ihre Aktien selbst herausgeben – mit einem simplen Mausklick. Oder Sie könnten ganz einfach auf Ihrem Tablet einen digitalen Fonds ins Leben rufen.

Ein Blick in die Zukunft: Wer oder was wird in einigen Jahren das Geld verwalten?

Zukünftig werden sich zu den bestehenden Akteuren neue Vermögensverwalter etablieren, die mittels neuer Infrastrukturen wie digitaler Geldbörsen neue Dienste anbieten. Ein Teil der Kunden wird ihr Vermögen selbst verwalten. Mit einer digitalen Geldbörse, die mit den neuen Börsen verbunden ist, kann der Benutzer selbst über Kauf, Verkauf und Verwaltung von Vermögenswerten entscheiden, teilweise sogar ohne Banken. Eine zweite Gruppe an Kunden vertraut weiterhin den etablierten Vermögensverwaltern. 

Wird es zukünftig noch Bankberater geben?

Ja, denn viele Menschen wollen sich nicht selbst um ihre Finanzen kümmern. Allerdings müssen die Berater zukünftig sowohl fachlich als auch technologisch noch besser ausgebildet sein, denn der Kunde informiert sich immer mehr selbst. Die «Digital Natives» nutzen Technologien viel intensiver als die vorherige Generation.

Was brauchen Sie als Ausgleich zum zahlenlastigen Arbeitsalltag?

Familie, Sport, gutes Essen und Reisen.

Mit wem würden Sie gerne einen Lunch verbringen?

Bill Gates.

Über Thomas Puschmann, Gründer des Swiss FinTech Innovation Labs.

Neben dem Swiss FinTech Innovation Lab engagiert sich Thomas Puschmann im Schweizerischen Innovationsrat Innosuisse und ist Präsident des neu gegründeten Verbandes «Swiss Digital Trade Platform», Vorsitzender des Bereichs Blockchain beim Schweizerischen Normenverband SNV, Gründer des Verbands Swiss FinTech Innovations, Gründungsmitglied der Swiss Blockchain Federation, Mitglied der Fachkommission Digitalisierung der Schweizerischen Bankiervereinigung und berät Unternehmen und Politik im Bereich FinTech und Blockchain. Er hat Informationsmanagement und -wissenschaft studiert und in Wirtschaftsinformatik promoviert. Zudem war er fast fünf Jahre in der Unternehmensberatung tätig.

Das «International FinTech, InsurTech & Blockchain Forum» findet dieses Jahr am 5. November in Zürich statt. Mehr Informationen zum Event unter fintech-forum.org.

Text: Tina Spichtig

Lesen Sie mehr.

Ist die Andropause des Mannes Menopause?

Andropause, Klimakterium...

Luftverschmutzung im Haushalt

Staub, Schimmel...

Outdoorsport, auch bei schlechtem Wetter

Ich kann mich noch gut an eine Raftingtour aus meinem ersten Jahr als Raftguide erinnern: leichter Nieselregen und viel Nebel. Wir waren mit vier Booten auf dem Vorderrhein unterwegs, und wir konnten gerade so eben, schemenhaft, das Boot vor und hinter uns sehen. Über dem ganzen Fluss hing eine unwirkliche Stille.

«Haben wir nicht – gibt’s nicht!»

Wie besteht man im Zeitalter der Digitalisierung und einem hart umkämpften Elektronikhandel? MediaMarkt Schweiz begegnet diesen Herausforderungen mit einem neuen, vielversprechenden Geschäftsmodell. Mithilfe der geschickten Einbettung digitaler Tech-nologien in den Verkaufsprozess, einer stärkeren Vernetzung von Online- und Offline-Verkauf sowie der Möglichkeit, die Produkte direkt vor Ort zu testen, verändert sich das Einkaufserlebnis für den Kunden grundlegend.

Die Schweizer Natur ist einzigartig und schützenswert

Die landschaftliche Schönheit und Vielseitigkeit der Schweiz ist für uns ein Teil der Identität, für ausländische Touristen ein Reisehighlight – und für viele Tiere und Pflanzen ein wertvoller Lebensraum. Doch das Paradies ist zunehmend bedroht.

Archiv.

Mut zur Farbe in der Wohnungseinrichtung

Wir kleiden uns bunt, fahren ein Auto in unserem Lieblingsrot und umgeben uns gerne mit fröhlichen Farben – doch beim Wohnen verlassen...