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Zürich
18 Januar 2020

«Wer die langfristige Perspektive im Blick behält, kann den Moment viel mehr geniessen».

Die Vorsorgeexpertin Jackie Bauer erklärt im Interview, wieso sowohl bei Nachhaltigkeits- als auch bei Vorsorgethemen die langfristige Perspektive im Blick behalten werden muss.

Jackie Bauer, was macht den Schweizer Finanzplatz so attraktiv?

Ein sehr stabiles Umfeld, politisch als auch wirtschaftlich. Zudem ist der hohe Lebensstandard in der Schweiz ein Anziehungsfaktor für Talente. Das wird auch durch qualitativ hochwertige Bildungs- und Forschungsinstitutionen unterstützt. Als kleine, offene Volkswirtschaft sind wir daran gewöhnt, flexibel und anpassungsfähig sein zu müssen. 

Der Schweizer Finanzplatz will auch beim Thema Nachhaltigkeit eine Führungsrolle einnehmen, aber was bedeutet es überhaupt, nachhaltig zu investieren?

Nachhaltiges Investieren heisst, dass wir unsere Kapitalien nutzen, um langfristig eine positive Auswirkung auf die Umwelt und die Gesellschaft zu erzielen. Dies widerspricht wohlgemerkt keineswegs dem Ziel Rendite zu erzielen. Allerdings muss «nachhaltig» nicht immer dasselbe heissen. Für die AHV beispielsweise wären viele Nachkommen nachhaltiger, für den Planeten möglichst wenige.

Wieso ist nachhaltig zu investieren plötzlich so beliebt?

Einerseits haben Unternehmen generell begriffen, dass Nachhaltigkeit eine sinnvolle Businessstrategie darstellt. Denn negative Ereignisse haben langfristige Auswirkungen auf Arbeitnehmende, Kunden und Investoren. Zudem ist auch das Bewusstsein in der Bevölkerung gestiegen, was wir beispielsweise an den politischen Veränderungen sehen aber auch daran, dass Nachhaltigkeit von Kunden immer mehr nachgefragt wird. 

Stichwort AHV – die Schweizer Gesellschaft ist im Wandel. Welche Konsequenzen hat dies für die Vorsorge?

Wir haben schon seit Langem weniger Kinder, als wir aus Vorsorgesystemsicht haben sollten und gleichzeitig leben wir länger. Die AHV macht zukünftige Leistungsversprechen von 170 Prozent des heu-
tigen Schweizer Bruttoinlandprodukts, die schlichtweg nicht gedeckt sind – das sind implizite Staatsschulden. Irgendjemand muss letztendlich dafür aufkommen. Die Vorsorgesysteme müssen sich anpassen, auch die 2. Säule! Die logische Konsequenz wäre eine flexible und automatisierte Vorsorge: Beispielsweise ein Umwandlungssatz, der für jede Person und jede Generation ausgerechnet wird. Klar ist: Jegliche positive Zugeständnisse, die wir heute machen, sind negative Zugeständnisse für zukünftige Generation.

Wieso ist es besonders für Frauen so wichtig, die persönliche Finanzplanung rechtzeitig in Angriff zu nehmen?

Es besteht ein gesellschaftspolitisches Problem: Kinder sind für die Vorsorge systemrelevant – aus finanzieller Sicht jedoch Privatsache. Das Vorsorgesystem ist grundsätzlich lohnabhängig, aber durch hohe Betreuungskosten bleiben zu viele gutausgebildete Frauen zu Hause oder arbeiten in geringem Pensum. «Rechnet langfristig, nicht kurzfristig!», empfehle ich Kundinnen. Langfristig zahlt es sich aus, arbeiten zu gehen, obwohl man vielleicht durch die hohen Betreuungskosten kurzfristig nicht mehr Geld in der Tasche hat. Sind die Kinder aus dem Haus, ist es auch einfacher wieder Fuss zu fassen und höhere Vorsorgeansprüche zu erzielen.

Verschlafen Schweizer/innen das Thema Vorsorge?

Es ist nie zu früh, darüber nachzudenken! Für viele wird die Frage erst wirklich aktuell, wenn sie übers Heiraten und Kinderkriegen nachdenken. Das Thema in den Dreissigern anzupacken ist noch früh genug, da man dann noch genügend «Stellhebel» hat. Man kann beispielsweise die Säule 3a langfristig nutzen. Was Jüngere nicht verschlafen dürfen, ist in der Politik mitzubestimmen. Die Macht an der Urne liegt momentan klar bei den Babyboomern, sie gehen öfter wählen. Man muss auch nicht ständig über Altersvorsorge nachdenken, aber wer die langfristige Perspektive im Blick behält kann den Moment viel mehr geniessen.

Jackie Bauer ist Ökonomin und Vorsorgeexpertin. Ihre Leidenschaft für Vorsorgethemen beflügelt schon beinahe drei Jahre ihre Forschung bei UBS. Ihr Hauptfokus liegt auf der Schweiz, wo Vorsorge, vor allem angesichts der Diskussion um die Schweizer Altersvorsorgereformen, einen äusserst wichtigen Aspekt darstellt. Die gebürtige Deutsche studierte Wirtschaft in Australien sowie an der Universität Zürich. In ihrer Freizeit treibt sie gerne Sport und geniesst die Natur, bastelt aber auch an ihrem persönlichen Vorsorgemodel.

Interview: Jo Widmer 

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