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19 Januar 2021

Das Leben nach dem Suizid des Partners.

M. Garcia Linke hat bereits im Alter von 23 Jahren ihren Mann an Suizid verloren, als dieser keinen anderen Ausweg mehr sah. «Fokus» hat sie in einem Gespräch erzählt, was passierte, wie sie weitermachte und welche Botschaft sie allen Menschen weitergeben möchte.

M. Garcia Linke, wie würdest du dich selbst beschreiben?

Das ist eine schwierige Frage (lacht)! Ich persönlich finde, dass ich neugierig, offen und einfühlsam bin. So gut ich’s kann, versuche ich mich in die Lage von anderen Leuten zu versetzen und solidarisch zu sein. Ich bin auch harmoniebedürftig, interessiert an anderen Kulturen und versuche Vorurteile zu erkennen, erklären und abzubauen. Deswegen mag ich Mobbing auch nicht leiden. Da stelle ich mich gerne auf die Seite von denjenigen, die gemobbt werden. Auf der negativen Seite muss ich sagen, dass ich nach der Sache mit meinem Mann einen ziemlichen Sarkasmus entwickelt habe. Manchmal fühle ich mich auch emotional labil. Und ich brauche immer eine gewisse Motivation von aussen, um Dinge anzupacken.

Wie hast du deinen Mann kennengelernt?

Als ich 20 Jahre alt war in den 1970er-Jahren, habe ich ihn kennengelernt. Er war mein Traummann; ich hatte damals noch viele Vorstellungen vom Prinzen auf dem weissen Ross. Eine Sache fand ich besonders bewundernswert: Wir hatten uns gerade einmal drei Tage gekannt, da gestand er mir schon , dass er psychische Probleme hatte. Ich habe erst viel später erfahren, dass er an Schizophrenie litt. Das war zwar schockierend, aber eben auch offen auf eine beeindruckende Weise.

Ich hatte des Öfteren Angst, weil ich eine Ahnung hatte, dass sein Leben immer in Gefahr sein könnte.

Hast du diese Krankheit selbst mitbekommen?

Ungefähr drei oder vier Wochen nach diesem Geständnis war er für einige Tage bei mir und hatte so einen Schub. Er war vollkommen verändert und schlief Tag und Nacht nicht. Auch ich wurde geweckt, um irgendwelche weltbewegenden Probleme zu lösen. Trotzdem haben wir uns gut verstanden und zusammen viel philosophiert. Als er wieder nach Hause fuhr, hoffte ich, dass er da heil ankommt. Denn er wohnte ein ganzes Stück weit weg, am anderen Ende der DDR. Deswegen hatte ich des Öfteren Angst, weil ich eine Ahnung hatte, dass sein Leben immer in Gefahr sein könnte.

Nach diesem Besuch habe ich für eine Weile nichts mehr gehört. Aber dann kam ein Brief seiner Eltern. Sie baten mich darum, mich vorerst nicht von ihm abzuwenden, um den Heilungsprozess zu beschleunigen. Ich bin dann zu seinen Eltern gefahren und wir haben ihn gemeinsam in der Klinik besucht. Da hatten wir eigentlich eine richtig schöne Zeit. Er sagte zu mir, dass ich ihm Kraft gebe und er wurde dann später auch tatsächlich wieder gesund. Dann fing die schönste Zeit meines Lebens an.

Gab es Anzeichen, dass etwas in Schieflage gerät?

Es war lange eine richtig schöne Zeit. Ich wollte allerdings ein Kind von ihm, für den Fall der Fälle. Diese Angst, dass wieder Krankheitsschübe kommen und ich ihn verlieren könnte, war immer im Hinterkopf. Ich wollte etwas von ihm haben, falls er eines Tages nicht nach Hause kommen sollte. Ich muss dazu sagen, dass ich auch noch ziemlich naiv war: Ich musste noch selbst erstmal lernen, wie man überhaupt lebt.

Dann kam eben vieles zusammen, es hat mich überfordert. Ich musste mein Studium zu Ende führen und ein Kind grossziehen. Das Kind war dann plötzlich das allerwichtigste; ich hatte somit kaum noch Zeit für meinen Mann. Ich wurde unausgeglichen und habe so bestimmt nicht zu seiner mentalen Stabilität beigetragen. Wir sind dann noch zu den Schwiegereltern gezogen, weil ich selbst auch krank wurde, während bei ihm wieder ein Krankheitsschub anfing. Er wollte wieder nachts Probleme mit mir lösen und ich konnte das einfach nicht mehr ertragen. Es kam soweit, dass er wieder in die Klinik ging.

Konntet ihr aus dieser Situation ausbrechen?

Es gab eigentlich gar keinen Grund auszubrechen, abgesehen von meiner psychischen Unausgeglichenheit. Erst schien es besser zu werden. Wir haben eine gute Wohnung gekriegt; alles wunderbar. Meine Unausgeglichenheit war aber noch da und das hat ihn deprimiert. Zudem musste er seinen Beruf aufgeben, weil er Wissenschaftler war. Aber als ausgezeichneter Mathematiker hat ihn seinen Beruf danach – mit Statistiken – nicht erfüllt. Ich konnte an seinem Gesicht sehen, dass er richtig depressiv war und trotzdem habe ich ihn angebrüllt. Der Witz an dem Ganzen ist, dass ich kurz nach unserem Umzug einen Traum hatte, in dem ich durch die Wohnung lief und ihn suchte, aber nicht finden konnte. Sechs Wochen später war er tot.

Wenn ihr euch verabschiedet, verabschiedet euch im Guten!

Wie hast du das erlebt?

Trotz der möglichen Anzeichen war es völlig unvorbereitet. Ein Schock. Ich habe ihn die Nacht davor angeschrien; das tat mir ausserordentlich leid. Meine Grossmutter hatte mir bereits im Kindesalter immer eingeschärft: «Wenn ihr euch verabschiedet, verabschiedet euch im Guten!» Deswegen hatte ich natürlich ein schlechtes Gewissen und das geht auch nicht mehr weg. Wenn ich mir vorstelle, wie mein Mann gelitten hat, dann tut mir das verdammt weh.

Wie hast du von seinem Selbstmord erfahren?

Nach besagter Nacht bin ich am nächsten Tag zur Arbeit. Ich musste schrecklich früh raus und das Kind zur Tagesmutter bringen. Die Arbeit war auch ziemlich stressig. Mein Mann ging etwas später zur Arbeit. Normalerweise war es so, dass seine Strassenschuhe vor der Tür standen, als ich nach Hause kam. Das war für mich das Zeichen, dass alles in Ordnung war.

Dieses Mal standen aber seine Hausschuhe vor der Tür und sein Schlüssel lag auf der Kommode, obwohl er nicht zuhause war. Ich ging von Zimmer zu Zimmer mit meinem Kind auf dem Arm. Im Wohnzimmer habe ich dann einen Abschiedsbrief gefunden. Mein einziger Gedanke war, dass ich das Kind festhalten muss.

Ich bin zur Nachbarin, sie hat sich um das Kind gekümmert und organisiert, dass mich jemand aus der Nachbarschaft zur Polizei fährt.

Sie hatten ihn zu dem Zeitpunkt bereits gefunden. Als ich auf dem Posten ankam, kriegte ich seinen Personalausweis auf den Tisch geknallt. Sie fragten mich, ob dies mein Mann sei. Da hat es mir den Boden unter den Füssen weggezogen. Ich hielt es nicht mehr aus und dachte, dass das nächste Auto meines ist. Das haben die aber vorsorglich zu verhindern gewusst.

Wie haben sie verhindert, dass du dir etwas antust?

Der Nachbar und einer der Kripo haben mich ins Auto gesetzt und eingeklemmt zwischen den beiden wurde ich in die Nervenklinik gefahren. Dort erfuhr ich dann auch erst, dass mein Mann an Schizophrenie litt.

Denkst du, dass sein Selbstmord auf die Schizophrenie zurückzuführen ist?

Vielleicht war es auch eine Depression. Oder eben doch die Schizophrenie, die noch nicht ausgeheilt war. Ich denke schon, dass es mit dieser Krankheit zu tun hatte.

Mein Mann wusste selbst nicht immer, dass er daran litt. Er hat aber seine Eltern gelöchert, wofür er behandelt werde. Schlussendlich haben sie es ihm gesagt und er hat viel darüber recherchiert.

Meine Schwiegermutter hat mir nach dem Suizid auch nachdrücklich eingeschärft, dass es keine feige Tat war. Ich denke ebenfalls, dass es nicht feige, sondern äusserst mutig war.

Wie meinst du das?

Ich traue ihm zu, dass er es getan hat, um seine Frau und sein Kind vor der Krankheit zu schützen. So hat er es auch im Abschiedsbrief geschrieben. Er hat mir im Brief in keinster Weise die Schuld gegeben. Trotzdem weiss ich ja, wie ich mich aufgeführt habe. Das macht mir schon zu schaffen.

Es kommt immer wieder hoch. Ich habe mich für eine lange Zeit als Mörderin gefühlt. Vielleicht hätte ich doch die Möglichkeit gehabt, ihm zur Heilung zu verhelfen, wenn ich ausgeglichener und selbstbewusster gewesen wäre.

Hätte ich doch Hilfe angenommen!

Du hast die Schuld auf dich selbst genommen und dich bestraft?

Auf gewisse Weise, ja. Ich habe mich so gesehen und konnte deswegen keine Hilfe annehmen. Ich habe mich geschämt und wollte den Leuten nicht zur Last fallen. Dabei kann ich mich über die Hilfsangebote nicht beklagen. Von Seiten der Klinik, Ärzte und auch der Nachbarschaft wurde mir Hilfe angeboten. Hätte ich sie doch angenommen!

Fühlst du dich heute noch schuldig?

Es tut mir weh, jedes Mal, wenn ich daran denke. Andererseits muss es ja irgendwann weitergehen. Wenn ich mich damit lähme, hat niemand etwas davon. Ich denke, vielleicht wäre es nicht so qualvoll, wenn man jemanden im Guten und mit Harmonie bis zum Ende begleitet.

Hast du irgendwann doch Hilfe angenommen oder eine Therapie gemacht?

Ich habe alles alleine ausgetragen. Ich hatte währenddessen keine Vorstellung davon, wie eine Behandlung bei einem Therapeuten aussehen würde. Mein Gedanke war, dass sie mit so einem Jammerlappen wie mir nichts anfangen konnten.

Was hat dir geholfen, das Geschehene zu verarbeiten?

Per Zufall bin ich einige Jahre später über einen Kollegen in einen Zeichenzirkel gekommen. Beim Malen und Zeichnen habe ich gelernt, dass Dinge verschiedene Perspektiven haben. Zum Beispiel sieht ein Baum anders aus, wenn ich einen Schritt zur Seite gehe. Im Zeichenzirkel hatte ich gute Kollegen, mit denen ich auch etwas unternehmen konnte. Es war eine Wucht; dieser Zirkel hat mir enorm geholfen und ich habe viel gelernt. Es war interessant, nach der gleichen Aufgabe die Bilder zu vergleichen. Das Gemeinschaftliche und das Persönliche wurden miteinander verbunden.

Einen Freundeskreis aufzubauen dauerte ein wenig. Irgendwie war durch diese Erfahrung mit dem Selbstmord meines Mannes eine Mauer um mich herum. Umringt von einer Mauer war ich vom richtigen Leben getrennt. Es ist schwierig zu erklären.

Ist die Mauer heute weg?

Ja, ich glaube schon. Dafür bin ich viel zu offen.

Später habe ich auch meinen Ex-Freund kennengelernt und zwei weitere Kinder bekommen. Durch ihn lernte ich meine beste Freundin kennen. Die Frau, mit der ich über alles reden konnte. Sie hat mir wahnsinnig geholfen!

Mit der Zeit musste ich wieder ich selbst werden. Durch die Neugierde auf andere Leute, musste das alles wiederkommen.

Man sollte sein Gegenüber immer schätzen.

Wie kann man aus deiner Sicht Menschen helfen, die an Suizid denken?

Ein schwieriges Kapitel. Erstens müssen sie zumindest wissen, dass sie jemanden haben, auf den sie sich verlassen können. Vielleicht kann man ihnen Kraft geben durch Worte, Gesten oder Handeln. Zweitens ist es aber sehr wichtig, dass wenn man das nicht kann – wenn eine Depression vorliegt oder so –, dann muss man sich an Experten wenden. Man kann sich nur wünschen, dass sich diejenigen überzeugen lassen, sich behandeln zu lassen.

Es ist schlussendlich nicht mehr so ein Tabuthema wie früher. Ich bin dankbar, dass die Untersuchungen auf diesem Gebiet fortgeschritten sind. Es ist zwar noch nicht alles bekannt und die Hilfsangebote sind noch ungenügend, aber man beschäftigt sich mit dem Thema und es wird nicht mehr so leichtfertig darüber geurteilt.

Was würdest du gerne allen Menschen sagen können?

Man soll die Kinder zu Selbstbewusstsein sowie Selbstständigkeit erziehen. So sind sie lebensfähiger und die Gefahr ist kleiner, dass sie in so eine Situation kommen.

Auch sollte man sein Gegenüber immer schätzen und sich niemals im Bösen oder in Gleichgültigkeit trennen. Schliesslich weiss man nie, ob man diesen Menschen wiedersieht…

Hier gibt’s ein weiteres Porträt zu diesem Thema.


Hilfesuchende können sich rund um die Uhr an folgende Stellen wenden:
Schweiz: 143 oder 143.ch (Die Dargebotene Hand)
Deutschland: 0800 / 111 0 111 oder telefonseelsorge.de (TelefonSeelsorge)
Österreich: 142 oder telefonseelsorge.at (Telefonseelsorge)


Interview Kevin Meier

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