Interview von Andrea Tarantini

Claude Nicollier: «Reisen im Weltraum bedeutet, sich der Schönheit und Zerbrechlichkeit der Erde bewusst zu werden»

Claude Nicollier, Astrophysiker, Militärpilot, Astronaut der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) und derzeit Ehrenprofessor an der EPFL, wurde 1978 für die erste Gruppe von ESA-Astronauten ausgewählt und in Houston ausgebildet. Im Interview begibt er sich mit «Fokus» auf eine Reise ins All und spricht über dessen Schönheit, die Mobilität und den Weltraumtourismus.

Claude Nicollier, Astrophysiker, Militärpilot, Astronaut der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) und derzeit Ehrenprofessor an der EPFL, wurde 1978 für die erste Gruppe von ESA-Astronauten ausgewählt und in Houston ausgebildet. Im Interview begibt er sich mit «Fokus» auf eine Reise ins All und spricht über dessen Schönheit, die Mobilität und den Weltraumtourismus.

Claude Nicollier

Herr Claude Nicollier, wie kam es zu Ihrer Leidenschaft für den Weltraum? 

Es war ein Kindheitstraum. Das Zitat von Antoine de Saint-Exupéry, «Mach dein Leben zu einem Traum und aus deinem Traum eine Realität» spiegelt meine Erlebnisse perfekt wider. Mein Leben wurde in der Tat von einem sehr grossen Traum angetrieben, den ich beschloss, in die Realität umzusetzen, sobald ich die Gelegenheit dazu hatte. In meinen Zwanzigern verfolgte ich leidenschaftlich das Apollo-Programm, bei dem es in erster Linie um die Amerikaner:innen ging, das aber auch eine enorme Inspiration für alle Menschen weltweit darstellte. 1975 luden die Vereinigten Staaten Europa dazu ein, sich am Space-Shuttle-Programm zu beteiligen. Ich habe mich für die Auswahl beworben und wurde ein Jahr später zusammen mit Ulf Merbold aus Deutschland und Wubbo Ockels aus der Niederlande dafür ausgewählt.

Wie haben Sie sich bei Ihrer ersten Reise gefühlt? Verspürten Sie Angst? 

Angst, nein. Ein wenig Unruhe während des achtminütigen Aufstiegs ins All, ja! Es besteht kein Zweifel daran, dass dieser Job mit grosser Verantwortung und Risikobereitschaft verbunden ist. Eine gute Vorbereitung vor jedem Einsatz hilft jedoch, die Angst zu überwinden. Wir alle hatten das tragische Challenger-Unglück von Januar 1986 im Hinterkopf, mussten es aber während unserer Einsätze beiseiteschieben, um professionell, konzentriert und effizient handeln zu können.

Claude Nicollier

Nehmen Sie uns mit auf eine Reise in den Weltraum: Wie ist es dort? 

Es hat etwas Magisches, schwerelos zu sein, den Planeten in eineinhalb Stunden sechzehnmal am Tag zu umrunden und diesen einmaligen Ausblick auf die Erde zu haben. Wenn wir uns tagsüber auf der Umlaufbahn der Erde befinden und die Sonne über dem Horizont steht, passen sich unsere Augen an das Tageslicht an und sind nicht sensibel genug, um die Sterne wahrzunehmen. Der Himmel ist ganz schwarz. Nach dem Sonnenuntergang jedoch – in nur 20 Sekunden – herrscht eine halbe Stunde lang die Orbitalnacht. Die Sterne und der Mond am Himmel liefern ein grandioses Spektakel. 

Welche Ihrer Erfahrungen waren die Schönsten? 

Ich habe viel Schönes erlebt. Zu meinen Lieblingsmomenten gehört die Arbeit am Hubble-Teleskop in der Umlaufbahn, insbesondere während meiner letzten Reise. Dabei habe ich einen Weltraumspaziergang unternommen, um einige Ausrüstungen des Teleskops auszutauschen. Es war sehr bewegend, als ich erstmals die Gelegenheit hatte, mit dem Weltraumteleskop in Berührung zu kommen. Dieses ist ein wahrer Schatz für Astrophysiker:innen und die Öffentlichkeit und es war ein grosses Privileg, daran Wartungsarbeiten durchführen zu können, um sicherzustellen, dass es einwandfrei funktioniert. 

Worin unterscheidet sich die Mobilität auf der Erdoberfläche, in der Atmosphäre und im Weltraum? 

Die Fortbewegung auf der Erdoberfläche, sei es in einem Zug, einem Auto oder einem Schiff, ist immer mit Reibung verbunden. Das erste Newtonsche Gesetz besagt, dass sich ein Objekt ohne Kraft mit einer konstanten Geschwindigkeit in einer geraden Linie bewegt. In einem Auto, einem Boot oder sogar einem Flugzeug ist jedoch ein Motor erforderlich, um alle Reibungsquellen auszugleichen und die auf die Maschine wirkende Gesamtkraft zu neutralisieren. Im Weltraum gibt es hingegen keine Reibung, es müssen einfach die Anfangsbedingungen erreicht werden, dann wird man sich schnell über sehr weite Strecken bewegen, ganz ohne Energieaufwand. Wenn man sich zum Beispiel ausserhalb der Atmosphäre in einer Höhe von 300 Kilometern befindet und eine horizontale Geschwindigkeit von etwa 7,7 Kilometern pro Sekunde hat, kann man die Raketenmotoren ausschalten und in der Umlaufbahn bleiben. Die Vorstellung, die Erde in anderthalb Stunden zu umrunden, ohne ein Gramm Treibstoff zu verbrauchen – sobald die orbitalen Voraussetzungen erreicht sind – ist geradezu magisch!

Und wie sieht es mit den Herausforderungen der Mobilität aus? 

Auf der Erde wie im Weltraum wollen sich die Menschen schnell, mit grösstmöglicher Rücksicht auf die Umwelt, mit höchstmöglicher Sicherheit und zu den geringstmöglichen Kosten bewegen. Es bestehen also Herausforderungen in den Bereichen Sicherheit, Nachhaltigkeit, Technik und Kosten. Ich denke, dass ein intelligentes Verkehrsmanagement am Boden und in der Luft durch (halb-)automatische Prozesse die Sicherheit künftig erhöhen wird. Was den Aspekt der Nachhaltigkeit der Mobilität im Weltraum betrifft, so gilt es, die unkontrollierte Erzeugung von Weltraummüll zu vermeiden, der über Dutzende oder gar Hunderte von Jahren in der Umlaufbahn verbleibt. Es wird notwendig sein, auf eine smarte Weise ein «Weltraum-Verkehrsmanagement» zu entwickeln, indem Verkehrsregeln und -beschränkungen eingeführt werden. Zudem ist das Reisen ins All nach wie vor sehr teuer: Vor einigen Jahren kostete jedes Kilogramm, das mit dem Space Shuttle in die Umlaufbahn gebracht wurde, etwa 10 000 Dollar. Inzwischen sind die Kosten gesunken, sind aber immer noch erheblich. Dies sind enorme Herausforderungen. Die Lösung dieser Probleme ist von entscheidender Bedeutung, deshalb zählt die Luft- und Raumfahrtindustrie zu den innovativsten Branchen.

Fiel es Ihnen leicht, sich an die Schwerelosigkeit im Weltraum zu gewöhnen?

Für den Menschen ist das Schweben in der Kabine im Zustand der Schwerelosigkeit ein wahres Vergnügen, allerdings erst ab dem zweiten Tag (lacht). Es ist nicht einfach, von der Erdumgebung mit einem g – darunter versteht man die Erdbeschleunigung auf der Erdoberfläche – auf drei oder vier g während des Aufstiegs in die Umlaufbahn und dann plötzlich auf null g zu kommen. Einigen Astronaut:innen ist in den ersten Stunden in der Umlaufbahn übel. Schon am zweiten Tag fühlen sie sich jedoch wieder wohl und wissen es zu schätzen, das gesamte Volumen der Kabine und nicht mehr nur den Boden nutzen zu können!

Was denken Sie über die Elektromobilität und deren Zukunft? 

Wir sind alle für unseren Planeten verantwortlich, und ich denke, dass die Elektromobilität der richtige Weg ist, sowohl für die Fortbewegung auf der Erde als auch in der Luft. Ich glaube zudem, dass die Zukunft dem grünen Wasserstoff als Energiequelle für die Mobilität gehört, sei es mit Brennstoffzellen oder Wasserstoffturbinen für Verkehrsflugzeuge. Wasserstoff stellt jedoch eine Herausforderung dar: Aufgrund seiner sehr niedrigen Temperatur im flüssigen Zustand ist eine umfangreiche Wärmedämmung der Tanks erforderlich. Darüber hinaus ist Wasserstoff zwar pro Masseneinheit ungefähr um das Dreifache energiereicher als fossile Brennstoffe, jedoch erzeugt ein Liter flüssiger Wasserstoff etwa viermal weniger Energie als ein Liter Kerosin. Die Transportflugzeuge der Zukunft werden also nicht die Finesse der heutigen Verkehrsflugzeuge haben.

Der Weltraumtourismus boomt. Was halten Sie davon? 

Ich halte es wirklich für eine gute Sache, Nicht-Astronaut:innen die Möglichkeit zu geben, den Weltraum zu besuchen. Man spricht in diesem Sinne von «Raum für alle». Um es klar auszudrücken: Das ist heute noch nicht der Fall. Ein paar Hunderttausend Dollar für einen kurzen suborbitalen Weltraumausflug und ein paar zehn Millionen für einige Tage in der Umlaufbahn. Sie haben die Wahl, wenn Sie es sich leisten können!

Nicht alle Weltraumtourist:innen fliegen nur zum Spass ins All, sondern mit dem Ziel, andere zu inspirieren. Ich war beeindruckt von Anousheh Ansari und ihrem Buch «My Dream of Stars». Die Amerikanerin iranischer Abstammung hat schon immer von den Sternen geträumt. Nachdem sie in die Vereinigten Staaten eingewandert und zu einer einflussreichen Geschäftsfrau geworden ist, konnte sie sich 2006 eine zehntägige Reise ins Weltall leisten. Damit erfüllte sie sich einen Kindheitstraum und motivierte Frauen in aller Welt, ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. 

Befürworten Sie die Reisen zum Mars und dessen Besiedlung durch menschliche Kolonien? 

Ich unterstütze die robotergestützte und bemannte Erkundung des Mars zu 100 Prozent. Der Idee der Kolonisierung stehe ich aber sehr skeptisch gegenüber. Ein langfristiges Leben unter den Umweltbedingungen dieses Planeten wird nahezu unmöglich, oder zumindest sehr unangenehm und gefährlich für den Menschen sein. Auf dem Mars ist es sehr kalt, die Kohlendioxidatmosphäre beträgt weniger als einen Hundertstel des Atmosphärendrucks auf Meereshöhe auf der Erde und es gibt keinen Schutz vor dem Einschlag kosmischer Teilchen. Diese Bedingungen würden die Besuchenden dazu zwingen, in unterirdischen Lebensräumen zu leben. 

Sind der Menschheit bei der Erforschung des Weltraums Grenzen gesetzt, oder werden wir eines Tages in der Lage sein, ein anderes Sonnensystem oder gar die gesamte Galaxie zu erreichen? 

Das Sonnensystem bietet uns eine Vielzahl hochinteressanter Orte zur Erforschung. Wir waren schon auf dem Mond und in einigen Jahren werden wir wahrscheinlich zum Mars fliegen. Eines Tages könnten wir sogar die Trabanten des Saturns oder Jupiters erreichen. Es ist aber auszuschliessen, dass wir das Sonnensystem in den nächsten Jahrzehnten oder Jahrhunderten verlassen könnten. In tausend Jahren oder mehr, wer weiss, vielleicht finden wir einen Weg, das zu tun. Die Zukunft wird es zeigen.

Aus purer Neugier: Glauben Sie, dass wir die einzige Lebensform im Universum sind? 

Ich bin fest davon überzeugt, dass es im Universum von Leben wimmelt. Es gibt Hunderte von Milliarden Planeten im Universum und ich kann mir nicht vorstellen, dass sich Leben nur auf unserem Planeten entwickelt hat. Meiner Meinung nach kann eine nahe gelegene Quelle stellarer Strahlung, eine mittlere Temperatur (mit flüssigem Wasser) und eine passende chemische Zusammensetzung eine Form von Leben hervorbringen, die anfangs primitiv ist und deren Entwicklung von einer Vielzahl von Zufallsphänomenen und -bedingungen abhängt.

Interview Andrea Tarantini

Bilder zVg

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30.08.2021
von Andrea Tarantini
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