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Die Rektusdiastase – Eine problematische Wölbung des Bauches

11.06.2021
von Kevin Meier

Die Bauchmuskeln müssen bei einer Schwangerschaft auseinanderweichen, um der Gebärmutter Platz zu machen. Weniger bekannt ist, dass sich dieser Spalt im Nachhinein oft nicht mehr normalisiert. Daraus kann eine bleibende Rektusdiastase entstehen, die mit erheblichen Beschwerden für die Betroffenen verbunden ist. Auch hier gilt: Früh erkennen und behandeln spart viel Leid.

Um zu verstehen, was eine Rektusdiastase ist, muss man sich das Anatomiebuch ins Gedächtnis rufen. Im Bauchraum verlaufen zwei Stränge der geraden Bauchmuskeln von den Rippen bis zum Becken. Zwischen diesen Muskeln befindet sich ein schmaler Spalt von wenigen Millimetern: die Linea alba. Eine Rektusdiastase entsteht, wenn die geraden Bauchmuskeln nach links und rechts wegdriften und sich so der Spalt dazwischen ausweitet. Diese Lücke bringt eine Instabilität der Bauchwand mit sich, was sich schlussendlich in vielfältigen Symptomen und ernst zu nehmenden Komplikationen bemerkbar machen kann.

Bewertung der Rektusdiastase

Wie viele Erkrankungen werden auch Rektusdiastasen in Schweregraden bewertet. In der Literatur geschieht dies zurzeit nur auf Basis der messbaren Breite der Lücke zwischen den beiden geraden Bauchmuskeln. Wie eingangs erwähnt, sind wenige Millimeter als normal zu bewerten und stellen keinen Befund dar. Die Diastase wird als erstgradig angesehen, wenn die Muskeln bis zu drei Zentimeter auseinandergewichen sind. Bis fünf Zentimeter stellt den zweiten Grad dar, alles darüber wird dem dritten Grad zugeordnet.

Die Symptome fliessen derzeit noch nicht in diese Bewertung ein, da es in der weltweiten Literatur bis anhin keinen Konsens darüber gibt, welche Symptome zu welchem Schweregrad gehören. So weit ist die Medizin noch nicht, allerdings wird viel in die Erforschung der Muskulatur investiert. Entsprechend gab es in den letzten Jahrzehnten bereits einige Fortschritte in der Behandlung von Rektusdiastasen. Beispielsweise sind heutzutage auch minimalinvasive anstelle von grossen und offenen Eingriffen möglich.

Cleverer Trick mit Tücken

Eigentlich hat die Natur die Bauchmuskulatur schlau angeordnet. Mit der Linea alba und ihren elastischen Eiweissfäden zwischen den geraden Bauchmuskeln enthält der Körper eine Dehnungsfuge. So können die Bauchmuskeln bei einer Schwangerschaft auseinanderweichen und der Gebärmutter und dem Kind Platz verschaffen. Nach der Geburt ziehen sich die Fasern wieder zusammen, die Muskeln kommen in die Mitte zurück und die Stabilität wird wiederhergestellt. In den meisten Fällen tritt nach wenigen Monaten bis einem Jahr eine Normalisierung ohne dauerhafte Beschwerden ein. Zuweilen, insbesondere bei mehrfacher Schwangerschaft, verlieren die Fasern den Kontakt zueinander und lassen sich nicht mehr verbinden. Daraus kann sich eine bleibende Rektusdiastase bilden.

Allerdings besteht nicht nur bei einer Schwangerschaft das Risiko einer solchen Diastase. Frauen sowie Männer können unabhängig davon eine entwickeln. Einerseits kann eine Rektusdiastase angeboren sein, beispielsweise durch Bindegewebsstörungen. Andererseits spielen auch körperliche Belastungen und Gewichtsschwankungen eine Rolle. Signifikante Zu- und Abnahmen des Körpergewichts sowie Körperbelastungen können zu Rissen in der Faserstruktur und später zu Rektusdiastasen führen. Die Ursache ist für sich nicht ausschlaggebend für den Behandlungserfolg, vielmehr ist es wichtig, frühzeitig zu handeln.

Beispiel einer Rektusdiastase

Beispiel einer Rektusdiastase

Vielschichtige Beschwerden

Die Stabilität der Bauchwand ist aus mehreren Gründen essenziell, weshalb sich Rektusdiastasen durch unterschiedliche Symptome bemerkbar machen können. Oftmals gehen damit Rückenschmerzen als Hauptsymptom einher. Da vorne die Stabilität nicht mehr gegeben ist, kann das zu einer Fehlbelastung der Rückenmuskulatur führen. Es kann aber auch an der Körpervorderseite zu Komplikationen kommen, wenn in der Diastase viele Brüche hintereinander entstehen. Zum einen kann dies Schmerzen und Nervenreizungen hervorrufen. Zum anderen können durch diese Löcher Fett aus dem Bauchraum sowie dem Dünndarm austreten. Dies kann wiederum zu Einklemmungserscheinungen und Verdauungsproblemen führen.

Bei anderen Patient:innen sind die Auswirkungen kosmetischer Natur. Der Bauch steht deutlich hervor und sieht stark «aufgebläht» aus. Das mag zwar harmlos klingen, kann aber mit erheblichen psychischen Belastungen einhergehen. Das Körper- und Selbstbewusstsein leiden stark. Vor allem werden Frauen in dieser Situation regelmässig darauf angesprochen, wann denn das nächste Kind komme. Dies, obwohl die Geburt schon Wochen oder Monate zurückliegt. Auf Dauer geraten die Betroffenen in eine Position erhöhten psychischen Leidensdrucks. Insofern können Rektusdiastasen zu einer grossen alltäglichen Belastung werden.

Diagnose und Behandlung

Einen Erstverdacht auf eine Rektusdiastase kann man selbst zu Hause testen. Ein erstes Indiz ist, dass sich der Bauch merklich nach vorne wölbt, auch bei schlanker Statur. Ein weiterer Test, den man selbst ausprobieren kann, besteht darin, sich auf den Rücken zu legen und, ohne sich abzustützen, leicht aufzusetzen. Bei einer Rektusdiastase wölbt sich der Bauch vom Brustbein bis zum Nabel kielartig vor, ähnlich einem umgekehrten Bootsrumpf. Verhärtet sich dadurch der Verdacht, empfiehlt es sich, eine Fachperson aufzusuchen. Durch Abtasten, Übungen und Ultraschall können eine Rektusdiastase und allfällige bereits eingetretene Brüche klinisch diagnostiziert werden. Auf diese Weise kann die optimale Behandlungsstrategie individuell festgelegt werden.

Bei Schwangeren und Frauen, die geboren haben, ist wichtig, dass sie den Empfehlungen von Hebammen folgen und die Rückbildungsgymnastik durchführen. Dies wirkt sowohl präventiv als auch wiederherstellend auf die schräge und gerade Bauchmuskulatur. Unabhängig von einer Schwangerschaft reichen in vielen Fällen Physiotherapien aus, um die Stabilität der Bauchwand herbeizuführen und ein beschwerdefreies Leben zu ermöglichen. Falls sich die Rektusdiastase nicht verbessert – oder gar schlimmer wird – kann ein operativer Eingriff in Betracht gezogen werden. Mittlerweile werden Rektusdiastasen nicht mehr «nur» als kosmetisches Problem eingestuft. Das heisst, wenn eine Breite von über drei Zentimetern und bestimmte Symptome diagnostiziert werden, werden operative Behandlungen von den Krankenkassen übernommen.

Text Kevin Meier

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