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18 Februar 2020

«Mir wurde nichts geschenkt!».

Denise Gehrig arbeitet beim Schweizerischen Blindenbund und leitet sieben Beratungsstellen in der ganzen Deutschschweiz. Dass sie selbst von Geburt an sehbehindert ist, tut nichts zur Sache.

Denise Gehrig
Denise Gehrig

Gehrigs beruflicher Werdegang ist bemerkenswert: Anfangs noch in einer Spezialschule für Sehbehinderte, absolviert sie später an der Kantonsschule Oerlikon die Neusprachliche Matur. Sie entschied sich nach der Matur für einen Sprachaufenthalt in Südamerika und es verschlug sie nach Chile. Dort blieb sie länger als geplant. «Drei Mal dürfen Sie raten wieso», fordert sie lächelnd auf. Natürlich der Liebe wegen. In Chile absolviert sie schliesslich ein Studium in Sozialer Arbeit und arbeitet im Gesundheitswesen. Zurück in der Schweiz bildet sie sich weiter und macht ihren Master. Mit diesen Zertifikaten übernimmt sie nach jahrelanger Berufserfahrung die Führungsfunktion im Bereich Arbeitsintegration, bis sie eine neue berufliche Herausforderung sucht und zum Blindenbund wechselt. Diese Stelle hat sie aufgrund ihrer beruflichen Erfahrung erhalten. Ihr Chef sagte ihr klipp und klar: «Die Sehbehinderung ist keine Qualifikation für die Einstellung.»

Zurück in der Schweiz

Nach ihrem Auslandsaufenthalt war die berufliche Eingliederung in der Schweiz schwierig. Aber das lag nicht an ihrem eingeschränkten Sehvermögen, betont Gehrig. Ihr fehlten eher die beruflichen Qualifikationen für die ausgeschriebenen Stellen. Mit der Unterstützung eines engagierten RAV-Beraters besuchte Gehrig diverse Weiterbildungen und konnte somit die Karriereleiter hochklettern. Auch die IV hat Denise Gehrigs berufliche Eingliederung unterstützt, indem sie ihr Hilfsmittel im Alltag und am Arbeitsplatz finanziert hat.

Hilfsmittel am Arbeitsplatz

In Gehrigs Büro lässt einzig der grosse Computerbildschirm mit den herangezoomten Buchstaben auf ihre Sehbehinderung schliessen. Sie besitzt ausserdem eine Lupenbrille, um Texte zu lesen. Bei Weiterbildungen und Schulungen verwendet sie eine sogenannte mobile Kamera. Wenn sie dieses Bildschirmlesegerät an ihren Laptop anschliesst, kann sie so die Präsentationen des Dozierenden auf ihrem PC mitverfolgen. Ansonsten hat sie sowohl im Berufs- wie auch im Privatleben keine weiteren Hilfsmittel.

Mit Behinderung an die Arbeit

Damals in Chile war Gehrigs Sehbehinderung überhaupt kein Thema. Sie galt dort als die junge, blonde Europäerin und hatte den «Jöö-Effekt» auf sicher. «Man hat mir die Arbeit einfach zugetraut», erinnert sie sich. Diese Einstellung wünscht sie sich auch von Schweizer Arbeitgebern. Behinderte Menschen sollen auf dem Arbeitsmarkt eine faire Chance bekommen. Was spielt es zum Beispiel für eine Rolle, ob ein IT-Fachmann im Rollstuhl sitzt? Behinderte Arbeitnehmer müssen sich jedoch stets weiterbilden, um up to date zu bleiben. «Man ist aufgrund seiner Behinderung nicht etwas Besonderes und bekommt alles gewährt», stellt Gehrig klar. Eine Studie vom Dachverband des Blindenwesens zeigt, dass eine Sehbehinderung an sich kein Hindernis ist, um eine Ausbildung zu machen. Insbesondere auch durch die Unterstützung der IV. Viele behinderte Menschen bilden sich aber nach der Ausbildung nicht mehr weiter. Der Aufwand sei vermutlich zu hoch, glaubt Gehrig. Dabei wären gute Vorbereitung und Kommunikation die halbe Miete.

Denise Gehrig kennt beide Seiten des Arbeitsverhältnisses: Sie rekrutiert und fungiert somit auch als Arbeitgeberin. Viele behinderte Bewerber erfüllen die Anstellungskriterien aufgrund ihrer beruflichen Karriere jedoch nicht. Ausserdem sei ihr die Einstellung wichtig: «Ich will niemanden mit Helfersyndrom!»

Es ist wichtig, zu seiner Behinderung zu stehen, sie ins Leben zu integrieren und nicht so zu tun, als wäre sie nicht da.

Als behinderter Arbeitnehmer braucht man Biss und Ausdauer. «Wunder fallen nun mal nicht vom Himmel. Mir wurde auch nichts geschenkt.» Ohne Engagement geht es nicht. Bei Ungerechtigkeiten gilt es, sich zu wehren! Man muss Rückschläge einstecken können, sich aber auch dafür einsetzen, dass man vorwärts kommt. Grundsätzlich gilt: «Raus aus der Komfortzone!»

Die Behinderung im Lebenslauf

Studien empfehlen, die Behinderung im Lebenslauf zu erwähnen. Die Meinungen gehen hier jedoch auseinander. Denise Gehrig erwähnt ihre Behinderung bewusst nicht im Lebenslauf. Wenn es zu einer potentiellen Anstellung kommt, macht sie dem Arbeitgeber ihre Einschränkungen klar, betont jedoch, dass es sie nicht daran gehindert hat, ihre beruflichen Ziele zu verfolgen.

Viele Menschen lassen ihre Behinderung im Lebenslauf vermutlich aus Angst vor einer Absage unerwähnt. «Aber es ist wichtig, zu seiner Behinderung zu stehen, sie ins Leben zu integrieren und nicht so zu tun, als wäre sie nicht da. Das ist kontraproduktiv», stellt Gehrig klar. «Man muss sich seiner Grenzen bewusst sein. Ich brauche zum Lesen langer Texte nun mal ein wenig mehr Zeit. ‹So What?› Dafür bin ich auditiv sehr geschult und muss mir fast keine Notizen machen.»

Traumberuf: Pilotin

Denise Gehrig wollte schon immer hoch hinaus: «Ich wäre gern Pilotin geworden.» Sie wünscht sich das Gefühl der Freiheit und Mobilität. «Autofahren wäre schön», sagt sie nachdenklich. Ihre grosse Leidenschaft gilt der Musik und hätte sie eine stärkere Sehkraft, hätte sie ein Musikstudium begonnen. Nichtsdestotrotz ist sie mit ihrem beruflichen Werdegang sehr zufrieden. Denise Gehrig arbeitet gerne mit und für Menschen. Das würde sich auch nicht ändern wenn sie besser sehen würde.

Text: Sonya Jamil

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