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20 Juli 2019

Mehr Autonomie im Alltag.

Für Menschen mit Behinderung ist es oft nicht leicht, sich fortzubewegen. Mobil zu sein, ist jedoch eine Grundvoraussetzung für ein selbstbestimmtes Leben.

Für Menschen mit Behinderung ist eine Reise mit den öffentlichen Verkehrsmitteln (ÖV) eine Herausforderung: der Buseinstieg ist zu hoch, kein Lift ist in der Nähe, die Schrift am Ticketautomaten ist zu klein. Immer neue technische Entwicklungen machen heutzutage die Teilnahme von Menschen mit Behinderung am öffentlichen Verkehr möglich: «Hier wären die technischen Möglichkeiten schon lange vorhanden, es hapert aber vor allem bei der Umsetzung – auch wenn es in den letzten Jahren besser geworden ist», erklärt Marc Moser, Kommunikationsverantwortlicher von Inclusion Handicap. «So gibt es seit Jahren Niederflurbusse, nur müssen auch die Perrons entsprechend hoch gebaut sein, damit Passagiere im Rollstuhl autonom ein- und aussteigen können. Rollstuhlplätze in Fahrzeugen, damit Betroffene komfortabel reisen können, sind weniger eine Frage der technischen Entwicklung, sondern vielmehr eine Frage des Willens. Inclusion Handicap fordert den Abbau von Barrieren jeglicher Art. Die technische Entwicklung kann da natürlich unterstützend wirken.»

Selbständig und selbstbestimmt

Behindertengerechte Fahrzeuge sind nicht nur praktisch, sie können auch echten Fahrspass vermitteln. Auch Moser erlebt diesen Trend im direkten Kontakt mit Menschen mit Behinderung: «Sie wollen in erster Linie selbstständig und selbstbestimmt leben. Dabei kommt natürlich der Mobilität eine sehr zentrale Rolle zu: Sie wollen selbstständig zur Arbeit, Verwandte und Freunde besuchen, ihrem Hobby nachgehen, ins Kino, ans Konzert, ins Theater, an den Fussballmatch oder ins Museum fahren. Häufig können sie dies nicht selbstständig. Ändert sich dies, steigt der Spassfaktor automatisch.»

Behindertengerechte Fahrzeuge sind nicht nur praktisch, sie können auch echten Fahrspass vermitteln.

Noch vier Jahre Zeit

Seit 2003 ist in der Schweiz das Behindertengleichstellungsgesetz (BehiG) in Kraft. Es fordert, dass Menschen mit Behinderungen bis 2023 den ÖV autonom nutzen können. Behörden und Transportunternehmen haben gemäss Moser lange geschlafen, die Durchsetzung gestaltete sich als sehr schwierig: «In gewissen Bereichen geht es nun aber vorwärts, wie beispielsweise beim Umbau von Bahnhöfen. Schwierig durchzusetzen sind die Anforderungen etwa bei den Bushaltestellen, für die Kantone oder Gemeinden verantwortlich sind. Wir schätzen, dass erst rund fünf Prozent der Haltestellen umgebaut sind – und es bleiben nur noch vier Jahre Zeit.» Gemäss Moser hätten die SBB bewiesen, dass sie behindertengerechte Züge bauen können, und sie hätten für etliche Verbesserungen für Menschen mit Behinderungen gesorgt: «Beim neuen Doppelstockzug, wogegen Inclusion Handicap Beschwerde eingereicht hat, war dies aber nicht der Fall.»

Mehr Sensibilität gefordert

Nicht nur in der Schweiz, auch international besteht Handlungsbedarf, um die Mobilität zu verbessern. Der ÖV ist wichtig für Menschen, die kein eigenes Fahrzeug lenken. Es braucht Willen und mehr Sensibilität aller Verantwortlichen, um die Vorgaben umzusetzen. Moser gibt ein Beispiel: «Das BehiG ist seit 2003 in Kraft, und seither wurden zahlreiche Bushaltestellen renoviert. Doch es wurde häufig nicht daran gedacht, gleich auch noch die Perrons zu erhöhen.» Und auch im privaten Verkehr ist einiges möglich: «Denken sie an Autos mit Handgas, Liften und angepassten Fahrersitzen, die etwa ParaplegikerInnen bedienen können. Nur sind diese Anpassungen sehr teuer, damit Betroffene das Auto komfortabel lenken können. Hier ist es eine Frage der Versicherung, wie hoch deren Leistungen sind. Sie zahlen ja nicht einfach die teuerste Lösung.» Ein weiteres Problem in der privaten Mobilität sind Taxis, die häufig nicht ausgerüstet sind, um Menschen im Rollstuhl zu transportieren.

Immer wieder ist von Science-Fiction-Szenarien wie etwa einem Rollstuhl mit künstlicher Intelligenz oder eigentlichen Haushaltsrobotern zu lesen.

Hindernisse abbauen

Für die Zukunft sollte der Abbau von Hindernissen oberste Priorität haben. So ist etwa eine Treppe nicht nur für Rollstuhlfahrende ein Problem, sondern auch für ältere Menschen. Die Lebenserwartung steigt und Mobilitätseinschränkungen nehmen im Alter zu. Immer wieder ist von Science-Fiction-Szenarien wie etwa einem Rollstuhl mit künstlicher Intelligenz oder Haushaltsrobotern zu lesen. Moser mahnt zum gesunden Menschenverstand: «Wir alle können aus diversen Gründen eingeschränkt sein. Und da denken wir nicht an einen Rollstuhl, der die Treppe überwindet. Es ist aber richtig, dass die Digitalisierung schon Verbesserungen für Menschen mit Behinderungen gebracht hat. So ist ein Smartphone für blinde Personen heute eine grosse Hilfe, da es Informationen vorliest. Die Forschung kann durchaus weitere Verbesserungen bringen. Ich kann mir vorstellen, dass ein Haushaltsroboter eines Tages ein selbstständiges Leben fördern kann.» Diese Chancen gilt es zu nutzen – in Abwägung mit allen Risiken, welche neue Technologien mit sich bringen.

Text: Mohan Mani

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