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29 März 2020

Weltveränderin trotz Behinderung.

Sie wurde gesund geboren, verlor aber im Alter von 19 Monaten sowohl ihr Seh- als auch ihr Hörvermögen. Helen Kellers Zukunft sah alles andere als erfolgsversprechend aus. Dennoch wurde sie eine berühmte Schriftstellerin, die auch mehr als fünfzig Jahre nach ihrem Tod immer noch weltweit bekannt ist. Ein Porträt über eine beeindruckende Frau, die alle Erwartungen gesprengt hat und am 27. Juni ihren 140. Geburtstag feiern könnte.

Helen Keller, ca. 1904. Quelle: Wikimedia Commons

1880. Die USA haben sich vom Sezessionskrieg erholt und befinden sich nun wirtschaftlich in der Blütezeit. Die Bevölkerung schaut frohen Mutes in die Zukunft. Die Zeit des Aufschwungs steht in markantem Kontrast zu dem Schicksal, das später Helen Keller ereilen sollte.

Am 27. Juni 1880 wird sie in Tuscumbia in Alabama geboren, völlig gesund. Die Enkelin eines Schweizers wurde in eine gutsituierte Familie hineingeboren und galt als aufgewecktes Kind, das seine Umwelt oft auf Trab hielt. Der Februar 1882 sollte das Leben der späteren Ikone aber für immer verändern: Helen Keller erkrankte und bekam hohes Fieber. Die Diagnose: Eine Gehirn- und Unterleibsentzündung. Es war ungewiss, ob das kleine Mädchen überhaupt überleben würde. Doch das tat es. Allerdings gegen einen hohen Preis: Helen Keller würde nie wieder sehen oder hören können.

Resignation und neuer Mut

Eingesperrt in einem dunklen Zimmer, in das kein Laut von aussen dringt – so muss sich die damals 19 Monate alte Helen Keller gefühlt haben. Im Zuge dessen zog sie sich zurück; das physische Gefängnis wurde immer mehr auch zu einem psychischen. Was bereits für Erwachsene ein Einschnitt unermesslichen Ausmasses darstellt, muss für ein kleines Mädchen noch viel einschneidender gewesen sein. Mehrere Jahre vergingen, bis 1887 Anne Sullivan bei den Kellers einzog und Helen aus ihrer Isolation führte.

Anne Sullivan wurde 1866 in Feeding Hills in Massachusetts geboren. Ihre Kindheit war von schweren Schicksalsschlägen geprägt: Der Vater war alkoholkrank, die Mutter starb an Tuberkulose, als Anne erst achtjährig war. Der Vater verliess Anne und ihren Bruder, worauf diese im Waisenhaus aufwuchsen. Wie ihre spätere Schülerin durchlitt Anne Sullivan in ihrer frühen Kindheit eine schwere Krankheit, die ihr Sehvermögen stark beeinträchtigte. Ein bakterieller Infekt hatte die Vernarbung von Annes Hornhaut zur Folge, als Anne fünf Jahre alt war. Darauffolgende Eingriffe verschlechterten ihr Sehvermögen nur noch.

Helen Keller und Anne Sullivan im Juli 1888. Quelle: Wikimedia Commons
Anne Sullivan und Helen Keller

Ab 1880 – dem Geburtsjahr ihrer späteren Schülerin – besuchte Anne Sullivan das «Perkins-Institut» in Watertown in Massachusetts. Die Blindenschule existiert auch heute noch und gilt als die älteste Einrichtung dieser Art in den USA. Die damals 14 Jahre alte Anne lernte dort das Fingeralphabet für Gehörlose kennen. Das Spezielle daran: Jeder Buchstabe wird durch Fingerbewegungen ausgedrückt, welche durch Berührungen an jemandem erfolgen. Überlieferungen zufolge war Anne Sullivan ausserordentlich geschickt beim Gebrauch des Fingeralphabets, was ihr später noch zugutekommen sollte.

1887 nahm die inzwischen knapp 21-jährige Anne einen Auftrag im mehr als tausend Kilometer entfernten Tuscumbia an: Sie sollte die siebenjährige Tochter der Familie unterrichten, die taubblind war. Anne unterrichtete Helen mithilfe des Fingeralphabets, indem sie sie Gegenstände berühren liess und gleichzeitig das Wort dazu auf Helens Haut buchstabierte. Nach Jahren der Isolation fasste das kleine Mädchen wieder Mut.

Späteres Leben

Was darauffolgte, gleicht einer noch nie dagewesenen Heldenreise: Nicht nur lernte Helen sich zu verständigen, sondern eignete sich mithilfe ihrer Lehrerin Anne Sullivan auch die damals bereits etablierte Brailleschrift an. Parallel dazu machte sie auch Anfänge zu sprechen, konnte sogar Menschen durch das Abtasten ihrer Lippen verstehen. Ebenso erlernte sie das Schreiben auf der Schreibmaschine. Nachdem sie erste Anfänge im Sprechen machte, schrieb sie sich 1900 im Alter von 20 Jahren am Radcliffe College in Boston ein, wo sie mehrere Fremdsprachen studierte. Vier Jahre später machte sie ihren Abschluss. Nach dem Studium wechselte Helen Keller zunehmend in die Rolle einer Aktivistin: Später erhielt sie mehrere Ehrendoktorwürden, wurde 1915 beispielsweise Vorstandsmitglied der Blindenkommission von Massachussets, worauf sie später auch viel zu reisen begann und im Ausland Vorträge hielt. Behinderung kann viele Gesichter haben. Helen Keller wusste das schon damals. Auch wenn man keine körperliche, geistige oder psychische Behinderung hat, ist man noch lange nicht vor Hürden verschont.

Autorin, Aktivistin, Filminspiration

So nahm sie sich auch den Rechten der schwarzen Bevölkerung und der Gleichstellung von Mann und Frau an. Stets ging sie ihren eigenen Weg. So machte es ihr nichts aus, dass sie als aus den Südstaaten stammende Frau ihre Familie gegen sich aufbrachte, indem sie sich für Schwarze einsetzte. Ebenso machte sich Helen Keller als Autorin einen Namen: So verfasste sie nebst Essays und Kurzgeschichten auch Bücher über ihr eigenes Leben. Dieses war noch zu ihren Lebzeiten Gegenstand von zwei Filmen: 1954 erschien mit «The Unconquered» ein Dokumentarfilm, welcher mit einem Oscar prämiert wurde. 1962 erschien mit «The Miracle Worker» der erste Spielfilm über Helen Keller. Auch dieser Film war besonders erfolgreich: Er war für fünf Oscars nominiert, letzten Endes gewannen sowohl Anne Bancroft in der Rolle von Anne Sullivan als Beste Hauptdarstellerin als auch Patty Duke in der Rolle von Helen Keller als Beste Nebendarstellerin ein Goldmännchen.

Tod und Nachwirkung

Helen Keller verstarb am 1. Juni 1968 knapp 88-jährig. Sie hinterliess ein enormes Vermächtnis und ist aus mehreren Gründen heute wichtiger denn je: Nicht nur hält sie eine grosse Vorbildfunktion inne, deren Botschaft klar ist. Eine Behinderung bedeutet nicht unbedingt Einschränkung auf ganzer Linie – vieles kann erreicht werden. Ebenso gilt Helen Keller als Vorläuferin des heute vorrherschenden Bedürfnis nach Inklusion: Alles soll allen zur uneingeschränkten Verfügung stehen, keine Hürden sollen existieren. Doch das braucht viel Mut und Einsatzbereitschaft. Aber wie ein berühmtes Zitat von Helen Keller lautet: «Life is either a daring adventure or nothing at all.» Wahre Worte eines taubblinden Mädchens, das die Welt verändert hat, obwohl niemand es je für möglich gehalten hätte.

Text: Lars Gabriel Meier

Headerbild:

Helen Keller und Anne Sullivan, 1897. Quelle: Wikimedia Commons

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