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Zürich
14 Juli 2020

Adoption: Unser Sohn ist unser Sonnenschein.

Auch wenn die Herausforderungen seiner Adoption zahlreich waren, haben die Eltern von Robin ihre Hoffnung nie verloren. Sie wollten ein Kind adoptieren und ihr Wunsch hat sich erfüllt. Im Interview mit «Fokus» erzählen sie ihre Geschichte.

Frau M., wann und wieso haben Sie sich dafür entschieden, ein Kind zu adoptieren?

Bereits als wir heirateten, wollten mein Mann und ich ein Kind adoptieren. Meine Familie hat uns bei diesem Thema auch sehr unterstützt. Dank dem Verein «Enfance et Foyers» konnten wir uns um den damals sechsjährigen Jean-Michel aus Frankreich kümmern. Er lebte in einem Waisenhaus, aber kam zwei bis drei Mal im Jahr zu uns. Heute ist er verheiratet und hat einen erwachsenen Sohn. Dennoch sehen oder telefonieren wir jeweils jeden Sonntag. Danach betreuten wir Fatumata, ein vierjähriges Mädchen aus Mali. Auch mit ihr haben wir heute noch Kontakt. Bevor unser Sohn Robin bei uns ankam, haben wir Fatumata den Vorschlag gemacht, die Ferien bei unseren Kollegen zu verbringen. So konnten wir uns organisieren. Denn nachdem das Baby zu uns nachhause kam, änderten sich viele Dinge.

Ein Kind kauft man nicht, es ist keine Ware.

Was waren Ihre nächsten Schritte? Wie verliefen sie?

Es ging sehr schnell. Wir reisten als ehrenamtliche Mitarbeiter für Terre des Hommes und kannten den Leiter eines Waisenhauses in Casablanca. Wir haben ihm gesagt, dass wir gerne ein Kind adoptieren möchten. Er sagte uns, dass er uns dabei helfen könne. Andere behaupteten aber, in einem muslimischen Land sei es unmöglich, ein Kind zu adoptieren. Aber ich bin dickköpfig. Wenn mir jemand sagt, etwas sei unmöglich, bin ich umso motivierter, ihnen das Gegenteil zu beweisen. Ausserdem bekomme ich damit, was ich möchte (lacht). Ich habe deshalb den Kopf nicht hängen gelassen.

Wir kontaktierten eine Sozialarbeiterin, die in Rabat in einem Waisenhaus arbeitete. Wir haben ihr erklärt, dass wir in Marokko nichts zahlen werden, da die Administrationskosten bereits in der Schweiz beglichen wurden. Ein Kind kauft man nicht, es ist keine Ware. Sie hat uns gesagt, dass es drei Kinder gäbe, welche in ein anderes Waisenhaus umgesiedelt wurden. Mit fünf Jahren würden sie dann zu Bauern kommen. Wenn die Kinder stark geworden wären, hätten sie die Betreuung der Bauern genossen, aber ein schweres Leben vor sich. Wenn nicht, wären sie wieder auf der Strasse gelandet. Eine schlimme Vorstellung! Deshalb haben wir uns sofort dafür entschieden, eines dieser Kinder zu adoptieren.

Hatten Sie eine Vorstellung, was für ein Kind Sie adoptieren wollten? Bezüglich dem Herkunftsland, dem Geschlecht oder des Alters?

Nein, gar nicht. Wir wollten nur ein Kind adoptieren und es lieben. Wir wollten keines «auswählen». Schliesslich wurde es ein kleiner Junge und wir waren sehr glücklich. Man hatte uns vorgeschlagen, das älteste der drei Kinder zu adoptieren. Robin war 27 Monate alt, als er in der Schweiz ankam. 

Gab es Menschen, die Ihnen bezüglich der Adoption von Robin unangenehme Fragen stellten?

Nein, wir hatten bereits der ganzen Familie mitgeteilt, dass wir einen kleinen Jungen aus Marokko adoptiert haben, welcher seine leiblichen Eltern nie kennengelernt hatte. Und bei seiner Ankunft empfangen ihn alle herzlich.

Erzählen Sie von Robins Ankunft in Ihrer Familie.

Acht Monate nachdem wir angefangen haben uns mit den Adoptionsdokumenten auseinanderzusetzen, kam Robin in die Schweiz. Es war mitten im Ramadan. Eines Tages gingen wir mit unserer grossen Familie und unseren Freunden campen. Da hat mich das Waisenhaus angerufen und mir gesagt, dass ein Wunder passiert ist: Sie hätten für die Dokumente von Robin einen Boten nach Marokko gesendet. Es ging also schneller als gedacht.

Danach wurden wir von einer Frau kontaktiert, die im Schweizer Konsulat in Marokko arbeitet und auch in Waisenhäusern aushilft. Sie hat uns vorgeschlagen, Robin in die Schweiz zu bringen. Es gab nur ein Problem: Um ein Kind aus einem muslimischen Land zu adoptieren, müsste man zum Islam konvertieren, was wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht gemacht hatten. Also holten wir dies am selben Tag nach und sendeten das fehlende Dokument bereits am Nachmittag nach Marokko.

Wie haben Sie sich gefühlt, als er in der Schweiz ankam?

Wir waren so glücklich, dass wir fast unsere eigenen Namen vergessen haben. Alle waren gestresst aber gleichzeitig fröhlich. Wir mussten Kleider kaufen für Robin, da er nichts aus Marokko mitnehmen konnte. Dabei haben wir auch für die anderen Kinder im Waisenhaus Kleider gekauft und sie ihnen zugeschickt.

Als der Tag kam, hatte das Flugzeug ungefähr 45 Minuten Verspätung. Dann haben wir auf einmal eine Frau mit einem Kind gesehen. Es war Robin, der an seinem Daumen nuckelte. Er war wirklich «herzig», aber seine Windel war in einem furchtbaren Zustand (lacht). Es hat eine lange Zeit gedauert, aber wir konnten ihn endlich in unsere Arme nehmen.

Im Auto auf dem Retourweg hat er gelächelt, aber nicht geredet. Er hat auch nicht auf die Aussicht der Berge und der Kühe reagiert. Am Abend hat sich dann die ganze Familie zum Abendessen getroffen. Es war wirklich bewegend. Im Haus hat Robin zum ersten Mal in seinem Leben einen Spiegel erblickt. Er hat bei seinem Anblick herzlich gelacht. Wir haben herausgefunden, dass er Angst vor Wasser hat. Denn immer, wenn wir den Wasserhahn angestellt haben, fing er an zu weinen. Wir mussten dies alles mit der Zeit lernen. Aber ein Wort hat er sofort gelernt: Schokolade (lacht). 

Wie haben Ihre zwei Töchter reagiert?

Beide waren sehr glücklich, durch die Adoption einen kleinen Bruder zu haben. Sie gingen immer mit ihm und ihren Kolleginnen spazieren und konnten ihn nicht einmal für zwei Minuten alleine lassen. Sie halfen mir, ihn zu baden oder bereiteten ihm seine Mahlzeiten zu. Beide übernahmen ihre Rolle als grosse Schwestern ab dem ersten Tag, er lag ihnen wirklich am Herzen. Danach gab es zwischen ihnen auch nie mehr Streitereien.

Hat Robin schon immer gewusst, dass er adoptiert ist?

Ja, er hat es schon immer gewusst. Meine Schwester hat ihm ein kleines Spielzeugflugzeug gekauft und wir hingen in seinem Zimmer ein Poster mit einem Flugzeug auf. Darauf war auf der einen Seite ein Foto von uns und auf der anderen eins von ihm. Er hat dies verstanden und wir haben immer offen über seine Adoption gesprochen. Wir wollten ihm von Anfang an alles erzählen, damit ihn diese Information später nicht aus der Fassung bringt.

Seine Mutter wusste, dass die Nonnen ihn finden werden und er wurde unser Sonnenschein, unser schönstes Geschenk.

Wissen Sie wieso seine leiblichen Eltern ihn zur Adoption freigegeben haben?

Nein, wir besitzen auch keinen Original-Geburtsschein. Wir haben jedoch ein Dokument gelesen, dass sagte: «Am 8. Februar 1989 brachte Frau X ihren Sohn auf die Welt.» Mehr wissen wir jedoch nicht. Robin hat uns diese Frage auch noch nie gestellt. Er wusste seit jeher, dass er im Bauch einer anderen Frau heranwuchs, die ihn jedoch nicht behalten konnte. Sie hat ihn auf einem Felsen zurückgelassen. Denn sie wusste, dass Nonnen während ihrer Spaziergänge an diesem Platz vorbei kommen und ihn finden würden. Nun ist er unser Sonnenschein, unser schönstes Geschenk. Wir waren immer offen über dieses Thema zu diskutieren, aber Robin wollte nicht darüber sprechen. Ich denke, dass es für ihn manchmal nicht einfach ist, sich im Spiegel anzuschauen und sich zu fragen: «Wem sehe ich ähnlich?»

Hatte Robin Interesse daran, die marokkanische Kultur kennenzulernen?

Mit neun Jahren haben wir ihm vorgeschlagen, an seinem Geburtstag eine Reise nach Marokko zu unternehmen. Er antwortete, dass er lieber ein Fahrrad hätte. Er wollte die Kultur seiner Herkunft nicht kennenlernen. Mit 18 Jahren sagte er uns jedoch, dass er nach Marokko reisen möchte. Es war grossartig!

Aussicht vom Hafen von Rabat, Marokko

Mein Mann ging mit einer unserer Töchter und ihm nach Skhirat, einer Stadt am Meer. Dort blieben sie eine Woche. Danach haben sie ausserdem das Waisenhaus in Rabat besucht. Er reagierte aber nicht gut darauf. Er wurde ganz bleich und hatte Mühe zu atmen. Nach der Rückkehr wollte Robin nicht darüber sprechen. Wir sagten ihm, dass wir ein offenes Ohr hätten, falls er es sich anders überlegen würde. Ich fragte auch Robins besten Freund, ob er mit ihm über die Zeit in Marokko gesprochen hätte und er verneinte dies.

Im vergangenen Jahr hat mir seine Freundin gesagt, dass sie zusammen nach Marokko gingen. Ich war glücklich darüber! Sie blieben eine Woche und besuchten das Waisenhaus ein zweites Mal. Es war von aussen und innen renoviert, neu gemalt und modernisiert worden. Robin hat den Ort nicht wiedererkannt. Dieses Mal mochte er die Reise sehr gern und sie tat ihm gut. Er hat sich sogar überlegt, Geld zur Seite zu legen, um sich in Marokko ein Haus zu kaufen (lacht).

Wie war Robins Kindheit?

Anfangs war es schwer. Er war kein Baby mehr, aber wir haben ihn alles gelehrt: Sprechen, essen, laufen und aufs Klo zu gehen. Er wollte nie ganz alleine schlafen, also musste immer jemand bei ihm bleiben. Denn er war es nicht gewohnt, alleine zu sein. All diese Dinge brachten wir ihm Schritt für Schritt bei. In dieser Hinsicht gibt es keinen Unterschied zwischen einem adoptierten und dem eigenen Kind.

In der Schule zeigte sich, dass er ein sehr gutes Erinnerungsvermögen hat. Auch wenn er Schwierigkeiten in Mathematik und Französisch hatte, bestand er alle seine Prüfungen. Aber er war auch der Klassenclown. Als er in die Sekundarschule kam, empfahl uns ein Freund, ihn in ein Internat zu schicken. Eine Woche nach dem Start in dieser neuen Schule, erhielten wir einen Anruf von der Schulleitung. Wir dachten, dass er sicher irgendeinen Unsinn angestellt hatte. Doch sie informierten uns, dass wir mit ihm zu einem Spezialisten gehen sollten: Robin sei zu 45 Prozent legasthenisch. Nach dieser Diagnose und neuen Lernstrategien konnte er seinen Kursen sehr gut folgen und hat begonnen Akkordeon und Eishockey zu spielen.

Erlebte Ihr Sohn wegen seiner Adoption auch schlechte Momente?

Er hatte Probleme wegen seiner Legasthenie, aber nie wegen der Adoption, seinem Herkunftsland, seiner Nationalität oder der Farbe seiner Haut. Nur einmal gab es einen rassistischen Moment in seiner Schule. Robin ging eines Tages zur Schule und erzählte mir danach, dass ein Mädchen in seiner Klasse eine rassistische Bemerkung machte. Ich habe es danach mit dem Vater des Mädchens besprochen und die Lehrerin hat den Kindern erklärt, dass es Menschen in vielen verschiedenen Ländern gibt mit unterschiedlichen Merkmalen. Das Ganze war damit gegessen. Sie wurden beste Freunde und das Mädchen wurde später sogar seine Freundin.

Machte Ihr Sohn Ihnen jemals den Vorwurf, ihn nicht als Ihr Kind zu behandeln oder dass Sie nicht seine leibliche Mutter seien?

Nein, gar nicht. Wir hatten dieses Problem niemals. Wir standen einander schon immer sehr nah und tun es immer noch. Manchmal übernachtet Robin bei uns, wenn es schon spät in der Nacht ist. Bevor er sich schlafen legt, umarmt er jedoch immer noch mich und meinen Mann. Das ist etwas, was unsere zwei Töchter nie gemacht haben. Wir sind wirklich sehr verbunden und hatten nie Streitereien. Robin war nie ein Problemkind.

Wenn man ein Kind adoptiert, muss man seine Vorurteile beiseite schaffen.

Was denkt Robin über die Adoption?

An Weihnachten 2018 hat seine Freundin mir erzählt, dass sie die Pille nicht mehr nähme. Sie sei nicht schwanger, aber sie dachten über Kinder nach. Einige Tage später hat sie mir gesagt, dass Robin ein Kind adoptieren möchte. Dass er über die Adoption nachdachte, zeigte mir, dass er keine schlechten Erfahrungen damit gemacht hatte.

Ich erklärte ihr, dass es zwei für die Adoption eines Kindes braucht. Denn man darf zwischen den eigenen und adoptierten Kindern keinen Unterschied machen. Wenn man sich für die Adoption entscheidet, muss man seine Vorurteile links liegen lassen. Nur weil man ein Kind adoptiert hat, heisst es nicht, dass es diese oder jene Charakterzüge hat. Deshalb habe ich ihr gesagt, sie müsse ehrlich sein und Robin sagen, dass sie nicht bereit sei, ein Kind zu adoptieren. Es gibt auch andere Optionen wie die Patenschaft oder die Unterstützung eines Waisenhauses. Seine Freundin hat mir geantwortet, dass sie auch gerne ein Kind adoptieren würde. Aber der Adoptionsprozess ist heutzutage schwieriger und kostspieliger.

Was sind die wichtigsten Dinge, die Sie Ihrem Sohn beigebracht haben?

Ich denke nicht, dass ich meinen Kindern etwas beigebracht habe, sondern dass sie selbst die Lehren daraus gezogen haben. Mein Mann und ich haben ihnen ein einfaches Leben gegeben und ihnen gezeigt, dass es möglich ist, so gut zu leben. Wir wohnten immer auf dem Land und als wir in die Stadt zogen, hatte ich den Eindruck, ein zweites Leben zu leben. Wir sind einfache und vernünftige Leute. Ich habe meinen Kindern immer eines gesagt: Sie müssen sich zu helfen wissen, um ihre Ziele zu erreichen. Sie hatten jeden Sommer kleine Jobs und halfen in ausserschulischen Aktivitäten mit. Robin hat beispielsweise nebenbei als Schiedsrichter gearbeitet. Wir machten nie einen Unterschied zwischen unseren Kindern: Sie mussten sich alle selbst zu helfen wissen. 

Was macht Robin heutzutage?

Er macht viele unterschiedliche Dinge. Er liebt es, Akkordeon zu spielen, war Eishockey-Schiedsrichter und dann Koch. Anschliessend studierte er und hat Ausbildungen gemacht. Die Küche ist seine Leidenschaft, aber die Arbeitsstunden waren sehr schwer. Deshalb wollte er sich mit 25 Jahren beruflich umorientieren. Er fing mit einer neuen Lehre eine Karriere als Mechaniker an und spezialisierte sich als Mechatroniker. Er ist wirklich sehr beschäftigt. Aktuell ist er in einer Beziehung und sie möchten nun eine eigene Familie gründen.

Interview: Andrea Tarantini

Übersetzung aus dem Französischen: Flavia Ulrich

Die Adoptionsstory von Rebecca gibt es hier.

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