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25 Oktober 2020

Jeder fünfte Mensch ist hochsensibel – auch ich?.

20 Prozent der Weltbevölkerung gelten als hochsensibel – aber nicht alle Menschen wissen davon. Sie ecken oft an und stossen in ihrem Umfeld immer wieder auf Unverständnis. Was hochsensible Menschen ausmacht und welche Chancen diese Ausprägung mit sich bringt.

Samstagnachmittag. Laura und Sofie machen sich von ihrem mehrstündigen Einkaufsbummel in der Stadt auf den Heimweg. Während Laura immer noch voller Elan ist und sich auf die Party am Abend freut, fühlt sich Sofie komplett überreizt. Einerseits würde sie sich gerne in ihr Zimmer zurückziehen und sich erholen, andererseits fühlt sie sich gleichzeitig so aufgewühlt, sodass sie sich gar nicht in der Lage fühlt, zur Ruhe zu kommen. Laura reagiert genervt: «Was hast du denn schon wieder? Es ist doch immer wieder das Gleiche mit dir!» Was weder Laura noch Sofie selbst wissen: Sofie ist hochsensibel.

Das Beispiel ist zwar frei erfunden, dennoch kennen Menschen wie Sofie weltweit die Situation nur zu gut: Immer wieder geraten sie an Ihre Grenzen, worauf ihr Umfeld mit Unverständnis reagiert. Stets aufs Neue stellen sich Betroffene die Frage: «Was stimmt bloss nicht mit mir?»

Stets aufs Neue stellen sich Betroffene die Frage: «Was stimmt bloss nicht mit mir?»

«Sie sind wohl einfach hochsensibel»

Die Antwort liegt in einem Konzept, welches trotz der zahlreichen Betroffenen vergleichsweise unbekannt ist. 1996 veröffentlichte die kalifornische Psychologin Elaine Aron ein Buch mit dem Titel «The Highly Sensitive Person», zu Deutsch «Sind Sie hochsensibel?» Die Autorin ist selber hochsensibel und hat im Anschluss an eine persönliche Psychotherapie begonnen, dazu zu forschen. Der ausschlaggebende Punkt war dabei die Aussage ihrer Therapeutin, welche lautete: «Sie sind wohl einfach hochsensibel.» 

Was ist Hochsensibilität?

Marianne Schauwecker aus dem zürcherischen Zollikon ist Betreiberin der Website www.hochsensibilitaet.ch. Sie verbildlicht das Konzept der Hochsensibilität folgendermassen: «Ich vergleiche gerne Hochsensible mit dem Element Wasser – und im Gegensatz dazu «Normalsensible» mit dem Erdboden. Wenn ein Stein – als Sinnbild für irgendeinen alltäglichen «Input» wie eine Aufgabe, eine Begegnung, eine Störung oder Überraschung – ins Wasser trifft, zeigt dieses eine starke Reaktion: es «schlägt Wellen», wühlt den Grund auf, trübt das Wasser – und beruhigt sich erst nach längerer Zeit wieder.

Fällt der Stein hingegen auf den Erdboden, hinterlässt er weniger eindringliche Spuren. Er wird zwar wahrgenommen, man spürt dabei auch Reaktionen und Emotionen, verliert jedoch viel weniger schnell die Fassung.» Die Folgen davon liegen laut der Expertin auf der Hand: «So werden Hochsensible von Ereignissen aufgrund ihrer speziellen Wahrnehmung stärker beeinflusst als «Normalsensible», welche sich meistens besser abgrenzen und schneller wieder stabilisieren können.»

Medizinische Befunde

Denn wer denkt, das Konzept der Hochsensibilität sei aus der Luft gegriffen, dürfte spätestens jetzt hellhörig werden. Denn in medizinischen Untersuchungen sind die Unterschiede deutlich zu erkennen, wie Marianne Schauwecker weiss: «Die Bereiche für Wahrnehmung im Gehirn eines hochsensiblen Menschen werden gemäss MRT-Untersuchungen stärker stimuliert als bei «normalsensiblen» Menschen. Umgangssprachlich könnte man sagen, diese Menschen sind «dünnhäutiger», ihre «Wahrnehmungsfilter» im Gehirn sind weniger stark ausgeprägt, und es besteht eine Schwierigkeit, wichtige Information von unwichtigen unterscheiden zu können.» Die hochsensible Veranlagung kann gemäss der Expertin durchaus einerseits positive Auswirkungen haben, andererseits aber auch viel schneller als bei «Normalsensiblen» zu Überreizungszuständen und chronischem Stress führen.

Hochsensibilität im Alltag

Wie kann sich Hochsensibilität im alltäglichen Leben äussern? Marianne Schauwecker betont, dass es «den» hochsensiblen Menschen so nicht gibt. Hinweise auf Hochsensibilität lassen sich laut der Expertin aber trotzdem finden: «Hat man Freundinnen oder Kollegen, welche auf Durchzug, grelles Licht, stetig bummernde Lautsprecher oder intensive Gerüche mit Unbehagen oder Ablehnung reagieren, welche schnell spüren, wie es anderen geht, welche oft und schnell kreative Ideen beisteuern oder sich in Gesellschaft immer ein wenig «anders» und nicht ganz zugehörig fühlen, dann könnte es unter Umständen sein, dass sie hochsensibel sind.»

Etabliertes Konzept statt leeres Wort

Hochsensibel. Ein Wort, das schnell über die Lippen geht und von Laien leider oft abwertend gebraucht wird. Immer noch nicht ist die Tatsache, dass sich dahinter ein etabliertes Konzept verbirgt, in allen Köpfen angekommen. Marianne Schauwecker befasst sich seit nun 15 Jahren damit – wie hat sie die Entwicklung bis heute erlebt? «Da ich mich seit etwa 2005 mit Hochsensibilität befasse, sehe ich heute eher die grossen Fortschritte, was den Bekanntheitsgrad anbelangt. Als ich 2007 meine Website gründete, gab es im deutschen Sprachraum erst zwei deutschsprachige Bücher über Hochsensibilität, sowie eine Website in Österreich, zwei in Deutschland – und meine Schweizer Seite. Heute gibt es unzählige Websites und Bücher darüber.»

Plädoyer für einen Perspektivenwechsel

Ebenso nennt die Expertin zudem einen Grund, weshalb das Konzept noch nicht Teil der Allgemeinbildung geworden ist: «Die Verbreitung eines neuen Fachgebietes und die entsprechende wissenschaftliche Forschung brauchen immer viel Zeit, und es gibt tatsächlich nach wie vor einen recht grossen Informationsbedarf. Ausserdem wird das Thema leider von medizinischen oder psychotherapeutischen Fachpersonen häufig noch nicht ernst genommen, wie ich aus vielen Zuschriften von Hochsensiblen erfahre. Ich sehe den Grund darin, dass Hochsensibilität oft fälschlicherweise als Syndrom, Störung oder gar Krankheit fehlinterpretiert wird. Es handelt sich jedoch nach heutiger Auffassung um eine Veranlagung,um ein Temperament.» Dennoch darf man niemanden zu Unrecht verurteilen, wie Marianne Schauwecker betont: «Fachpersonen in helfenden Berufen fokussieren verständlicherweise in erster Linie auf Störungen und weniger auf die Veranlagung.»

Ich bin hochsensibel – und weiss es nicht

Wie bereits erwähnt ist jeder fünfte Mensch hochsensibel, aber wie Sofie im anfangs beschriebenen Beispiel, wissen längst nicht alle Betroffenen von der Veranlagung. Doch wie kann man diese Tatsache ändern? «Stellt man fest, dass jemand hochsensibel sein könnte, soll man diese Person natürlich auf das Thema hinweisen», rät Marianne Schauwecker, «aber den zündenden «Aha-Effekt» können wir nicht beeinflussen. Heutzutage gibt es über Hochsensibilität sehr viele Hinweise, Bücher und Artikel, und wenn die Zeit für einen Betroffenen reif ist, wird ihn das Thema auch finden.»

Herausforderungen und Chancen von Hochsensibilität

Auch wenn Hochsensibilität öfters von den Betroffenen als negative Veranlagung angesehen wird, sei an dieser Stelle aber auch auf die Chancen davon verwiesen. «Häufig wird erwähnt, dass Hochsensibilität den kreativen Ausdruck fördert», weiss Marianne Schauwecker, «und es scheint tatsächlich so, dass viele künstlerisch begabte Menschen hochsensibel sind und einen speziellen Zugang zur Natur, zum künstlerischen Ausdruck in diversen Kunstformen, zum Nachahmen oder zur Einfühlung in andere Menschen haben.»

Die speziell entwickelte Wahrnehmung hat zudem häufig eine spezielle Reflexionsfähigkeit zur Folge

Marianne Schauwecker


Doch nicht nur in kreativen Berufen sind häufig Hochsensible vorzufinden: Dank erhöhter Empathie findet man Hochsensible laut Expertin vermehrt auch in therapeutischen Berufen. «Die speziell entwickelte Wahrnehmung hat zudem häufig eine spezielle Reflexionsfähigkeit zur Folge: Die Wahrnehmung ist nicht nur besonders differenziert, sondern das Wahrgenommene wird zusätzlich auch sehr ausführlich verarbeitet und in Gedanken weiterverfolgt», fasst Marianne Schauwecker zusammen.

Tipps für hochsensible Personen

Doch Hochsensibilität ist alles andere als eine schockierende Diagnose. Betroffene nehmen die Welt lediglich auf eine andere Art und Weise als ihr Umfeld wahr – was mit Herausforderungen, aber auch mit Chancen verbunden ist. Betroffenen möchte Marianne Schauwecker folgendes auf den Weg geben: «Ich mache die Erfahrung, dass viele Hochsensible sich irgendwann einmal in der Opferrolle wiederfinden, weil sie sich an die «Normalsensiblen» anpassen möchten, was schnell einmal in eine Überforderung führen kann. Hochsensible sind in der Bevölkerung eine Minderheit, und man weiss ja, dass es Minderheiten nicht immer einfach haben in der Gesellschaft. Im Gefühl, «anders» zu sein und nicht ganz dazuzugehören, ziehen sich Hochsensible darum oft zurück und trauen sich nicht mehr, ihre ganz eigene Kraft und ihre positiven Eigenschaften zu leben und einzubringen. Rückzug und Einsamkeit können die Folgen sein.» Doch niemand muss dies einfach so hinnehmen. 

«Wer realisiert, dass er in eine Opferrolle geraten ist, soll sich nicht bedauern, sondern Hilfe holen, sei das therapeutische Hilfe, ein Coaching, ein Kurs in Kampfkunst oder Selbstbehauptung und so weiter», macht die Expertin Mut. «Wir dürfen nicht warten, bis die Welt realisiert, dass es uns auch gibt. Ein gesundes Selbstmanagement ist darum wichtig: sich ein Bild machen, «wer man ist» – und nicht «wer man sein will» – und dann sorgfältig nach Ideen und Lösungen suchen, wie man – vielleicht mit Unterstützung – ein sinnvolles Leben gestalten kann.»

Auch wenn einem das persönliche Umfeld immer wieder aufs Neue das Gefühl gibt, anders zu sein, muss man sich immer wieder vor Augen führen, dass es noch viele andere Menschen gibt, denen es ähnlich geht. Deshalb ist der Austausch von Betroffenen dabei umso wichtiger, wie die Expertin ebenfalls erwähnt: «Das Gefühl, anders und alleine zu sein, ist weit verbreitet unter Hochsensiblen. Dabei ist der Anteil von 20 Prozent immerhin so gross, dass rein theoretisch jeder fünfte Mensch, der einem begegnet, hochsensibel sein könnte. Sich erkennen, sich einander annähern, austauschen, ohne sich dabei zu einer «Insider-Gruppe» abzukapseln, ist ein weiterer wichtiger Tipp.»

Text: Lars Gabriel Meier

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