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Zürich
24 November 2020

Stephan Schmidlin: «Mit der Bildhauerei werde ich alt».

Der Künstler Stephan Schmidlin war bereits als Kabarettist und Kunstturner erfolgreich. Nun widmet er sich ganz der Bildhauerei. Im Interview erzählt er von der Wichtigkeit der Disziplin sowie den Eigenheiten der Schweizer Mentalität.

Stephan Schmidlin, Sie haben sich zum Holzbildhauer ausbilden lassen. Wie entstand dieser spezielle Berufswunsch?

Als Kind übte die Kunst schon eine gewisse Faszination auf mich aus. Relativ früh habe ich mir ein Schnitzmesser gekauft und aus einem Stück Holz dann einen Adler geschnitzt. Während der Rest meiner Familie Ski fahren ging, blieb ich manchmal alleine zu Hause, um zu zeichnen oder zu schnitzen.

Hat Sie niemand zur Holzbildhauerei geführt?

Nein, im Gegenteil. Mein Vater hatte eine grosse Firma mit über 300 Angestellten. Als ich mich dann schliesslich für eine Schreinerlehre und anschliessend die Holzbildhauerschule in Brienz entschied, konnten das viele nicht verstehen. Ich hätte mich in ein gemachtes Nest setzen können, aber mich reizte aber die Bildhauerei.

Mit 28 (1991) schlossen Sie die Ausbildung zum Holzbildhauer ab und wurden dabei im selben Jahr Schweizermeister im Geräteturnen. Ganz nebenbei gewannen Sie mit den Schmirinskis Nachwuchskünstler des Jahres. War Ihnen ein Job alleine zu langweilig?

Nein, das nicht. Aber wenn man jung ist, hat man soviel Energie. Ich konnte alles gut miteinander verbinden. Das Kunsturnen habe ich ebenfalls auf der Bühne gebraucht. Wir waren damals die ersten, die Kabarett und Sport zusammengebracht haben. Und den Humor findet man ebenso in gewissen Skulpturen wieder.

Wie sehen Sie sich in erster Linie?

Ich bin Künstler und Unternehmer. Ebenso habe ich keinen Galeristen. Ich mache alles selber. Aber in erster Linie bin ich Bildhauer mit Leidenschaft, und das ist der Beruf, mit dem ich sicher alt werde, denn ich habe noch sehr viele Ideen.

Wie sehen Sie, in Zeiten der Digitalisierung und des 3D-Drucks, die Zukunft der Bildhauerei?

Der 3D-Druck ist sicher eine gute Erfindung. Ich bin aber der klassische Holzbildhauer, bei welchem kein Werk gleich aussieht. Diese Handarbeit schätzen meine Kunden und sie macht mir auch extrem Freude. Beim 3D-Druck geht für mich das Handwerk sowie die Emotionen verloren.

Würden Sie sagen, die Essenz der Kunst ist Idee und Handwerk?

Die Kunst ist sehr vielseitig und Geschmacksache. Für mich ist sowohl eine gut umgesetzte Idee wie das geschredderte Bild von Banksy Kunst, wie auch das klassische Handwerk der Bildhauerei.

Jeder hat eine andere Ansicht von Kunst. Den einen gefällt die aufgehängte Banane, den anderen gefällt der Denker von Rodin.

Jeder hat eine andere Ansicht von Kunst.

Stephan Schmidlin
Wenn Zeit und Budget keine Rolle spielen würden; welches Projekt würden Sie dann angehen?

Ich würde gerne eine riesige begehbare Skulptur bauen, in dessen Innenraum eine Ausstellung ist. Ich habe da die Idee eines Trojanisches Pferd. Ein harmlos aussehendes Objekt, darin ein Skulpturenpark über die heutigen brisanten Themen wie Cyberkriminalität, Migration und Klimawandel. Denn dies wäre unheimlich spannend und würde mir viele Vorlagen für die unterschiedlichsten Skulpturen geben.

Wie sieht Ihr Arbeitsablauf als Skulpteur aus?

Am Anfang ist die Idee. Dann skizziere ich, oder mache ein kleines Modell aus Wachs. Danach suche ich je nach Grösse das geeignete Holz. Sobald ich den Baum habe, fange ich mit der Motorsäge an, um das gröbste zu entfernen. Für die Details nehme ich schliesslich Meissel und Schlegel. Am Schluss wird noch geschliffen und gemalt.

Zum Bemalen muss ich lange warten. Die Mammutbäume sind sehr nass, wenn ich daran arbeite spritzt das Wasser aus dem Holz. Die grossen Skulpturen verlieren dadurch tonnenweise Gewicht. Darum arbeite ich immer an 3-4 Skulpturen gleichzeitig.

Ist Perfektionismus eine Hürde oder ein Vorteil?

Ich bin ein Perfektionist. Für mich ist es ein Vorteil. Ich habe Erfolg mit meinen Skulpturen, da viele Details wie der Ausdruck und die Proportionen stimmen. Diese Genauigkeit gefällt meinen Kunden. Ich liefere meine Skulpturen folglich auch immer termingerecht aus.

Ich bin ein Perfektionist

Stephan Schmidlin
Zu welchen Künstlern schauen Sie auf?

Zu den alten Klassikern, wie beispielsweise Da Vinci und Picasso. Picasso konnte mit 17 sogar besser zeichnen als sein Vater, der Zeichenlehrer war. Der Vater hörte dann auf. Nachdem er die Grundlagen gelernt und auch beherrscht hatte, wechselt Picasso dann in die Moderne. Mir gefällt einfach wenn jemand die Grundlagen das Handwerk kann.

Und das macht man heute nicht mehr?

Weniger. Denn viele interessieren heute die Grundlagen nicht mehr. Ich vergleiche es oft mit Eiskunstlauf. Wer das Pflichtprogramm nicht kann, kann auch keine Kür laufen. Aber dies ist mein persönlicher Erfolgsweg. Denn ohne Pflicht keine Kür.

Wie ich aber auch schon erwähnt habe, braucht man beim 3D-Druck die Grundlagen auch nicht mehr und man kann schöne Skulpturen herstellen. Denn ich habe auch schon Maler getroffen, die nicht Zeichnen können und trotzdem erfolgreich sind.

Sehen Sie diese Entwicklung als eher negativ?

Es ist einfach nicht mein Weg. Wenn jemand eine kreative Idee hat, und sie gut umsetzt, dann stören mich Hilfsmittel nicht. Aber wenn nicht mal die Idee gut ist, und auch gar nichts dahintersteckt, finde ich es dann überbewertet.

Vor allem in kreativen Tätigkeiten wird man oft mit Kritik konfrontiert. Wie gehen Sie damit um?

Künstler und Sportler werden öfters belächelt und gefragt, was sie denn richtig arbeiten. Können sie sich aber durchsetzen, werden sie von allen beneidet. Wer selbstbewusst genug ist kann auch mit Kritik umgehen. Ich habe sicher auch mal kritische Blicke abbekommen, aber die habe ich mit einem Lächeln erwidert. Und konstruktive Kritik ist immer willkommen. Ich freue mich, dass ich meine Leidenschaft zum Beruf machen konnten, davon gut leben kann und dass ich bis nach der Pension mit Freude noch arbeiten kann.

Welche Komplimente bedeuten Ihnen am meisten?

Das grösste Kompliment ist natürlich, wenn jemand eine Skulptur kauft. Aber auch ein ehrlich gemeintes ausgesprochenes Kompliment bedeutet mir viel.

Welche Ausstellung liegt Ihnen am meisten am Herzen?

Meine erste Ausstellung war ein Abenteuer. Sie fand ihn Monaco statt und war ein riesiger Aufwand. Aber es war die richtige Entscheidung, als ehemaliger Schmirinski nicht in der Schweiz auszustellen, sondern wohin zu gehen, wo mich niemand kennt.

Die Leute in Monaco konnten sich nicht vorstellen, dass ich Komiker bin, und in der Schweiz sah man mich anfangs nur als Komiker.

Warum denken Sie, wird Kunst in der Schweiz weniger respektiert?

Ich denke nicht, dass Kunst in der Schweiz weniger respektiert wird, sondern dass Schweizer Künstler und auch Schweizer Sportler erst richtig wahrgenommen werden, wenn sie auch im Ausland erfolgreich sind.

Wir Schweizer sind eher bescheiden und zelebrieren keinen Starkult. Dies hat auch Vorteile. Prominente wie Tina Turner, Herbert Grönemeyer oder auch Roger Federer können dann auf der Bahnhofstrasse spazieren und es geht kein Geschrei los.

Stars, die in die Schweiz kommen, finden das schön, schliesslich werden sie hier in Ruhe gelassen. Das ist vielleicht einfach unsere Mentalität.

Wir Schweizer sind eher bescheiden und zelebrieren keinen Starkult.

Stephan Schmidlin
Gibt es jemanden in der Schweiz, der Ihrer Meinung nach mehr Anerkennung verdient hätte?

Gotthard ist ein gutes Beispiel. Denn als Steve Lee starb, hat sich die Presse vor Lob für Gotthard überschlagen. Die anderen in der Band meinten, «Hey, wir waren schon immer gut». Aber erst nach Steve Lee’s Tod begann die Presse zu huldigen. Oder Krokus, die in Amerika riesig sind, aber in der Schweiz sagt man: «Jaja, ganz okay.»

Was möchten Sie beruflich noch erreichen?

Im September 2020 ist meine Ausstellung «Die 4 Elemente» im Riverside Glattfelden. Zuvor habe ich noch nie so viele grosse Skulpturen für eine Ausstellung gemacht. Ich bin schon seit zwei Jahren dran und habe noch viel Arbeit vor mir. Ich freue mich sowohl auf die Galaabende mit der Starband Earth, Wind and Fire als auch auf die interessierten Besucher tagsüber.

Welchen Rat geben Sie jemandem, der vor der Entscheidung steht, etwas zu wagen oder nicht?

Wage es, aber mach es zu 100%. Halbherzig reicht nicht in diesem Beruf. Sprich mit vielen Leuten und nimm die besten Ratschläge mit. Du entscheidest. Denn du bist für dein Leben verantwortlich.

Stephan Schmidlin in Kürze

Papierzeitung oder durch Social Media scrollen?

Wochentags Social Media, sonntags dann die Papierzeitung.

Wein oder Bier?

Rotwein

Online oder offline?

Schon online. Vielfach ist es einfach praktisch, mit dem GPS zum Beispiel. Denn ich weiss nicht, wie ich damals auf Tournee mit Schmirinskis all diese Säle gefunden habe (lacht).

Ferien am Meer oder in den Bergen?

Golfen mit der Familie am Meer.

Interview: Fatima Di Pane

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