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21 Oktober 2020

«Suizid ist kein egoistischer Akt».

Kurz vor ihrem 14. Geburtstag nahm sich Alicias an Huntington erkrankter Vater im Bergchalet der Familie das Leben. Im folgenden Interview erzählt sie uns vom tragischen Tag; sie erklärt uns was sie fühlte, als sie ihren Vater vorfand und erläutert uns ihre Perspektive zum Suizid.

Alicia, wie würdest du dich selbst beschreiben?

Als Sozialpädagogin denke ich, dass ich eine grosszügige und wohlwollende Person bin. Denn das sind wichtige Qualitäten in meinem Beruf. Ansonsten habe ich Lebensfreude. Dementsprechend versuche ich jeden Tag so zu nehmen, wie er ist und im Moment zu leben.

Vor zehn Jahren hat ein Ereignis dein Leben für immer gezeichnet. Was ist passiert?

Wir waren in unserem Bergchalet. Da hat mein Vater hat ein Pétanque-Turnier mit einem Apéro organisiert. Es war ein festlicher Tag und er hat viel mit seinen Freunden getrunken, aber es ging ihm nicht gut. Irgendwann ist er in das obere Stockwerk gegangen und wir haben einen Schuss gehört. Er hat sich umgebracht.

Ich versuche jeden Tag so zu nehmen, wie er ist und im Moment zu leben.

Warum glaubst du, hat sich dein Vater dazu entschieden, Suizid zu begehen?

Er hatte die seltene Krankheit namens Chorea Huntington, ein genetisches, neurodegeneratives Leiden, welches das zentrale Nervensystem betrifft. Auf physischem Niveau wird es durch unfreiwillige Bewegungen charakterisiert und auf dem mentalen Niveau durch psychische Störungen, Demenz sowie Auffälligkeiten, die das Verhalten betreffen. Die Krankheit zerstört das Gehirn und führt zu einem vegetativen Zustand. Meine Grossmutter litt schon daran und hat es an ihre fünf Söhne weitergegeben. Derzeit lebt sie in einem Altersheim, aber ich habe sie schon länger nicht mehr besucht. Ich möchte auch nicht, dass meine letzte Erinnerung an sie ihr vegetativer Zustand ist.

Ich habe immer gewusst, dass mein Vater seine Krankheit nicht akzeptierte, weil er deren Auswirkungen auf meine Grossmutter gesehen hatte. Er ist dem Alkoholismus verfallen, um diese Situation zu vergessen und um sein Unwohlsein zu verstecken. Wenn er trank, verschlimmerten sich seine Symptome und sie zeigten sich in Form von Psychosen: Er hatte Halluzinationen, es kam zu Missverständnissen und Verfolgungsängsten.

Was hast du in jenem Moment gefühlt?

Ich war fast 14 Jahre alt, ganz jung. Er hatte schon mehrmals versucht, sich umzubringen. Zu dieser Zeit stritten meine Eltern auch oft. Als ich den Schuss hörte, habe ich nicht sofort begriffen, was passiert ist. Ich bin die Treppe hochgegangen und habe die Beine meines Vaters und überall Blut gesehen. Ich habe mir selbst eingeredet, dass es ihm schon schlimmer ging, dass die Ambulanz bald eintreffen wird und alles wieder in Ordnung kommt. Das tat ich, um mich selbst zu beruhigen; ich habe die Realität komplett verweigert. Schnell habe ich dann doch begriffen, dass es vorbei war und dass er tot war.

Wenn mein Vater nach Hause kam, wusste ich nie, welche Seite von ihm zurückkam und in welchem Ausmass.

Wie war die Beziehung zu deinem Vater?

Es war kompliziert, weil es eine Teilung gab zwischen der Seite, die mein Vater war, die mich beschützte und liebte, und seine kranke Seite, die hervorkam, wenn er trank und seine Psychosen hatte. Wenn mein Vater nach Hause kam, wusste ich nie, welche Seite von ihm zurückkam und in welchem Ausmass. Dahingegen erinnere ich mich, dass er eine ganze Woche nicht trank und er wieder der beste Vater der Welt wurde. Er war grosszügig, beschützend und da für seine Kinder.

Hast du es ihm übel genommen, dass er diese Entscheidung getroffen hat?

Ich weiss nicht so recht. Aber als er von uns gegangen war war, verspürte ich trotzdem Erleichterung. Er musste nicht mehr leiden und ich musste nicht mehr in dieser Situation leben. Natürlich hätte ich es lieber gehabt, hätte er eine andere Entscheidung getroffen, dass er die Krankheit zum Beispiel akzeptiert hätte – auch wenn es kompliziert war – und dass er seinen Alkoholismus behandeln lassen hätte. Aber ich habe seine Entscheidung akzeptiert. Angesichts der Tatsache, dass ich Erleichterung verspürte, war das auch nicht schwierig. Ich wollte nicht den Rest meines Lebens damit verbringen, ihm nicht zu verzeihen.

Wie hast du dich in den Tagen nach der Tragödie gefühlt?

Es gab eine Zäsur in meinem Leben: ein Davor und ein Danach. Nach dem Tod unseres Vaters haben wir unser Chalet verkauft und sind in eine Stadtwohnung gezogen. Wir mussten auch unseren Hund aufgeben, das hat mich getroffen. Ich war traurig, weil mein Vater nicht mehr da war, aber ich war nicht wütend. Wenn man sich gewohnt ist, mit einer Person zu leben und jeden Tag mit ihr Kontakt hatte, dann verursacht die Abwesenheit ein seltsames Gefühl. Aber, nach dieses Stadium überwunden hatte, liess ich mich nicht demoralisieren. Die Trauer ist normal, immerhin ist mein Vater verstorben, aber die Erleichterung, die ich verspürte, hat den Prozess vorangetrieben, den Tod zu akzeptieren.

Oft ist die Schuld eines der ersten Gefühle, die Angehörige bei einem Selbstmord in der Familie verspüren. Hast du dich auch schuldig gefühlt?

Ja, ich habe mich schuldig gefühlt. Zum Beispiel habe ich mich gefragt, was ich hätte tun können, dass er nicht diesen Weg wählt. Ich wollte wissen, was meine Rolle in dieser Situation hätte sein können und ob ich ihm eine andere Option als Suizid hätte zeigen können. Heute sage ich mir, dass das nicht meine Aufgabe war. Schliesslich war ich mit 14 Jahren noch nicht reif und es war schwierig für mich, diese Rolle zu übernehmen.

Wenn man sich gewohnt ist, mit einer Person zu leben und jeden Tag mit ihr Kontakt hatte, dann verursacht die Abwesenheit ein seltsames Gefühl.

Hattest du unter seltsamen Blicken oder Kommentaren von anderen zu leiden?

Daran habe ich nicht gelitten, aber mit einigen Leuten war es unangenehm, über den Tod meines Vaters zu reden. Beispielsweise, wenn ich Leute kennenlernte, fragten sie mich oft, was der Beruf meines Vaters ist. Ich antwortete, dass er tot ist und dann folgten die Fragen nach der Todesursache, seinem Alter und so weiter. Wenn ich dann sagte, dass es Suizid war, hatte ich den Eindruck, den Leuten Unbehagen zu bereiten. Das tat mir leid für sie, weil ich fühlte mich frei darüber zu sprechen, aber man weiss nie wie das Gegenüber darauf reagiert.

Du warst kaum 14 Jahre alt. Glaubst du, dass du schneller erwachsen geworden bist?

Ja! Auf einmal hat man mir eine Bezugsperson weggenommen und ich musste mich durchschlagen. Meine Mutter und Schwester waren da, aber das war etwas anderes, weil mir eine Vaterfigur fehlte. Das hat mich dazu gezwungen, weiterzumachen und nicht in dieser Traurigkeit zu verharren. Ich hatte nicht die gleichen Probleme wie die anderen. Weil ich dieses Erlebnis hinter mir hatte, fühlte ich mich anders. Manchmal verhielten sich meine Freunde kindisch und ich fragte mich, wieso das Ganze mir passiert ist und nicht ihnen.

Wer hat dir geholfen, stark zu bleiben und Trauerarbeit zu leisten?

Meine Familie und meine Freunde. Ich sprach nicht oft mit meiner Familie, da ich den Eindruck hatte, Salz in die Wunde zu streuen und ich wollte keine schmerzhaften Gefühle aufkommen lassen. Deshalb habe ich vor allem mit meinen Freunden gesprochen. Mit ihnen konnte ich sprechen und mich befreien, weil sie nicht direkt in der Tragödie involviert waren, einige haben meinen Vater nicht einmal gekannt. Deswegen war es einfacher für mich, bei ihnen offen zu sein. Ausserdem denke ich, dass das Leben mich nicht umsonst in diese Situation brachte: Ich habe es überwunden und etwas daraus gelernt. Es ist, wie man sagt: Was dich nicht umbringt, macht dich stärker.

Hast du sofort nach jenem Tag mit jemandem gesprochen?

Das war die Zeit von MSN. Gleich am nächsten Morgen nachdem es passierte, habe ich mich eingeloggt und eine Freundin begann zu schreiben. Sie fragte mich, ob alles gut sei und ich habe ihr sofort geantwortet, dass nichts gut sei, weil mein Vater sich umgebracht hatte. Sie kam dann zu mir, wir haben geredet und ich war nicht allein.

Es ist, wie man sagt: Was dich nicht umbringt, macht dich stärker.

Hast du dich von einer Last befreit gefühlt nach einem Gespräch?

Ja, in der Tat. Denn der Grossteil meiner Freunde wusste nicht, was bei mir zu Hause los war. Sie wussten nicht, dass mein Vater krank war und schon mehrmals versuchte, sich das Leben zu nehmen. Es war, als ob ich mich von all den Familiengeheimnissen befreien konnte.

Denkst du, dass darüber zu sprechen Abhilfe schafft und ein erster Schritt ist, um die Trauer zu bewältigen?

Ja, ganz klar. Darüber zu sprechen befreit, unabhängig davon, welche Art von Tragödie man erlebt. Aber sich zu verschliessen und alles in sich hineinzufressen, ist gar nicht gut. In meinem Fall, nach dem Suizid meines Vaters, habe ich mit meiner Mutter und meiner Schwester einen Psychologen  besucht. Während diesen Besuchen, bei dieser Person, die ich nicht kannte, konnte ich mich nicht ausdrücken und das war furchtbar, weil ich immer dieses Gewicht mit mir herumtrug. Ich verstand dann, dass ich mich öffnen und darüber reden musste. Vor Kurzem, im Juni, habe ich wieder eine Selbsthilfegruppe der L’Association Pars Pas besucht. Das hat mir wirklich geholfen, da mir klar wurde, dass ich nicht die Einzige bin, die eine solche Tragödie durchlebte und diese Gefühle hatte.

Wie hast du Suizid vor diesem Erlebnis wahrgenommen?

Davor habe ich nicht wirklich darüber nachgedacht. Schliesslich war das eine entfernte Realität für mich. Ich denke, dass, wenn man es nicht selbst erlebt, man sich nicht wirklich eine Vorstellung über dieses Thema haben kann. Offensichtlich ist das heute anders. Ich weiss, was Selbstmord bedeutet und wie er sich auf die Angehörigen auswirkt, weil ich es selbst mit meinem Vater durchgemacht habe. Auf jeden Fall, im Gegensatz zu einigen Leuten, denke ich, dass Suizid kein egoistischer Akt ist. Wenn eine Person so leidet und es dazu kommt, dass sie über Selbstmord nachdenkt, ist das so, weil sie kein anderes Mittel findet, sich zu befreien und die Situation anders anzupacken. Personen, die denken, dass Selbstmord eine egoistische Handlung ist, antworte ich: «Und du, wo warst du? Hast du das Leid miterlebt? Hast du zugehört oder etwas gemacht, um ihm dann eine andere Lösung zu zeigen?»

Ich denke, dass Suizid kein egoistischer Akt ist.

Denkst du, dass der Suizid heutzutage immer noch ein Tabuthema in unserer Gesellschaft ist?

Ja, man spricht nicht genug darüber und es erfolgt noch zu wenig Präventionsarbeit. Immerhin ist die Schweiz ein Land mit guter Lebensqualität. Dennoch haben wir eine hohe Selbstmordrate. Ich glaube das liegt daran, dass man Personen, die gefährdet sind, nicht wirklich andere Wege aufzeigt.

Und was hältst du von Sterbehilfe?

Ich habe schon in einem Altersheim gearbeitet und weiss, dass für die meisten der Bewohner die Sterbehilfe oft ein Tabu ist. Dennoch, eine Person, die eine unheilbare Krankheit hat und weiss, dass sie beispielsweise in einen vegetativen Zustand verfallen wird, soll selbst wählen dürfen, wie sie von dieser Welt geht. Auch ich würde gerne sterben, wann und wie ich es wünsche. Übrigens, eine Person, die Sterbehilfe in Anspruch nehmen will, wird heutzutage gezwungen selbst die Flüssigkeit einzunehmen, die es möglich macht. Kurz gesagt, man zwingt die Menschen alleine zu sterben. Das verstehe ich nicht. Ich denke, dass sich dieser Prozess ändern sollte, sodass die Angehörigen auch die Flüssigkeit verabreichen können, vor allem wenn die Person physisch dazu nicht in der Lage ist.

Was würdest du Personen raten, die über Selbstmord nachdenken?

Ich würde ihnen einfach sagen, dass ihre Entscheidung verstanden wird, aber dass man ihnen auch andere Lösungen zeigen kann, aus dem Leben zu scheiden.

Und den Angehörigen?

Sie müssen für ihre Nächsten da sein, nahe sein und ihnen zeigen, dass sie nicht alleine sind.

Was würdest du Angehörigen eines Selbstmords sagen? Wie kann man sich wieder aufrappeln und nach einem Suizid eines Nahestehenden weiterleben?

Es ist passiert; man kann nicht mehr zurück. Man muss also nach vorne schauen. Natürlich sind einige Suizide schwieriger zu akzeptieren als andere. Zum Beispiel, wenn die Angehörigen die Entscheidung zum Selbstmord nicht verstehen können. Man muss aber daran glauben, dass die Dinge wieder besser werden, das kann Monate oder Jahre dauern, aber es wird wieder besser. Man muss der Person, die Suizid begangen hat, und sich selbst für die Gefühle auch verzeihen. Die Akzeptanz ist essentiell, denn man kann nicht weiterleben mit diesem Gewicht auf den Schultern. Es ist wichtig, dass die Angehörigen die Hoffnung bewahren und tun, was ihnen gefällt, um sich besser zu fühlen und voranzukommen. Deswegen ist es wichtig, sich zu sagen: «Okay, ich habe das miterlebt, was mache ich jetzt damit?»

Hier gibt’s mehr zum Thema Suizid.

Hilfesuchende können sich rund um die Uhr an die Telefonnummer 143 (Die Dargebotene Hand) wenden

www.143.ch

Interview Andrea Tarantini

Übersetzung aus dem Französischen Kevin Meier

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