8.6 C
Zürich
11 April 2021

Ein Leben voller Hürden.

Ablehnung, Mobbing, fehlende Liebe, psychische Belastungen lassen sich überall auf der Welt finden. Romana Gianotti hat dies alles schon erlebt. «Fokus» erzählt sie über ihr ereignisreiches Leben.

Ein warmes Lächeln, welches das Herz erwärmt, verschmitzt funkelnde braune Augen, welche bereits einiges gesehen haben. Die kurzen braunen Haare umrahmen spielerisch das freundliche Gesicht der 63-jährigen Romana Gianotti, welche aus Freienstein stammt. Sie kam mit einer Fehlstellung im Gesicht zur Welt. Ihr Ober- und Unterkiefer waren nicht vollends gebildet und das rechte Ohr fehlte ganz. Bei einer ihrer zahlreichen Korrekturoperationen kam es zu einer Komplikation, als Folge davon musste der grösste Teil ihres Magens entfernt werden. Als wäre dies nicht schon genug, beging ihr Vater, als Romana 25 Jahre alt war, Suizid. Auch sie selbst hat einige gescheiterte Suizidversuche hinter sich. Doch heute kann sie sagen, dass sie glücklich ist.

Eine Operation nach der anderen

«Die Missbildung, welche ich im Gesicht habe, nennt man das Goldenhar-Syndrom», erklärt Romana zu Beginn. Merkmale eines solchen Syndroms sind diverse Fehlbildungen im Gesicht: «Bei mir war der rechte Unter- und Oberkiefer nicht ausgebildet und die rechte Ohrmuschel fehlte.» Sie schiebt die kurzen braunen Haare beiseite und zeigt die kahle Stelle, an der normalerweise das Ohr sässe. Das Problem bei einer solchen Kieferoperation ist, dass der Körper vollständig ausgewachsen sein muss, was bei Romana im Alter von 16 der Fall war. Zu Beginn versprach man, nur drei Operationen durchzuführen, doch etliche weitere kamen dazu. «Nach der ersten Operation wollte ich sofort wieder nach Hause, da man Rippenknorpel für die Kieferbildung benötigte und ich Angst vor sichtbaren Narben hatte. Der Arzt konnte mich jedoch zum Bleiben bewegen und die zweite Operation dauerte 13 Stunden.» Um der Schwellung nach der Operation Abhilfe zu leisten, setzt man Kortison ein. Niemand wusste zu diesem Zeitpunkt, dass Romana ein Zwölffingerdarmgeschwür hatte. Dieses kann sich unter Stress bilden, so zum Beispiel bei Mobbing. «Ich wurde in meiner Kindheit von Magenschmerzen und ständigen Krämpfen geplagt», erklärt Romana. Einige Tage nach der grossen Operation perforierte das Geschwür und sie erlitt einen Magendurchbruch, was tödlich enden kann. Zum Glück war sie zu diesem Zeitpunkt im Spital und so konnte sofort gehandelt werden. Zwei Drittel des Magens mussten entfernt werden, was eine weitere Herausforderung für Romana darstellte. 

Ablehnung der Familie

Durch diese schwere Zeit nahm Romanas Mutter sie nicht ernst und zeigte ihr sogar regelmässig, wie sehr ihr Äusseres sie störte. Zwar hatte sie einen liebenden Vater und eine unterstützende jüngere Schwester, doch von ihrem Bruder und ihrer eigenen Mutter wurde sie regelrecht gequält. Dazu kommt noch Romanas verschlechtertes Hörvermögen durch das fehlende rechte Ohr. Aufgrund dessen hinkte sie in der Schule nach. «Ich war sehr schlecht im Rechnen, wurde später jedoch Treuhänderin», erklärt sie lachend. Von ihrer Mutter wurde sie für diese mangelnde Leistung bestraft. Über diese Umstände zu Hause sprach sie mit sehr wenigen Personen. «Ich hatte Angst, Menschen zu vertrauen.»

«Ich hatte Angst, Menschen zu vertrauen.»

Romana
Der Suizid des Vaters

Mit dem Erreichen des 20. Lebensjahres übernahm die IV keine Kosten mehr. Jedoch hatte Romana erst drei der vielen Operationen hinter sich, da sie aufgrund des Magendurchbruchs ein Jahr aussetzen musste. Da sie mit ihrem Aussehen nicht leben konnte, wollte sie sich das Leben nehmen, was jedoch scheiterte. Als Romana 25 Jahre alt war, folgte ein weiteres schockierendes Ereignis: Sie erlitt den Verlust ihres Vaters. «Mein Vater war einer der Einzigen, der mich liebte und akzeptierte, so wie ich war. Zuerst war ich stolz auf ihn, doch dann überkam mich die Trauer und ich fragte mich, wieso er Suizid begangen hatte. Daraufhin versuchte ich meinen zweiten Suizid. Mit Tabletten und Alkohol fuhr ich mit dem Auto direkt in eine Mauer. Als die Ärzte mich dann im Spital fragten, wo ich denn hinwollte, antwortete ich: Zu meinem Vater.» 

«Mein Vater war einer der Einzigen, der mich liebte und akzeptierte, so wie ich war.»

Romana
Eine rettende Hand

Nach diesem Ereignis fasste Romana den Entschluss, psychologische Hilfe anzunehmen. Dort fand sie den Wert des Lebens wieder und erinnerte sich an noch unerfüllte Träume. Ihre berufliche Karriere erhielt Aufschwung und als alleinige Buchhalterin eines Unternehmens konnten sich ihre Fähigkeiten entfalten. Aus der Angst heraus, Fehler zu machen, war Romana sehr streng mit sich selbst und dadurch sehr pflichtbewusst. Dies war ein Resultat ihrer Kindheit. Die ganze Zeit trug sie ihre Probleme alleine mit sich herum, was jedoch nicht zu empfehlen ist. «Ich rate allen, welche mit Problemen zu kämpfen haben oder Suizidgedanken haben: Holt dringendst Hilfe, versucht dies nicht alleine durchzustehen, weil das alles nur noch schlimmer macht!» 

Der Weg zur Besserung

Mit 30 Jahren konnte Romana endlich ihre Selbstmordgedanken hinter sich lassen und verwirklichte einen langjährigen Traum: Früher hatte sie den Wunsch, Kindergartenlehrerin zu werden, was durch ihre zahlreichen Spitalbesuche nicht möglich war. So entschied sie sich, in die Kinderarbeit zu investieren und machte eine Ausbildung in diese Richtung. «So habe ich den Weg zur Erfüllung einer meiner Träume gefunden: Mit Kindern basteln, singen und Theaterstücke inszenieren.»

Geburt und Tod

«Der schönste Moment meines Lebens war die Geburt meiner Tochter», sagt Romana mit feucht glänzenden Augen. Sie wusste, dass sie nun eine Aufgabe hatte: Diesem Kind eine gute Mutter zu sein. «Ich wollte beweisen, dass man nie zu viel Liebe geben kann.»

Später durfte sie auch Heilung von den inneren Verletzungen erfahren, welche ihre Mutter ihr zugefügt hatte. Da diese aufgrund eines Hüftbruches früh ins Altersheim musste, besuchte Romana sie oft und konnte mit ihr Frieden schliessen. So verbrachte sie die letzte Zeit mit ihr, bis sie schliesslich in Frieden diese Welt verliess.

«Ich wollte beweisen, dass man nie zu viel Liebe geben kann.»

Romana
Bedeutung von Schönheit

«Auch heute habe ich noch Mühe mit meinem Aussehen und bin nicht ganz zufrieden. Deshalb sind Komplimente anderer schwer anzunehmen», verrät Romana. Doch was bedeutet Schönheit? Sie meint: «Meine Ausstrahlung, meine Lebensart und mein Umgang mit Menschen ist das, was mich schön macht.» Man muss das Positive an sich selbst hervorheben, um dem Negativen seine Kraft zu rauben. Oftmals heisst es: Die inneren Werte zählen. Romana sagt: «Nein, es kommt auch auf das Äussere an, wie zum Beispiel die Ausstrahlung, welche einen Menschen zu dem macht, was er ist.»

Text: Vanessa Bulliard

Lesen Sie mehr.

Millie Bobby Brown erobert die Unterhaltungsindustrie

Als Mädchen mit übernatürlichen Kräften wurde Millie Bobby Brown in der Netflix-Serie Stranger Things berühmt. Woher ihr Selbstvertrauen kommt und wann sie die Bodenhaftung verliert, erzählt die 15-jährige Schauspielerin im Interview.

Reiseinspiration: Naturschönheiten soweit das Auge reicht

«Die grösste Sehenswürdigkeit, die es gibt, ist die Welt – sieh sie dir an.» – Kurt Tucholsky. Der Journalist und Schriftsteller hat, wie schon viele andere Bekanntheiten, Reiseweisheiten an die Menschen weitergegeben. Eines haben Sie alle gemeinsam: Sie steigern die Lust auf das Reisen. Und unsere Kontinente bieten Naturwunder, eines schöner als das andere.

Archiv.

Mut zur Farbe in der Wohnungseinrichtung

Wir kleiden uns bunt, fahren ein Auto in unserem Lieblingsrot und umgeben uns gerne mit fröhlichen Farben – doch beim Wohnen verlassen...