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18 Mai 2021

Thea Mauchle über Behindertengleichstellung: «Wir müssen Klartext reden, statt die Welt schönzufärben».

Seit über 30 Jahren ist Thea Mauchle querschnittsgelähmt. Ihr Unfall hat sie jedoch dazu bewegt, sich aktiv für die Behindertengleichstellung zu engagieren. Deshalb hat Mauchle bereits bei unserem ersten Kontakt mitgeteilt, sie wolle in diesem Beitrag nicht als Einzelfall mit Paraplegie porträtiert werden. Vielmehr will sie auf das Gesamtproblem im Zusammenhang mit dem Thema Behinderung und hindernisfreies Leben aufmerksam machen.

Mit 31 Jahren verursachte Thea Mauchle einen Autounfall, der für sie alles verändert hat. Beim Rückwärtsfahren auf einem Alpweg ist sie von der Fahrspur geraten und einen Abhang hinuntergestürzt. Das Auto hat sich mehrmals überschlagen, bis es schlussendlich 300 Meter weiter unten zertrümmert liegen blieb. Beim ersten Überschlag konnte Mauchle aber die Türe öffnen und rechtzeitig aus dem Auto springen – dies hat sie gerettet. Allerdings erlitt sie beim Aufprall eine Querschnittlähmung. «Für mich war und ist es jedoch ein riesiger Glücksfall, dass ich überlebt habe», erzählt Mauchle. Mittlerweile ist sie 62 Jahre alt und hat somit die Hälfte ihres Lebens als Rollstuhlfahrerin verbracht. «Mein Unfall hat mich in eine andere Kategorie der Menschheit versetzt, plötzlich gehörte ich zu den Behinderten» – hierdurch kennt Mauchle beide Welten.

Alltägliche Diskriminierung von Menschen mit Behinderung

«Nach meinem Unfall hat es mich schockiert, dass ich nirgendwo mehr rein konnte. Ich habe gemerkt, dass es überall Treppen, komplizierte oder gar unmögliche Zugänge gab.» Oft hört sie in solchen Situationen Aussagen wie «Oh, jetzt haben sie euch wieder vergessen!» Inzwischen ist Mauchle der Überzeugung, dass die gesellschaftliche Ausgrenzung von Personen mit Behinderung ziemlich bewusst geschieht – die fehlende Infrastruktur interpretiert sie klar als eine behindertenfeindliche Einstellung.

So ist es für Personen im Rollstuhl in den wenigsten Restaurants möglich, diese zu befahren. Das Problem: Bei diesen scheint niemand an die Hindernisfreiheit zu denken. Doch auch die wenigen Restaurants, die über einen rollstuhlfreundlichen Zugang sowie Toilette verfügen, vermerken dies nicht auf ihrer Webseite. Auf die Frage, was Mauchle bei nicht zugänglichen Restaurants tue, folgt eine klare Antwort: «Boykottieren.» Und zwar knallhart, auch wenn das Restaurant einen hindernisfreien Zugang zu ihrem Aussenbereich hätte. Solche Lokale wolle sie finanziell nicht unterstützen. Als ironisch empfindet sie die aktuelle Situation der Gastrounternehmen im Lockdown: In ihrem Briefkasten hat Mauchle zahlreiche Flyers von Restaurants gefunden, die bisher nie Wert auf Hindernisfreiheit gelegt haben – mit der Bitte, sie durch Bestellungen beim Lieferservice zu unterstützen. «Aber warum soll ich sie retten, wenn sie mich sonst nicht mal reinlassen würden?», kritisiert sie.

Insbesondere im Bereich Arbeit macht Thea Mauchle auf die Diskriminierung von Menschen mit Behinderung aufmerksam. Und zwar «gegenüber allen Arten von Behinderung», schildert sie. Das Schwierigste für Personen mit Behinderung sei es, erwerbstätig zu sein. Schon der Bildungsweg ist mit Hindernissen gespickt und viele Betroffene kommen trotz Berufsausbildung oder Studium gar nicht erst an eine Stelle. Bei der Absage auf Bewerbungen sei die erste Erklärung die fehlende Infrastruktur am Arbeitsort, gefolgt von Aussagen wie «Sie passen nicht ins Team» und vielerlei sonstiger Bedenken. Für Mauchle alles Ausreden, um die Absage nicht ausdrücklich auf die Behinderung zu schieben. 

Sie selbst war hauptberuflich als Berufsschullehrerin tätig. Zwar war es für sie im Rollstuhl nicht einfach, dennoch hat sie immer einen Weg gefunden zu unterrichten. Auch mit ihren Schüler*innen hatte sie keine Probleme aufgrund ihrer Behinderung: «Ich wurde immer als Lehrperson akzeptiert.» Schwieriger war es mit einer Schulleitung, die kaum Bereitschaft zeigte, auf Mauchles Bedürfnisse einzugehen. So wollte sie beispielsweise für die elektrische Automatisierung der schweren Türen im Schulgebäude nicht aufkommen. Somit musste die IV diese Arbeitsplatzanpassung übernehmen. Vorschläge für Erleichterungen wie das virtuelle Teilnehmen an gewissen hindernisreichen Sitzungen stiessen oft auf Ablehnung.

Am weitesten in Sachen Hindernisfreiheit ist laut Mauchle der Schweizer ÖV. Die wichtigsten Bahnhöfe seien angepasst, neue Trams niederflurig. Jedoch sind bei Weitem nicht alle Haltestellen hindernisfrei. «Müssen Menschen mit Behinderung denn unbedingt überall hinkommen können?», fragen Zuständige. Zudem passieren in diesem Bereich immer noch häufig Pannen und Fehler. Insbesondere der Einstieg in ein Verkehrsmittel ist mit einem Rollstuhl sehr schwierig. Auf Hilfe anderer will Mauchle bei öffentlichen Transportmitteln jedoch nicht angewiesen sein. Vielmehr fordert sie eine konsequente Hindernisfreiheit. Es gehe um den uneingeschränkten Zugang für alle.

Die Problematik im Umgang mit Behinderung

Mauchle ist der Überzeugung, dass der oben beschriebene, problematische Umgang mit dem Thema Behinderung seinen Ursprung tief in unserer Psyche findet. Man wolle sich gar nicht erst mit dem unschönen Thema konfrontieren lassen, schlussendlich will niemand eine Behinderung. Meist stösst sie bei solchen Diskussionen auf zwei Arten von Reaktionen: einerseits Abscheu, also aktives Ablehnen, andererseits Mitleid und Trauer. «Allerdings bringen uns diese Emotionen nicht weiter. Idealerweise sollte man sachlich über Behinderung diskutieren», wünscht sie sich. Insbesondere, weil die Behinderung ein natürliches Phänomen ist und überall vorkommt. «Eine Behinderung kann uns alle treffen, dies kann man nicht bestreiten. Das Ziel ist, die äusseren Hindernisse möglichst abzubauen», so Mauchle. Hierbei spricht sie vom Paradigmenwechsel, bei dem man Menschen mit Behinderung nicht mehr als hilfsbedürftige Objekte betrachten sollte, sondern vielmehr als Subjekte, die wie alle anderen am öffentlichen und gesellschaftlichen Leben teilhaben wollen.

Bei solchen Diskussionen ist es für Mauchle zudem sehr wichtig, auf die richtige Wortwahl zu achten. Das Wort Behinderung dürfe nicht durch Begriffe wie Beeinträchtigung, Einschränkung oder Handicap ersetzt werden. Denn eine Behinderung ist ein Merkmal, welches man sich eben nicht einfach wegreden kann und sollte. Insbesondere, weil es in der Bundesverfassung wortwörtlich so festgehalten ist. «Nur aufgrund der Diagnose meiner Behinderung habe ich Anspruch auf Hilfeleistungen sowie meine Rechte», erklärt Mauchle. 

Behindertengleichstellung: Warum man nur mit Gesetzesänderung weiterkommt

Schon bald nach ihrem Unfall begann Thea Mauchle, sich politisch zu engagieren. 1999 wurde sie als Mitglied in den Zürcher Verfassungsrat gewählt. Darüber hinaus war sie acht Jahre lang im Kantonsrat und ist Mitglied der SP. «Dabei habe ich mich mit den Rechten von Menschen mit Behinderung in der Gesetzgebung auseinandergesetzt und bin empört, wie wenig die Schweiz bisher dafür getan hat», berichtet sie. Obwohl in der Bundesverfassung seit 2000 vorgeschrieben wird, dass Personen mit einer körperlichen, geistigen oder psychischen Behinderung nicht diskriminiert werden dürfen, stelle eine Behinderung immer noch in allen Bereichen des Lebens ein Problem dar. Das Diskriminierungsverbot der Bundesverfassung ist erst tatsächlich befolgt, wenn Hindernisse und Benachteiligungen für Personen mit Behinderung aktiv abgebaut worden sind. 

Aus diesem Grund ist Mauchle der Überzeugung, dass Behindertengleichstellung nur durch Recht und Gesetz erzwungen werden kann. Während sich die heutigen Gesetze nur auf staatliche Einrichtungen beziehen, stehen die Privaten noch viel zu wenig in der Pflicht. Bei Forderungen nach mehr Hindernisfreiheit wie beispielsweise dem Anbringen von Rampen oder dem Entfernen von Stufen, drängen sich für Mauchle sofort zwei Abwehrhaltungen in den Vordergrund: «Entweder steht der Denkmal- respektive der Heimatschutz solchen Änderungen im Wege oder unsere Forderungen seien unverhältnismässig und übertrieben. Wir seien nie zufrieden.» 

Auch seien grundsätzlich immer alle für die Behindertengleichstellung und die Einhaltung der Menschenrechte. Aber sobald es um die Umsetzung und die Details geht, sträuben sich viele gegen solche Vorschriften vom Staat. Und genau diese sollten enger gefasst werden, dort fehlt es noch am politischen Willen. Ein Lokal erfüllt die bestehenden Normen zwar, wenn es eine rollstuhlgerechte Toilette anbietet. Mauchle bringt das allerdings nur wenig, wenn diese kaum je gereinigt oder als Abstellraum genutzt wird. Um dies zu ändern, reichen Diskussionen alleine nicht aus.

Es wird zwar etwas gemacht, doch meist nicht richtig

Ein grosses Problem beim Vorantreiben der Behindertengleichstellung ist laut Mauchle die Tatsache, dass sich dafür die «Falschen» engagieren. In Führungspositionen vieler Behindertenorganisationen trifft man mehrheitlich auf Personen ohne Behinderung. Sie sind nur theoretisch und beruflich von Behinderung betroffen. Für Mauchle ist dies eine paradoxe Situation: «Wie sollen Nichtbehinderte die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung erkennen und glaubhaft deren Interessen vertreten? Immer noch sprechen Nichtbehinderte lieber mit Nichtbehinderten über Behinderte und der Slogan ‹nichts über uns ohne uns› wird allzu oft verdrängt und vergessen.»

Auch ist es ein Problem, dass Personen mit Behinderung bei wichtigen Entscheidungen, die vor allem sie betreffen, nicht miteinbezogen werden. So weist zum Beispiel eine kürzlich umgebaute Postfiliale in Mauchles Nähe neu einen hindernisfreien Schalterbereich auf. Allerdings sind die Postfächer nur über eine Stufe erreichbar und der Geldautomat ist zu hoch angebracht. Für Rollstuhlfahrende beides unbenutzbar. «Das Frustrierende hierbei ist, dass ich in den Neunzigern noch schimpfen konnte, wenn etwas fehlte. Unterdessen wurde aber einiges gemacht und soll für die nächsten 50 Jahre auch so bleiben. Es entspricht zwar den Normen, wurde aber alles andere als optimal umgesetzt. Wenn ich mich jetzt darüber beschwere, stosse ich auf Ablehnung. Ob wir eigentlich meinen, man müsse uns auch noch den roten Teppich ausrollen, lautet die Antwort», erklärt Mauchle.

Bauen für Menschen mit Behinderung

Insbesondere ist Hindernisfreiheit im Baubereich für die Lebensqualität von Menschen mit Behinderung entscheidend. Mauchle merkt jedoch, dass viele Architekt*innen auf ihre Bedürfnisse gar nicht erst eingehen wollen. «Ästhetik ist ihnen oftmals wichtiger als Funktionalität. Sie leben in einer anderen Welt als wir», erklärt Mauchle. Wohnungen, die das Minimum an Anforderungen für Rollstuhlfahrende erfüllen, sind in der Schweiz nicht nur beinahe unmöglich zu finden, sondern gleichzeitig auch unheimlich teuer. Oftmals enthalten sie auch noch Denkfehler: die Briefkästen sind zu hoch, der Keller nicht mit einem Rollstuhl erreichbar oder die Eingangstüre viel zu schwer. So müssen sich viele mit einer Mobilitätsbehinderung entweder zu Hause von Sozialdiensten helfen lassen oder sogar in Alterszentren oder Institutionen ziehen.

Mittlerweile bewegt sich ein Teil der Baubranche in die richtige Richtung: Mauchle ist in einem kleinen, gemeinnützigen Verein tätig, der mehrere rollstuhlgängige Wohnungen in einer Liegenschaft an Personen mit Mobilitätsbehinderung vermietet. Diese ermöglichen den Betroffenen ein selbstbestimmtes Leben. Zurzeit sind weitere rollstuhlfreundliche Wohnungen im Bau, die anschliessend vermietet werden sollen. Den involvierten Architekt*innen hat diese Zusammenarbeit die Augen geöffnet. Sie fragen sich, warum hindernisfreie Standards nicht gleich bei allen anderen Wohnbauten umgesetzt werden. Denn je weniger Hürden und Hindernisse, desto besser ist es für alle – ganz nach dem Motto «access for all». Ein komplett zugänglicher und hindernisfreier Innenhof sei schliesslich nicht nur für Rollstuhlfahrende, sondern auch für Personen mit Kinderwagen, Rollator, Velo, Trottinett und schwerem Gepäck angenehmer. Für Mauchle bedeutet Hindernisfreiheit ein «Denken für alle». Somit gäbe es gar nicht erst Bedarf für das Wort «rollstuhlgerecht». «Diese Denkweise sollte sich bei allen Architekt*innen und Bauherrschaften durchsetzen», wünscht sich Mauchle.  

Text: Akvile Arlauskaite

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