Im Schweizer Alltag ist Twint längst ein selbstverständlicher Begleiter geworden. Hinter diesem Erfolg steht ein komplexes Zusammenspiel aus technischer Innovation, Partnerschaften mit Banken und einem tiefen Verständnis für die Bedürfnisse der Nutzenden. Im Interview spricht Twint-CEO Markus Kilb darüber, wie sich digitales Bezahlen in der Schweiz entwickelt und welche Rolle Verantwortung und Vertrauen dabei spielen.
Herr Kilb, Sie leben und arbeiten nun seit über sieben Jahren in der Schweiz. Welche typischen Schweizer Eigenheiten haben Sie schon übernommen?
Ich schätze die Schweizer Präzision und den hohen Anspruch an Qualität sehr, sowohl beruflich als auch privat. Diese Haltung und die damit einhergehende hohe Professionalität gehen Hand in Hand mit einer positiven, lebensnahen Einstellung – eine Kombination, die mich immer wieder beeindruckt. Zudem habe ich die Menschen in der Schweiz im persönlichen Umgang als sehr zuvorkommend und grosszügig kennengelernt, was ich sehr schätze.
Wie schätzen Sie das Geldverhalten von Schweizer:innen ein? Sind wir wirklich Räpplispalter, wie es uns der internationale Ruf glauben lässt? Und: Auf welchem Weg bezahlen wir am liebsten?
Die Menschen in der Schweiz sind sehr bewusst im Umgang mit Geld. Sie vergleichen, wägen ab und entscheiden sich dann dafür, was wirklich Sinn ergibt. Das hat nichts mit Geiz zu tun, sondern mit klugen Entscheidungen und dem Anspruch auf «value for money». Auch beim Bezahlen zeigt sich eine klare Präferenz für digitale, sichere und einfache Lösungen. Twint ist da oft die erste Wahl.
Mitunter durch Twint wird unser Alltag zunehmend bargeldlos. Wann verschwindet unser Bargeld komplett?
Unser Ziel bei Twint ist es nicht, Bargeld zu verdrängen, sondern den Menschen eine bequeme, einfache und sichere Zahlungsart zu bieten. Mit Twint kann man nahezu immer und überall in der Schweiz bargeldlos bezahlen, einfach, schnell und sicher. Und wer dennoch Bargeld beziehen möchte, kann das mit Twint ebenfalls tun: Wir bieten in der App eine integrierte Funktion, mit der man an über 2500 Verkaufsstellen schweizweit unkompliziert Bargeld beziehen kann. Uns geht es vor allem darum, den Bedürfnissen der Menschen gerecht zu werden. Wir möchten den Nutzenden ermöglichen, mit ihrer bevorzugten Bezahlmethode an so vielen Orten und in so vielen Alltagssituationen wie möglich zu bezahlen.
In welche Richtung entwickelt sich Ihrer Meinung nach unser Zahlungsverhalten? Sehen Sie ein Risiko in dem immer weiter verbreiteten «Buy now, pay later»-System?
Wir sehen eine zunehmende Individualisierung beim Bezahlen in Richtung flexibel, mobil und nahtlos integriert. Die Funktion «Später bezahlen» in der Twint-App trägt diesem Bedürfnis Rechnung. Dabei handelt es sich um eine digitale Weiterentwicklung des klassischen Rechnungskaufs mit maximaler Transparenz. Die Menschen in der Schweiz sind sich an den verantwortungsbewussten Umgang mit solchen Produkten gewöhnt.
Die Zusammenarbeit mit den Schweizer Banken hat von Beginn an gut funktioniert. Auch das Feedback ist durchgehend positiv. Gibt es Aspekte in dieser Zusammenarbeit, die Sie zukünftig weiter ausbauen möchten?
Die Partnerschaft mit den Banken ist ein zentraler Erfolgsfaktor und gestaltet sich vertrauensvoll und konstruktiv. Wir möchten künftig noch stärker gemeinsam Innovationen vorantreiben – etwa indem wir das klassische Lastschriftverfahren digitalisieren und modernisieren. Die Banken spielen zudem eine Schlüsselrolle im Kundendialog, insbesondere bei Sicherheit und Kommunikation. Twint ist ein Angebot, das sie ihrer Kundschaft machen und diese Nähe ist entscheidend.
Twint hat die Herzen der Schweizer:innen im Eiltempo erobert und «twinten» hat sich längst in den alltäglichen Sprachgebrauch integriert. Wie erklären Sie sich diesen Kultstatus?
Twint ist mehr als eine Bezahl-App: Wir sind ein integraler Teil des Alltags in der Schweiz geworden, weil wir viele alltägliche Prozesse erfolgreich digitalisiert und vereinfacht haben. Dazu gehört nicht nur das Bezahlen an der Kasse oder im Onlineshop. Auch das Aufteilen von Beträgen nach dem Abendessen mit Freund:innen, die Bezahlung der Parkgebühr, das Spenden an gemeinnützige Organisationen und das Einkassieren im Verein wurden durch Twint vereinfacht. Diese Alltagsrelevanz, die einfache Bedienung und die lokale Verankerung haben dazu beigetragen, dass «twinten» heute ein fester Begriff im alltäglichen Sprachgebrauch ist. Zudem bieten wir der Schweiz ein Stück digitale Souveränität bei der wichtigen Zahlungsinfrastruktur.
Transparenz und Dialog sind mir wichtig. Als CEO trage ich Verantwortung, auch gegenüber der Öffentlichkeit. Offenheit schafft Vertrauen und Vertrauen ist die Basis für nachhaltigen Erfolg.– Markus Kilb,
CEO Twint
Hat das auch etwas mit der weltbekannten Schweizer Affinität für Geld, Banken und Finanzen zu tun?
Absolut. Die Schweiz hat eine lange Tradition im Finanzbereich. Vertrauen, Sicherheit und Diskretion sind hier tief verankert. Twint bringt diese Werte ins digitale Zeitalter und trifft damit den Nerv der Menschen in der Schweiz. Schweizer:innen sind sehr versiert im Umgang mit Finanzprodukten. Das Wissen ist hoch und damit auch der Anspruch. Diesem Anspruch wollen wir gerecht werden.
Man kann mittlerweile bei schätzungsweise 84 Prozent aller Geschäfte und Onlineshops mit Twint bezahlen. Was ist der Schlüssel für die restlichen 16 Prozent?
Der Schlüssel liegt in der engen Zusammenarbeit mit unseren Partnern im Twint-Ökosystem und der Schaffung von zusätzlichen Mehrwerten. Wir erweitern nicht nur stetig den Funktionsumfang der Twint-App, sondern auch das Angebot für den Handel. Darüber hinaus sehen wir weiteres Wachstumspotenzial, sowohl in Bezug auf die Anzahl der Nutzenden als auch bei der Häufigkeit, mit der Twint im Alltag eingesetzt wird. Unser Ziel ist es, den Alltag der Menschen in immer mehr Situationen durch digitale Innovation zu vereinfachen. Deshalb arbeiten wir laufend daran, die Anzahl der Akzeptanzstellen noch weiter zu erhöhen.
Obwohl Twint auf eine stetig steigende Erfolgskurve zurückblicken kann, gab es auch die eine oder andere Unebenheit auf dem Weg, zum Beispiel die Bestrebungen, gemeinsam mit einer Partnerfirma eine Funktion für Essenslieferung direkt in der App anzubieten. Wie haben solche Rückschläge Ihre Pläne und Strategien beeinflusst?
Die Nutzenden bezahlen beim Lieferdienst ihrer Wahl sehr gerne mit Twint. Gemeinsam mit einer Partnerfirma hatten wir dann eine Funktion für Essenslieferungen in die Twint-App integriert. Wir mussten jedoch feststellen, dass eine Bestellung direkt in der Twint-App nicht den Kundenbedürfnissen entsprochen hat. Jede Erfahrung, auch die weniger erfolgreichen, liefert wertvolle Erkenntnisse. Sie helfen uns, unseren Fokus zu schärfen und unsere Stärken gezielt weiterzuentwickeln. Wir müssen immer evaluieren, wo wir einen klaren Mehrwert für alle Parteien im Twint-Ökosystem liefern.
Wie definieren Sie Erfolg für sich persönlich?
Erfolg bedeutet für mich, gemeinsam mit einem starken Team nachhaltige Wirkung zu erzielen – für unsere Nutzenden, Partner und die Gesellschaft – und dabei nie den Menschen aus dem Blick zu verlieren. Ganz wesentlich ist für mich, das Leben der Menschen einfacher zu machen und ein funktionierendes Ökosystem zu schaffen, in dem alle Beteiligten profitieren. Wenn wir mit Twint Mehrwerte für alle Stakeholder generieren, ist das für mich echter Erfolg.
Die von der Twint mitgegründete European Mobile Payments Systems Association, ein Verband, der Zahlungsanbieter aus aller Welt vereint, zählt mittlerweile 16 Mitglieder. Was können Sie sich von den internationalen Kolleg:innen abschauen?
Der Austausch mit internationalen Partnern ist inspirierend. Wir lernen viel über unterschiedliche Marktbedürfnisse, technologische Trends und regulatorische Entwicklungen und bringen gleichzeitig Schweizer Expertise ein. Die Schweiz ist mittlerweile, was mobiles Zahlen anbelangt, eines der führenden Länder in Europa und so sehen viele ausländische Zahlungsanbieter mittlerweile tatsächlich Twint als Vorbild an.
Wir merken im internationalen Umfeld auch, dass das Thema «digitale Souveränität» stark an Bedeutung gewinnt. Der Zahlungssektor wird in der Regel von globalen Grosskonzernen beherrscht. Hier kann Twint der Schweiz ein wichtiges Stück digitale Souveränität bieten. Wir unterstehen Schweizer Regulierung und Governance und handeln im Interesse des Schweizer Ökosystems. Wichtig ist dabei, dass wir im Konkurrenzkampf gegen globale Tech-Konzerne faire Spielregeln brauchen. Dazu gehört etwa ein diskriminierungsfreier Zugang zur NFC-Schnittstelle von Apple-Geräten in der Schweiz, wie es diesen auch im Europäischen Wirtschaftsraum gibt.
Zurück zu Ihrer Person: Sie wirken nach aussen sehr offen und gesprächsbereit. Wie wichtig ist Ihnen die öffentliche Wahrnehmung?
Transparenz und Dialog sind mir wichtig. Als CEO trage ich Verantwortung, auch gegenüber der Öffentlichkeit. Offenheit schafft Vertrauen und Vertrauen ist die Basis für nachhaltigen Erfolg.
Schaffen Sie es, als CEO des grössten Schweizer Zahlungsanbieters trotzdem dann und wann mal abzuschalten und sich eine Auszeit zu nehmen?
Ja, das ist wichtig. Ich finde Ausgleich in der Natur, beim Wandern oder beim Lesen. Diese Momente helfen mir, neue Perspektiven zu gewinnen und mit frischer Energie zurückzukommen. Berufliches und Privates sind oft eng miteinander verwoben, ich mache da keine scharfe Trennung und schätze die Flexibilität.
Und worauf freuen Sie sich als nächstes?
Ich freue mich darauf, mit Twint die nächste Innovationsstufe zu zünden, gemeinsam mit unserem Team, unseren Partnern und den Nutzenden. Die Zukunft des Bezahlens ist spannend und wir sind mittendrin. Twint steht erst am Anfang.

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