Interview von Katja Deutsch

Anisja Porschke : KI im Rechtswesen ist eine Kompetenz

Die Mitgründerin des AI Legal Club plädiert im Interview für einen offenen und mutigen Umgang mit KI in Kanzleien.

Anisja Porschke ist Juristin und Co-Founder des AI Legal Club und arbeitet seit mehreren Jahren an der Schnittstelle von Recht und Technologie. Sie rät Kanzleien dazu, sich dem Thema KI mit Mut und Offenheit anzunähern.

Frau Porschke, KI hält mit Riesenschritten Einzug in Kanzleien. Wobei bieten juristische KI-Tools derzeit den größten Nutzen?

Das hängt stark davon ab, wo eine Kanzlei oder Rechtsabteilung in ihrer KI-Adaption steht. Besonders häufig wird KI aktuell für Recherche eingesetzt. Auch wenn KI-Tools lange nicht als klassische Recherche-Tools galten, können sie durch Anbindungen an externe Quellen und Fachverlage inzwischen sehr gut dabei unterstützen, relevante Informationen effizient zu finden. Das ist ein echter Mehrwert bei einem großen Pain-Point.

Auch für die Vertragsprüfung, also die Überprüfung von Strukturen, das Auffinden relevanter Klauseln und die gezielte Extraktion wichtiger Daten bieten neue Legal-Tech-Tools spürbare Erleichterungen.

Hinzu kommen administrative Anwendungen, besonders im E-Mail- und Dokumentenmanagement. Viele Anwältinnen und Anwälte arbeiten überwiegend in Outlook; Funktionen wie Copilot können ihnen dabei helfen, Informationen schneller zu finden und Prozesse effizienter zu gestalten. Gerade solche niedrigschwelligen, alltagsnahen Anwendungsfälle eignen sich gut für den Einstieg, weil sie schnell Nutzen stiften und Berührungsängste abbauen.

Anisja Porschke, Juristin und Co-Founder AI Legal Club

Was sind die drei typischen Herausforderungen der KI-Transformation, vor der fast alle Kanzleien und Rechtsabteilungen stehen? 

Aus meiner Sicht ist die größte Herausforderung das Mindset. Die Rechtsbranche ist naturgemäß vorsichtig und risikoavers, doch KI erfordert Ausprobieren, Experimentieren und eine gewisse Fehlertoleranz. Diese Offenheit lässt sich nicht verordnen, sondern muss kulturell in der Organisation wachsen. Daran hängt immer auch das Thema Change.

Die zweite Hürde ist die technologische Basis: Viele Kanzleien arbeiten noch mit On-Premise-Lösungen. Der Schritt in moderne, cloudbasierte Strukturen bedeutet nicht nur technische, sondern auch mentale Veränderung.

Und drittens: Überforderung. Der Markt ist voller Tools, die alle die perfekte Lösung versprechen. Gerade für Anwältinnen und Anwälte mit ohnehin hoher Arbeitsbelastung ist es schwierig, den Überblick zu behalten.

Worauf sollten Kanzleien bei der Auswahl der unterschiedlichen KI-Tools achten?

Es gibt inzwischen viele KI-Tools, die speziell auf juristische Anforderungen zugeschnitten sind und Datensicherheit, berufsrechtliche Standards oder den Zugriff auf juristisch relevante Inhalte sicherstellen. Trotzdem sollte man zuerst prüfen, ob in der bereits vorhandenen Software nicht schon KI-Funktionen integriert sind. Nichts ist aufwendiger als die Einführung eines komplett neuen Systems. Auch deshalb ist Copilot in der Microsoft-Welt für viele ein naheliegender Einstieg.

Es geht darum, konkrete Probleme zu lösen. Für Kunden ist der Markt gerade super: Viele Anbieter ermöglichen kostenlose Testphasen oder zumindest Demo-Zugänge. Diese Phase sollte man am besten mit einem kleinen Team nutzen. So kann man zusammen entscheiden, welches Tool wirklich in den beruflichen Alltag passt.

Sollte man dabei auch darauf achten, dass Anbieter und Rechenzentrum wirklich in Deutschland sind?

Wichtig ist, jedes Tool auf Datenschutz und Berufsrecht zu prüfen, denn das sind die zentralen Sicherheitsfaktoren für die Branche. Viele Anbieter erfüllen heute beide Anforderungen. Doch noch immer geistert die Annahme herum, dass man diese als Anwältin und Anwalt nicht nutzen dürfe. Das stimmt nicht! Auch die Bundesrechtsanwaltskammer hat hierzu grünes Licht gegeben.

KI kann wiederkehrende Aufgaben beschleunigen und Fehler reduzieren, ersetzt aber nicht das menschliche Urteil oder Verhandlungsgeschick.– Anisja Porschke,
Juristin und Co-Founder AI Legal Club

Welche Rollen im Rechtswesen könnten durch Legal Tech eher überflüssig werden – und welche entstehen neu? Und wie verändert sich dadurch die Wertschöpfung in den Kanzleien und in den Rechtsabteilungen? 

Viele typische juristische Tätigkeiten wie die Prüfung eines umfangreichen Vertrages werden sich stark verändern, da KI zunehmend Arbeitsschritte übernehmen kann, die bisher von wissenschaftlichen Mitarbeitenden oder Berufsanfängern erledigt wurden. Anwältinnen und Anwälte bleiben jedoch als »Human in the Loop« unverzichtbar, um KI-Ergebnisse zu überprüfen und Entscheidungen abzusichern.

Gleichzeitig entstehen neue Schnittstellenrollen, wie beispielsweise sogenannte Legal Engineers, die zwischen juristischer Expertise und KI-Anwendungen vermitteln. Das heißt, vielleicht wird KI immer mehr zu einer Kollegin, die gewisse Schritte abnimmt, aber wir sind immer noch dazwischen. Große Kanzleien entwickeln schon seit längerem Softwarelösungen für Mandanten. Dank KI können nun auch kleinere Einheiten digitale Produkte anbieten.

Die Branche steht somit vor einer Phase tiefgreifender Veränderungen, die Ausbildung, Rollenbilder und die Wertschöpfungskette der Rechtsberatung neu definieren werden. 

Brauchen wir zukünftig dann nur noch einen Bruchteil an Jura-Absolventen?

Laut einer Studie der Bucerius Law School ist die aktuelle geringere Einstellungsquote von Berufseinsteiger:innen nicht allein auf KI zurückzuführen, sondern auch auf die wirtschaftliche Lage. Kanzleien müssen weiterhin Nachwuchs ausbilden, um langfristig erfahrene Anwälte und Partner zu sichern. Möglicherweise verkürzen sich Karrierewege, aber das generelle Einstellungsniveau wird nicht abrupt gesenkt. Kanzleien testen nur gerade Schritt für Schritt, wie sie KI sinnvoll in Teams integrieren können und werden mit Sicherheit die Anforderungsprofile an künftige Jura-Absolventen anpassen.

Welche Aufgaben im Rechtswesen sollten Ihrer Meinung nach niemals vollständig an die KI übergeben werden? Und wo ziehen Sie da die Grenze?

Im Rechtswesen bleibt die Entscheidungsfindung beim Menschen, insbesondere bei Gerichten. KI kann wiederkehrende Aufgaben beschleunigen und Fehler reduzieren, ersetzt aber nicht das menschliche Urteil oder Verhandlungsgeschick. Gerade bei Verhandlungen sind Emotionen, Vertrauen und zwischenmenschliche Einschätzungen entscheidend, sodass diese Aufgaben nicht an KI ausgelagert werden sollten.

Welche Lücke im juristischen Markt möchten Sie mit Ihrem AI Legal Club schließen?

Wir unterstützen Anwält:innen dabei, KI-Kompetenzen aufzubauen, um KI sicher und effektiv zu nutzen. Hierfür braucht es praxisnahe Anwendungsbeispiele, die zum Arbeitsalltag von Anwält:innen passen. Im AI Legal Club bieten wir verschiedene Lernformate an. Außerdem vernetzen wir die Lernenden untereinander, damit sie sich zu Best Practices und Herausforderungen austauschen können. Generative KI ist für uns alle neu und wir können nur voneinander lernen. 

Wer sind Ihre Kunden? 

Zu unseren Kunden zählen Rechtsabteilungen und Kanzleien jeder Größe. Manche schulen ihr gesamtes Team im AI Legal Club, um flächendeckend KI-Kompetenzen aufzubauen. Oft arbeiten wir auch mit KI-Verantwortlichen zusammen, die das Know-how bei uns erwerben und in ihre Organisation tragen.

Inwiefern und wann sollte die juristische Ausbildung KI integrieren? 

KI sollte von Anfang an als Grundkompetenz vermittelt werden – ähnlich wie Digital Literacy, nicht nur »on top«. Ihr verantwortungsvoller und erfolgreicher Einsatz wird im Studium immer wichtiger und beim Berufseinstieg bald Standard sein. Studierende sollten wir damit nicht alleinlassen.

Wie beurteilen Sie insgesamt den Einsatz von KI im Rechtsmarkt?

KI hat im Rechtsmarkt für einen positiven Aufbruch gesorgt: Themen, die früher Nische waren, erhalten nun deutlich mehr Aufmerksamkeit, und es entsteht viel Bewegung und Interesse in der Branche. Es gibt aber auch noch ordentlich Luft nach oben! 

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09.04.2026
von Katja Deutsch
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