Interview von SMA

Christine Antlanger-Winter: «Wir machen Zürich zum Innovations­maschinenraum für die Welt»

Wenn man die Google-KI «Gemini» um Rat bittet, steckt in der Antwort immer eine geballte Ladung Schweizer Ingenieurskunst. Denn längst ist Zürich zum Herzstück für Googles globale KI-Pläne geworden. Country Director Christine Antlanger-Winter erklärt im Interview, weshalb Innovation Mut zum Scheitern braucht – und warum die Schweiz jetzt die Chance hat, ihre globale Innovations-Pole-Position massiv auszubauen.

Wenn man die Google-KI «Gemini» um Rat bittet, steckt in der Antwort immer eine geballte Ladung Schweizer Ingenieurskunst. Denn längst ist Zürich zum Herzstück für Googles globale KI-Pläne geworden. Country Director Christine Antlanger-Winter erklärt im Interview, weshalb Innovation Mut zum Scheitern braucht – und warum die Schweiz jetzt die Chance hat, ihre globale Innovations-Pole-Position massiv auszubauen.

Frau Antlanger-Winter, ich habe die Google-KI «Gemini» gefragt, was eine gute Eröffnungsfrage für dieses Interview wäre. Hier kommt sie: «Innovation braucht Raum zum Scheitern, doch der Markt verlangt Perfektion. Wie sieht das Betriebssystem für Innovation aus, das Sie in Ihren Teams kultivieren, um diesen Spagat zu meistern?» 

Ein schöner Vorschlag von Gemini, insbesondere die Idee, dass Scheitern auch Teil eines Innovationsprozesses sein kann. Wir bei Google verfolgen den Ansatz, technologisch mutig («bold») und in der Anwendung verantwortungsvoll («responsible») vorzugehen. Gerade hier in der Schweiz, wo Qualität und Vertrauen hohe Währungen sind, ist ein verantwortungsvoller Umgang ein wichtiges Differenzierungsmerkmal. Sowohl intern als auch extern mit Partnern leben wir daher eine Kultur des «gemeinsamen Erfindens». Das bedeutet, dass wir Dinge rigoros testen – wir haben hier in Zürich beispielsweise «Red Teams», die proaktiv unsere eigenen Systeme zu hacken versuchen, um Schwachstellen zu eruieren. Um Innovation aktiv zu gestalten, kombiniert unsere Unternehmenskultur somit den kreativen Freiraum eines Forschungsstandorts mit den hohen Qualitätsstandards und externen Erwartungen für Produkte, die Milliarden Menschen weltweit nutzen.

Vielen Dank, ab hier sind die Fragen wieder «handgemacht». Fangen wir mit etwas Alltäglichem an: Stellen Sie generativen KIs vor allem Fachfragen oder holen Sie sich auch mal Lebenstipps ab?

Ich mache tatsächlich beides: Beruflich nutze ich KI etwa, um schneller bessere E-Mails oder Texte zu schreiben, aber auch, um mir lange Dokumente per «NotebookLM» zusammenfassen zu lassen. Gerade für unterwegs kann ein KI-generiertes Audio-File als Podcast-Gespräch Gold wert sein. Aber wir experimentieren auch viel als Familie bei der Reiseplanung sowie beim Lernen zu Hause mit KI. 

Spannend, können Sie hierzu ein Beispiel nennen?

Lassen Sie mich ein ganz alltägliches Szenario beschreiben: Gemini mit Bildschirmfreigabe als Hausaufgabenhilfe. Anstatt die Lösung einfach vorzusagen, kann Gemini als Tutor fungieren. Wir teilen den Bildschirm oder fotografieren das Matheblatt. Man kann dann einfach sagen: «Gemini, erstelle ein Quiz zu diesem Aufgabenbereich.» Das Schöne daran: Es entsteht ein spielerischer Zugang zur Materie und die maximale Punkteanzahl beim Quiz zu erreichen, ist überdies ein guter Anreiz für die ganze Familie. Auch bei der Reiseplanung – beispielsweise für einen Städtetrip übers Wochenende – kann Gemini wirklich viel Inspiration bieten und aufzeigen, was es am Reiseziel zu sehen und zu tun gibt, abgestimmt auf die individuellen Interessen. Ob in der Brainstorming-Phase im Gespräch mit «Gemini Live» oder auch für die Zusammenstellung eines konkreten Reiseplans: Dies sind Momente, in denen die Technologie echte Alltagshilfe leistet.

Mein Ziel ist es, dass wir die Chancen der Innovation für den Standort Schweiz wirklich nutzen und dabei unseren Werten folgen.– Christine Antlanger-Winter
Country Director Google Schweiz

Google bekennt sich seit jeher zum Standort Schweiz. Nun nimmt Zürich im Rahmen der KI-Revolution eine noch zentralere Rolle für das Unternehmen ein. Was bedeutet das für den Standort und Ihre Teams?

Ja, in Zeiten von KI rückt Zürich mehr denn je in den Fokus. Zürich hat sich von einem reinen Forschungs- und Entwicklungsstandort zu einem strategischen Knotenpunkt entwickelt. Wir sind heute einer der bedeutendsten Google-Entwicklungsstandorte ausserhalb der USA, mit Teams bei Google, Google DeepMind und Google Cloud, die auch in Zürich an Entwicklungen zu künstlicher Intelligenz mitarbeiten. Unsere Teams arbeiten hier tief im «Maschinenraum» an den Kernprodukten und der zugrunde liegenden Infrastruktur mit, etwa an der Multimodalität der Gemini LLMs. Für den Standort heisst das, dass wir nicht nur Nischenanwendungen bauen, sondern globale Technologien massgeblich mitgestalten, was Zürich als Deep-Tech-Hub enorm stärkt und weit umhin eine enorme Strahlkraft hat.

Google hat in Zusammenarbeit mit digital-switzerland eine Studie über das Potenzial von KI durchführen lassen. Was waren für Sie die spannendsten Erkenntnisse?

Meiner Meinung nach ist an der neuen KI-Innovationsstudie der Fokus auf die Beschleunigung der Forschung besonders interessant. Wir wussten bereits aus der «Implement Studie» von 2024, dass KI das Schweizer BIP um geschätzte 80 bis 85 Milliarden Franken steigern könnte. Neu zeigt sich aber das enorme Potenzial direkt in der Innovationstätigkeit: KI könnte allein durch effizientere Forschung und Entwicklung (F&E) jährlich rund 15 Milliarden Franken zur Wirtschaftsleistung beitragen. Dabei geht es nicht nur um Effizienzsteigerungen von zehn bis 20 Prozent, sondern darum, dass sich die Qualität der Lösungen verdoppeln kann. Für ein Land wie die Schweiz, das beim «Global Innovation Index» führend ist, ist das ein wichtiger Hebel, um diese Spitzenposition auch langfristig sichern zu können. 

 

Sie haben in früheren Interviews bereits die Wichtigkeit von Wissens- und Technologietransfer mit der hiesigen Wirtschaft betont. Wie müssen Innovationstreiber wie Google mit Schweizer Unternehmen zusammenarbeiten, damit dieser Transfer auch hinsichtlich KI gelingt?

Wir sehen uns hier in einer Doppelrolle: als globaler Forschungshub, aber auch als lokaler «Enabler» für die Wirtschaft. Der Transfer gelingt am besten über konkrete Projekte, die zeigen, dass KI wirklich etwas verändern kann. Ein Beispiel ist unsere Zusammenarbeit mit Schweizer Unternehmen wie Swisscom. Sie setzten unsere «Demand Gen»-KI-Lösung ein, um Marketingprozesse grundlegend zu optimieren. Mit KI-gestützten Tools können Kundenbedürfnisse so besser verstanden werden, um sie genau im richtigen Moment anzusprechen, was die Performance der Kampagnen im konkreten Fall massiv steigerte. Es geht also nicht immer nur um futuristische Robotik, sondern häufig um die intelligente Nutzung der Technologie, um das Kerngeschäft effizienter zu machen. Unser Ziel ist es, solche Lösungen – vom Grosskonzern bis zum KMU – so bereitzustellen, dass die Schweizer Qualität weiterhin im globalen Vergleich Innovationsführer bleiben kann. Ein weiteres Beispiel aus dem Forschungsbereich ist die Zusammenarbeit mit der ETH Zürich im neuen «ETH Augmented Reality Research Lab» (ETHAR). Es geht hier mittelfristig darum, KI-Innovationen aus dem Labor in die reale Anwendung und in die Schweizer Wirtschaft zu bringen. 

LLMs haben der Welt die Power von KI vor Augen geführt. Derzeit steht die Agentic AI in den Startlöchern. Woran arbeitet man bei Google derzeit und was dürfte der nächste Schritt in der KI-Evolution sein?

Wir sehen ja jetzt bereits, dass KI viel mehr ist als bloss ein GenAI-Chatbot, der Texte generiert. Der nächste Schritt geht in Richtung multimodale Assistenten – wir nennen das die «Agentische Ära». Die Vision ist die eines intelligenten, permanenten Begleiters, der Sprache, Bild und Kontext gleichzeitig versteht. Wir arbeiten daran, dass KI handlungsfähiger wird, also eine «Agentic AI», die komplexe Aufgaben über mehrere Schritte hinweg selbstständig lösen kann, wie etwa im technischen Support oder bei der Wissensarbeit. Technologisch ist unser «Gemini Modell 3» hier wegweisend, da es von Grund auf multimodal entwickelt wurde. Die Messlatte für zusammenhängende Intelligenz und logisches Denken wurde noch einmal deutlich nach oben verschoben, wobei die «Flash»-Modelle auf Geschwindigkeit getrimmt sind, während die «3-Pro-Version» das Flaggschiff für komplexe Aufgaben ist.

Gibt es abseits von KI noch andere Innovationsfelder, die Google derzeit aktiv vorantreibt, oder ist «AI-inside» ohnehin der Standard?

Google ist seit 2016 eine «AI-first Company» und hatte vorher schon viel Erfahrung mit maschinellem Lernen sowie mit KI-Algorithmen. KI ist mittlerweile die Basistechnologie in allen unseren Produkten, von der Suche über Shopping und YouTube bis hin zu Cloud-Produkten und Google Maps. Die Anwendungsfelder sind sehr divers. Ein riesiges Innovationsfeld ist für uns der Einsatz von KI für sozialen Impact. Von der Proteinfaltung im «Project Alpha Fold» zur Krebsdiagnose im Gesundheitsbereich über den Einsatz von KI in der Luftfahrt, um Kondensstreifen zu vermeiden, bis hin zur Vorhersage von Hochwasser- und Waldbrandgefahren – hier überall kann KI Menschen unterstützen und schützen. Ein weiteres Feld ist «Privacy Engineering» hier in Zürich: Wir entwickeln Technologien, die es ermöglichen, Daten zu verarbeiten, ohne die Privatsphäre zu gefährden. Es steckt also fast immer KI drin, aber die Innovationskraft liegt in der Lösung realer gesellschaftlicher oder unternehmerischer Herausforderungen.

Welche Ziele und Meilensteine haben Sie sich für die kommenden Jahre als Google-Schweiz-Country-Director gesteckt?

Mein Ziel ist es, dass wir die Chancen der Innovation für den Standort Schweiz wirklich nutzen und dabei unseren Werten folgen. Wir wollen Zürich als globalen Tech-Standort weiter stärken und die besten Talente aus dem In- und Ausland fördern – wir haben mittlerweile rund 65 Lernende und investieren stark in die lokale Berufsbildung. Gleichzeitig möchte ich, dass wir den «Brain Gain» für das ganze Ökosystem nutzen: Weit über 115 Start-ups wurden bereits von ehemaligen Google-Mitarbeitenden hier in der Schweiz gegründet. Wenn wir es schaffen, diese Innovationskraft mit den traditionellen Schweizer Stärken und einem pragmatischen, aber offenen regulatorischen Rahmen zu verbinden, sehe ich uns – und damit den Standort Schweiz – für die Zukunft hervorragend aufgestellt.

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18.03.2026
von SMA
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