Der traditionsreiche Auto- und Industriezulieferer Schaeffler und das High-Tech-Unternehmen Neura Robotics haben im November eine Partnerschaft für die Entwicklung und Lieferung von Schlüsselkomponenten für humanoide Roboter beschlossen. Klaus Rosenfeld, Vorstandsvorsitzender der Schaeffler AG, und David Reger, CEO und Gründer von Neura Robotics, über eine wegweisende Zusammenarbeit in herausfordernden Zeiten.
Herr Rosenfeld, das traditionelle Autogeschäft verändert sich. Andererseits sind auch Roboter im weitesten Sinne automobil. Wie leicht oder schwer fiel Ihnen die Entscheidung für eine Partnerschaft mit Neura Robotics?
Zunächst ist wichtig zu verstehen, dass Schaeffler mehr ist als ein Automobil- und Industriezulieferer. Wir sind eine »Motion Technology Company« und decken mit unseren Produkten alle Aspekte der Bewegung ab. Auf dieser Basis stellt die humanoide Robotik für Schaeffler ein vielversprechendes Wachstumsfeld mit langfristigem Potenzial dar. Wir engagieren uns bereits seit mehreren Jahren erfolgreich in der Robotik und verfügen über jahrzehntelanges Anwendungswissen. Durch die Kooperation mit unterschiedlichen Partnern aus Forschung, Technologie und Industrie profitieren wir von breit gefächerter Expertise, fördern den Austausch neuer Ideen und beschleunigen die Entwicklung praxisnaher Lösungen für zukunftsweisende Technologien. Die Entscheidung, mit Neura zu kooperieren, fiel uns leicht: Beide Unternehmen verbindet Pioniergeist und Innovationskraft. Neura Robotics gehört für mich zu den innovativsten Unternehmen in Europa.
Wie genau sieht die Zusammenarbeit aus?
Die Zusammenarbeit mit Neura umfasst drei wesentliche Aspekte: Erstens die Entwicklung und Lieferung von hochwertigen Komponenten für humanoide Roboter wie beispielsweise Planetenradaktoren. Zweitens wird Schaeffler Humanoide von Neura in seinem globalen Produktionsnetzwerk einsetzen. Darüber hinaus generieren wir gemeinsam reale Anwendungsdaten, die für das Training von humanoiden Robotern essenziell sind. So können wir die Fähigkeiten von Humanoiden kontinuierlich optimieren und dazu beitragen, diese Technologie bereit für die Zukunft zu machen.
In meinen Augen ist es von großer Bedeutung, dass starke, innovative Unternehmen ihre Kompetenzen partnerschaftlich verbinden, um nachhaltig erfolgreich zu sein.– Klaus Rosenfeld,
Vorstandsvorsitzender Schaeffler AG
In unsicheren Zeiten werden von CEOs und Vorständen wegweisende Entscheidungen und auch Neuausrichtungen verlangt. Inwiefern ist Ihre Partnerschaft ein Signal für den Wirtschaftsstandort Deutschland?
Schaeffler ist ein globales Unternehmen mit einer starken Basis in Deutschland. In meinen Augen ist es von großer Bedeutung, dass starke, innovative Unternehmen ihre Kompetenzen partnerschaftlich verbinden, um nachhaltig erfolgreich zu sein. Die Technologiepartnerschaft mit Neura Robotics ist ein gutes Beispiel, wie das funktionieren kann. Neura Robotics verfügt über starkes Know-how, wenn es um die Entwicklung kompletter Humanoid-Systeme geht. Wir bringen unsere jahrzehntelange Fertigungsexzellenz und Industrialisierungskompetenz in die Kooperation ein. Ein Schlüssel, ob die Humanoid-Technologie in Zukunft erfolgreich sein wird, ist ihre Skalierbarkeit, also ob Humanoide in höchster Qualität, zuverlässig und kosteneffizient in großen Stückzahlen eingesetzt werden. Für mich ist klar, dass wir gemeinsam ein starkes Zeichen im Bereich Innovation setzen können. Das kann ein wichtiger Beitrag sein, um die Zukunftsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Deutschland zu stärken.
Herr Reger, Sie wollen die Industrialisierung von Humanoiden vorantreiben – und zwar mit »souveräner europäischer Datenbasis«. Warum ist Letzteres so wichtig?
Eine souveräne europäische Datenbasis ist für Robotik entscheidend, weil diese Systeme nicht nur mit Text oder Bildern arbeiten, sondern direkt in der physischen Welt handeln. Roboter lernen aus realen Erfahrungen – aus Bewegungen, Interaktionen und aus den Abläufen von Industrie und Alltag. Diese Daten bilden das Fundament ihrer Fähigkeiten. Wenn solche Daten ausschließlich in außereuropäischen Plattformen entstehen oder verarbeitet werden, verlieren wir langfristig die Kontrolle über zentrale industrielle Kompetenzen. Europa hat eine starke industrielle Basis, aber diese muss sich auch in der digitalen Infrastruktur widerspiegeln. Für uns bedeutet das: Robotik, KI und Daten müssen zusammen gedacht werden. Eine souveräne Datenbasis stellt sicher, dass Wertschöpfung, Know-how und Innovationsfähigkeit auch in Europa entstehen und bleiben.
Sie beschreiben moderne Roboter als »Smartphones mit Armen und Beinen«. Wie werden Robotik-Fertigkeiten die Produktion der Zukunft verändern und unser Leben verbessern?
Mit diesem Bild versuche ich zu erklären, dass Robotik in Zukunft ähnlich skalierbar sein wird wie das Smartphone. Ein Roboter ist dann nicht mehr nur eine einzelne Maschine für eine spezifische Aufgabe, sondern Teil einer Plattform, auf der ständig neue Fähigkeiten entstehen können. Deshalb stelle ich einzelne Fähigkeiten auch nicht in den Vordergrund. Das wäre ähnlich, als würde man fragen: Was kann ein Mensch? Die Antwort lautet: alles, was er lernt oder trainiert. In der Industrie bedeutet das eine völlig neue Flexibilität. Roboter können verschiedene Tätigkeiten übernehmen, sich an neue Aufgaben anpassen und mit Menschen zusammenarbeiten. Prozesse, die bisher zu komplex oder zu variabel waren, lassen sich dadurch erstmals automatisieren. Gleichzeitig wird niemand allein all die Anwendungen entwickeln können, die Roboter künftig beherrschen sollen. Deshalb bauen wir mit dem Neuraverse eine offene Plattform. Anwenderinnen und Anwender werden darin einen App-Store für Robotik sehen – mit dem Unterschied, dass dahinter ein ganzes Ökosystem aus Entwicklern, Industriepartnern und Physical AI steht. Wenn Tausende Entwicklerinnen und Entwickler weltweit neue Fähigkeiten für Roboter schaffen, entsteht genau die Dynamik und Skalierung, die Robotik schnell zum Mainstream-Produkt macht und in den Alltag bringt.
CEOs müssen auch Ziele ausgeben. Ihr Ziel heißt: Bis 2030 wollen Sie fünf Millionen kognitive und humanoide Roboter ausliefern. Wo werden wir überall Roboter sehen?
Unser Ziel ist ambitioniert, aber wir sehen weltweit einen enormen Bedarf. In vielen Branchen fehlen bereits heute Fachkräfte und dieser Trend wird sich in den kommenden Jahren weiter verstärken. Die Industrienationen stehen vor einer demografischen Entwicklung, bei der immer weniger Erwerbstätige für immer mehr Wertschöpfung sorgen müssen. Roboter werden deshalb zuerst dort eingesetzt, wo sie Menschen unterstützen können: in Fabriken, in der Logistik, im Handwerk oder im Servicebereich. Später werden sie zunehmend auch im Alltag präsent sein – etwa in Pflegeeinrichtungen, im Einzelhandel oder im Haushalt. Langfristig geht es darum, Robotik zu einer grundlegenden Infrastruktur zu machen, ähnlich wie Computer oder Smartphones. Wenn Roboter vielseitig genug werden und ihre Fähigkeiten ständig erweitern können, werden sie zu einem ganz selbstverständlichen Bestandteil unseres Lebens.
Wenn man Robotik wirklich skalieren will, braucht man genau dieses Wissen – über Produktion, Qualität, Lieferketten und globale Industrieprozesse.– David Reger,
CEO und Gründer Neura Robotics
Als CEOs und Vorstände müssen Sie nicht nur Zukunftsaussichten wagen, sondern sich auch in Ihre Partner eindenken können. Wie sehr, Herr Rosenfeld, können Sie sich in Herrn Reger und sein 2019 gegründetes Unternehmen Neura Robotics eindenken?
Neura Robotics ist ein Unternehmen, das mich von Anfang an sehr beeindruckt hat. Ich erinnere mich noch gut an das erste persönliche Treffen mit David Reger. Sein Pioniergeist und seine Leidenschaft für Technologie sind bemerkenswert. Das ist ein Element, das uns trotz der unterschiedlichen Größen unserer Unternehmen vereint. Vor 80 Jahren war es exakt dieser Geist, der Schaeffler zu dem gemacht hat, was es heute ist und auf den unser Unternehmen noch heute baut. David Reger ist ein Unternehmer, der Grenzen verschieben will. Wir bei Schaeffler verstehen sehr gut, welches Potenzial wir mit Neura Robotics haben und wie wir gemeinsam ein neues Ökosystem entwickeln können.
Und wie sehr, Herr Reger, verstehen Sie Herrn Rosenfeld und die direkt nach dem Krieg gegründete Schaeffler-Gruppe?
Ich habe großen Respekt vor Unternehmen wie Schaeffler, die über Jahrzehnte industrielle Kompetenz aufgebaut haben. Wenn man Robotik wirklich skalieren will, braucht man genau dieses Wissen – über Produktion, Qualität, Lieferketten und globale Industrieprozesse. Gleichzeitig bringen junge Technologieunternehmen eine andere Perspektive ein: Geschwindigkeit, neue Technologien und die Bereitschaft, Dinge radikal neu zu denken. Genau diese Kombination macht Partnerschaften wie unsere so spannend. Innovation entsteht selten in einer einzelnen Organisation. Sie entsteht dort, wo Erfahrung und neue Ideen zusammenkommen.

Schreibe einen Kommentar