Interview von Katja Deutsch

Roland Busch: KI ist die nächste industrielle Revolution

»Unternehmen müssen immer schneller werden, um wettbewerbsfähig zu bleiben.«

Roland Busch, Vorstandsvorsitzender der Siemens AG, gilt als Vorreiter bei der Verbindung von realer und digitaler Welt – um Produkte besser, sicherer und nachhaltiger zu machen. Warum dafür neben innovativen Ideen auch der sogenannte »China Speed« entscheidend ist, erklärt er im Interview.

Herr Busch, Siemens hat in Ihrer Zeit als CEO stark an Börsenwert zugelegt und gehört zu den wertvollsten Unternehmen im DAX. Wie haben Sie das geschafft?

Das ist vor allem das Verdienst unseres Siemens-Teams auf der ganzen Welt. Wir haben eine klare Strategie – die heißt: Siemens verbindet die reale mit der digitalen Welt. Wir kombinieren Hardware und Software wie kein anderes Unternehmen.

© Siemens

Und ganz wichtig: Wir setzen sie konsequent um!

Damit liegen wir genau richtig. Denn die Zukunft entsteht heute da, wo künstliche Intelligenz und Software auf die reale Welt treffen. Das ist unsere Stärke. Wir sind führend bei industrieller KI. Wir schaffen Werte für unsere Kunden und für die Gesellschaft. Unsere Technologien helfen, Energie zu sparen und Emissionen zu senken.

Gemeinsam mit unseren Kunden und Partnern treiben wir Innovationen genau da voran, wo sie einen Unterschied machen: in der Industrie, Infrastruktur und Energieversorgung. Deshalb sind wir heute stärker denn je. 

Sie sprechen oft von China Speed – produzieren jedoch auf der ganzen Welt, vor allem auch in Bayern. Warum funktioniert das?

»China Speed« ist für mich vor allem eine Haltung. In China wird unglaublich schnell ausprobiert, umgesetzt und skaliert. Im vorigen Jahr haben wir zum Beispiel in China 18 neue Produkte auf den Markt gebracht – und das innerhalb von sechs bis neun Monaten. Vor Kurzem haben wir in Peking 26 weitere Produkte präsentiert.

Dazu kommt, dass das chinesische Ecosystem und alle Zulieferketten in dieser hohen Geschwindigkeit arbeiten und liefern – ein unschätzbarer Vorteil. 

Dieses Tempo macht den Unterschied. Und diese Schnelligkeit und Flexibilität müssen für uns Maßstab sein. Das heißt nicht, China zu kopieren. Aber wir müssen den Wettbewerb annehmen. 

Dass das gelingen kann, zeigen wir in unseren Werken hierzulande – mit viel Einsatz unserer Kolleginnen und Kollegen und neuester Technologie. Aber es wäre schön, wenn wir dabei von der Politik endlich Rückenwind bekämen. 

Die Lokomotiven, die Siemens in Allach produziert, nennen Sie »Computer auf Schienen«. Was unterscheidet diese Lokomotiven von anderen?

Unsere Lokomotiven sind ein hervorragendes Beispiel dafür, wie wir die reale und die digitale Welt verbinden. Früher fuhr ein Zug von A nach B, heute sind unsere Züge Teil eines intelligenten Systems. Heißt: Jeder Zug kann mit anderen Zügen, mit Leitstellen und der Infrastruktur kommunizieren. Das hilft, Routen besser zu planen und die Sicherheit zu erhöhen. Mit KI lassen sich Wartungen präzise planen, alle notwendigen Komponenten liegen bei der Wartung vor, sie können zusätzlich länger genutzt werden und die Laufzeiten der Lokomotiven insgesamt erhöhen. Wir verbessern damit auch die Energieeffizienz, schonen die Umwelt und sparen zudem Kosten. Hier schafft künstliche Intelligenz echten Mehrwert.

Sie nutzen intensiv KI und haben kürzlich neun industrielle Copiloten auf den Markt gebracht. Was ist deren Sinn und Zweck und wo kommen sie zum Einsatz?

Deutschland leidet unter einem enormen Fachkräftemangel. Gleichzeitig müssen Unternehmen immer schneller werden, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Da bringen wir KI ins Spiel.

Bisher lief das in der Praxis doch oft so: Wenn eine Anlage ein technisches Problem hatte, musste man oft eine Expertin oder einen Experten anrufen oder Handbücher durchforsten. Heute kann man ganz einfach mit der Maschine – oder besser dem industriellen Copiloten – reden: Warum schwankt der Druck? Erkläre mir diese Fehlermeldung! Leite mich Schritt für Schritt zur Lösung!

Die Zukunft entsteht heute da, wo künstliche Intelligenz und Software auf die reale Welt treffen.– Roland Busch,
CEO Siemens

Wir haben also KI-gestützte Assistenzsysteme entwickelt, die bei schwierigen Aufgaben unterstützen. Und mit KI-Agenten gehen wir den nächsten Schritt. Diese agieren selbstständig. Sie haben die notwendige Zuverlässigkeit, die es dafür braucht. Ich habe das erst kürzlich in einer unserer Fabriken ausprobiert – und kann nur sagen: Das wird massiv. 

Wie gelingt es Ihnen, Innovation nicht nur zu versprechen, sondern auch konkret sichtbar zu machen?

Indem wir mit unseren Kunden arbeiten. Da werden die Effizienzgewinne schnell sichtbar. Ich gebe Ihnen mal ein Beispiel aus der Automobilindustrie: Unsere Software ersetzt dort ja schon lange viele Crashtests. Es werden immer weniger Stunden im Windkanal gebraucht. Das passiert alles am Computer. Aber diese Simulationen dauerten immer noch lange. Wir reden da über Stunden, manchmal sogar von Tagen.

Mit GPUs von Nvidia, unserer Software und KI können wir solche Tests jetzt extrem beschleunigen. Wir reden da zum Teil von Minuten und Sekunden. Das verändert fundamental, wie Ingenieure arbeiten. Sie treffen bessere Entscheidungen – in kürzerer Zeit. Das verändert komplett, wie wir neue Produkte entwickeln.

Was kann Ihr Digital Twin Composer (»Komponist«)?

Lassen Sie mich zuerst kurz erklären, was ein digitaler Zwilling ist. Ein digitaler Zwilling ist ein digitales 3D-Abbild von Produkten, Maschinen und Anlagen, physikbasiert, fotorealistisch, verbunden mit Echtzeit-Daten. Mit diesem Zwilling arbeiten Unternehmen zuerst in der virtuellen Welt, bevor sie in der echten Welt loslegen. Wir haben zum Beispiel unsere Fabrik in Nanjing komplett virtuell vorgeplant und so Kosten, Zeit und Ressourcen gespart. 

Gemeinsam mit Nvidia gehen wir den nächsten Schritt. Unser Digital Twin Composer kombiniert mehrere digitale Zwillinge – zum Beispiel den Digitalen Zwilling vom Produkt, den von der Maschine, den von der ganzen Fabrik. Der komplette Prozess ist in einem virtuellen Modell. Und genau das haben wir zusammen mit PepsiCo gemacht – gemeinsam haben wir mit dem Digital Twin Composer in einer PepsiCo-Fabrik die Effizienz um 20 Prozent gesteigert – und das in nur drei Monaten.

Wie stellen Sie sicher, dass die Entscheidungen dieser unfassbar mächtigen KI beherrschbar bleiben?

Wenn ein KI-Modell bei einem E-Mail-Entwurf einen Fehler macht, ist das ärgerlich. In einer Fabrik, einem Gebäude oder einem Zug können solche Fehler im schlimmsten Fall Menschen gefährden. Unsere KI-Systeme entsprechen den höchsten Anforderungen an Sicherheit, Zuverlässigkeit und Nachvollziehbarkeit. Gleichzeitig arbeiten wir mit Partnern und Kunden an neuen Modellen speziell für die Industrie – etwa Industrial Foundation Models, die technische Zeichnungen, Sensordaten oder Fertigungsprozesse verstehen und so Innovation und Effizienz in der Produktion vorantreiben. 

Was wird KI Ihrer Meinung nach innerhalb der kommenden zehn Jahre radikal verändern – und wovor müssen wir uns unbedingt schützen?

KI wird alles verändern. Und es wird keine zehn Jahre dauern. KI ist die nächste industrielle Revolution – vergleichbar mit Elektrizität oder dem Computer. Auch damals war unvorstellbar, was sich alles ändern wird – und so ist es heute mit KI.

Von Produktionsprozessen, Lieferketten bis hin zu ganzen Volkswirtschaften: Die Welt wird eine andere werden. Richtig eingesetzt wird KI uns helfen, Medikamente schneller auf den Markt bringen, Produkte nachhaltiger zu fertigen und Maschinen noch zuverlässiger zu machen.

Damit uns das gelingt, bauen wir das KI-basierte Betriebssystem für die Industrie – mit Daten, Rechenleistung, Software und Hardware. Die eigentliche Herausforderung ist, nicht nur bessere Modelle zu entwickeln, sondern die Infrastruktur zu schaffen, um KI in der realen Welt sicher und verantwortungsvoll einzusetzen.

Und es braucht selbstverständlich regulative Leitplanken, die uns vor einem unrechtmäßigen und unzulässigen Einsatz von KI schützen. Es sollten aber Leitplanken bleiben, damit wir das Potenzial dieser neuen Schlüsseltechnologie voll nutzen können. 

Headerbild © Siemens

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

10.04.2026
von Katja Deutsch
Vorheriger Artikel »Lock-in wird erst sichtbar, wenn man raus will«