Interview von Marlène von Arx

Dwayne Johnson: «Ich habe gelernt, meine Erwartungen in Schach zu halten»

Der ehemalige Pro-Wrestler und Schauspieler erzählt im Interview, wie er sich dank «The Smashing Machine» nun seiner Vergangenheit stellt.

Man kennt Dwayne Johnson als harten Kerl in Blockbusterfilmen. Jetzt wagt er eine Neuausrichtung im Indie-Film «The Smashing Machine» und setzt sich erstmals mit dem Teil seiner Vergangenheit als Pro-Wrestler auseinander, die er bisher nicht genauer unter die Lupe nehmen wollte.

 

 In «The Smashing Machine» spielen Sie den ehemaligen MMA-Fighter Mark Kerr. Der Film ist mehr Indie-Drama als Blockbuster, für die Sie sonst bekannt sind. Weshalb die Neuausrichtung?

Ich wollte mich auf eine ganz neue Weise herausfordern. Ich habe den Stoff 2019 an Regisseur Benny Safdie herangetragen, weil mir sein Film «Uncut Gems» und sein Stil gefielen. Ich wollte in der Figur völlig verschwinden und mich als Schauspieler öffnen. Das hat mir auch Angst gemacht. Das war die herausforderndste Rolle meines Lebens und der Film hat mein Leben verändert.

 

Inwiefern?

Ich habe in der Rolle alles gegeben. Meine ganze Seele. Ich will mich weiter dermassen öffnen. Es ist ein Karriere-definierender Moment für mich, denn es hat mir aufgezeigt, was ich kann und wohin ich mich noch weiter entwickeln kann.

Dwayne Johnson

© HFPA

Hat Sie Mark Kerrs Geschichte an Ihre eigenen Herausforderungen als Profi-Wrestler erinnert?

Ja, das hat es. Ich habe mich durch den Film mit Themen auseinandergesetzt, mit denen ich mich bislang nicht auseinandersetzen wollte, wie die psychischen Schmerzen. Es kamen viele Erinnerungen zurück, als ich in Mark Kerrs Haut schlüpfte – und dass viele Freunde aus der Welt des Pro-Wrestlings ihr Leben aufgrund mentaler Probleme und Abhängigkeit von Suchtmitteln verloren. Mark hat zweimal eine Überdosis Schmerzmittel genommen und überlebt.

 

Das ist natürlich auch sehr schwierig für das Umfeld, ob MMA-Fighter oder Wrestler …

Genau. Die Männer und Frauen, die in den Ring oder in die Cages treten, opfern alles. Aber ihre Frauen, Freundinnen, Ehemänner und Freunde, die Kinder und die Teams müssen das auch. Alle opfern etwas. Was ich durch die Geschichte von Mark Kerr gelernt habe: Egal was man als Athlet nachrennt, das Ziel nicht zu erreichen, ist manchmal das Beste, was einem passieren kann. Die 200 000 Dollar, die Mark in Japan gewinnen wollte, hätten sein Leben verändert. Stattdessen hat er realisiert, was wirklich wichtig ist im Leben.

 

Emily Blunt spielt Kerrs Partnerin. Wie haben Sie die emotionalen «Kampfszenen» mit ihr erlebt?

Ich kenne Emily zum Glück seit Jahren. Wenn man sich vertraut und respektiert, kann man einiges wagen und sich auch emotional fallen lassen und der andere fängt einem auf. So war das mit Emily. Wir hatten eine achtminütige Streitszene, bei der wir auf dem Boden endeten und ich sie in meinem Armen festhielt, wo sie klar nicht sein wollte. Am Schluss weinten wir alle – Emily, ich und der Regisseur. Wir drehten das nur einmal; Benny wollte nicht, dass wir das nochmals durchmachen mussten.

 

Haben Sie bei der Arbeit am Film auch über die sich wandelnde Vorstellung von Maskulinität nachgedacht?

Ja, es war eine grosse Herausforderung für mich, die menschliche Verletzlichkeit und Maskulinität zu erforschen. Egal wer wir sind in der Gesellschaft, weder das Bankkonto noch die Hautfarbe spielt eine Rolle: Von Männern wird Maskulinität, nicht Verletzlichkeit erwartet. «Nicht weinen!» Ich hörte das oft als Kind. «Wieso heulst du?» – «Ich gebe dir was zum Heulen!» Solche Sätze bleiben hängen. Deshalb fragen wir hier: Wie können Verletzlichkeit und Stärke im gleichen Raum atmen? Denn das ist wichtig. Mark ist ein gutes Beispiel dafür. Seine Super-Power am Schluss war, seine Depressionen publik zu machen. Er hat realisiert, dass seine grösste Stärke, die Verbindung zu anderen Menschen ist und dass es auch für sie okay ist, verletzlich zu sein und sich zu offenbaren.

Stark zu sein, ist nicht unbedingt das Wichtigste im Leben. Manchmal ist das Wichtigste, sich zu erlauben, in gewissen Momenten schwach zu sein. – Dwayne Johnson

Der ukrainische Schwergewichtsboxchampion Oleksandr Usyk macht im Film ebenfalls mit. Wie haben Sie den Dreh mit ihm erlebt?

Es war phänomenal. Er ist ein toller Typ und ich war schon vorher ein Fan. Ich denke, er wird als einer der grössten Boxer aller Zeiten in die Geschichte eingehen. Benny engagiert gerne Leute, die noch nie als Schauspieler aufgetreten sind. Oleks war einer von ihnen. Er ist wirklich gross, alles wirkt länger an ihm. Er ist so trügerisch schnell, dass ich froh bin, dass ich nicht als Boxer gegen ihn in den Ring muss. Er schlägt dir den Unterkiefer in ein anderes Land! Was mich auch überraschte, war, wie offen er über seine Traumata sprach, die er als Kind erlebte und die ihn prägten. Solches zu teilen ist nicht einfach, wenn man der amtierende Weltmeister ist.

 

Was hat Sie an der MMA-Welt der Neunzigerjahre am meisten überrascht?

Ich wusste nicht, wie verbreitet Suchtprobleme waren. Während Mark versuchte, seine Champion-Aura aufrechtzuerhalten, sah die Realität anders aus. Es ist eine einsame Welt. Da war auch Wut und Scham. Der Tenor auf dem Filmset war, die Atmosphäre in «radikale Empathie» zu verwandeln. Damit das Publikum nicht nur gegenüber Mark Empathie empfindet, sondern für alle um ihn herum.

 

Die Sucht fängt in diesem Sport oft mit Tabletten gegen Schmerzen an. Wie gehen Sie selbst mit physischen Schmerzen um?

Ich hatte einen guten Umgang mit Schmerzen in all den Jahren. Pro-Wrestling ist ja nicht zuletzt auch Performance. Benny sagte früh, er möchte nichts wegschneiden und ich weiss, was das bedeutet: Ich werde «gerockt». Mein Kiefer ist immer noch dabei, sich zu erholen.

 

 Welche Narben neben den körperlichen hat Ihre Karriere als Pro-Wrestler bei Ihnen hinterlassen?

Im Pro-Wrestling reist man die ganze Zeit. Es gibt keine Saison, man ist das ganze Jahr unterwegs, dauernd in einer anderen Stadt. Das zehrt nicht nur am Körper, sondern auch an den Beziehungen. Meine damalige Frau und ich sind geschieden. Es zehrte auch an meiner Rolle als Vater. Ich war 29, als meine erste Tochter zur Welt kam. Ich verstehe den Druck. Ich habe die Balance zwischen der Familie und dem Erfolgsdruck nicht immer gefunden. Aber wir im Wrestling konnten wenigstens sagen: Lasst uns eine gute Show machen und niemand geht verletzt nach Hause. Bei Kämpfern wie Mark ging es mehr darum, diese Aura der Unbezwingbarkeit zu erhalten.

 

Sie haben sich auch immer bemüht, ein gewisses Image aufrechtzuerhalten. Was hat Sie das gekostet?

Ob man berühmt ist oder nicht, es ist schwierig, einem Image immer gerecht zu werden. Man hört den Begriff «Authentizität» oft und wie wichtig es sei, sich selbst zu sein. Am stärksten ist man, wenn man sich selbst ist. Es gibt viele Versionen dieses Gedankens und ihn habe ich mir über die Jahre immer wieder eingetrichtert. Es tönt super, wenn man es schafft, aber es ist nicht einfach. Am Schluss wollen wir alle Gnade und Frieden. Das Leben ist laut und verrückt für alle. Auf dieser Stufe meines Lebens verstehe ich Erfolg und mit den Entscheiden im Frieden zu sein, die ich gefällt habe.

 

Diese Definition von Erfolg muss man sich zuerst leisten können. Das haben Sie sich erarbeitet. Was bedeutet Ihnen finanzieller Erfolg?

Lassen Sie mich ausholen: Mein Vater war ein Wrestler, als es noch kein globales Phänomen war und man sich von Gage zu Gage hangelte. Mit 14 Jahren hatte ich bereits in dreizehn verschiedenen Staaten in Trailer-Parks oder klitzekleinen Apartments gelebt. Wir besassen nicht viel. Ich hatte Mühe, auf dem richtigen Weg zu bleiben. Einmal kam es fast zu einer Schlägerei mit einem Lehrer. Ich ging am nächsten Tag zu ihm, um mich zu entschuldigen. Als ich die Hand ausstreckte, schüttelte er sie zuerst nicht, dann nahm er meine Hand doch in seine und liess sie nicht mehr los. Er sagte, ich soll zu ihm ins Football-Team. Das hat mein Leben verändert. Ich war gut und spielte später vier Jahre lang an der University of Miami. Das Ziel war die NFL. Aber die wollten mich nicht. Eine Welt brach für mich zusammen. Ich wurde depressiv. Aber es war das Beste, was mir nicht passiert ist. Denn es hat mich nur noch mehr motiviert, etwas aus mir zu machen.

 

 Ein Indie-Film wie «The Smashing Machine» lockt weniger Leute in die Kinos als Blockbuster-Ware. Wurmt Sie das?

Mir war von Anfang an klar, dass das ein Film ist, der kein Milliardenpublikum erreicht. Das ist okay. Ich habe in den letzten zehn Jahren gelernt, meine Erwartungen in Schach zu halten. Ich wollte eine Seite von mir zeigen, die ich bislang weder gezeigt noch wirklich erkundet habe. Es sollte mir mal wieder etwas Angst machen. Mich hat schon lange nichts mehr nervös gemacht. Ich bin stolz auf diesen Film. Die anderen Filme sind harte Arbeit, aber sich seinen Ängsten auszusetzen, ist etwas anderes. Für mich ist das aufregend und wenn ich wieder einmal eine Chance habe, mich so zu transformieren, dann werde ich direkt darauf losrennen.

 

Was ist das Fazit, das Sie aus der Erfahrung mit «The Smashing Machine» für sich mitgenommen haben?

Stark zu sein, ist nicht unbedingt das Wichtigste im Leben. Manchmal ist das Wichtigste, sich zu erlauben, in gewissen Momenten schwach zu sein. Denn vielleicht führt Stärke nicht dahin, wo wir wirklich hinwollen. Der Film hat mir gezeigt, dass es wirklich wichtig ist, auf die Stimme ganz tief im Inneren zu hören. Man hat ja zwei. Die eine, die sagt: Das schaffst du nicht, bleib bei deinen Leisten, du bist doch happy, alle sind happy. Und dann gibt es die, die mehr und anderes will, die wachsen will. Hört man auf sie, verliert man manchmal auch. Aber wie gesagt: Manchmal ist das, was nicht passiert, das Beste, was einem passieren kann.


Headerbild Dwayne Johnson mit Tochter Simone, 75. Golden Globes, © HFPA

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11.02.2026
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