Christina Puello ist Gründerin und CEO von Deutsche Dienstrad sowie Präsidentin des Verbands der Unternehmerinnen in Deutschland (VdU). Im Gespräch erklärt sie, warum Mobilität im Unternehmen längst über einzelne Angebote hinausgeht und weshalb aus ihrer Sicht nicht Technik, sondern Haltung und Umsetzungstempo den Unterschied machen.
Frau Puello, Sie sind seit Jahren in der Geschäfts- und Velowelt zu Hause. Welche Station oder welches Erlebnis hat Ihren Blick auf Mobilität am stärksten geprägt und warum?
Ich komme aus einer Familie, in der Mobilität nie nur ein Produkt war, sondern immer auch Haltung, Leidenschaft und Unternehmertum. Ein Schlüsselmoment war für mich das E-Mountainbike: Anfangs hat kaum jemand daran geglaubt, bis sichtbar wurde, dass nachhaltige Mobilität nur dann in die Breite kommt, wenn sie attraktiv gestaltet ist. Der prägendste Moment war jedoch ein Abschied: 2020 haben meine Eltern ihre Anteile verkauft und mein Traum, im elterlichen Unternehmen nachzufolgen, ist geplatzt. Rückblickend habe ich daraus gelernt, dass Mobilität nicht nur Besitz ist, sondern Bewegung und Freiheit, auch unternehmerisch. Genau aus diesem Blick heraus ist Deutsche Dienstrad entstanden: Mobilität ist nicht nur ein einzelnes Produkt, es ist System, Infrastruktur und Standortfaktor.
Was hat Sie persönlich gereizt, mit Deutsche Dienstrad einen eigenen Hebel zu bauen und was hat Sie am meisten überrascht?
Mich hat diese unternehmerische Freiheit gereizt, unabhängig gestalten zu können, mit einer eigenen Vision, nicht im Korsett eines Konzerns. Ich wollte kein schnelleres oder »besseres« Fahrrad bauen, sondern ein System neu denken und ein Ökosystem schaffen, in dem auch der Fachhandel eine zeitgemäße, digitale Rolle hat. Überraschend war, wie stark kulturelle Barrieren Innovation bremsen können: Oft ist nicht die Technik das Problem, sondern die Mentalität gegenüber Digitalisierung, KI und Transformation. Positiv überrascht hat mich, wie viele Unternehmen Mobilität nicht als Randthema sehen. Mobilität ist Employer-Branding, Gesundheitsförderung, Teil der Nachhaltigkeitsstrategie und vor allem wirtschaftliche Vernunft.
Heute treffen bei Ihnen viele Logiken aufeinander: Worauf haben Sie geachtet, damit der Einstieg leichtfällt und das Angebot genutzt wird?
Wir haben den Arbeitgebern zugehört. Wenn Payroll-Abteilungen stöhnen, Legal zögert und HR das Gefühl hat, es brauche ein 300-seitiges Handbuch, dann wird kein Angebot gelebt. Unser Anspruch war deshalb: radikal digital, radikal einfach. Vollständige Digitalisierung, Schnittstellenfähigkeit, Datensicherheit und Skalierbarkeit, auch für sehr komplexe Strukturen. Gleichzeitig waren mir Vertrauen und persönliche Ansprache wichtig. Dieses Tandem aus verlässlicher Betreuung und digitaler Infrastruktur sorgt dafür, dass Mobilität im Unternehmen kein Kraftakt ist, sondern so selbstverständlich wird wie ein Laptop oder Firmenhandy.
Warum denken Sie, ist Mitarbeitermobilität für Unternehmen vom Nice-to-have zu einer strategischen Frage geworden?
Unternehmen konkurrieren heute stärker über Rahmenbedingungen als nur über das Gehalt und Mobilität gehört zentral dazu. Mobilität entscheidet darüber, ob Menschen überhaupt zum Arbeitsplatz kommen. Mitarbeitende wollen Flexibilität: nicht nur bei Arbeitszeit und Arbeitsort, sondern auch bei der Frage, wie sie pendeln. Wer Mobilität anbietet, sendet drei neuralgische Signale: Wir denken nachhaltig, wir investieren in Gesundheit und wir verstehen, dass Arbeitswege Teil der Lebensqualität sind. Deshalb geht es weniger um ein Entweder-oder, sondern um Wahlmöglichkeiten. Das Dienstrad ist dabei ein Angebot, das grundsätzlich allen im Unternehmen offensteht.
Das Fahrrad steht wie kaum ein anderes für nachhaltige Mobilität.– Christina Puello,
Gründerin und CEO Deutsche Dienstrad, Präsidentin Verband der Unternehmerinnen in Deutschland
Wenn nachhaltige Mobilität im Unternehmen mehr sein soll als ein Signal: Welche Entscheidung ist oft unbequem, aber genau deshalb entscheidend?
Der entscheidende Punkt ist: Es braucht einen klaren Entscheid von oben. Solange das Thema auf der Arbeitsebene hängen bleibt, wird es selten konsequent umgesetzt. Unbequem wird es dort, wo Prioritäten im Budget wirklich verschoben werden müssen: also Ressourcen freigeben, Verantwortlichkeiten klären und das Thema nicht nur mitlaufen lassen. Einfach ist es, Nachhaltigkeit in Hochglanzbroschüren zu formulieren; schwieriger ist es, Strukturen anzupassen: Parkraum neu denken, Lade- und Standortinfrastruktur mitplanen, Dienstwagenrichtlinien überarbeiten. Transformation tut weh, doch wer nur optimiert, ohne etwas zu verändern, transformiert nicht.
Welcher Nutzen wird zu Beginn am häufigsten unterschätzt und wird erst sichtbar, wenn neue Mobilitätsangebote im Alltag angekommen sind?
Oft wird unterschätzt, dass solche Angebote mehr sind als Mobilität. Sie werden zu einem Kulturprojekt. Wenn Mitarbeitende regelmäßig mit dem Fahrrad kommen, verändert sich die Energie im Alltag und damit auch Gespräche, Teamdynamik und das Miteinander. Unternehmen berichten dann nicht nur von weniger Krankenständen, sondern auch von stärkerer Identifikation. Plötzlich entsteht Gemeinschaft: gemeinsame Ausfahrten, neue Routinen, ein anderes Zugehörigkeitsgefühl. Gerade in einer Zeit von Bildschirm- und Tool-Überlastung wirkt das Fahrrad entlastend für Körper, Geist und Seele. So wird es nicht nur zu einem Mobilitätsangebot, sondern auch zu einem Community-Element.
Wo endet für Sie die Verantwortung der Einzelnen und wo beginnt die Verantwortung des Arbeitgebers, Bedingungen zu schaffen, die die »gute Wahl« überhaupt erst möglich machen?
Ich glaube stark an Eigenverantwortung, aber genauso an strukturelle Verantwortung. Menschen kann man nicht zu einer »guten Wahl« auffordern, wenn die Rahmenbedingungen dagegensprechen. Wenn der Arbeitsweg faktisch nur mit dem Auto machbar ist oder sichere Infrastruktur fehlt, läuft jeder Appell ins Leere. Deshalb müssen Arbeitgeber die Voraussetzungen schaffen, damit es leicht und zugänglich wird. Danach liegt es an den Einzelnen, diese Möglichkeit auch zu nutzen. Beides gehört zusammen.
Sie bringen neben der Unternehmensperspektive auch die Verbands- und Beiratsbrille mit. Was bremst den Wandel aktuell am stärksten und wo muss man ansetzen, damit aus Absicht auch Umsetzung wird?
Uns fehlt vor allem Tempo und Mut. Deutschland ist sehr gut im Analysieren, aber weniger gut darin, harte Entscheidungen zu treffen und umzusetzen. Dazu kommt, was Unternehmen lähmt: überbordende Bürokratie, hohe Steuerlast und hohe Sozialabgaben. Wir brauchen Entlastungen und schnellere Reformen, damit Investitionen und Zukunftstechnologien hier wachsen können. Gleichzeitig dürfen Unternehmen nicht auf perfekte Rahmenbedingungen warten. Innovation hat nie in Schönwetterphasen stattgefunden, sie entsteht, wenn sich Bedingungen verändern. Dann gilt es, Chancen zu erkennen und diese zu nutzen.
Wo sehen Sie den Gewinn an nachhaltigerer Mobilität im Unternehmensalltag – jenseits von Symbolik und Schlagworten?
Was mich daran am meisten überzeugt, ist das Gefühl von Freiheit. Das Fahrrad steht wie kaum ein anderes für nachhaltige Mobilität. Es bedeutet weniger Abhängigkeiten, mehr Flexibilität und Selbstbestimmung für Mitarbeitende, Unternehmen und Regionen. Es verbindet ökologische Vernunft mit ökonomischer Logik und zeigt: Fortschritt ist kein Verzicht, sondern eine intelligente Weiterentwicklung. Heute ist Mobilität für mich vor allem eines: Verantwortung. Unternehmen, die nachhaltige Mobilität strategisch ermöglichen, gestalten nicht nur Arbeitswege, sie gestalten die Zukunft unserer Standorte.

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