»Eine konsequente Wärmewende kann Deutschland energetische Souveränität zurückgeben«
Auf dem Weg zur Klimaneutralität wurde zu wenig über die Möglichkeiten einer umfassenden Wärmewende nachgedacht. Florian Stöger, Vorstand der Kraftanlagen Energies & Services SE, über Lösungen, die Wärme, Industrie und Mobilität zusammendenken und buchstäblich elektrisieren.
Herr Stöger, wurde die Energiewende in Deutschland bislang zu einseitig gedacht oder geplant?
Ja – über Jahre wurde die Energiewende vor allem als Stromwende verstanden. Die Bedeutung der Wärmewende wurde unterschätzt, obwohl der Gebäudesektor weiterhin rund 30 Prozent der deutschen CO2-Emissionen verursacht und die Emissionen zuletzt sogar gestiegen sind. Nach dem definitiven Kohleausstieg mussten viele Versorger ihre Programme nochmals nachschärfen, um eine kontinuierliche Versorgung der Kommunen, Industrie etc. mit Wärme gewährleisten zu können.
Deutschland hat stark auf den Ausbau von Wind- und Solarstrom gesetzt – erfolgreich, denn 2025 lag der Erneuerbaren-Anteil am Stromverbrauch bei über 55 Prozent. Aber die Dekarbonisierung von Wärme, Industrie und Mobilität blieb deutlich zurück. Für mich ist die Energiewende erst dann vollständig, wenn wir Elektrifizierung, Industrieprozesse und Wärme gemeinsam denken – genau hier liegt der Hebel für Tempo und Wirkung.
Was ist für eine umfassende Wärmewende nötig?
Eine Wärmewende braucht meines Erachtens drei Dinge: Einmal Energieeffizienz – denn Wärme macht einen Großteil des Energieverbrauchs in Gebäuden aus und muss zuerst reduziert werden (»efficiency first«). Zweitens eine stärkere Elektrifizierung von Wärmeerzeugung durch beispielsweise (Groß-)Wärmepumpen, Power-to-Heat und Niedertemperaturnetze. Und drittens einen schnellen Netzausbau und attraktive Strompreise – denn nur dann können industrielle und kommunale Elektrifizierungsprojekte investitionsfähig werden. Kraftanlagen bringt hier die gesamte Kette mit: von der Planung über Engineering bis zur Umsetzung großer elektrischer und thermischer Anlagen. Wir berücksichtigen dabei die Anforderungen der Kunden, sowohl vor dem Hintergrund unterschiedlicher Förderregime als auch wirtschaftlicher Anwendungsfälle.
Deutschland hat stark auf den Ausbau von Wind- und Solarstrom gesetzt – erfolgreich, denn 2025 lag der Erneuerbaren-Anteil am Stromverbrauch bei über 55 Prozent.– Florian Stöger,
Vorstand
Kann uns eine solche Wärmewende auch eine »energetische Souveränität« bescheren?
Eine konsequente Wärmewende kann Deutschland meines Erachtens tatsächlich ein großes Stück energetische Souveränität zurückgeben, aber nur, wenn wir sie industriell denken. In sehr vielen industriellen Prozessen wird heute Wärme durch die Verbrennung fossiler Energieträger erzeugt. Genau dort liegen riesige Potenziale: Ein großer Teil dieser Prozesswärme kann künftig elektrifiziert werden – etwa über Großwärmepumpen, elektrische Dampferzeuger, Power-to-Heat Systeme. Das reduziert Abhängigkeiten und macht die Industrie resilienter. Gleichzeitig brauchen wir einen technologieoffenen und vor allem ideologiefreien Ansatz. Deutschland ist regional sehr unterschiedlich – es gibt nicht die eine Lösung für alle. Ein Beispiel ist die Geothermie, die entlang des Rheingrabens oder im Raum südlich von München hervorragende Voraussetzungen bietet, aber naturgemäß nicht überall nutzbar ist. Dort, wo sie verfügbar ist, kann sie jedoch einen wichtigen Beitrag zur Wärmeversorgung und damit zur Souveränität leisten. Gleichzeitig stellt genau das viele Kommunen und Stadtwerke vor eine strukturelle Herausforderung:
Wer heute ein kommunales Gasnetz betreibt und zugleich ein Geothermie-gestütztes Fernwärmenetz aufbauen möchte, muss sich der Frage stellen, wie man mit den bilanziellen Abschreibungen auf das bestehende Gasnetz umgeht. Der Aufbau eines neuen, klimaneutralen Wärmenetzes bedeutet zwangsläufig, dass Teile der Gasinfrastruktur perspektivisch entwertet werden – und diese bilanziellen Effekte können für kommunale Haushalte erheblich sein. Mit dem steigenden Anteil erneuerbarer Stromerzeugung – der 2025, wie gesagt, bereits über 55 Prozent der Stromnachfrage deckte – wird jede elektrifizierte Kilowattstunde industrieller Prozesswärme zu einem direkten Baustein für Unabhängigkeit. Länder wie Japan, die ebenfalls kaum eigene Ressourcen besitzen, zeigen seit Jahren, wie Elektrifizierung und Effizienz zur strategischen Energiepolitik gehören. Für uns bei Kraftanlagen heißt das: Wir entwickeln und realisieren integrierte Energiesysteme, die elektrische, thermische und – wo sinnvoll – geothermische Quellen verbinden. Damit machen wir Industrie und Kommunen unabhängiger von fossilen Importen und stärken die heimische Wertschöpfung und geben ihr die notwendige Flexibilität.
Wo könnten Wärmepumpen oder Power-to-Heat-Lösungen überall zum Einsatz kommen?
Im Grunde überall dort, wo heute fossile Wärme erzeugt wird: bei Industrieprozessen, in der Chemie-, Lebensmittel- und Papierindustrie, in Rechenzentren und Quartierslösungen, in Fernwärmenetzen und an energieintensiven Standorten, die Abwärme und elektrische Spitzenlasten verbinden. Die technologische Entwicklung macht diese Systeme inzwischen auch für industrielle und skalierte Leistungsbereiche attraktiv. Kraftanlagen realisiert genau solche integrierten Systeme – von Großwärmepumpen bis Power-to-Heat in Kraftwerksdimensionen.
Mangelt es Unternehmen hierzulande an Lust oder Einsicht, die eigenen Anlagen zu transformieren?
Ich würde nicht von »mangelnder Lust« sprechen, sondern von Unsicherheit. Viele Unternehmen wollen investieren, aber schwankende Strompreise, langsame Genehmigungen oder unklare Förderbedingungen bremsen Entscheidungen. Das sind Herausforderungen, die auch im jüngsten BDEW-Bericht klar benannt werden. Unsicherheit ist Gift für langfristige Investitionen. Wenn der Rahmen stimmt, sind Unternehmen hoch motiviert – und genau dann kommen wir ins Spiel. Wir zeigen, wie die Energiewende und die Wärmewende wirtschaftlich werden.
Wie gehen Sie bei Unternehmen vor, um bestehende Anlagen umzurüsten?
Wir arbeiten mit einem integralen Dekarbonisierungsansatz und dies ausdrücklich auch für Brownfield-Projekte:
- Analyse der bestehenden Wärme- und Prozesslandschaft
- Elektrische Potenzialermittlung (Wärmepumpen, PtH, Abwärme, Lastmanagement)
- Business-Case unter Berücksichtigung von Fördermöglichkeiten und neuen (skalierbaren) Technologien
- Engineering und Umsetzung aus einer Hand
Kraftanlagen ist hier besonders stark, weil wir sowohl die elektrischen Gewerke als auch die thermischen Prozesse beherrschen – eine Kombination, die in der Energie und Industrie selten ist. Darüber hinaus sind wir herstellerunabhängig.
Wenn es dann noch eine klare und verlässliche Linie bei Regularien und Förderregimen gibt, sind wir auf dem richtigen Weg zu einer vollständigen Energiewende.– Florian Stöger,
Vorstand
Wie sähe eine ideale flächendeckende industrielle Elektrifizierung aus?
Nach unserer Ansicht bestünde eine ideale Elektrifizierung aus fünf Elementen:
Günstigem grünen Strom, schnellen Netzanbindungen und ausreichend Netzkapazitäten, skalierbaren Technologien wie Großwärmepumpen, Power-to-Heat oder elektrische Dampferzeuger, Industrieparks, die Wärme, Kühlung, Strom und Abwärme vernetzen, und einer Energiespeicherung über Batterien oder Moleküle. Kraftanlagen plant und baut genau diese integrierten Energiesysteme – und sorgt dafür, dass Industriekunden nicht nur klimafreundlich, sondern auch resilienter werden.
Was könnte oder sollte Deutschland von anderen Ländern lernen?
Wir könnten mehr Elektrifizierung wagen. Japan und Deutschland sind große Industrieländer mit geringer Rohstoffbasis und beide stark von Importen abhängig. Japans Energie-Selbstversorgungsgrad ist sogar noch deutlich unter dem von Deutschland. Gleichzeitig erreicht Japan beim Stromanteil am Endenergieverbrauch ca. 31 Prozent, Deutschland nur ca. 22 Prozent. Heißt, wir müssen hier dringend aufholen und Elektrifizierung konsequent zur Industrie- und Sicherheitspolitik machen. Dazu sollten wir größer denken und über Ländergrenzen und nationale Stromnetze hinweg kooperieren. Zudem sollten wir Genehmigungen beschleunigen. Deutschland kann es ja, wie jüngste Beispiele zeigen: Bei Onshore-Wind wurde 2025 die Genehmigungsdauer auf 17 bis 18 Monate gedrückt, bei den LNG-Terminals an der Nordsee erfolgten Planung und Genehmigung ebenfalls in Rekordzeit. Wenn es dann noch eine klare und verlässliche Linie bei Regularien und Förderregimen gibt, sind wir auf dem richtigen Weg zu einer vollständigen Energiewende, die Elektrifizierung, Industrieprozesse und Wärme gemeinsam denkt.
Weitere Informationen unter kraftanlagen.com


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