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Zürich
29 März 2020

Mike Müller: «Ich habe keine religiösen Vorbehalte, was mit meinem Körper passieren soll».

Als Luc Conrad ist Mike Müller in der Rolle des Bestatters schweizweit bekannt. Wie viel die beiden gemeinsam haben und warum man ihn nie in der Politik antreffen wird, hat er «Fokus 50 Plus» bei einer Tasse Kaffee erzählt.

Man kennt Sie von «Giacobbo / Müller» und aus der TV-Serie «Der Bestatter». Daneben treten Sie im Theater auf, waren im Kino zu sehen und haben sogar eine eigene Bühnenshow. Wann kam der Wunsch auf, im Rampenlicht zu stehen?
Bei mir war das Schultheater relativ entscheidend. Der Wunsch entstand nicht von einem Tag auf den andern, sondern entwickelte sich kontinuierlich. Ich begann im Schultheater mitzuwirken, wie viele andere auch, die dann aber in anderen Berufen landeten. Als die älteren Kollegen mit dem Studium begannen, hat sich das Schultheater aufgelöst. Daraufhin haben wir selber eine Gruppe gegründet, die es heute noch unter dem Namen «Theaterstudio Olten» gibt. Ich habe immer Theater gespielt und dort gearbeitet, mich engagiert, aber dass das mein Beruf werden sollte, war lange nicht klar und schien mir auch gar nicht wichtig.

Erinnern Sie sich an Ihren ersten Auftritt vor Publikum?
Ja, falls man das Ereignis überhaupt so nennen kann. Es fand noch vor meinen unzähligen Auftritten im Schultheater statt. Meine Mutter war Dekorateurin und hat mich als 5-Jährigen mit Samtcape, Zylinder und Stock am Ende einer Show der bekannten Fernsehmoderatorin Heidi Abel auf die Bühne geschickt, um ihr einen Blumenstrauss zu überreichen.

Was macht Ihnen an Ihrem Job am meisten Spass?
Einerseits das Soziale, das Gefühl mit lustigen, interessanten Leuten unmittelbar und auch mittelbar zusammenzuarbeiten. Es ist ein Beruf, in welchem man kindisch sein kann, wie das Beispiel Viktor zeigt. Andererseits ist es ein Beruf, in welchem man viel lernt. An der Kantonsschule sagte man mir, mit meiner Disziplin sei ich nicht für die Uni geeignet. Wenn ich am Theater eine Fähigkeit erworben habe, ist es Disziplin. Ich habe gelernt, Deadlines einzuhalten und vorbereitet an Vorstellungen zu kommen

Stehen Sie lieber live vor Publikum oder vor der Kamera für später ausgestrahlte Sendungen?
Für mich ist ein Jahr mit beidem gut. Das Handwerk habe ich sicherlich auf der Bühne gelernt. Dort gibt es immer Möglichkeiten etwas zu machen. Man verdient nicht immer gleich viel und es ist nicht immer glamourös. Die Filmindustrie in der Schweiz ist klein. Sie ist eher ein lokaler Gewerbeverein als eine Industrie und es ist nur wenig Berufserfahrung vorhanden.

Sie haben gemeinsam mit Viktor Giacobbo die Satiresendung «Giacobbo / Müller» moderiert. Jetzt stehen Sie erneut gemeinsam mit dem Programm «Giacobbo / Müller in Therapie» auf der Bühne. Sie beide können wohl nicht ohne einander?
Wir sind sehr gerne ein Duo und funktionieren gut zusammen sowohl auf der Bühne als auch im Fernsehen. In Sachen Humor sind wir auf der gleichen Wellenlänge und ergänzen uns, ohne einander das Heu wegzunehmen. Viktor macht jetzt Podcasts, ich stehe mit «Heute Gemeindeversammlung» auf der Bühne. Wir werden weiterhin zusammenarbeiten, doch genauso weiterhin unabhängige Sachen machen.

Viktor Giacobbo hat sich gelegentlich über Ihren Bauch lustig gemacht und gerne in der Sendung ein Foto Ihres nackten Oberkörpers gezeigt. Wie sind die Idee und das Bild dazu entstanden?
Die Komik lebt davon, Sachen zu verbinden, die nicht zusammengehören. Ein Running Gag lässt sich nicht planen, er entsteht oft durch puren Zufall. So auch bei diesem Bild. Aus irgendeinem Grund brauchten wir ein Foto meines Bauches, vielleicht gab es sogar ein Gegenfoto eines Sixpacks dazu. Ich erinnere mich gar nicht mehr genau an den Grund der Erstellung. Auf jeden Fall schossen wir dann schnell dieses Foto – irgendwo auf einem Flur mit der Redaktionskamera. Ich habe übrigens immer wieder Zuschriften von Frauen erhalten, die wegen des Bildes Mitleid mit mir hatten.

Haben Sie schon einmal versucht abzunehmen?
Ja schon x-mal, zum Teil sogar sehr erfolgreich. Doch das Gegenteil ist viel einfacher.

Sie sind 54 Jahre alt. Haben Sie schon eine Midlife-Crisis erlebt?
Natürlich habe auch ich schon Krisen erlebt. Doch als Freiberufler hat man einige Vorteile. Die in Europa vorherrschende Altersdiskriminierung – ein ganz düsteres Kapitel, das auch politisch auf die Spitze getrieben wird – betrifft Freiberufler nicht gleichermassen. Ich komme aus der freien Szene und habe nie davon geträumt, einmal eine Krimiserie zu machen. Diese Möglichkeit hat sich so ergeben. Doch so schnell wie sie kam, geht sie eines Tages auch wieder vorbei. Ich glaube, eine Midlife-Crisis hat man eher, wenn man über sein Leben reflektiert und damit nicht zufrieden ist. Mein Leben war dafür als Ganzes zu unstet; nicht unseriös, aber das auch (lacht).

Sie haben keinen regulären Job, bei welchem man pensioniert wird. Können Sie sich überhaupt vorstellen, je nur noch im Publikum zu sitzen und nicht mehr selbst auf der Bühne zu stehen?
Ja, sehr gut sogar. Obwohl ich aktuell idiotisch oft selbst spiele, trifft man mich tatsächlich an meinem einzigen freien Abend häufig im Publikum an. Glücklicherweise liebe ich meinen Beruf und denke mit meinen 54 Jahren noch nicht ans Ende. Die Idee, das Pensum zu reduzieren aber dennoch auf der Bühne zu bleiben, gefällt mir. Es ist ja auch nicht unbedingt ein Beruf, den man mit 60 aus gesundheitlichen Gründen aufgeben muss. Da haben es andere schwerer.

Sie durften bereits in viele unterschiedliche Rollen schlüpfen. Mit welcher davon konnten Sie sich am besten identifizieren?
Am einfachsten wäre es, den Bestatter zu nennen. Die Dreharbeiten für die siebte Staffel beginnen diesen Monat. Allein durch die Quantität hatte ich in dieser Rolle bisher am meisten Möglichkeiten, um mich selbst einzubringen. Doch, so blöd wie es sich anhören mag, unser Geschäft ist jeden Tag ein bisschen neu, doch gleichzeitig auch immer gleich. Ich komme an, setze mich mit dem Tagesprogramm auseinander und auch wenn ich einen Charakter schon oft gespielt habe, muss ich mich immer wieder von neuem auf ihn einstellen.

Steckt in Luc Conrad viel von Mike Müller?
Man kann ja nur mit den Mitteln arbeiten, die man hat. Einerseits steckt natürlich viel von mir drin, andererseits war ich nie als Bestatter tätig. Das Gleiche gilt für meine Rolle als Hooligan. Ich war selbst nie Hooligan, habe noch nie Leute geschlagen, noch nie sexistischen Schrott aufs Spielfeld gebrüllt. Insofern gibt es immer Elemente, die kein Teil von mir sind.

Die «No-Billag Initiative» wurde abgelehnt und die SRG besteht weiter. Wie haben Sie die Zeit vor der Abstimmung erlebt?
Ich war froh, dass die Diskussion irgendwann einen Wendepunkt genommen hat. Wie konnten Leute, die ihre Ausbildung nur dank Staatsgelder machen konnten und im höchsten Grad von der Bildungslandschaft Schweiz profitiert haben, überhaupt daran denken einen der wichtigsten Verfassungsartikel (Anm. d. Red. Art. 93 Absatz 2 der Bundesverfassung: Radio und Fernsehen tragen zur Bildung und kulturellen Entfaltung, zur freien Meinungsbildung und zur Unterhaltung bei. Sie berücksichtigen die Besonderheiten des Landes und die Bedürfnisse der Kantone. Sie stellen die Ereignisse sachgerecht dar und bringen die Vielfalt der Ansichten angemessen zum Ausdruck.) abzuschaffen? Dass es Diskussionen gab, wie die SRG strukturiert ist und dass sich dort etwas verändert, störte mich nicht.

Sie haben sich vor der Abstimmung auch politisch zu dem Thema geäussert und treten jetzt mit ihrem Soloprogramm «Heute Gemeindeversammlung» auf. Können Sie sich eine Karriere in der Politik vorstellen?
Nein, nur weil man sich mit Politik beschäftigt, hat man noch lange nicht das Zeug zum Politiker. In den neun Jahren bei Giacobbo / Müller habe ich Politiker aus allen Lagern kennengelernt, die nicht auf Ruhm, Geld und Ehre aus sind, sondern engagiert sind. Engagiert einerseits im sozialen Sinn, andererseits auch mit handfesten wirtschaftlichen Interessen dahinter. Das ist Demokratie.

Als TV-Bestatter sind Sie konstant mit dem Tod konfrontiert. Es ist bekannt, dass Sie Mitglied bei der Organisation Exit sind. Weshalb?
Wir alle profitieren enorm vom Fortschritt in der Medizin. Ich hätte meine Kindheit ohne medizinische Unterstützung kaum überstanden oder hätte heute noch unter den Konsequenzen von Krankheiten oder Verletzungen zu leiden. Ich bin Atheist und habe keine religiösen Vorbehalte, was mit meinem Körper passieren soll.

Als Schauspieler-Bestatter habe ich schon Krematorien besucht und weiss, was mit den Leuten passiert, wenn man sie dort reinschiebt. Wieso sollte man also das, was noch warm und durchblutet ist, nicht weitergeben? Das ist der eine Grund für Exit. Daneben möchte ich meiner Familie die Entscheidung nicht zumuten, einmal am Spitalbett darüber entscheiden zu müssen, lebenserhaltende Massnahmen zu verlängern oder zu beenden. Ob ich aber eines Tages mit Exit aus dem Leben scheiden werde, weiss ich noch nicht. Was dann ist, das kann man nicht voraussehen. Der Tod ist nichts Planbares, wie das Leben zum Glück auch nicht.

Haben Sie Angst vor dem Tod?
Nein, aber bin auch zu weit weg davon. Vermutlich er, wenn ich ernsthaft krank wäre. Aber aktuell nein.

Text: Miriam Dibsdale

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