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26 Februar 2020

Kariem Hussein – Seine nächste Hürde ist das Arztdiplom.

Eine Profikarriere alleine ist schon sehr anspruchsvoll. Kariem Hussein absolviert nebenbei ein Medizinstudium. Seine Masterarbeit liegt vor ihm auf dem Tisch – bereit zur Abgabe. Wie schafft er es, den Sport und das Studium erfolgreich unter einen Hut zu bringen?

Sie studieren Medizin und sind gleichzeitig ein sehr erfolgreicher Sportler. Wie schaffen Sie es in beiden Bereichen Topleistungen abzurufen?
Ich fokussiere mich ausschliesslich auf den Sport und das Studium, organisiere mich gut und versuche möglichst viel weiterzugeben. Meine Schwester übernimmt die Administration für mich und auch die Koordination der Sponsoren und Medienanfragen habe ich abgegeben. Ich profitiere davon, dass ich an der Uni die zahlreichen Kurse in Pflichtveranstaltungen und Selbststudium aufteilen kann. Das ermöglicht mir, zuhause zu lernen und das Training besser zu organisieren. Die Erholung ist aber das Wichtigste, dafür nehme ich mir Zeit, selbst wenn das Lernen vielleicht einmal darunter leidet.

Gibt es nie einen Tag, an dem Sie keine Lust auf das Training oder Studium haben?
Klar, das kommt vor, das ist völlig normal. Es ist gar nicht möglich, dass man immer voll motiviert ist, aber zu 99 Prozent bin ich das. Wenn ich einmal gar keine Lust habe zu lernen, dann gehe ich raus oder mache etwas anderes. Nach einem sehr anstrengenden Tag kann es auch sein, dass ich im Training nicht ganz bei der Sache bin. Dann bringt es nichts, neue Reize zu setzen. Absagen würde ich aber nie. Ich trainiere dann einfach etwas anders als sonst. So, dass der Körper trotzdem Inputs kriegt aber nicht überfordert ist.

Am Anfang, direkt nach einer Niederlage, ist es schwieriger die Emotionen einzuordnen. Mit etwas Abstand kann man dann bessere Schlüsse daraus ziehen, aus Fehlern lernen, um beim nächsten Mal besser zu sein.

Gab es Rückschläge, die Sie zurückwarfen oder zweifeln liessen?
Nein, Zweifel hatte ich nie. Rückschläge in Form von Niederlagen kommen vor, doch man gewinnt im Nachhinein immer. Am Anfang, direkt nach einer Niederlage, ist es schwieriger die Emotionen einzuordnen. Mit etwas Abstand kann man dann bessere Schlüsse daraus ziehen, aus Fehlern lernen, um beim nächsten Mal besser zu sein. Private Probleme und Stress wirken sich negativ aus und sind nicht gesund, deshalb versuche ich Stress und Ablenkungen zu vermeiden. Auch mein Tag hat nur 24 Stunden, aber wenn ich meine Zeit für Dinge einsetze, die mir Spass machen, fühle ich mich nie gestresst.

Sie sind zum dritten Mal «Schweizer Leichtathlet des Jahres» geworden. Was bedeutet diese Auszeichnung für Sie?
Es ist auch beim dritten Mal noch ein super Gefühl. Die Erwartungen im Umfeld steigen und ich wurde schon von Kollegen gefragt, was ich dieses Jahr geleistet habe, um zu gewinnen. Natürlich gab es auch andere, die es genauso verdient gehabt hätten. Am Schluss entscheidet das Publikum – das macht es für mich umso schöner. Es ist eine wundervolle Anerkennung und motiviert natürlich zusätzlich.

Wie sieht ein durchschnittlicher Tag bei Ihnen aus?
Mein Tag beginnt um 06.30 Uhr mit einer 20-minütigen Rumpfsession, Frühstück und einer Lerneinheit. Um 10 Uhr absolviere ich ein zweistündiges Training und esse direkt im Anschluss im Letzigrund oder in der Nähe. Danach ist wieder Lernen oder Uni angesagt, je nachdem ob es Pflichtvorlesungen oder einen Kurs im Spital gibt, an dem ich anwesend sein muss. Am Abend habe ich oft Physiotherapie oder lerne noch ein wenig vor dem Abendessen. Danach bleibt höchstens noch etwas Zeit für die Blackroll oder eine weitere Lerneinheit bevor es wieder Zeit fürs Bett ist.

Täglich Trainings- und Lerneinheiten – haben Sie überhaupt noch Zeit für Spontanität?
Ich habe eigentlich nur Zeit für Spontanität. Ich verabrede mich nicht gerne in dieser Phase, um nicht gebunden zu sein. Wenn alle Termine bereits fix geplant sind, ist man mit dem Kopf immer mit einem Prozent beim nächsten Termin und absagen möchte ich auch nicht gerne. Deshalb organisiere ich mich lieber spontan. Das bedingt natürlich, dass mein Umfeld mir flexibel entgegenkommt.

Sie haben früher parallel zur Ausbildung Fussball gespielt. Haben Sie je mit dem Gedanken gespielt, alles auf die Karte Fussball zu setzen?
Damals war die Profikarriere natürlich ein Traum. Während einer längeren Krankheitsgeschichte, noch während der Kantonsschule, habe ich aber gemerkt, dass es mir nicht genügen würde und ich unbedingt auch studieren wollte. Allerdings war dann schnell klar, dass sich das Medizinstudium nicht optimal mit dem Teamsport hätte vereinbaren lassen.

Ich sehe jeden ambitionierten Sportler sowohl als Einzelkämpfer als auch Teamsportler.

Haben Sie deshalb zur Leichtathletik gewechselt?
Ich bin mehr durch einen glücklichen Zufall dazu gekommen. Bei der Mittelschulmeisterschaft während des Gymnasiums bin ich im Hochsprung angetreten. Nach meinem erfolgreichen Sprung kam ein Trainer zu mir und schlug mir vor, mit Leichtathletik anzufangen. Diesem Rat bin ich vor den Maturitätsprüfungen gefolgt und habe meine ersten Wettkämpfe erfolgreich bestritten. Da es sich besser mit dem Studium vereinbaren liess, habe ich mit Fussball aufgehört und konzentriere mich seitdem voll und ganz auf die Leichtathletik.

Vom Mannschaftssportler zum Einzelathlet. Sehen Sie sich als Einzelkämpfer?
Ich sehe jeden ambitionierten Sportler sowohl als Einzelkämpfer als auch Teamsportler. Wer weiterkommen möchte, muss ein Einzelkämpfer sein. Gleichzeitig bin ich aber natürlich abhängig von meinem Team im Hintergrund, ohne dessen ich nichts wäre. Wir arbeiten alle für meinen Erfolg und die Harmonie ist wichtig. Auf dem Platz bin ich jedoch alleine und kämpfe für mich. In der Medizin verhält es sich anders. Das Ziel muss immer sein, das Beste für den Patienten herauszuholen und die interdisziplinäre Zusammenarbeit ist dafür essenziell.

Wären Sie noch erfolgreicher, wenn Sie sich nur noch auf das Studium oder den Sport konzentrieren würden?
Das ist schwierig zu sagen, doch ich denke nicht. Stressige Phasen sind nie förderlich aber ich habe sie weitgehend reduziert. Ich mache nur was mir gefällt und mir gut tut.

Wieso ist die Wahl genau auf Medizin gefallen?
Medizin war die einzige Option für mich. Mein Vater ist Osteopath und ich habe schnell gemerkt, dass Medizin auch der richtige Weg für mich ist. Ich arbeite gerne mit Menschen zusammen und möchte helfen.

Hilft Ihnen Ihr Wissen über den menschlichen Körper auch im Sport weiter?
Manchmal hilft es, aber macht es auch schwieriger, weil ich Ärzte anders konfrontiere und es vielleicht noch genauer wissen möchte. Es macht mich auf jeden Fall nicht schneller. Wahrscheinlich werde ich eher später als Arzt davon profitieren, dass ich mich mit Sport auskenne.

Dass ich studiere hat keinen Einfluss auf meine sportlichen Leistungen. Sport ist meine Nummer eins und ich mache alles dafür, um erfolgreich zu sein.

Sie schliessen dieses Jahr im August Ihr Studium mit dem Master ab. Machen Sie sich dann direkt an die Doktorarbeit?
Das ist eine Option, da sich dies gut mit meinem Trainingsplan vereinbaren liesse. Die Entscheidung ist aber noch offen. Ich bin in erster Linie Profisportler und studiere nebenbei. Dass ich studiere hat keinen Einfluss auf meine sportlichen Leistungen. Sport ist meine Nummer eins und ich mache alles dafür, um erfolgreich zu sein. Ich weiss aber, dass ich niemals nur Sport machen könnte. Ich bin kein Ausdauerathlet. Bei mir reichen zwei bis drei Stunden Training pro Tag, da hätte ich zu viel freie Zeit.

Haben Sie sich schon für eine Facharztrichtung entschieden?
Mein Ziel ist die Sportmedizin. Jedoch gibt es dafür keinen Facharzt. Die meisten machen Internist oder Orthopädie und spezialisieren sich dann auf Sport. Ich habe noch etwas Zeit mich zu entscheiden. Die Assistenzzeit lässt sich nicht mit dem Sport vereinbaren, weshalb ich damit noch warte. Welche Bereiche ich aber ausschliessen kann sind Radiologie und Rechtsmedizin, ansonsten bin ich offen. Die beste Zeit bisher hatte ich in der Gynäkologie, als ich für einen Monat dort gearbeitet habe. Es ist eines der vielseitigsten Gebiete. Ob Sprechstunden, Geschlechtskrankheiten, Tumore, Schwangerschaften oder Geburten – das Spektrum ist riesig. Auch hat es mir im Frauenteam gefallen, die Zusammenarbeit hat einwandfrei funktioniert und die Harmonie war ausgezeichnet.

Was empfehlen Sie jungen Sportlern, die vor der Entscheidung stehen: Profikarriere oder Ausbildung?
Das zu machen, was Spass macht und auch einmal ein Risiko in Kauf zu nehmen! Wer Lust hat beides zu machen und dies schafft, soll es tun. Natürlich finde ich die Ausbildung wichtig. In der Schweiz kann man aber Ausbildungen auch problemlos zu einem späteren Zeitpunkt nachholen. Wenn die Möglichkeit besteht und das Umfeld stimmt, soll man das investieren, was es braucht.

Welches sind Ihre nächsten sportlichen Ziele?
Nächstes Jahr möchte ich an den Diamond League Rennen wieder vorne mit dabei sein und um den Sieg kämpfen. Zudem steht die Europameisterschaft in Berlin an. Diese wird zeitgleich mit meinen Abschlussprüfungen sein. Da wird es noch etwas Organisationsgeschick bedürfen. Ich freue mich aber auch auf diese Herausforderung, beides unter einen Hut zu bringen.

         UnbenanntKH

Text: Miriam Dibsdale

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