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8 Dezember 2019

Johann Schneider-Ammann – Die Leitplanken für die Zukunft sind gesetzt.

Die Welt verändert sich und mit ihr die Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt. Dies führt dazu, dass sich das Bildungssystem stetig anpassen muss. Welchen Einfluss die Digitalisierung dabei hat und wie die nächsten Schritte aussehen, weiss Bundesrat Johann Schneider-Ammann.

Von Schiefertafeln früher bis zu Tablets im Unterricht heute. Herr Bundesrat, wie sieht die Schule der Zukunft aus?

Es ist immer schwierig, Prognosen zu machen. Wir wissen heute nicht, welche Tätigkeiten die vorschulpflichtigen Kinder einmal ausüben und in welchen Berufen sie tätig sein werden. Ganz bestimmt werden aber Problemlösungskompetenz, kritisches Denken und ein hohes Mass an Flexibilität gefragt sein. Darauf sollte die Schule unsere Jungen bestmöglich vorbereiten. Denn im digitalen Zeitalter ist der rasche Wandel eine Konstante.

Welchen Einfluss hat die Digitalisierung auf die Bildung von heute und morgen? Wo wird sie sich besonders bemerkbar machen?

Beispielsweise in der Didaktik oder bei den Lerninhalten. Laut Studien werden sich digitale Hilfsmittel durchsetzen, aber die Klassenzimmer und die hier stattfindenden Diskussionen werden deswegen nicht obsolet. Denn der Lernerfolg hängt stark von sozialer Interaktion und von engagierten und motivierten Lehrpersonen ab. Vor diesem Hintergrund braucht es auch zukünftig eine gute Mischung aus individualisiertem digitalem und analogem Unterricht in der Klasse.

Lehrpläne ändert man nicht von einem Tag auf den andern. Kann die Aus- und Weiterbildung mit den Ansprüchen der Arbeitswelt im digitalen Wandel überhaupt Schritt halten?

Die Berufsbildung gründet auf dem Nährboden des realen Wirtschaftslebens. Hier werden marktfähige Opportunitäten antizipiert, erkannt, angegangen und verwirklicht.

Bundesseitig sorgen wir dafür, dass die von den Verbänden inhaltlich zu bestimmende Entwicklung und Weiterentwicklung von Berufen möglichst unbürokratisch und vor allem schnell erfolgen kann. Auch die Matur-Ausbildung ist immer wieder von zeitnahen Änderungen betroffen: Der Bundesrat und die kantonalen Erziehungsdirektoren haben eben erst die Einführung von Informatikunterricht im Rahmen eines obligatorischen Faches für alle Gymnasiastinnen und Gymnasiasten beschlossen.

Der Lernerfolg hängt stark von sozialer Interaktion und von engagierten und motivierten Lehrpersonen ab.Bundesrat Johann Schneider-Ammann

Die Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt und in der Gesellschaft prägen die Berufsbildung. Der Strategieprozess Berufsbildung 2030 liefert Antworten auf die neuen Anforderungen. Wohin geht die Reise?

Gesellschaftsrelevante Veränderungen wie die Digitalisierung, die steigende berufliche Mobilität oder die demografische Entwicklung beeinflussen auch das duale System. Mit dem Leitbild «Berufsbildung 2030» haben wir die Chancen und Herausforderungen solcher Trends ausgemacht und setzen nun Leitplanken für die Zukunft. Wichtige Stossrichtungen sind die Förderung des lebenslangen Lernens, die Flexibilisierung der Bildungsangebote sowie die Stärkung der Information und Beratung über die gesamte Bildungs- und Arbeitslaufbahn hinweg. Dazu kommt die Optimierung der Zusammenarbeit zwischen den Verbundpartnern der Berufsbildung.

Ein Punkt betrifft Erkenntnisse der Forschung und den Austausch mit anderen Ländern. An welchen Ländern orientiert sich das Schweizer Bildungssystem?

Damit eine Wirtschaft floriert, braucht es auf jeder Stufe einen optimalen Mix von Fachkräften auf unterschiedlichen Bildungsniveaus. Unsere Bildungspolitik ist dann erfolgreich, wenn es uns gelingt, jungen Menschen sowohl allgemeinbildende als auch berufsbildende Wege anzubieten und die jeweiligen Stärken beider Bildungsoptionen zur Geltung zu bringen. Generell stehen heute Berufsbildungsländer dank tiefer Jugendarbeits-losigkeit und hoher Wettbewerbsfähigkeit besser da als Länder mit vorwiegend vollschul-ischen und akademischen Bildungsgängen. So weisen beispielsweise Österreich, Deutschland oder die Schweiz zur Zeit Jugendarbeitslosenquoten von unter 10 Prozent auf. Gleichzeitig leiden Italien, Spanien und Portugal unter Quoten von 30 Prozent und mehr. Diese Zahlen legen nahe, dass insbesondere die Ausrichtung auf die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes eine Stärke der dualen Berufsbildung ist.

Blicken wir auf Ihre achtjährige Amtszeit als Bundesrat zurück. Wie hat sich die Bildung in der Schweiz in dieser Zeit entwickelt?

Dank den zahlreichen Reformen der letzten Jahre ist unser Bildungssystem heute von hoher Durchlässigkeit geprägt. Berufsbildung und akademische Bildung sind in der Schweiz gleichermassen wichtig und attraktiv. Gemeinsam bilden sie ein innovatives System, das mit den Entwicklungen in Gesellschaft und Wirtschaft Schritt hält. Darauf bin ich stolz.

Welche Ziele möchten Sie noch erreichen?

Ich engagiere mich voll und ganz für die Bildung. Besonders am Herzen liegt mir die Berufsbildung. Mein Ziel ist es, allen Menschen in unserem Land eine Stelle anbieten zu können und so praktisch Vollbeschäftigung zu sichern. Bildung ist die beste Grundlage dafür.

Gemessen am arbeitsmarktlichen Erfolg schneiden berufsbildende und allgemeinbildende Abschlüsse gleich gut ab.Bundesrat Johann Schneider-Ammann

Sie setzen sich für die digitale Grundbildung ein. Gleichzeitig möchten Sie die Weiterbildung für 20 bis 50-Jährige stärken. Wie kann dies umgesetzt werden?

Indem wir unser Bildungssystem so weiterentwickeln, dass sich Berufsbildung und akademische Bildung auch künftig optimal ergänzen und die gegenseitige Durchlässigkeit weiter gestärkt wird. Unsere Aufgabe ist es zudem, für unterschiedliche Begabungspoten- ziale auch weiterhin passende Bildungsgefässe bereitzustellen. Weiterbildung unterstützen wir gezielt und bedarfsorientiert über die Kantone, Unternehmen und Branchenverbände.

Bei der grossen Auswahl an verschiedenen Bildungswegen fällt es nicht leicht, den Über-blick zu behalten. Was empfehlen Sie einem vielseitig interessierten Neuntklässler, der vor der Berufswahl steht?

Jugendliche sollen primär auf persönliche Interessen und Begabungen schauen, denn dann sind sie für das Lernen motiviert. Der erste Entscheid für einen beruflichen Weg wird mit Sicherheit nicht der letzte sein. Dank unserem durchlässigen System sind später jederzeit Abzweigungen möglich.

Der berufliche Erfolg hängt laut Pisa-Erhebungen vom sozialen Status der Eltern ab. Was tut der Staat, um die gleichen Chancen für alle zu schaffen?

Zwischen sozialer Herkunft und Schulerfolg besteht am Ende der neunten Klasse effektiv ein gewisser Zusammenhang. Allerdings ist der Zugang zur Tertiärbildung in der Schweiz deutlich weniger stark von der Bildung der Eltern abhängig als in Ländern wie Deutschland oder Dänemark. Das liegt insbesondere an der von Bund und Kantonen engagiert verfolgten hohen Durchlässigkeit unseres Bildungssystems, das solche Disparitäten zu mindern vermag.

Der Bundesrat hat jüngst beschlossen, mehr Geld für die höhere Berufsbildung auszugeben. Wer sich auf eine eidgenössische Prüfung vorbereitet, wird seit Anfang Jahr mit bis zu 50 Prozent finanziell unterstützt. Welche weiteren Schritte sind geplant, um die Bildung auch künftig voranzutreiben?

Es sind verschiedene Initiativen geplant oder bereits in Gang gesetzt worden, um das Bildungssystem für die sich stellenden Herausforderungen fit zu machen. Dabei geht es nicht immer primär um Geld. Beispielsweise hat gerade eben mein Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) eine bis Ende 2019 laufende Kommunikationsoffensive lanciert, um die Bekanntheit des Berufsabschlusses für Erwachsene zu steigern. Hier ist das Hauptziel, Arbeitgeber und Erwachsene ohne arbeitsmarktrelevanten Berufsabschluss dafür zu sensibilisieren, dass auch Erwachsene ein eidgenössisches Fähigkeitszeugnis (EFZ) oder ein eidgenössisches Berufsattest (EBA) erwerben können.

Auf die Durchlässigkeit und die Karrieremöglichkeiten, die die Berufsbildung bietet, machen wir mit Berufsmaturitaet.ch und mit Berufsbildungplus.ch aufmerksam. Denn in Unkenntnis realer Tatsachen sind rund 40 Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner unseres Landes der Überzeugung, nur eine allgemeinbildende Ausbildung biete eine optimale Basis für beruflichen Erfolg und intakte Karriereaussichten. Aber gemessen am arbeitsmarktlichen Erfolg schneiden berufsbildende und allgemeinbildende Abschlüsse gleich gut ab. Der Bildungsbericht 2018, der im Juni der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, belegt dies eindrücklich.

Wenn junge Leute auf die Frage nach dem Berufswunsch antworten, sie möchten Bundesrat werden, was würden sie ihnen bezüglich Aus- und Weiterbildung empfehlen?

Damit der Einstieg ins Erwerbsleben gelingt, benötigen Jugendliche in erster Linie einen Abschluss auf der Sekundarstufe II. Im Anschluss daran stehen in unserem Bildungssystem allen alle Wege offen. Ein grosses Interesse an der Politik wird natürlich vorausgesetzt, ins- besondere an jener auf Bundesebene.

Interview Johann Schneider-Ammann: Miriam Dibsdale

Bild: Eidgenössisches Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung

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