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5 Juni 2020

Marcel Dobler: Ein Unternehmer zwischen Spielwaren und Politik.

Als der Digitec-Gründer und FDP-Nationalrat Marcel Dobler bekannt gab, in den kriselnden Detailhandel zu investieren, waren viele überrascht. Welche Pläne der Rapperswiler für das Traditionsspielwarengeschäft Franz Carl Weber hat und welche politischen Ziele er verfolgt, hat er im Interview erzählt.

Marcel Dobler, Sie haben im Juli den Traditionsspielwarenladen Franz Carl Weber zu einem Drittel übernommen. Dürfen sich Ihre Kinder zu Weihnachten nun etwas in «Papa’s Laden» aussuchen?

Meine Kinder sind schon seit Längerem im Weihnachtsfieber und schneiden ihre Wunschspielsachen im neuen Weihnachtskatalog aus. Auf der zweiten Seite im Katalog ist mein Foto zu sehen. Das finden sie zwar etwas komisch, doch wirklich verstehen tun sie es nicht. Ich werde aber ganz sicher mit ihnen vorbeigehen, sie sollen die tolle Rutsche vor Ort erleben. Daneben werden wir natürlich den neuen Onlineshop selbst testen und uns einige Artikel nach Hause liefern lassen.

Sind ausser der neuen Lieferfunktion auf der Homepage weitere Neuerungen geplant?

Der aktuelle Online-Auftritt wurde letztes Jahr auf die Schnelle gemacht. Er erfüllt zwar seinen Zweck, ist aber weder zeitgemäss noch besonders schön gestaltet. Wir haben ihn für den Moment optisch so belassen und nur um einen «Lieferung per Post»-Button ergänzt. Ein neuer, moderner Onlineshop ist auf jeden Fall in Planung, doch die Umsetzung braucht Zeit. Im Hintergrund müssen die gesamten Prozesse wie Einkauf und Logistik angepasst werden.

Die Umsatzzahlen der Franz Carl Weber Filialen sind in den letzten Jahren zurückgegangen. Gibt es das bekannte rote Schaukelpferd bald nur noch online?

Betrachten wir die Gesamtmarktzahlen, liegt in der Schweiz der Onlineanteil nach wie vor bei ca. fünf bis zehn Prozent. Das heisst, über 90 Prozent vom Umsatz generieren die Filialen. Ausschliesslich auf online zu setzen, wäre ein völlig falscher Ansatz. Unsere Kunden schätzen die kompetente Beratung, das breite Sortiment, das sie in den Filialen bestaunen können, und nutzen das Angebot, die Spielwaren vor Ort als Geschenk verpacken zu lassen. Alles, was in der Vergangenheit gut war, über den Haufen zu werfen, würde unser schnelles Ende bedeuten. Mit einem zusätzlichen Onlinekanal können wir aber auch die Kunden erreichen, die nicht in der Nähe einer Filiale wohnen oder keine Zeit haben, vorbeizukommen.

Alles, was in der Vergangenheit gut war, über den Haufen zu werfen, würde unser schnelles Ende bedeuten.

Als Sie vor 17 Jahren gemeinsam mit zwei Freunden Digitec gründeten, setzten Sie hauptsächlich auf den Online-Verkauf, bedienten aber gleichzeitig Filialen mit direktem Kundenkontakt.

War das Ihr Geheimnis zum Erfolg?
Bei Digitec waren in der Anfangszeit hauptsächlich zwei Punkte für den Erfolg verantwortlich. Einerseits waren wir 2005 der erste Onlineshop, bei dem es möglich war, nach Produkteigenschaften zu filtern. Daneben hatten wir den Vorteil, dass wir die Produkte günstiger anbieten konnten als die klassischen Retailer. Dennoch waren die Kunden bei Digitec nicht gezwungen, die Waren online zu bestellen und sie nach Hause liefern zu lassen. Zwar kamen ca. 90 Prozent aller Bestellungen online rein, doch über ein Drittel holte die Waren jeweils in einer Filiale ab. Das zeigt, dass die Kunden die gebotenen Möglichkeiten nutzten, und obwohl sie alles online hätten abwickeln können, auch den direkten Kontakt in den Filialen schätzten. Das Hybrid-Modell gehört zur Firmen-DNA.

Nachdem Sie Digitec 2011 verlassen haben, studierten Sie Wirtschaftsinformatik und stiegen in die Politik ein. Welche Themen liegen Ihnen als Nationalrat besonders am Herzen?

Ich setze mich als Politiker für alle Themen ein, für die ich in der Vergangenheit als Unternehmer schon stand. Dabei kann ich von meiner Erfahrung profitieren und einen Mehrwert bieten. Meine Hauptanliegen sind Digitalisierungsthemen, Effizienzsteigerung und die Rahmenbedingungen im Unternehmertum. Erst kürzlich habe ich zum Beispiel einen Vorstoss zur Telemedizin eingereicht. Es ist heute möglich, rezeptfreie Medikamente wie Salben oder Nasensprays online zu bestellen. Doch man braucht ein physisches Rezept dafür – eine unnötige Eintrittshürde. Deshalb habe ich hierzu den Vorstoss eingereicht, dies zu ändern.

Wie gross war die Umstellung, als Sie vom jungen, dynamischen Unternehmen in die Politik wechselten?

Als Unternehmer ist man sich gewöhnt, nach dem Verlassen des Büros am Abend genau zu wissen, was man bewirkt hat. Als Politiker ist der Zeithorizont viel weiter. Es sind nicht Tage, sondern Jahre. Ich bin mir bewusst, dass ich geduldiger werden muss. Das Zweikammersystem ist zwar langsamer, aber gleichzeitig auch stabiler. Alles hat seine Vor- und Nachteile, doch manchmal wünschte ich mir schon etwas mehr Tempo.

Sie plädieren für mehr Unternehmer in der Politik. Wieso?

Ein Sozialstaat lässt sich nur führen, wenn Geld dafür vorhanden ist. Unternehmer schöpfen Wert und möchten das Land wirklich weiterbringen. Sie sehen die Zusammenhänge, können die Effizienz steigern und pragmatisch etwas umsetzen. Juristen und Bauern sind in Bern stark vertreten. Doch Unternehmer gibt es zu wenige in der Politik, obwohl das Unternehmertum zentral ist für die Schweiz. Man sagt zwar immer: «Mehr Unternehmer in die Politik», doch in Bern hat niemand darauf gewartet, dass sie kommen.

Das Zweikammersystem ist zwar langsamer, aber gleichzeitig auch stabiler.

Gibt es denn überhaupt genügend Unternehmer, die Zeit haben, neben dem eigenen Unternehmen noch politisch aktiv zu sein?

Für mich wäre es während meiner Zeit bei Digitec undenkbar gewesen, in die Politik einzusteigen. Man möchte sich zu 100 Prozent für seine Firma und die Angestellten einsetzen. Dem kann man nicht gerecht werden, wenn man wie ich jetzt als Nationalrat 20 Wochen im Jahr anderweitig eingespannt ist. Ich weiss, dass die Kombination schwierig ist, dennoch wäre sie wünschenswert.

Auf Ihrer Homepage schreiben Sie, der Staat sei fett geworden und Helvetia brauche eine Fitnesskur. Was meinen Sie damit?

In der Wirtschaft ist eines der Ziele, effizienter zu werden. Firmen optimieren ihre Prozesse und sparen Ressourcen ein. Dem Bund fehlt dieses Denken. Die sieben Departements sind völlig losgelöst voneinander und es gibt keine übergeordnete Instanz, die das in die Hand nehmen würde. Ob sich etwas bewegt, ist zufällig und von einzelnen Personen abhängig. Mit dem fetten Staat meine ich, dass das Bewusstsein schlicht fehlt, effizienter zu werden obwohl grosses Potenzial besteht. Hier muss ein Umdenken stattfinden.

Sie sagen also, der Staat müsste mehr wie ein Unternehmen funktionieren?

Der Vorwurf, dass sich der Bund nicht wie ein Unternehmen führen lässt, ist absolut berechtigt. Es würde nicht schaden, das Gedankengut in Bezug auf Innovation und Effizienzsteigerung in Bern zu etablieren. Es gibt Prozesse, die seit 15 Jahren unverändert sind und sich problemlos vereinfachen liessen. Leider sind viele festgefahren und möchten gar nichts von Veränderungen hören.

Sie haben als Unternehmer bei Digitec die digitale Transformation hautnah miterlebt und sind nun Präsident von ICTswitzerland. Wofür steht der Verband?

ICTswitzerland agiert als Dachverband der ICT-Wirtschaft. Er umfasst sowohl Verbände als auch Firmen und vertritt deren Anliegen gegenüber der Öffentlichkeit, den Behörden und anderen Verbänden. Wir setzen uns dafür ein, dass die Vorteile der Digitalisierung optimal genutzt werden können und die Innovationskraft des Landes weiter gefördert wird. All dies mit dem Ziel, den Standort Schweiz nachhaltig zu stärken. Eines der präsentesten Themen ist Cybersecurity. Dafür haben wir eine Kommission ins Leben gerufen, die sich unter anderem mit Bildungsfragen in diesem Bereich beschäftigt.

Mit dem fetten Staat meine ich, dass das Bewusstsein schlicht fehlt, effizienter zu werden obwohl grosses Potenzial besteht.

Gehört dazu auch der Cyberlehrgang des Militärs, der dieses Jahr gestartet ist?

Der neue Lehrgang ist massgeblich in Zusammenarbeit mit ICTswitzerland entstanden. Das Besondere dabei ist, dass der Abschluss auch in der Privatwirtschaft gültig ist. Sprich, die Rekruten sammeln ECTS-Punkte und können den Fachausweis machen. Eine gute Sache, die sicherlich in die richtige Richtung geht und frischen Wind in die verstaubten Strukturen beim VBS bringt.

Ist die Schweiz überhaupt schon bereit für die Herausforderungen der Digitalisierung?

Die Schweiz hat keine kostbaren Ressourcen wie Gold oder Öl. Unsere Kompetenz ist die Bildung. Da haben wir verglichen mit unseren Nachbarstaaten einen grossen Vorteil. Das heisst aber nicht, dass wir uns eine Pause gönnen dürfen. Wir haben gute Voraussetzungen für das Thema «Cyber», doch müssen stetig daran arbeiten, es weiterzubringen.

Ein sehr umstrittenes Thema ist «e-Voting». Wie realistisch sehen Sie die schweizweite Einführung in den nächsten Jahren?

Dazu habe ich eine sehr differenzierte Meinung: e-Voting ja, aber Sicherheit vor Tempo. Was die Bundesverwaltung aktuell diesbezüglich vorhat, ist zu schnell. Eine Verordnung sagt, dass bis zu 50 Prozent der Stimmbürger in der Schweiz sowie alle Auslandschweizer e-Voting nutzen dürfen. Gleichzeitig steht im Gesetz, dass nur ein Testbetrieb erlaubt sei. Gilt diese Mehrheit aller stimmberechtigten Schweizer wirklich noch als Testbetrieb? Schon jetzt findet eine schleichende Überführung statt, ohne dass auf die berechtigten Sicherheitsbedenken eingegangen wird. Ich bin selbst ein «IT-ler» und gegen ein Technologieverbot. Ich erkenne die Vorteile von e-Voting, doch deshalb müssen wir uns nicht blind reinstürzen.

Was schlagen Sie denn vor?

Ich habe mit Damian Müller eine parlamentarische Initiative über den Ständerat eingereicht, die gutgeheissen wurde. Wir verlangen darin einen Testbetrieb, der auf 30 Prozent beschränkt wird, und dass zwei verschiedene Systeme im Einsatz sind. Zusätzlich fordern wir die Einführung statistischer Plausibilitätskontrollen, um Manipulationen zu detektieren.

Und unter diesen Voraussetzungen lassen sich Attacken verhindern?

Ich habe mit Dr. Stefan Frei von der ETH einen Angriffssimulator kreiert, der unterschiedliche Angriffsszenarien gegen das heutige e-Voting aufzeigt. Anhand der Daten der nationalen Abstimmungen konnten wir beweisen, dass sich mit den von uns geforderten Voraussetzungen, selbst bei einer vollständigen Manipulation der Systeme, kaum ein Resultat der letzten 20 Jahre verändern liess. Ein Angreifer greift nur an, wenn er weiss, dass er etwas manipulieren kann. Sind die Zahlen zu tief, verändert sich das Ergebnis nicht und ein Angriff bringt nichts. Gerne können Sie sich auf www.evotesim.ch selbst davon überzeugen.

Ihre Parteikollegin Karin Keller-Sutter kandidiert für den Bundesrat. Könnten Sie sich dieses Amt später in Ihrem Leben auch vorstellen?

Meine beiden Kinder sind vier- und fünfjährig. Ich glaube nicht, dass sich das ernsthaft vereinbaren liesse. Deshalb kann ich aktuell ganz klar nein dazu sagen. Aber Sie wissen ja, was man über die Leute sagt, die etwas abstreiten.

Vervollständigen Sie die Sätze:.

Mein nächstes sportliches Ziel ist, die Europameisterschaft gegen Finnland, Österreich und Deutschland mit dem FC Nationalrat zu gewinnen.

Die Übernahme von Franz Carl Weber ist für mich meine neue Leidenschaft.

Mein Lieblingsspielzeug als Kind war mein ferngesteuertes Auto als ich jünger war, später mein Computer.

Die nächste Sportart, die ich ausprobieren möchte, ist nicht Golf.

Mit Digitec verbinde ich eine grosse Zeit meines Lebens und viel Leidenschaft.

Meine Vision für die Schweiz 2025 ist, dass die FDP die SP als zweitstärkste Partei abgelöst hat.

Interview mit Marcel Dobler: Miriam Dibsdale

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