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Zürich
19 Februar 2020

Gesund, gesünder, Orthorexie.

Ein Blick in die Speisekarte und Schweissperlen bilden sich auf der Stirn.
Welches Gericht hat die wenigsten Kalorien? Wenn der Wunsch nach gesunder Ernährung zum Zwang wird.

Ein gesunder Lifestyle ist heutzutage nur einen Klick entfernt. Wer die sozialen Medien nach Hashtags wie healthyfood und healthylifestyle absucht, der findet Millionen von Beiträgen. Menschen auf der ganzen Welt teilen auf ihren Blogs oder Youtubekanälen ihre Rezepte und die neusten Foodtrends. Noch nie war das Thema Ernährung so aktuell und der Zugang dazu so einfach. Die Auswahl an Früchten, Gemüse und Low-Carb-Produkten ist endlos und das Führen eines gesunden Lebensstils für viele Menschen gang und gäbe.

Wenn besagter Lebensstil jedoch den Alltag bestimmt, dann ist von Orthorexie die Rede. Orthorexie, auch bekannt als Orthorexia Nervosa, ist der Zwang, nur gesunde Nahrung zu sich zu nehmen. Der amerikanische Arzt Steven Bratman hat 1997 den Begriff Orthorexie geprägt, dies in Anlehnung an die Essstörung Anorexie. Im Gegensatz zu diesem Essverhalten oder der Bulimie, ist die Orthorexie keine offizielle Essstörungsdiagnose. Der zwanghafte Versuch, sich gesund zu ernähren, kann in Verbindung mit anderen Essstörungen auftreten oder diese begünstigen. Sowohl Frauen als auch Männer können von Orthorexie betroffen sein.

(Un) gesund

Ist das Essen nun gesund oder nicht? Diese Fragen stellen sich Orthorektiker tagtäglich. Das Essen ungesunder Nahrung könnte sie ja krank machen. Die Definition von gesunder bzw. ungesunder Nahrung wird immer strikter und das Krankheitsbild ausgeprägter. Betroffene investieren viel Zeit darin, sich an die selbst auferlegten Diätregeln zu halten und planen ihre Mahlzeiten im Voraus. Die in den eigenen Augen ungesunden Lebensmittel werden konsequent aus dem Ernährungsplan gestrichen. Wird die Diät eingehalten, fühlt sich die betroffene Person stolz und in ihrem Essverhalten bestätigt.

Das Führen eines gesunden Lebensstils ist für viele Menschen gang und gäbe.

Zwanghafter Perfektionismus

Der Besuch eines Restaurants wird zur Folter, die Flexibilität nimmt ab. Hier ist die Gefahr grösser, von der Diät abweichen zu müssen, was Schuldgefühle mit sich bringt. Auch das Essen in Gesellschaft empfinden Menschen mit Orthorexie als Belastung; Familie und Freunde könnten ja das zwanghafte Essverhalten kritisieren. Das hat zur Folge, dass sich die betroffenen Personen allmählich von ihrem sozialen Umfeld distanzieren und auch andere Lebensbereiche vernachlässigen. «Wir bekommen von den Medien ein widersprüchliches Bild von gesunder Nahrung präsentiert. Was heute gesund ist, ist es morgen nicht mehr. Ausserdem begünstigen Social Media und der Gesellschaftsdruck das perfektionistische Denken eines Orthorektikers», stellt Frau Prof. Dr. G. Milos fest. Sie ist die leitende Ärztin des Zentrums für Essstörungen im Universitätsspital Zürich. Nebst dem sozialen Aspekt kann das zwanghafte Essverhalten auch zu körperlichen Fehl- und Mangelerscheinungen führen, wie zum Beispiel dem Mangel an Vitamin B12,
Omega-3- und Aminosäuren.

Bei der Behandlung von Orthorexie geht es darum, dass der Betroffene ein entspanntes Verhältnis zum Essen entwickelt und keine Schuldgefühle bei der Nahrungsaufnahme hat. Die Devise lautet: gesunde Ernährung, ganz ohne Zwang.

Text: Sonya Jamil

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