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17 Oktober 2019

Wenn der Körper auf Sparflamme schaltet.

Das Telefon klingelt ununterbrochen, die Agenda ist vollgespickt mit Terminen und im Posteingang häufen sich unbeantwortete E-Mails. Alle wollen etwas von Ihnen, aber keiner merkt, wie Sie langsam aber sicher ausbrennen.

«Ich habe ein Burnout.» Diesen Satz geben Schweizer Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen immer mehr von sich. Bei dem Job-Stress-Index des letzten Jahres, stellte die Gesundheitsförderung Schweiz fest, dass sich jede vierte erwerbstätige Person gestresst fühlt und rund 30 Prozent emotional erschöpft sind. Dies ist ein leichter Anstieg gegenüber den Vorjahren und zeigt auf, dass die Belastungen am Arbeitsplatz zugenommen haben. Und doch gilt das Burnout gemäss WHO erst seit Ende Mai 2019 offiziell als Berufskrankheit.

Der ideale Arbeitsplatz ist ein Ort, an dem die Aufgaben und deren Verteilung optimal gestaltet sind. Als Arbeitnehmer fühlt man sich langfristig gefordert und gefördert, ist weder über-, noch unterbelastet. Der Austausch im Team ist gegeben und regt zum lösungsorientierten  Denken an. Schliesslich hat man sich in der Bewerbung als Teamplayer beschrieben. Bestenfalls besteht im Unternehmen eine flache Hierarchie und das Einbringen eigener Ideen ist willkommen. In der Realität ist oftmals das genaue Gegenteil der Fall. Eine hohe Arbeitslast, welche unter noch höherem Zeitdruck erledigt werden muss, kann die Erschöpfungsdepression begünstigen. Ausserdem können zu wenig Selbstbestimmung bei der Arbeitsdurchführung oder unzureichende Be- und Entlohnung eine Rolle spielen. Und auch Rollen- und Wertekonflikte, verbunden mit drohendem Arbeitsplatzverlust sorgen möglicherweise dafür, dass der Betroffene ausbrennt.

Ich arbeite, also bin ich

Stress, hat jeder mal, wieso muss man da gleich ausbrennen, fragen sich gewisse Menschen skeptisch und belächeln die Krankheit. Natürlich bedeutet Belastung am Arbeitsplatz nicht gleich ein Burnout. Nebst diesen externen Faktoren tragen die internen Faktoren eines jeden zum Ausbrennen bei. Dazu gehören unter anderem Perfektionismus und die damit einhergehenden Versagensängste. Man hat den Wunsch, es jedem recht machen zu wollen und sagt zu oft Ja und zu selten Nein. Dabei vergisst der Betroffene etwas ganz Wichtiges: sich selbst. Er fühlt sich ausgelaugt und seine persönliche Leistungsfähigkeit nimmt ab. Gleichzeitig schwindet auch das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und es kann sich eine distanzierte, gleichgültige Einstellung gegenüber der Arbeit einstellen. Der Betroffene ist unzufrieden mit sich selbst und seiner Leistung. Das Leben macht keinen Spass mehr, Dankbarkeit bleibt aus und viel zu selten bespricht man mit Familie und Freunden die angestauten Probleme.

Eine hohe Arbeitslast, welche unter noch höherem Zeitdruck erledigt werden muss, kann die Erschöpfungsdepression begünstigen.

Bei chronischem Dauerstress schüttet der Körper die Botenstoffe Adrenalin und Cortisol aus. Wenn der Körper auf Sparflamme schaltet, haben viele die Tendenz, diese Warnsignale zu ignorieren.

Was Arbeitgeber tun können

Wenn Mitarbeitende anstelle von Höchstleistungen mit Abwesenheiten und verminderter Produktivität auffallen, so kann das einem Unternehmen finanziellen Schaden zufügen. Dieser beläuft sich jährlich auf rund 6.5 Milliarden Franken, fand der Job-Stress-Index heraus. Momentan gibt es keine medizinische Diagnose für das Burnout. Für eine solche müsste man nachweisen können, dass das Burnout zu mindestens 50 Prozent durch die Arbeit hervorgerufen wird und nicht mit den persönlichen Problemen der Betroffenen zusammenhängt. Das Burnout als offizielle Berufskrankheit, könnte Arbeitgebern bei der Prävention von Stress am Arbeitsplatz die Augen öffnen. Nichtsdestotrotz ist es in der Pflicht des Unternehmens, die individuellen Anliegen der Mitarbeitenden ernst zu nehmen, um ein Burnout frühzeitig zu bemerken und damit zu verhindern.

Das Burnout als offizielle Berufskrankheit, könnte Arbeitgebern bei der Prävention von Stress am Arbeitsplatz die Augen öffnen.

Auch nach einem Zusammenbruch des Mitarbeitenden gilt es, ihn professionell zu unterstützen, sodass eine Rückkehr an den Arbeitsplatz möglich ist. Viele Firmen bieten den Angestellten Hilfestellung an in Form von Vertrauensstellen und Konfliktlösungsverfahren. Das ist zwar ein Schritt in die richtige Richtung, aber um den Burnout der Mitarbeitenden vorbeugen zu können, müssen organisatorische Änderungen her. Dazu gehören unter anderem eine differenzierte Aufgabenverteilung, Arbeitszeitanpassung oder das zur Verfügung stellen von Ressourcen.

Diese Änderungen müssen nicht zwangsläufig alles auf den Kopf stellen. Unternehmen könnten zum Beispiel grosse Aufgabenpakte anfangs, statt Ende Woche verteilen, so dass der Mitarbeiter mit einem Erfolgserlebnis ins Wochenende starten kann, anstatt sich in der Freizeit den Kopf darüber zu zerbrechen. Zur Entlastung der Angestellten kann es auch helfen, dass bei einem grösseren Projekt mehrere Arbeitnehmer daran arbeiten, damit nicht ein Einzelner die Verantwortung und Bürde tragen muss. Auch Home-Office kann zu einer entspannten Arbeitszeitaufteilung beitragen und somit ein Burnout vorbeugen.

Was Arbeitnehmer tun können

Das Leben wird nie so stressfrei verlaufen, wie man sich das wünscht. Deshalb ist es wichtig, zu lernen wie man damit umgeht. Wer sich bei der Arbeit überfordert fühlt, der soll seine Aufgabenpakete nach Priorität ordnen und dabei eine Pendenzenliste anlegen. Jede erledigte Aufgabe lässt sich so wortwörtlich abhaken. Unangenehme Aufgaben sollte man gleich morgens erledigen, so lässt sich der restliche Tag entspannter angehen. Burnout-Prädestinierte neigen zu Perfektionismus, deshalb ist es wichtig, auch mal Aufgaben abgeben zu können und sich eine Pause zu gönnen. Schliesslich muss man auch mal Zeit haben, einfach dazusitzen und aus dem Fenster zu schauen.

Nach Feierabend gilt es, klare Grenzen zwischen Berufs– und Privatleben zu ziehen. Die Welt geht wegen einer unbeantworteten Email nicht unter. Viele Menschen definieren sich nur über die Arbeit, deshalb ist es wertvoll, einen Ausgleich in Form von Hobbies zu haben und sich so eine Freude zu machen. Und auch beim Sport oder in Form von Entspannungsübungen kann sich der Körper regenerieren. Wenn sich das Gedankenkarussell nicht aufhört zu drehen, ist professionelle Unterstützung notwendig. Zusammen mit den Psychotherapeuten lässt sich ein Weg aus dem Burnout finden. So kann man das einst erloschene Feuer wieder entfachen.

Text: Sonya Jamil

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