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30 März 2020

Mit Selbstbestimmung uneingeschränkt leben.

In der Schweiz lebt statistisch jeder Fünfte mit einer körperlichen Behinderung. Jeder Dritte mit einem dauerhaften Gesundheitsproblem. Diese Zahlen gehen aus Erhebungen des Bundesamts für Statistik (BFS) hervor. Aber auch gesunde Menschen führen oft ein Leben ohne Selbstbestimmung und behindern sich dadurch selbst.

Von Behinderung wird dann gesprochen, wenn ein gesundheitliches Problem zu einer Beeinträchtigung von Körperfunktionen führt, welche die Fähigkeit zur Verrichtung gewisser Tätigkeiten einschränkt oder Aktivitäten im sozialen Umfeld erschwert.

Zwei Drittel der Bevölkerung bezeichnet ihren Gesundheitszustand als gut oder sehr gut. Obschon mit zunehmendem Alter immer mehr Menschen an dauerhaften Gesundheitsproblemen leiden. Was bedeutet es also heutzutage, «uneingeschränkt» zu leben? Ob schwerkrank, beeinträchtigt oder kerngesund: Selbstbestimmung ist das Stichwort. Es ist ein Prozess, der von Mensch zu Mensch verschieden interpretiert wird. Er beinhaltet Dinge, welche jede Person für notwendig und wünschenswert erachtet, um ein befriedigendes und in ihren Augen sinnvolles Leben gestalten zu können.

Ob schwerkrank, beeinträchtigt oder kerngesund: Selbstbestimmung ist das Stichwort.

Uneingeschränkt eingeschränkt

Für einen gesunden Menschen bedeutet dies in erster Linie auf seine innere Stimme zu hören und sich nicht von aussen reinreden zu lassen, was vermeintlich das «Beste» für einen ist. Ein gesunder Mensch ist physisch problemlos in der Lage, seinen Alltag zu bewältigen. Ebenso wird er bei der Verwirklichung eines erfüllten Lebens grundsätzlich vor keinerlei Probleme gestellt. Hier kann also, wenn überhaupt, von einer sich selbst auferlegten «mentalen» Einschränkung die Rede sein. Wer nun aber denkt, dass gesunde Menschen voller Selbstbestimmung durchs Leben gehen, irrt sich. Um das Leben seiner Träume zu verwirklichen, braucht es einen starken Willen und grosse Fantasie. Mit dem Strom mitzuschwimmen, ist um ein Vielfaches einfacher und nur die Wenigsten schaffen es tatsächlich, ihre Träume wahr werden zu lassen.

Gesellschaftliche Einschränkung

Unsere heutige Gesellschaft definiert konkrete Voraussetzungen, was zu einem vermeintlich erfüllten Leben dazugehört. Dies beginnt bereits in der Schule, wo es zum guten Ton gehört, angehende Zweitklässler für Bestnoten büffeln zu lassen anstatt ihre versteckten Talente zu erkennen und zu fördern. Danach sollen wir im Optimalfall studieren, um steil und bestens gewappnet die Karriereleiter emporzusteigen, viel Geld zu verdienen, um dieses für allerlei Konsum und Statussymbole wieder auszugeben. Was aber, wenn jemand aus der Reihe tanzt und dieser gesellschaftlichen Doktrin keine Folge leisten will oder aufgrund einer gesundheitlichen Einschränkung nicht mehr mithalten kann? Uneingeschränkt leben bedeutet doch im Ursprung vor allem auch, seinen persönlichen Lebensplan verfolgen zu dürfen und es eben keine vorgegebene Richtung geben sollte, welche uns in der Erfüllung unserer Träume einschränkt.

Behinderung als Einschränkung

Hat eine Person mit einer angeborenen oder plötzlich auftretenden Behinderung zu kämpfen, erscheint ein uneingeschränktes und selbstbestimmtes Leben, je nach Schweregrad der Einschränkung oft unmöglich. Der Wille ist dann in der Regel nicht mehr der ausschlaggebende Faktor. Der Körper spielt einfach nicht (mehr) mit und die «körperliche» Einschränkung bestimmt fortan wo es lang geht. Der Begriff «Selbstbestimmung» rückt in ein völlig anderes Licht und die persönlichen Bedürfnisse verschieben sich schlagartig. Auf ihre tägliche Arbeit mit Patienten mit Behinderung angesprochen, resümiert die selbständige Physiotherapeutin Monika Eberle: «Träumt eine gesunde Person von einer Besteigung des Mount Everests, ist dies für eine auf den Rollstuhl angewiesene Person, gleichbedeutend mit dem Wunsch eines Tages aus eigener Kraft wieder laufen zu können».

Krankheit als Bremse

Die eingangs erwähnten gesundheitlichen Probleme, wie zum Beispiel Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Depressionen, Krebs oder andere chronisch nichtübertragbare Krankheiten, hindern uns am häufigsten, das Leben wunschgemäss zu leben und stellen heutzutage die häufigste Todesursache von Frauen und Männern in der Schweiz dar, wie die Schweizerische Ärztezeitung auf ihrer Website mitteilt. Vor Kurzem noch mitten im Leben, voller Tatendrang und Lebenslust, kann eine schwere Diagnose von heute auf morgen alles verändern. Man wird abrupt ausgebremst und muss lernen, mit der Krankheit umzugehen. Die persönlichen Bedürfnisse, Vorhaben oder Träume geraten dabei schnell in Vergessenheit, da eine Genesung/Heilung an erster Stelle steht. 

Wer die Schuld bei jemand anderem sucht, verschwendet unnötige Energie, welche man für ein zufriedeneres Leben dringend braucht.

Lebe dein Leben JETZT

Ein gesunder Mensch hat viele Wünsche – ein kranker Mensch nur einen: wieder gesund zu werden! Dies ist selbstredend der innigste Wunsch, aber auch alltägliche Freuden des Lebens sind wichtige Essenzen für ein erfülltes Leben. Wenn eine Heilung aussichtslos erscheint und ein Mensch nicht mehr lange zu leben hat, höre man oftmals Geschichten aus vergangenen Jahren, die das Leben geprägt und wirklich erfüllt haben, berichtet Dieter Hermann, Geschäftsführer des Hospiz Aargau und Sterbebegleiter. «Das Leben und das Erlebte wird meist als ein Geschenk angesehen, was für die Hinterbliebenen auch eine stabile Basis für den anstehenden, wichtigen Trauerprozess bildet», fährt er fort. Selbstbestimmt leben bedeutet also, das Leben nach Möglichkeit so zu gestalten, wie man es sich wünscht im Hier und Jetzt. Wir sollten auch immer daran denken, dass wir nur dieses eine Leben zur Verfügung haben.

Selbstbestimmt leben

Was wollen wir also daraus machen? Der erste Schritt hin zur Selbstbestimmung ist, die aktuelle Situation so zu akzeptieren, wie sie gerade ist. Auch wenn es aufgrund einer Krankheit oder einer Beeinträchtigung um ein Vielfaches schwerer fällt und leichter geschrieben ist, als getan. Solange wir aber die Realität nicht akzeptieren, können wir sie nicht zum Besseren verändern. Ob gesund oder krank, es ist gleichermassen eine Pflicht wie ein Recht, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen. Wer die Schuld bei jemand anderem sucht, verschwendet unnötige Energie, welche man für ein zufriedeneres Leben dringend braucht. Unabhängig vom Gesundheitszustand ist es essentiell herauszufinden, was man vom Leben will und sich entsprechende Ziele zu setzen – seien sie riesengross oder winzig klein. Sie halten uns auf Trab und geben Kraft, unser Leben so uneingeschränkt und selbstbestimmt wie eben möglich zu leben.

Text: Adrian Georg Seidl

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