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Zurich
17 Oktober 2019

«Eine gesunde Portion Stress ist willkommen».

Stress ist heute alltäglich. Fast alle fühlen sich hin und wieder mal unter Druck. Das ist an sich nicht schlecht: Ursprünglich ist die Stressfunktion unseres Körpers sogar einer der Gründe, weshalb unsere Spezies noch nicht ausgestorben ist. 

Übersetzt bedeutet Stress Druck oder Anspannung. Stress versetzt den Organismus in einen Alarmzustand und stellt ihn auf eine höhere Leistungsbereitschaft ein. Es werden Hormone ausgeschüttet, die Herzfrequenz steigt und das Blut wird in die Extremitäten gepumpt, um gegen eine Bedrohung zu kämpfen oder zu fliehen. Diese überlebenswichtige, biologisch sinnvolle Reaktion hat die Menschen seit jeher darauf vorbereitet, auf eine akute Gefahr zu reagieren.

Erst wenn Symptome über längere Zeit auftreten, kann von Stressfolgekrankheiten gesprochen werden.

Stress ist somit keine Krankheit. Erst wenn Symptome über längere Zeit auftreten, kann von Stressfolgekrankheiten gesprochen werden. Es können vier verschiedene Symptom-Ebenen unterschieden werden. Körperliche Symptome umfassen Erschöpfung oder Müdigkeit, kognitive Beeinträchtigungen beeinflussen die Leistung und können zu Konzentrationsstörungen führen. Auf der emotionalen Ebene kann es sein, dass man gereizter wird, auf der Verhaltensebene kann Stress beispielsweise zu aggressivem Verhalten oder übermässigem Alkohol- und Drogenkonsum führen. 

Stress ist nicht gleich Stress

Der in Zürich praktizierende Psychotherapeut Matthias Marti unterscheidet vier verschiedene Stress-Kategorien: «Einerseits wird die Unterscheidung von akutem und chronischem Stress gemacht.» Der akute Stress ist die natürliche Reaktion des Körpers, die im obigen Abschnitt erläutert wurde. Chronisch wird der Stress  dann, wenn ein langandauerndes Ungleichwicht zwischen Anforderungen, Bewältigungsmöglichkeiten und Ressourcen besteht.

«Andererseits unterscheidet man Stress im Kindesalter und Stress im erwachsenen Leben. Körperliche und psychische Misshandlungen im Kindesalter haben Auswirkungen auf das ganze Leben dieser Menschen.» In diesem Alter bilde sich das Gehirn erst aus und durch solch traumatische Erlebnisse erhalte es nicht die Möglichkeit, dies korrekt zu tun, beispielsweise könne sich das Stresssystem des Körpers so nicht richtig entwickeln.

Eine weitere Unterscheidung wird zwischen sozialem und nicht sozialem Stress vorgenommen. Da wir ein soziales Wesen sind, nehmen wir den sozialen Stress als bedrohlicher wahr. Dieser umfasst hauptsächlich zwischenmenschliche Beziehungen. Nicht soziale Faktoren sind Dinge wie Geldstress oder Zeitdruck.

Disstress ist derjenige Stress, der als unangenehm, bedrohlich oder überfordernd empfunden wird.

Schliesslich kann eine  Differenzierung zwischen «Eustress» (eu = positiv stimulierend) und «Distress» (dis = negativ, belastend) vorgenommen werden. Werden Herausforderungen gemeistert und der Stress positiv wahrgenommen, wird das Eustress genannt. Diese aufgeregte Anspannung erlebt zum Beispiel ein Sportler vor einem Wettkampf oder eine Musikerin vor einem Konzert. Hinzu kommen Situationen, wo Glücksgefühle bei Ereignissen wie Heirat oder Geburt ausgeschüttet werden. Disstress ist derjenige Stress, der als unangenehm, bedrohlich oder überfordernd empfunden wird. Je nach Intensivität und Dauer kann diese Art von Stress zu physischen und psychischen Krankheitssymptome führen.

Wenn man gestresst ist, hat das sowohl positive als auch negative Konsequenzen.

Positive und negative Folgen von Stress

Wenn man gestresst ist, hat das sowohl positive als auch negative Konsequenzen. Einerseits bereitet unser Körper sich darauf vor, in einer Extremsituation funktionieren zu können. Damit wir die nötige Energie dazu haben, werden verschiedene Hormone ausgeschüttet, unter anderem Adrenalin, welches dann unser Herz schneller schlagen lässt und Oxytocin, dieses Hormon nennt man auch «Kuschelhormon». Wenn es ausgeschüttet wird, suchen wir die Nähe zu anderen Menschen und werden hilfsbereiter. Zusätzlich hilft dieses Hormon, das Stresslevel zu senken. Der soziale Kontakt kann also zur Stressbewältigung dienen. «Stressverarbeitung ist stark durch individuelle Faktoren beeinflusst», erläutert Matthias Marti. Die subjektive Bewertung von Stress ist relevant, denn sie bestimmt, wie viel Stress man tatsächlich empfindet. Zudem ist ein mittleres Stresslevel nötig, damit man leistungsfähig ist. Sobald Stress zum Dauerzustand wird, kann er aber psychische Krankheiten auslösen. «Wenn  Wochenenden nicht mehr reichen, um die Batterien aufzuladen, dann kann das ein Zeichen für den Beginn eines Burnout Prozesses signalisieren.»

Sofortmassnahmen zur akuten Stressbewältigung umfassen unter anderem genügend Schlaf, eine ausgewogene Ernährung, Sport, gute Organisationskills und regelmässige Pausen.

Weniger Stress dank diesen Tipps

Bestimmte Verhaltensweisen können Stresssymptome lindern. Sofortmassnahmen zur akuten Stressbewältigung umfassen unter anderem genügend Schlaf, eine ausgewogene Ernährung, Sport, gute Organisationskills und regelmässige Pausen. «Wenn diese Massnahmen nicht reichen, sollte man professionelle Unterstützung in Anspruch nehmen», rät der Experte. Damit kann das persönliche Stressmanagement verbessert und die Fähigkeit erhöht werden, die Herausforderungen des Alltags wieder mit mehr Gelassenheit zu meisten. Zudem werden gesundheitsförderndes Verhalten ins Leben integriert, um erneuten Krisen vorzubeugen.

Stressfaktoren der heutigen Zeit

In unserer heutigen Gesellschaft gibt es unzählige Stressfaktoren, und es kommen immer mehr hinzu. Der immer höher werdende Druck ist ein Stressfaktor der modernen Arbeitswelt. «Die Arbeitslast und auch die Überstunden nehmen immer weiter zu, wie Statistiken zeigen», berichtet Matthias Marti. Der rasche Wandel der Arbeitswelt erfordert viel Flexibilität. Zudem können die sozialen Medien Stress auslösen, da sie dem sozialen Vergleich und der Selbstinszenierung eine ganz neue Wichtigkeit zuschreiben. Heute gilt: Nur wer etwas leistet, ist etwas wert. Die Anforderungen der Leistungsgesellschaft können auch zur Überlastung oder chronischem Stress beitragen. Gemäss Job-Stress-Index 2016 (Gesundheitsförderung Schweiz) erlebt jeder vierte Erwerbstätige am Arbeitsplatz Belastungen, die seine Ressourcen übersteigen. Zudem erhöhen gesellschaftliche Rollenerwartungen insbesondere für Eltern das Stresserleben massiv. Matthias Marti bestätigt: «Die berufliche Karriere erfolgreich voranzutreiben und sich gleichzeitig fürsorglich und emotional präsent den Bedürfnissen der Kinder zu widmen, ohne zugleich die Pflege der Partnerschaft aus den Augen zu verlieren – dies bietet ein immenses Überforderungs- und Erschöpfungspotential.» Dazu kommen die aktuellen Themen und Fragen der Gegenwart und Zukunft wie Klimawandel, Ressourcenknappheit, Digitalisierung, die Ängste auslösen können. All diese Dinge können zu innerer Anspannung und dauerhaftem Stress führen. Deswegen ist es umso wichtiger, dass eine Aufklärung und Sensibilisierung der Stressthematik stattfindet. «Mehr Informationen und Berichterstattung zum Thema Stress und Stressbewältigung sind eminent wichtig», meint der Psychotherapeut.

Mehr Informationen und Berichterstattung zum Thema Stress und Stressbewältigung sind eminent wichtig.

Stress-Erfahrungen

Eine Vielzahl an Studien weisen darauf hin, dass die eigene Einschätzung einer Stresssituation eine grosse Rolle spielt. Stress entsteht demnach nicht allein durch einen Reiz, sondern erst durch die subjektive Bewertung und Deutung der Situation, in der der Reiz erfolgt ist. Wenn eine stressige Situation als Herausforderung interpretiert wird, ist das eine andere Umgangsweise, als wenn man Stress Bedrohung verstanden wird.

Matthias Marti resümiert: « Zu wenig Stress führt zu Trägheit und Passivität, da keine Herausforderungen zu meistern sind. Zu viel Stress kann Nervosität bis hin zu Ängsten und Blockaden nach sich ziehen und bei längerer Dauer psychische Erkrankungen begünstigen. Eine gesunde Portion Stress hingegen ist willkommen. Wenn wir vielbeschäftigt sind und Herausforderungen meistern, erleben wir uns selbst als aktiv, und sind leistungsfähiger.» Für das Selbstvertrauen sei das zentral, denn positive Bewältigungserfahrungen seien förderlich. «Stress ist somit nicht per se negativ. Das richtige Mass und unsere Haltung sind entscheidend. Zudem lohnt sich die bewusste Auseinandersetzung mit dem eigenen Stresserleben, um langfristig psychisch gesund zu bleiben.», schliesst Matthias Marti.

Smart Fact

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Text: Lea Zoss

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