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23 November 2019

Manuela Schär: «Das Leben ist und bleibt lebenswert».

Im Alter von neun Jahren änderte ein Unfall das Leben von Manuela Schär für immer. Heute ist die 35-jährige Rennrollstuhl-Fahrerin eine internationale Top-Sportlerin. Wie Manuela Schär lernte, mit ihrer Querschnittslähmung zu leben, wie sie sich auf grosse Wettkämpfe vorbereitet – und warum sie auch gegen jüngere Konkurrentinnen noch gute Chancen hat, erzählt die Athletin im Interview.

Manuela Schär, die Saison 2018/19 darf man als ein Karriere-Highlight für Sie bezeichnen. Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie an dieser Saison zurückdenken?

Es stimmt, dass 2019 mit Abstand das beste Jahr meiner Karriere darstellt. Es fällt mir daher beinahe schwer, einen besonderen Höhepunkt herauszupicken. Was mir natürlich sehr viel Freude bereitet ist die Tatsache, dass ich als erste Rollstuhl-Marathon-Fahrerin überhaupt in einem Jahr alles sechs grossen Marathon-Titel gewinnen konnte.

Damit haben Sie sich die Messlatte für 2020 extrem hoch gesetzt.

Das ist wahr – schade eigentlich, dass die Paralympics nicht ebenfalls in diesem Jahr stattfinden. Dann hätte ich den perfekten «Schwung» vielleicht gleich in diesen Wettkampf mitnehmen können (lacht). Aber auch so war die vergangene Saison hervorragend für mich und ich erachte das Erreichte nicht als Druck oder Verpflichtung – sondern vielmehr ein Vorbote für Kommendes. Schliesslich muss ein gutes Jahr nicht zwangsläufig bedeuten, dass es jetzt abwärts geht.

Die Paralympics werden nächsten Jahr in Tokyo ausgetragen. Für Sie ist dies quasi ein «Homecoming». Was verbindet Sie mit Japan?

Ich war schon immer ein Fan der japanischen Kultur, der Menschen – und insbesondere der Küche. Dieser Bezug hat sich natürlich noch gefestigt, seit ich als Sportlerin mit Honda zusammenarbeite. Seit 2017 gehört ich zum Honda-Team. Im Rahmen der Zusammenarbeit habe ich vom japanischen Autohersteller einen massgeschneiderten Carbon-Rennrollstuhl erhalten. Dieser ist dank eines detaillierten 3D-Scan meines Körpers genau auf meine Bedürfnisse zugeschnitten. Die Kooperation mit Honda gab mir also nicht nur ein perfektes Werkzeug an die Hand, sondern bot mir überdies die Chance, die japanische Kultur auf eine andere Art kennenzulernen.

Seit 2017 gehört ich zum Honda-Team. Im Rahmen der Zusammenarbeit habe ich vom japanischen Autohersteller einen massgeschneiderten Carbon-Rennrollstuhl erhalten.

Wie sieht es in einer Grossstadt wie Tokyo mit Barrierefreiheit aus – auch im Vergleich zur Schweiz?

Die Situation ist für Rollstuhlfahrer vergleichbar. Denn dort wie auch in der Schweiz haben wir in Sachen Barrierefreiheit durchaus noch Luft nach oben. Sobald man mit einer körperlichen Einschränkung auf den ÖV angewiesen ist, wird es schwierig. Und auch in Restaurants und Geschäften wäre sicherlich noch mehr möglich.

Heute arbeite ich noch 20 Prozent und kann mich die restliche Woche über auf mein Training konzentrieren.

Sie sind als Rennrollstuhl-Fahrerin eine Schweizer Profisportlerin. Wie darf man sich Ihren Alltag vorstellen?

In den letzten Jahren hat mir mein sportliches Vorankommen glücklicherweise die Möglichkeit eröffnet, mein Arbeitspensum kontinuierlich zu reduzieren. Heute arbeite ich noch 20 Prozent und kann mich die restliche Woche über auf mein Training konzentrieren. Mein Alltag ist dementsprechend sehr strukturiert: Um meine Trainingseinheiten optimal durchführen zu können, ist jeder einzelne Wochentag genau geplant. Dieser Ablauf wiederholt sich dann von Woche zu Woche. Dabei ist der Freitag jeweils mein Ruhetag. Den Rest der Woche trainiere ich ein- bis zweimal täglich.

Wie sehen diese Trainings konkret aus?

Pro Woche absolviere ich zwei Kraft-Einheiten. Der Rest sind Ausdauer- und Intervall-Einheiten, welche ich im Rennrollstuhl oder an der Handkurbel mache. Das Krafttraining gestaltet sich etwas kompliziert, da mein Rumpf nicht voll funktionsfähig ist. Dadurch ist es schwierig, den unteren Teil des Körpers zu stabilisieren. Aus diesem Grund mussten wir selber spezielle Trainingsgeräte entwickeln, mit denen ich mich dank besonderer Vorrichtungen besser am Boden verankern kann.

Bei Sportlerinnen und Sportlern spielt die Ernährung eine zentrale Rolle.

Das ist auch bei mir so. Die Situation ist allerdings ein wenig speziell, da man als Rollstuhlfahrerin weniger Kalorien benötigt, als eine Person ohne körperliche Einschränkung. Mein Kalorien-Grundumsatz ist wegen der fehlenden Muskulatur in den Beinen vermindert. Daher muss ich darauf achten, einerseits die für mich wichtigen Nährstoffe zu mir zu nehmen, gleichzeitig aber nicht zu schwer zu werden. Es treten zwar immer wieder gewisse Schwankungen auf, aber alles in allem ist die Ernährung gut eingependelt.

Ich will nicht mein ganzes Pulver verschiessen, sondern mir bewusst ein gewisses Verbesserungspotenzial bewahren.

Wie bereiten Sie sich mental auf Wettkämpfe vor?

Der mentale Aspekt ist natürlich wichtig, da taktische Aspekte einen Marathon auf den letzten Metern entscheiden können. Darum nehme ich gewisse Sitzung mit meinem Mentaltrainer in Anspruch, tue dies meist aber nicht über einen längeren Zeitraum hinweg. Der Grund dafür ist simpel: Ich will nicht mein ganzes Pulver verschiessen, sondern mir bewusst ein gewisses Verbesserungspotenzial bewahren. Denn bis anhin war ich mental stets sehr stark. Gerade bei einem Marathon ist es wichtig, das «ideale Rennen» vor Augen zu haben. Letztlich kann man nur die eigene Taktik beeinflussen.

Sie sind seit Ihrer Kindheit querschnittgelähmt. Eine Kinderschaukel brach damals über Ihnen zusammen und verletzte Sie am Rücken. Wie kann man im Alter von gerade einmal neun Jahren mit einem solchen Ereignis umgehen?

Natürlich war die Zeit nach dem Umfall äusserst schwierig und prägend. Besonders schlimm war für mich am Anfang, dass ich aufgrund des Unfalls so lange von zuhause weg sein musste. Ich verbrachte sechs Monate im Spital und litt unter starkem Heimweh, fühlte mich oft allein. In dieser Zeit lernte ich, dass ich Verantwortung für meinen eigenen Körper übernehmen musste. Es ist ein schwieriger und langwieriger Prozess des Annehmens. Man muss akzeptieren, dass man nicht mehr alles wie gewohnt tun kann. Dass man ab jetzt vieles anders machen muss. Und dass man für immer «anders» ist. Das gelingt natürlich nicht auf Anhieb: Lange Zeit über habe versucht, «in der Masse unterzugehen». Auch zehn Jahre nach dem Unfall war dies immer wieder ein Thema bei mir. Das ist es sogar heute noch ab und an. Aber ich habe gelernt, mit meiner Einschränkung zu leben und mache das Beste draus – und führe ein schönes Leben.

Was kann man Menschen raten, die einen solchen Schicksalsschlag erlitten haben?

Das lässt sich natürlich nur schwer verallgemeinern, da jeder Mensch anders ist und aus einem individuellen Umfeld kommt. Und genau dieses Umfeld ist extrem wichtig nach so einem Ereignis. Man benötigt Menschen, die einen unterstützen und für einen da sind. Grundsätzlich kann man eigentlich nur sagen: Es wird besser, aber es braucht Zeit. Das Leben ist und bleibt lebenswert.

Welche konkreten sportlichen Ziele ich über das kommende Jahr hinaus verfolgen werden, lasse ich zu diesem Zeitpunkt noch offen.

Werfen wir einen Blick in die Zukunft: Wie lange möchten Sie noch auf internationalem Top-Niveau an Wettkämpfen teilnehmen?

Ich bin mit 35 Jahren im besten Alter. Allerdings kommen ganz starke Konkurrentinnen nach, die rund fünf bis sechs Jahre jünger sind als ich. Dennoch habe ich gute Chancen, denn insbesondere der Marathon ist eine Sache der Erfahrung. Welche konkreten sportlichen Ziele ich über das kommende Jahr hinaus verfolgen werden, lasse ich zu diesem Zeitpunkt noch offen. Ich sehe bei mir durchaus noch Potenzial, werde aber sicherlich nicht mehr zehn Jahre auf diesem Niveau an Wettkämpfen teilnehmen.

Können Sie sich vorstellen, künftig von der Rolle der Athletin in die eines Coaches zu wechseln?

Grundsätzlich ja. Ich kann mir einerseits vorstellen, dem Sport treu zu bleiben – aber mich reizt andererseits auch die Idee, nochmals einen vollkommen neuen Weg einzuschlagen. Wir werden sehen, in welche Richtung sich letztlich alles entwickelt.

Über Manuela Schär

Rollstuhlleichtathletin Manuela Schär ist eines der grossen Aushängeschilder des Paralympischen Sports in der Schweiz. Aufgewachsen ist sie in Altishofen (LU). Am Kindergeburtstag einer Kollegin spielte sie als 9-Jährige auf einer Schaukel, welche nicht gut im Boden verankert war, über ihr zusammenbrach und sie schwer am Rücken verletzte. Sie ist seither querschnittgelähmt.

Manuela Schär hat an den Paralympics sowie diversen Rennrollstuhl-Marathons teilgenommen – und gewonnen. Als erste Athletin überhaupt konnte sie unter anderem alle sechs grossen Marathonveranstaltungen in einem Jahr für sich entscheiden.

Weitere Informationen unter www.manuelaschaer.ch

Über Swiss Paralympic

Swiss Paralympic begleitet alle Schweizer Spitzensportler mit Handicap an Internationale Grossanlässe. Dazu gehören auch die Finanzierung und Organisation dieser Teilnahmen. Dank den Spendern und Sponsoren, die hinter Swiss Paralympic stehen, können wir unsere sportlichen Träume verwirklichen.

Weitere Informationen unter www.swissparalympic.ch

Text: SMA, Bilder: Daniel Streit

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