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8 Dezember 2019

Nach dem Herzinfarkt wurde Antonio Banderas extrem emotional.

Antonio Banderas hat nach seinem Herzinfarkt die Weichen neu gestellt. Im Interview erzählt der Schauspieler, wie diese Erfahrung seinem Leben einen neuen Sinn gegeben hat.

Antonio Banderas entschuldigt sich, dass er zum Interview eine Sonnenbrille trägt. Er versuche nicht, cool daherzukommen, versichert er. Nein, er habe eine Augeninfektion und die sehe nicht gerade appetitlich aus.

Gute Besserung, auf dass es bald besser werde mit den Augen. Gesundheit ist ein hohes Gut.

Wem sagen Sie das? Ich hatte vor zweieinhalb Jahren einen Herzinfarkt. Ich dachte, ich sterbe, aber rückblickend ist es das Beste, was mir passieren konnte.

Wie meinen Sie das?

Ich will mit dieser Aussage niemandem vor den Kopf stossen, aber ich persönlich habe es so empfunden. Die Erfahrung hat mir klar gezeigt, was wichtig ist im Leben und wovon ich nur glaubte, es sei wichtig aber nun eliminieren kann.

Zum Beispiel?

Wichtig sind Familie, Freunde und wo ich als Schauspieler hingehöre. Ich meine damit nicht die geschäftliche Position, sondern der Motor, der mich überhaupt antrieb, Schauspieler zu werden. Eine Konsequenz ist, dass ich ein Theater in meiner Heimstadt Malaga gekauft habe. Das war immer mein Traum. Es ist eine wunderbare Art, sich finanziell zu ruinieren [lacht]. Das Theater ist auch mit der Schauspielschule verbunden und ich werde viel Zeit investieren und meine Erfahrungen an eine jüngere Generation weitergeben. Das ist sehr befriedigend. Filme mache ich nur noch, wenn sie mich wirklich interessieren.

Sie sagten, dass Sie glaubten, Sie sterben. Wie fühlten Sie sich nach der Operation?

Ich erzähl’s Ihnen: Eine Nachtschwester im Krankenhaus fragte mich, ob ich an Volksweisheiten glaube. Ich verstand nicht, was sie meinte. Sie erklärte mir dann, dass das Herz nicht nur das Organ sei, das den Körper mit Sauerstoff versorge, sondern die Lagerhalle unserer Gefühle. Deshalb sage man im Volksmund «ich liebe dich von ganzem Herzen» und nicht «von der ganzen Leber» oder «vom ganzen Hirn». Sie prophezeite mir, dass ich in den nächsten Monaten sehr traurig sein, aber mir danach viel klarer sein würde, was meine Rolle im Leben ist. Und so war es genau! Ich wurde extrem emotional. Filme brachten mich zum Weinen, obwohl ich keine Heulsuse bin. Alles berührte mich.

Haben Ihnen all diese Emotionen als Schauspieler geholfen?

Ja, ganz klar. Pedro Almodóvar hat das sofort gemerkt, als wir «Dolor y Gloria» zusammen drehten. Er sagte, ich solle das nicht verstecken, sondern nutzen. Ich solle akzeptieren, was mit mir passiert ist. Und es stimmt: Es brauchte eine Akzeptanz. Und so habe ich die Erfahrung um meine Herzattacke in jener Rolle mit einfliessen lassen. 

Filme brachten mich zum Weinen, obwohl ich keine Heulsuse bin.

Nächstes Jahr feiern Sie Ihren 60. Geburtstag. Wie fühlen Sie sich allgemein?

Ich fühle mich grossartig. Ich bin zufrieden mit meinem Leben und was ich erreicht habe. Und ich denke, das Beste kommt noch. Das werde ich wohl denken bis zu meinem letzten Tag, denn ich bin ein pathologischer Optimist.

Haben Sie diesen Optimismus schon immer gehabt oder wie muss man sich Antonio Banderas in der Kindheit vorstellen?

Schauspieler dramatisieren ihr Leben ja gerne, aber meine Kindheit war sehr gut. Ich hatte liebe Eltern und einen Bruder, der immer noch mein bester Freund ist. Also kein Drama. Ich bin zwar unter der Diktatur von Franco aufgewachsen, aber ich war sehr jung. Ich wusste nicht viel. Aus heutiger Sicht würde ich das damalige Spanien als Land unter Anästhesie beschreiben. Franco starb, als ich 15 war. Da wurde mir langsam bewusst, was los war und was alles unterdrückt wurde. Ich wurde quasi gleichzeitig vom Kind zum Mann wie mein Land von der Diktatur zur Demokratie überging. Kollektives Vergeben war angesagt. Politik und Kunst blickten in die Zukunft. Ich glaube, heute ist das Land verwirrter als damals. Wie in vielen anderen Ländern konnten die traditionellen Parteien die Probleme nicht lösen. Nun suchen die Leute die Antworten bei den Extremisten.

Sie grübeln aber generell nicht gross über die Vergangenheit nach?

Nein, ich sehe keine Probleme, die mir heute noch nachgehen. Wenn ich wirklich lange grübeln würde, käme vielleicht etwas zum Vorschein, das ich damals nicht kontrollieren konnte. Aber meine Erinnerungen sind die einer glücklichen Kindheit – auch wenn meine Mutter zuerst nicht begeistert von meinem Berufswunsch war.

Wie hat sie sich denn Ihre Zukunft vorgestellt?

In einer Bank arbeitend. Am Wochenende und im Sommer einen Monat frei und mit einer Frau, einem Sohn und einer Tochter. Meine Mutter ist während des Bürgerkrieges aufgewachsen und sie sehnte sich deshalb nach Sicherheit. Das war ihr Traum, nicht meiner. Aber ich kann mich erinnern, wie glücklich mein Vater und meine Mutter bei der Premiere von «Evita» in London waren. Meine Mutter unterhielt sich sehr angeregt mit John Major, dem damaligen britischen Premierminister. Er hatte seine Sommerferien jeweils in Spanien verbracht und sprach daher sehr gut Spanisch. So politisierte sie mit ihm eine ganze Weile.

Sie haben vor kurzem Pablo Picasso in einer TV-Mini-Serie gespielt. In «Dolor y Gloria» spielen Sie einen  Regisseur, der Pedro Almodóvar sehr nahe kommt. Würden Sie es begrüssen, wenn Ihr Leben auch einmal verfilmt würde?

Ich weiss nicht, ob meine Geschichte dramatisch genug ist. Damit eine Geschichte interessant ist, braucht es etwas Drama. Und das versuche ich, wenn irgend möglich, zu vermeiden.

Text: Marlène von Arx, Bild: ©HFPA/Armando Gallo

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