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8 Dezember 2019

Stress glaubt nicht an eine Überdosis Ehrlichkeit.

Stress thematisiert in seinem neuen Album Sincèrement das Tabuthema Depression und lässt dabei tief blicken. In einem Gespräch erzählt der Rapper vom Stellenwert der Ehrlichkeit und bemängelt die heutige Ego-Kultur. 

Dein neues Album heisst Sincèrement. Wie wichtig ist dir Ehrlichkeit?

Ich war schon immer ehrlich zu den Menschen um mich herum. Nur irgendwann habe ich gemerkt, dass ich zu mir selbst nicht sehr ehrlich bin.

Was ist wichtiger: Ehrlichkeit gegenüber dir selbst oder anderen?

Ich glaube, man muss immer mit sich selbst anfangen, sonst hat man nichts zu geben. Es ist wie mit der Liebe; wer sich selbst nicht liebt, kann keine anderen lieben.

Du sprichst offen und ehrlich über deine Depressionen. Das Thema wird leider noch immer stark stigmatisiert. Hast du negative Reaktionen bekommen?

Nein, keine einzige. Ich habe nur gute Reaktionen erhalten. Ich bekomme sehr viele Nachrichten von Menschen, die mir für meine Offenheit danken, weil sie sich so weniger alleine fühlen.

Dieses Stigma kann ich nicht nachvollziehen. Unsere Familien, unsere Freunde sind betroffen. Wie kann es ein Stigma geben, wenn Menschen betroffen sind, die wir lieben?

Es frustriert mich, dass wir in einer Welt leben, in der Menschen sich Personas aufbauen, die beste Version ihres Selbst kultivieren. Es ist ein regelrechter Wettbewerb.

Wir leben in einer Zeit, in der es für alles eine App gibt, aber niemand scheint sich mehr zu fragen: «Wer bin ich wirklich? Was will ich erreichen? Wie kann ich in der Gesellschaft einen Beitrag leisten?» Die meisten sehen nur ein Gefängnis aus Erwartungen und akzeptieren dies einfach.

Wie kommt man aus diesem Gefängnis?

Ich versuche immer, zu reden. Wenn du ein Problem hast, egal wie emotional du bist, du musst es pragmatisch sehen und in dich gehen. Teil davon ist es, sich um den Körper zu kümmern. Ich mache das zum Beispiel mit Sport. So fühle ich mich lebendig und ich bleibe im Moment. Um die Seele kümmere ich mich mithilfe von Therapie.

Wenn man nicht pragmatisch an die Sache geht, und nur darüber nachdenkt, wie schlecht es einem geht, kommt man nirgendwo hin.

Wir beide kennen uns nicht, aber durch deine Musik und deine veröffentlichten Therapievideos weiss ich intime Dinge über dich. Ist das nicht seltsam für dich?

Ich bin in diesem Game seit ich 18 bin. Alle haben mir beim Heiraten und bei der Scheidung zugeschaut, und das sogar zweimal.

Ich glaube, eine Offenheit seinen Gefühlen gegenüber, gehört zur Verantwortung eines Künstlers dazu. Wir sind der Barometer des Zeitgeists. Wir sind ein echtes, lebendes Ding und das spürt man. Ich glaube nicht, dass Veränderungen durch Politik entstehen können. Sie müssen durch das Leben kommen. Und Künstler sind der Spiegel des Lebens.

Gibt es noch Dinge in deinem Leben, über die du nicht schreiben würdest?

Das kommt ganz darauf an. Manchmal bist du einfach flach und hast keine Kraft nachzudenken, ob du darüberschreiben möchtest. Du schreibst, was es zu schreiben gibt.

Heutzutage haben wir viel Unterhaltung zur Verfügung und das ist grossartig. Aber ich war nie ein Fan inhaltloser Pop-Produkte. Ich mag Künstler, die mir das Gefühl geben, verstanden zu werden. Wenn ich alleine bin, höre ich Musik, die mich nährt und mich stärkt. Das wollte ich auch mit meinem neuen Album erreichen.

Hatte die Therapie Einfluss auf deine Musik?

Bei der Arbeit am Album ging es mir schlecht. Es war ein Prozess. Ich musste vieles loslassen, viele festgefahrene Vorstellungen davon, wer ich bin, und was ich zu tun habe. Die Therapie hat mir dabei geholfen und mich an den Punkt gebracht, an dem ich etwas Wertvolles zu geben habe. Darauf bin ich stolz.

Was hilft dir, wenn du eine depressive Phase hast?

An schlechten Tagen hilft gar nichts. Manchmal muss man sich mit dem Chaos anfreunden. Manchmal hätte man so gerne Antworten, aber es gibt keine. Man braucht Geduld und Vertrauen in den Prozess. Man muss sich zwingen, sich strukturieren.

Dazu braucht es emotionale Reife.

Naja, du kannst machen was du willst, aber das ist, worauf es ankommt. Viele wollen diese Arbeit nicht machen. Es ist anstrengend, jede Woche zum Psychologen zu gehen und sich dabei richtig scheisse zu fühlen. Doch jede Woche macht man kleine Fortschritte, man verändert sich, das Verhalten verändert sich. Aber das ist Arbeit.

Du bist sehr ehrlich. Denkst du, es ist möglich, zu ehrlich zu sein?

In unserer Gesellschaft herrscht die Tendenz dazu, alles zu beschönigen. Das hilft uns nicht dabei, zu wachsen. Ich glaube nicht, dass momentan das Risiko einer Überdosis Ehrlichkeit besteht. Manche Menschen fühlen sich bei zu viel Ehrlichkeit unwohl, aber dazu ist Kunst da; um etwas in dir zu bewegen. Ich persönlich glaube nicht, dass es ein Übermass an Ehrlichkeit gibt.

(J’ai détruit mon égo pour rebondir / Et une fois qu’il ne reste que des cendres / La vie peut revenir – Terre Brûlée)
Du rappst davon, dein Ego zu verbrennen, um ins Leben zurückzukehren. Wie entfacht man die Flamme?

Indem du plötzlich in einer Situation bist, in der du nichts mehr zu verlieren hast. Dann musst du dich fragen, wer du wirklich bist und was du zu bieten hast.

Manchmal musst du radikal zu dir selbst sein und deinen Bullshit nicht akzeptieren.

Glaubst du, es ist möglich gute Kunst zu machen, ohne ehrlich zu sein?

Gute Kunst ist subjektiv. Deine Meinung kommt aus deiner Kindheit und deinen Einflüssen. Das ist das Coole an Kunst. Ich kann etwas anschauen und mich fragen: «Ist das Kunst?», und jeder gibt eine andere Antwort.

(Maman pleure pas, un jour je serais un homme, un vrai. Pas comme nos pères, qui font de boire et d’battre nos mères – Tu le sais)
Du rappst, dass du ein echter Mann werden möchtest. Wie definierst du einen echten Mann?

Meine Mutter hat viel durchgemacht. Sie hat uns alleine grossgezogen und uns aus der damaligen Sowjetunion gebracht. Im Kommunismus hatten Männer keinen Wert. Jeder Mensch war staatlicher Besitz, du warst ein niemand. Und ein Mann muss jemand sein, ein Ernährer, der Kopf der Familie. Aber Kommunismus nimmt dir diese Rolle, dort ist der Staat dein Vater.

Mein Vater war gewalttätig, aber das war nichts Spezielles. Er war einer von vielen. Die Hälfte der Kinder in meiner Klasse hatte dasselbe Problem, die andere Hälfte hatte Väter mit Alkoholproblemen.

Als Mann erwarte ich mehr von mir. Ich musste mitansehen, wie viele Opfer meine Mutter bringen musste, wie allein sie war und wie schwer es ist, alleine Kinder grosszuziehen. Es braucht zwei Menschen dazu.

Was möchtest du in den nächsten Jahren erreichen?

Ich möchte glücklich sein. Ich möchte einen Weg finden, zufrieden zu sein und zur Gesellschaft beizutragen. In der heutigen Zeit sind wir alle Egoisten. Ich glaube nicht, dass wir so weitermachen können. Wir alle wollen immer mehr, und es macht alles kaputt, von der Natur bis zur Politik. Alle rennen dem hinterher, was sie wollen und nicht dem, was sie brauchen.

Glaubst du, dass Social Media an dieser Kultur Mitschuld trägt?

Definitiv. Und weisst du, was lustig ist? Die meisten Künstler empfinden Social Media als Bürde. Niemand will die ganze Zeit Content generieren. Auch das Phänomen des Influencers ist ein Symptom unserer Oberflächlichkeit.

Heute verkaufen sie dies, morgen verkaufen sie das. Und es geht nur um sie selbst. Ich glaube, die Greta-Generation wird das alles zerstören. Die wissen, dass es um mehr geht, dass wir unsere Ärsche und diesen Planeten retten müssen.

Generell ist deine Einstellung aber positiv.

Absolut. Alleine die Tatsache, dass ich heute hier bin, ist ein Gewinn. Ich habe den Krieg noch nicht gewonnen, aber viele Schlachten. Es bedeutet mir viel, dass ich hier sein darf, und den Leuten vermitteln kann, dass man vor psychischen Problemen keine Angst haben muss. Sie sind eine Herausforderung, und wir müssen Betroffene dazu motivieren, sie zu überstehen. Das Ziel ist, das Stigma zu zerstören, Kraft zu geben und das Thema zu normalisieren.

Träumst du von einer Zusammenarbeit mit einem bestimmten Musiker?

Nein. Ich finde es schön, wenn sich Dinge einfach entwickeln. Ich halte nichts vom Träumen, es macht dich schwach. Wenn man ein Ziel hat, soll man es einfach verfolgen. Man findet immer einen Weg, wenn man wirklich will. Scheiss auf Träume, hab ein Ziel.

Interview: Fatima Di Pane, Bild: Cyrill Matter

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