1.1 C
Zürich
4 April 2020

Ein nachhaltiges Leben kann Spass machen.

Susanne Hochuli wird es momentan garantiert nicht langweilig. Sie macht sich als Stiftungsratspräsidentin bei Greenpeace Schweiz für dem Umwelt- und Klimaschutz stark und stellt klar, dass es um nichts Geringeres geht als unsere Existenzgrundlage. Welche Projekte sie sonst noch verfolgt und was ein nachhaltiges Leben für sie bedeutet, erzählt sie im Interview.

Susanne Hochuli, Sie schreiben für die Kolumne «Notabene» der Schweizer Illustrierten. Was macht für Sie eine gute Kolumne aus?

Sie sollte eine Reaktion bei den Lesern auslösen. Das kann Ärger, Freude oder Nachdenken sein. Manchmal sollten die Leser/innen sich selbst ertappt fühlen. Ich schreibe auch über Dinge, die mich nicht so gut dastehen lassen. Aber es ist nicht meine Aufgabe, dass meine Kolumne immer nur Freude bereitet.

Welches sind Ihre privaten Interessen?

Alles das, wofür ich keine Zeit mehr finde (lacht). Nein, also eigentlich würde ich gerne lesen, aber ich finde momentan wirklich keine Zeit dazu. Ich wandere gerne, ich mag es, in die Berge zu gehen. Ich liebe die Natur und meinen Garten. Im Moment habe ich dafür extrem wenig Zeit, aber das hat auch damit zu tun, dass ich meine privaten Interessen zu einem Unternehmen ausgebaut habe. Die Nachhaltigkeit, das Soziale und die Freude am Produzieren mache ich momentan zu einem Unternehmen.

Wie das?

Ich habe ein Start Up zusammen mit einer Freundin gegründet. Es heisst «weltweit essen». Weltweit essen ist ein öko-soziales Unternehmen. Sozial, weil wir Arbeitsplätze für Asylsuchende schaffen. Ökologisch, weil wir unsere Produkte nachhaltig anbauen. In unserem riesigen Garten bauen wir mit Permakultur Produkte an und lassen uns auch als «Knospenbetrieb» zertifizieren. Zur Zeit sind wir daran, eine grosse Küche zu bauen. Diese Küche ist wie ein Eventlokal. Auch das Inventar ist nachhaltig, da schon mal gebraucht: Die Kochinseln sind aus alten Hobelbänken gebaut, die Beizentische sowie das Rosenthal und Langenthal Porzellan – alles Secondhand! Bei uns kann man sich marokkanisch, syrisch, afghanisch oder auch schweizerisch bekochen lassen. Oder zuerst einen Workshop oder ein Seminar durchführen und  anschliessend etwas Feines geniessen. Falls erwünscht, kann zusammen mit unseren Angestellten gekocht werden. Innovationsfreudige dürfen durch den Garten schlendern, selber ernten und dann in der Küche improvisieren.  

Was tun Sie privat nebst diesem tollen Projekt noch, um nachhaltig zu leben und was bedeutet nachhaltiges Leben für Sie?

Muss man wirklich neue Kleider kaufen? Braucht es neue Möbel oder reichen gebrauchte? Und wie Goethe schon sagte: «Willst du immer weiter schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah.» Man entdeckt auch in der Nähe so viel Schönes. Das heisst nicht, dass man keine fernen Länder besuchen darf. Aber es muss nicht jedes Jahr sein – dafür sollte man länger an einem Ort bleiben. Ein nachhaltiges Leben bedeutet nicht, dass einem die Freude genommen wird und man sich nichts mehr gönnen darf. Das stimmt nicht! Soziales und nachhaltiges Tun kann durchaus Spass machen. Zu meiner und der Umwelt Freude habe ich eine Fotovoltaik-Anlage, heize mit Erdwärme und konnte das Bauernhaus energetisch sinnvoll renovieren. Ich probiere, mich in die Permakultur einzuleben und entsprechend anzubauen. Ich esse Fleisch, aber nur wenig, und ich benutze fast immer den öffentlichen Verkehr.

Welches ist der grösste Feind einer nachhaltigen Lebensführung?

Zum einen sicherlich der Konsum. Wir haben immer das Gefühl, noch mehr zu brauchen. Zum anderen spielt der Zeitfaktor eine Rolle. Wir sind oft sehr gehetzt, abgelenkt und verführt durch die sozialen Medien – uns wird ständig alles per Handy präsentiert. Uns fehlt die Zeit, innezuhalten und sich zu überlegen: Was tue ich, was brauche ich? Ich nehme mich da nicht aus: Nachhaltig leben braucht Zeit, in der ich mein Tun reflektiere und daran auch etwas ändern kann. 

Welche Schritte müsste die Schweizer Politik unternehmen, um den Klimaschutz stärker voranzutreiben?

Ich glaube, das beginnt viel früher als in der Politik. Es müsste ein Umdenken geben. In der Schweiz sagt man immer: «Das geht nicht. Das ist nicht umsetzbar.» Hier sollte ein Sinneswandel stattfinden, sodass man merkt: «Doch, wir können!» Dann würde schon viel passieren. Der Gedanke, dass etwas nicht geht, verhindert Innovation. Dabei gibt es schon jetzt viele Möglichkeiten, technologische Entwicklungen und einen grossen Wissensschatz, die dem Klima und uns helfen würden. Wenn Meinungsträger/innen jedoch immer kommunizieren «das geht nicht», dann setzt sich dieser Glaube auch bei der Bevölkerung fest. Beispiele dafür sind «es geht nicht ohne Atomstrom» oder «es geht nicht, dass wir alle Gebäude energetisch sanieren.» Ich möchte, dass wir sagen: «Yes, we can!» und dann diese Aufbruchsstimmung nutzen, um eine gesündere Welt zu gestalten.

Die Schweiz als Land ist so klein, haben wir trotzdem einen Einfluss auf die Entwicklung der Klimapolitik, beispielsweise als Vorbild?

Natürlich ist die Schweiz klein. Aber: Viele internationale Grosskonzerne haben ihren Sitz in der Schweiz.  Wenn wir zum Beispiel  den Finanzsektor als Massstab nehmen, dann gehört die Schweiz zu den Grossen. Der Finanzplatz Schweiz ist weiterhin für viele Klimaemissionen verantwortlich. Er investiert immer noch stark in fossile Energie. Damit trägt die Schweiz entscheidend viel dazu bei, dass die Klimaerwärmung weitergeht. Die Schweiz könnte grad im Finanzsektor und bei der Konzernverantwortung eine  wichtige Vorbildrolle einnehmen.

Momentan erlebt der Klimaschutz einen regelrechten Hype, nicht zuletzt durch die zahlreichen Schülerdemos. Denken Sie, wird das Interesse am Klimaschutz anhaltenoder braucht es mehr dazu?

Ich glaube, wenn man nur vom Klima redet, könnte dieses Interesse wieder verschwinden. Aber wenn man vom Wort «Klima» wegkommt und von unserer Lebensgrundlage redet, dann wird es kein Hype sein. Klima ist eher etwas Abstraktes. Man muss sich bewusst darüber werden, dass die Klimaerwärmung für die Natur kein Problem ist. Die Natur hat schon so viel erlebt und überlebt; sie kann sich anpassen, der Mensch jedoch nicht. Allerdings haben wir Menschen mit und neben der Klimakrise auch eine Biodiversitätskrise ausgelöst, das Massenaussterben von Tier- und Pflanzenarten, an Land wie auch im Meer. Wir Menschen haben ein riesiges Problem, wenn es immer heisser und trockner wird. Das muss in die Köpfe rein. Es geht nicht einfach um das Klima, es geht um unsere Lebensgrundlage.

Zum Thema «Tun»: Was sollte jede/r Schweizer Bürger/in für den Umweltschutz tun? Wo beginnt man?

Sich überlegen, wie man handelt und warum. Könnte ich es auch anders machen? Was gönne ich mir? Worauf verzichte ich? Ist es tatsächlich ein Verzicht, oder einfach nur ein Umgewöhnen? Oft geht es nur um Gewohnheiten, zu welchen es gute Alternativen gibt. Was kann ich dazu beitragen, dass meine Kinder oder Enkelkinder auch noch ein gutes Leben haben können? Darum geht es. Für die Antwort auf diese Frage muss man sich Zeit nehmen. Wir alle leben in unterschiedlichen Settings. Aber in jedem Setting gibt es Dinge, die man verändern kann.

Reden wir noch ein bisschen über Ihre Tätigkeit bei Greenpeace. Wie kam es, dass Sie als Stiftungsratspräsidentin zu Greenpeace gestossen sind?

Ich wurde angefragt, ob ich mir diese Tätigkeit vorstellen könnte. Da habe ich natürlich mit Freuden ja gesagt.

Das klingt sehr positiv! Was gefällt Ihnen an Ihrem Job?

Mir gefällt, dass ich mich mit dem wichtigsten Thema beschäftigen kann – unsere Lebensgrundlage für uns und für kommende Generationen zu erhalten. Bei Greenpeace arbeiten viele tolle, intrinsisch motivierte und spannende Menschen. Sie recherchieren, suchen den Dialog, streben Lösungen an, aber vor allem machen sie immer wieder auf unhaltbare Zustände aufmerksam. Damit tragen sie dazu bei, dass uns allen bewusst wird, wie wir auf Kosten unserer Lebensgrundlage wirtschaften. 

Wie tragen Sie mit Ihrem Engagement und ihrer langjährigen Erfahrung, unter anderem in der Politik, zum Erfolg von Greenpeace bei?

Die Funktion vom Stiftungsrat ist es, Verantwortung zu übernehmen und natürlich, zu kontrollieren. Wir unterstützen und justieren. Wir sorgen dafür, dass an der Spitze der Organisation die richtige Person eingesetzt ist. Greenpeace hat sehr kompetente Mitarbeitende und eine sehr gute Ausgangslage, um unsere Aufgaben in der Schweiz und der internationalen Zusammenarbeit gut erledigen zu können.

Welche Bedeutung haben die Greenpeace Schiffe für die Organisation?

Man kann sie als die DNA von Greenpeace bezeichnen. Zu Gründungszeiten segelten Aktivisten nach Alaska und protestierten gegen Atomwaffentests. Man konnte, dank den Schiffen, aktiv gegen den Walfang vorgehen. Mit den Schiffen kann Greenpeace auch  heute noch in den entlegensten Orten der Welt illegale Fischer aufspüren. Unsere Geschäftsleiterin, Iris Menn, arbeitete lange Zeit auf den Greenpeace Schiffen. Sie erzählt oft davon, wie es für die Leute an Bord ist: Bei nicht ungefährlichen Aktionen braucht man volles Vertrauen zueinander, um erfolgreich zu sein. Da ist viel Professionalität und Emotionalität dabei. Das trägt dazu bei, dass bei Greenpeace Leute arbeiten, die intrinsisch motiviert sind.

Welches sind die grössten und Herausforderungen und Chancen unserer Zeit?

Ich finde toll, dass Sie «Herausforderungen» sagen und nicht «Schwierigkeiten». Denn wir haben Möglichkeiten. Noch nie hatten wir so viel Wissen zur Verfügung wie heute. Wir sind extrem gut vernetzt. Der Wohlstand ist, weltweit gesehen, so gross wie noch nie. Das sollte auch die Chance sein, zu realisieren, dass wir die Ressourcen zur Veränderung haben. Nun müssen wir nicht nur überlegen, was wir prioritär angehen sollten, sondern es auch tun! Wir müssen jetzt handeln, damit es uns auch in Zukunft so gut gehen kann. Die Klimaerwärmung muss gestoppt werden, um das langfristige Überleben der Menschheit sowie der Fauna und Flora zu sichern! 

Über Susanne Hochuli

Susanne Hochuli wuchs auf einem Bauernhof im Kanton Aargau auf. Bevor sie 2004 (vier Jahre Grossrätin, acht Jahre Regierungsrätin) in die Politik einstieg, war sie als Journalistin, Biobäuerin und Reittherapeutin tätig. 2016 zog sich Susanne Hochuli von der politischen Bühne zurück. Nun ist sie Präsidentin der Schweizerischen Stiftung für Patientenschutz und seit 2018 Stiftungsratspräsidentin von Greenpeace Schweiz. Auch privat setzt sich Susanne Hochuli für die Umwelt und ihre Mitmenschen ein. Momentan baut sie mit einer Freundin «weltweit essen» auf; ein Start-up, das soziale und ökologische Aspekte berücksichtigt.

Interview: Antonia Vogler  Bild: Greenpeace

Lesen Sie mehr.

Zuerst die Arbeit und dann?

Während unserem Arbeitsleben bauen wir uns eine Existenz und bestenfalls eine erfolgreiche Karriere auf, um im Alter nach der Pensionierung das Leben in vollen Zügen geniessen zu können. Wir alle wünschen uns, dass wir diese Lebensphase gesund erreichen und ausleben können. Was für Perspektiven bietet der heutige Arbeitsmarkt den kommenden Rentnern? Und ist dieser (Un-)Ruhestand überhaupt noch erstrebenswert?

Das Wohl unserer Haare

Viele Menschen haben mit brüchigen Haaren oder Haarausfall zu kämpfen. Grund dafür kann ein Mangel an wesentlichen Vitaminen und Mineralstoffen sein.

Bayern, Bier und Brezel rund um den Globus

Meist findet das Oktoberfest dem ursprünglichen Sinn entsprechend draussen, in Festzelten, auf «Wiesn», statt. Obwohl es bei diesem Fest um deutsche Traditionen – deutsches Bier, deutsche Trachten, deutsches Essen und deutsche Musik ­– geht, finden sich erstaunlich viele Versionen des Oktoberfestes im weit entfernten Ausland.

Schöne neue vernetzte Welt

Das Internet hat die Welt verändert. Nun steht ein neues Zeitalter bevor: das des «Internet of Things». Trotz des riesigen Potenzials gilt es jetzt umso mehr, Sorge um unsere Daten zu tragen.

Juristische Unterstützung als Erfolgsfaktor

Liebe Leserinnen, liebe Leser Sehr...

Welche wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen braucht die Schweiz?

Die Schweizer Industrie ist derzeit gut unterwegs. Im ersten Halbjahr 2018 haben die Unternehmen der Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie (MEM-Industrie) ein Umsatzplus von 16 Prozent verbuchen können. Doch auch in guten Zeiten fehlt es nicht an Herausforderungen.

Archiv.

Hochzeiten gewinnen an Individualität

Die heutige Zeit wird immer schneller und digitaler. Gerade deswegen vertrauen wir stärker als je zuvor in die Gemeinsamkeit und in die Ehe.