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Zürich
29 März 2020

«Hilfe, mein Kind klaut».

Stehlen ist ausser Frage negativ konnotiert. Denn wer stiehlt, missbraucht Vertrauen und schadet anderen. Zu Recht bricht für Eltern eine Welt zusammen, wenn ihr Kind Dinge mitgehen lässt. Gleichzeitig stellt sich die Frage nach dem Warum, hinter dem sich eine besonders breite Vielfalt an Gründen verbergen kann.

Dr. Josef Jung führt im luzernischen Hitzkirch eine Praxis für Psychotherapie, wobei einer seiner Arbeitsschwerpunkte die Psychotherapie von Kindern und Jugendlichen darstellt. «Die Gründe für Stehlen bei Kindern und Jugendlichen sind sehr vielfältig», erklärt er. Diese können laut ihm unter anderem folgende sein:

  • Das Kind hat nicht gelernt, zwischen «Mein» und «Dein» zu unterscheiden.
  • Das Kind kann dem Verlangen nach einem bestimmten Gegenstand nicht widerstehen.
  • Es besteht Gruppendruck: Gegebenenfalls wird eine «Mutprobe» von Gleichaltrigen verlangt, etwas unbezahlt aus einem Laden heraus zu schmuggeln.
  • Das Kind sucht mehr Aufmerksamkeit. Negative Aufmerksamkeit ist in diesem Fall besser als gar keine.
  • Das Stehlen ist ein Racheakt, um eine bestimmte Person zu verletzen.
  • Das Kind «stiehlt» einen Gegenstand, um so einen Teil einer Person bei sich zu haben, der es nahe sein will.
  • Das Kind stiehlt, um anderen Geschenke zu machen und so soziale Anerkennung zu erhalten.
  • Das Kind stiehlt, weil es das Gefühl hat, materiell zu kurz zu kommen oder benachteiligt zu sein.

Auch wenn diebisches Verhalten bei Kindern ihre Eltern in erster Linie schockieren, so ist doch zu sehen, dass Handlungen dieser Art nicht zwingend mit bösartigen Absichten verbunden sind. Genauso können beispielsweise Unwissen, das Sehnen nach Beliebtheit oder die Präsenz einer geliebten Person ausschlaggebend sein. Allgemein spielt immer das Alter des betroffenen Kindes eine wichtige Rolle: Denn selbstverständlich lässt sich das Mitgehen eines Kaugummis durch den fünfjährigen Sohn nicht mit dem Diebstahl eines teuren Parfüms durch die Tochter im Teenageralter vergleichen. Dr. Jung entwarnt ebenfalls: «Kleptomanie, also krankhaftes Stehlen, ist im Vergleich zum gewöhnlichen Ladendiebstahl extrem selten.»

Was tun, wenn das Kind klaut?

Der wichtigste Tipp zuerst: Handeln Sie als Eltern nie aus dem Affekt heraus und bestrafen Sie das Kind keineswegs sofort. Rufen Sie sich in Erinnerung, dass Kinder nicht zwangsläufig aus Bosheit heraus stehlen. Experte Dr. Jung rät: «Bemerken Eltern, dass ihr Kind etwas gestohlen hat, gilt es zuerst mal, Ruhe zu bewahren und nicht aus dem Schrecken heraus, das Kind zu beschimpfen oder bestrafen. Sinnvoll ist es, dem Kind dabei zu helfen, die Bedeutung seines Handelns zu verstehen und es zur Wiedergutmachung zu ermutigen. Dazu gehört auch, das Kind aufzuklären, welche Auswirkungen seine Tat auf eine bestehende Beziehung mit dem Bestohlenen hat – in der Regel Enttäuschung und Vertrauensverlust.» Der Tochter aus obengenanntem Beispiel könnten Sie also beibringen, dass sie Sie mit ihrem Verhalten enttäuscht hat und dass sie es Ihnen auf diese erschwert, ihr zu vertrauen.

Kennen Sie den Grund?

Doch noch vor einem Gespräch mit Ihrem Kind lohnt es sich auch, als Mutter und Vater in sich hineinzuhorchen und die aktuelle individuelle Familiensituation zu reflektieren. Es geht darum, die Ursache des Stehlens zu ergründen: Steht das Kind im Schatten der anderen Geschwister, weil diese in seinen Augen bei Ihnen als Eltern beliebter sind? Oder benötigen die Geschwister, zum Beispiel aufgrund einer Behinderung, ohnehin mehr Aufmerksamkeit? Gegebenenfalls können Sie sich dadurch bereits die Ursache erschliessen.

Laut dem Experten ist das Interesse an den Motiven des Stehlens und das gemeinsame Herausarbeiten davon unabdingbar: «Dann kann dem Kind die entsprechende Unterstützung gegeben werden, um das Stehlen zu verhindern.» Mit dem Interesse an ihm signalisieren Sie dem Kind zudem, dass es Ihnen viel bedeutet. Sie zeigen ihm, dass Ihnen das Verstehen seines Handelns wichtiger ist als eine Bestrafung davon. Hilfreich kann es auch sein, sich an die eigene Kindheit zurückzuerinnern: Haben auch Sie einmal etwas gestohlen – bewusst oder unbewusst, und wie haben Ihre Eltern damals reagiert? Wie haben Sie die Situation erlebt, und würden Sie mit Ihren Kindern ebenso mit der Tat umgehen?

Das Alter des Kindes berücksichtigen

«Wiedergutmachen – also zurückbringen, zurückzahlen und sich entschuldigen – ist wichtig. Falls Strafanzeige gemacht wird, zum Beispiel bei einem Ladendiebstahl, muss die Jugendanwaltschaft den Fall behandeln», erläutert Dr. Jung weiter. «Je nach Schwere des Delikts und je nach Alter gibt es einen mündlichen oder schriftlichen Verweis, eine Busse oder die Verpflichtung zu einer persönlichen Leistung.» Zudem gibt der Psychotherapeut bezüglich des Alters zusätzlich noch die folgenden Tipps: «Um den Schaden wieder gut zu machen, brauchen jüngere Kinder am Anfang Begleitung. Ältere Kinder sollten lernen, die Dinge selbst wieder in Ordnung zu bringen. Oft braucht es hier dann aber eine Kontrolle, ob dem so geschehen ist.»

Was unternehmen, wenn die Tipps nichts nützen?

Die Herausforderung besteht immer darin, nur das Verhalten des Kindes und nicht seine ganze Person zu bewerten. Auf keinen Fall darf es das Gefühl bekommen, dass Sie es mit einem Verbrecher gleichsetzen, wie ihn das Kind wahrscheinlich aus den Medien kennt. Behalten Sie stets im Hinterkopf: Ihr Kind zeichnet sich noch durch so viel mehr aus; viele positive Eigenschaften, die nie durch einen Diebstahl zu nicht gemacht werden können. In den meisten Fällen lassen sich kleinere Fehltritte leicht aus der Welt schaffen und gehören danach der Vergangenheit an. Was unternehmen Eltern aber, wenn die Bemühungen gegen das Stehlen keine Wirkung zeigen? «Haben Eltern das Gefühl, dass sie das Stehlen des Kindes nicht beeinflussen können, oder vielleicht tiefer liegende Gründe das Stehlen verursachen, kann es sinnvoll sein, professionelle Hilfe beizuziehen», rät Experte Dr. Jung.

Text: Lars Gabriel Meier

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